Symmetrie sei die Kunst der Primitiven, sagt man das noch? Vielleicht hat sich schon eine Organisation gebildet, die das Wort als herabwürdigend brandmarkt. In vielen Kursen bei Ruths habe ich seine Ästhetik verinnerlicht. Otto war Maler, die Komposition sein liebstes Thema. Auch beim Zeichnen. „Wenn ich das hier zu halte“, meinte er, wenn er anschaulich machen wollte, wieviel besser unser Bild sein könnte. Die Armgartstraße, Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Unser alter Professor deckte den Bereich mit der Hand oder Papier ab, sagte: „So nimmt das Gehirn des Betrachters an, dass es hier wie dort ist. Wir können uns vorstellen, wie die Zeichnung ohne diese Stelle wäre.“

In die Mitte vom Blatt durften wir nichts wichtiges zeichnen. „Dahin schaut man sowieso“, fand Otto. Im Prinzip vom „Goldenen Schnitt“ hatte mir schon Gerd Kröger, Zeichenlehrer an der Realschule in Wedel, Grundsätzliches beigebracht. (Ohne Kröger wäre mein Leben vollends misslungen, da bin ich mir ganz sicher). Die Arbeit von Moshe Feldenkrais zeigt, dass die Symmetrie auch ihre guten Seiten hat. Das ist ein Training, sich selbst besser zu verwenden. Da geht es nicht um Kunst. „Auswuchten“, stand früher auf Plakaten mancher Autowerkstatt, und man wusste was gemeint ist. Der Mensch bewegt sich fließender, wenn er das linke- wie rechte Bein auf den Gehweg setzt; aber viele sind sich gar nicht bewusst, dass sie eigentlich humpeln.

Mehr noch als eine Bewegungslehre, ist „Feldenkrais“ eine Denkschule. Jede Zeit entwickelt ihre eigenen Worte, die Bausteine unseres Denkens. Gesundheit bedeutet, mit ihnen spielen zu können, nicht selbst zum Spielball der intellektuellen Realität zu werden. Die Primitiven heißen heute Indigene, jedenfalls wenn wir korrekt reden: einen „Schoko“- kuss verspeisen. „Ich soll Afrikaner oder Schwarzer zu dir sagen?“, frage ich Siaquiyah – aber er lacht nur und hält seinen bloßen Arm parallel zu meinem schwarzen Hemdärmel. „Ist nicht schwarz“, sagt mein Freund, „ist braun!“ Dann lachen wir. Die Deutsche Bahn fühlt sich angegriffen, als Greta Thunberg im überfüllten Zug vom Boden sitzend postet und kontert, die Aktivistin hätte „von-bis“ einen Sitzplatz gehabt. In der folgenden Debatte ruft dies den Datenschutz auf den Plan (der sich auch noch profilieren will) die Bahn hätte Reisedaten öffentlich gemacht? Das Land der Ankläger. Gut ist anders.

„Das starke Selbst“ heißt ein Buch von Feldenkrais, und es wurde erst nach dem Tod des Autors veröffentlicht. Darin geht es um Grundsätzliches. Moshe stellt seine Methode vor, und „Body and Mature Behavior“ entspricht dem Manuskript des anderen Buches in vielem. Feldenkrais hat sein Hauptwerk zweimal aufgeschrieben und nur eine Fassung veröffentlicht. Er liebte die Alternative. Auswählen können, ist Freiheit. Moshe hatte sein beschädigtes Knie, aber er hatte den Schaden auf einer Seite und nicht am selben Tag schon beide Beine kaputt. Das brachte ihn schließlich auf die Idee, aus seinen Schmerzen klug zu werden. Er ging die Blessur mit dem Verstand des Wissenschaftlers an, aber anders als ein Arzt. Er beschreibt, wie er mit dem schlechten Bein nach Hause humpelte, auf einem Ölflecken ausrutschte. Das gab dem guten Bein, das ja ohnehin schon schwer arbeiten musste, weil das andere zu einer Art Hilfsbein degradiert war, den Rest. Mit zwei geschwollenen Knien kroch der Physiker ins Bett, zu keiner weiteren Tätigkeit fähig und froh, die Wohnung überhaupt erreicht zu haben. Im Buch wird dann erzählt, wie die Sache weiter ging.

Mir ist gerade in den letzten Wochen klar geworden, wie genial Moshe Feldenkrais seinerzeit dachte, Schlüsse gezogen hat; ich habe einen lädierten Meniskus rechts, und das ist neu für mich. Das MRT brachte zu Tage: „Das haben Sie wohl schon länger“, meinte der Arzt. Zusätzlich zum beschädigten Bereich war gekommen, dass ich den Meniskus „eingeklemmt“ hatte. „Es ist schon viel besser geworden“, sagte ich optimistisch, weil ich nach einigen Tagen kaum Schmerzen hatte, aber der Arzt entgegnete: „Ein rothaariges Mädchen, Bassiner. Sie drehen den Kopf nach ihr um – eine spontane Bewegung – und dann haben Sie es wieder.“

Nun laufe ich behutsam, vermeide es, die Rothaarigen anzusehen – und es geht; mal gut, mal nicht so gut. Manche Tage bin ich humpelnd unterwegs. An guten Tagen sieht man es mir kaum an, dass ich ein schlechtes Bein habe – ein Hilfsbein. Das andere macht die Arbeit, und wem ich es erzähle: ich werde gewarnt, es würde nicht gut enden, weil ich einseitig belaste. Es stimmt schon, das Aua-Bein ist steif. Ich stehe auf dem anderen. Das schlechte Bein, ich kann es nicht ganz durchdrücken, wie früher. Die Wade hält immer etwas Spannung, damit mir das Bein gerade zu machen kaum möglich ist. Meine Wade ist ja nicht beschädigt. Sie hält nur die Wacht. Man kann nie wissen, ob eine rotharige Studentin drüben (ganz weit weg) erkennbar ist. Zum Schneidersitz oder für eine Hocke knicken, kann ich das Bein ebenfalls nicht.

Ein Nachbar hat auch Probleme. Seine Frau hat mir erzählt, er bekäme nun Spritzen. Damit er nicht mehr so abbeldwatsch ginge, hätte der Arzt gesagt. Das ist ein Wort, wie ich es aus der Kindheit kenne. Das wurde noch nicht verboten. Ich habe eine Erfahrung gemacht: Wenn ich aus dem Haus gehe, benötige ich ein wenig Strecke, so etwa bis zum „Lindos“ – und dann gehe ich ganz gut. Dasselbe beim Busfahren. Ich nehme einen Sitzplatz, bei dem ich das Bein nicht so stark beugen muss. Ich steige aus, indem ich mich am Handlauf der Tür festhalte wie eine Oma (korrekt: Seniorin), und dann brauche ich einige Meter und gehe schließlich gar nicht so schlecht. Es tut nicht weh, und ich muss nicht humpeln. An guten Tagen jedenfalls. „Man kann das operieren“, hat der Arzt gemeint. „Die Hälfte der Operierten sagt aber, es sei nicht besser, als vor der Operation“, gestand er mir anschließend. „Dann warte ich ab“, habe ich gesagt, und ich kenne nun schon einige Namen von Fachleuten, die die OP ganz gut machen können.

Meine neue Erfahrung ist beeindruckend. Ich versuche zu beschreiben. Ich gehe also los, und dann humpel’ ich erst einmal. Ich könnte nun so weiter machen, aber ich habe nachgedacht. Wenn ich bis zum Griechen gekommen bin, hatte ich genügend Zeit dafür, um es hinzubekommen. Ich gehe dann so, wie ich gehen muss, damit es nicht weh tut und ich nicht abbeldwatsch gehe. Ich glaube, es ist etwa so: Zunächst wird gehumpelt, weil ich wohl annehme, wenn ich wie immer ginge, würde es zu Schmerzen führen. Das ist vermutlich der Grund für’s Humpeln. Schmerzen sollen vorausschauend vermieden werden. Ein komischer Gang schont das beschädigte Bein. Das heißt im Klartext, zwei Arten zu gehen stehen mir zur Verfügung, und ich wähle anstelle der gewohnten Methode die mutmaßlich weh tun würde, den abbeldwatschen Humpelgang.

Übertriebene Schonhaltung, jeder sieht, was für ein behinderter Krüppel ich bin. Das geht gar nicht: Ich habe einmal bei der Hängung gesagt, ein Bild müsste an einen anderen Platz, denn so sähe das doch „behindert“ aus. Eine der Frauen dabei (die bei den Mahlzeiten nicht bemerkt, wann sie genügend Nahrung zu sich genommen hat, um ihre Ernährung sicherzustellen und dann offensichtlich weiter Lebensmittel in sich hinein stopft) hat mich sofort zurecht gewiesen, das dürfe man nicht sagen! Sie sei in der Hilfe für Menschen mit Handikap aktiv und herabwürdigende Äusserungen gehörten sich einfach nicht. Bessere Menschen drängen, schauen hin, passen auf. (Noch nicht einmal ignorieren hilft in so einem Fall angeblich).

Ich habe nun eine dritte Methode gefunden zu gehen. Ich kann humpeln. Ich kann nicht mehr so gehen wie früher, mein gewohnter Gang wird irgendwie im System-John unterbunden; aber ich kann ganz hübsch schmerzfrei gehen ohne zu humpeln. Ich muss zunächst auf die Hüfte rechts achten. Dort müssen neue Bewegungen sein, die es an dieser Stelle bisher nicht gab. Ich wusste nicht, dass diese Hüfte so dusselig steif ist! Ich habe nie darauf geachtet. Nun gehe ich auf die neue Art schon gar nicht mal so schlecht. Nicht so schnell, aber es fühlt sich gut an.

Schaun’ wir mal, denke ich: Nach vorn. (Zurück darf kein Seemann schaun! – Hans Albers).

Und ich meide die Rothaarigen.

🙂