Ein guter Lebenslauf ist beneidenswert. Das fehlerfreie Leben? Hier wird es (für den neuen Chef) perfekt ausformuliert. Einigen gelingt es. Ihr Leben gibt genug Wahrheit her, alles noch ein wenig besser wirken zu lassen. Erfolgreiche Karriereschritte gefallen in der Bewerbung. Meine Geschichte ist durchaus eine Predigt! Ein Sonntag im Februar, weit östlich von Hamburg und weit von Schenefeld. Ich bin in der Kirche: sitze in unbekannter Stadt, zwischen fremden Menschen – um zuzuhören, unbedingt dabei zu sein, wie genau dieser Afrikaner hier ein weiteres Mal im Leben sein Amt beginnt. Liberia ist näher gekommen.

Der Lebenslauf vom neuen Pastor wird beschrieben, und weil es dem Sonntag vorgegeben ist, erfahren wir: Der Prophet Hesekiel aß die Schriftrolle mit dem Leid der Welt (wie es ihm aufgetragen wurde), aber sie schmeckte wie Honig süß; dann ging er los und predigte.

Prediger aus Afrika: Heimat, wo kommst du her? Ein kleines Dorf, fernab von Monrovia. Was sagt er, alle fünfzig Meter steht dort eine Kirche, und die Kinder beten jeden Morgen eine ganze Stunde vor der Schule? Bei diesem Radau, dem Lachen und allgemeinen Palaver muss man aufstehen, kann nicht lange ausschlafen im Zimmer daneben: Kinderlärm heißt das bei uns? Sie sind zufrieden dort im Unterricht, lernen, lachen; aber sie können nicht sicher sein, anschließend zuhause ein Essen zu bekommen. Mein Freund erzählt, er predigt immer, mit jedem Satz, den er sagt. Er lacht, er albert, er packt mich … wir schleudern uns herum, geradezu – vor Freude uns wiederzusehen – und er ist doch immer ganz ernsthaft. So einen trifft man nur einmal im Leben. Für den norddeutsch-rothaarigen Probst ist sein afrikanischer Name ein Zungenbrecher. Er übersetzt ihn für uns, es heißt in etwa: Die lange Reise.

Lebenswege kreuzen sich, Menschen begegnen sich. „War das Glück?“, fragt mich Siaquiah später im Gemeindehaus mit vielen Gästen, erinnert an den Anfang, sieht die anderen Kinder ohne Perspektive im Heimatdorf. „Oder war das Gott?“, er will die Antwort erzwingen, fixiert meine Augen, stellt sich mir in den Weg, wir rangeln wie Jungs; ich weiche aus.

Zuhause in Deutschland. Ich bin im Wohlstand aufgewachsen und habe bezahlt: Hier kannst du alles kaufen. (Die Gesundheit nicht). Gegen Ende des Studiums wusste ich noch nicht, was auf mich zukommt! Mein Leben? Möglicherweise hätte ich’s anders gelebt (wenn es uns voraus gesagt würde)? Eine Geschichte vom anderen Stern, aber das suchst du dir aus? „Eine kurze Geschichte der Zeit“, hat Stephen Hawking sein Buch genannt. Physik und Glaube, können sie Freunde sein? Kunst sei meine Physik – das habe ich gesagt. Ein Versuch zu retten, was zu retten ist: Was geht?

Am Anfang meiner eigenen langen Reise: In der Übergangszeit, noch während des Diploms, habe ich damit begonnen an einer privaten Kunstschule Unterricht zu geben. Nachdem ich mein gutes Zeugnis in informativer Illustration erworben hatte, war ich noch einige Jahre lang Lehrer für figürliches Zeichnen und Perspektive an der HTK.

Ich unterrichtete junge Menschen in einer grafischen Ausbildung. Über das Büro dieser privaten Hamburger Schule, vermittelte mir die Sekretärin nach Rücksprache mit dem Leiter auch einen Erwachsenen. Bald erklärte ich diesem Mann perspektivische Grundlagen im Zeichnen. Einzelunterricht, zuhause bei meinen Eltern in Wedel. Er kam dafür mit dem Auto etwa vierzehntägig aus Kiel zu uns gefahren! Das hatte nichts mit der Schule zu tun, da passte der gar nicht rein. Während es mit den Jugendlichen und ihrer Motivation, perspektivisch zu zeichnen problematisch war, wollte dieser Mann wirklich lernen.

Vollkommen untalentiert, ein junger Architekt. Er hatte einen Job an der Uni angenommen. Seine Aufgabe: Architekturstudenten Grundlagen des Freihandzeichnens beizubringen, und das konnte er gar nicht. Er wollte deswegen vorbereitende Nachhilfe von mir. Mit dem, was ich ihm riet, bekam er Erklärungen, die er dann vor Ort in der Gruppe weitersagte. Mal hatten seine Schüler und er vor einer Treppe im Gebäude der Uni gesessen, ratlos wie das Ding korrekt abzuzeichnen sei. Was ich gemeint hätte, wenn ich dabei gewesen wäre? Das waren Fragen!

Die Erinnerung ist ein Fenster in die Vergangenheit. Das kann sich jederzeit öffnen: Beim anschließenden Empfang für den Pastor in seiner neuen Gemeinde nach der Predigt gab es noch ein Buffet und mehr Musik vom hervorragenden Chor. Geselliges Beisammensein mit den Menschen, die ihren Prediger nun ganz aus der Nähe kennen lernen konnten. Jetzt musste ich wieder an meinen Unterricht für den Architekten damals denken!

Für meinen Schüler seinerzeit, war Perspektive abstrakt wie die Mathematik. Er hatte bisher nur darauf geachtet, sich zielgerichtet im Raum zu bewegen ohne mit dem Rahmen einer Tür zu kollidieren, wenn er ein Zimmer betrat oder ein Auto zu fahren und dabei exakt der Straße zu folgen. Er sah Filme wie er las, wegen der Romantik oder dem Inhalt an sich. Das Geschick, eine Kamera szenisch zu verwenden, blieb ihm verborgen.

Wir hatten über ein Jahr lang miteinander die anregendste Zeit während der Lektionen, die ich ihm gab. Dieser Schüler war ganz anders als ich selbst. Der fragte Sachen! Ich war es gewohnt, dass die Mädels im Unterricht nicht zeichnen konnten – und sich auch nicht dafür interessierten. Dieser Mann, ein wenig älter als ich, war sehr interessiert zu lernen. Das gefiel mir. Ich konnte alles erklären, was er fragte. Das Problem war nur zu oft, dass er es trotzdem nicht verstand. Er ging theoretisch vor, fragte: „Warum sind die Köpfe der Menschen auf einer Höhe, auf einer Linie?“ Ich musste darüber nachdenken, denn es stimmt ja nicht.

Besonders neulich, mit all diesen Kirchenleuten im Raum, kam mir das wieder in den Sinn. Für meinen Schüler war das Ganze mit der Perspektive eine Sammlung von Lehrsätzen, die er selbst in Büchern gelesen hatte und nicht mit der Realität überein bringen konnte. Für mich heute, mit der Lebenserfahrung aus eigenständiger Malerei, anders noch als früher, ist mit den Augen die Umgebung wahrzunehmen, wie Musik hören für den Musiker. Die anderen konsumieren. Ich schaue nicht einfach: Wo ist das Buffet?

Auf diesem Empfang waren mehrheitlich Menschen, die ich nicht kannte. Ein kleiner Raum, randvoll mit etwa hundert Personen. Ein Chor zwischen uns hinein gestreut, der rund um den Flügel in der Ecke sein passendes Liedgut beigesteuert hat. Das ist doch ein Erlebnis! Man steht dicht an dicht, ist höflich bemüht, niemanden anzurempeln und muss diese Entscheidung treffen: Soll ich applaudieren nach Ansprache oder Musik, und was mache ich dann mit meinem Sekt?

Das mit den Köpfen, die alle gleich hoch wie auf einer Linie mit dem Horizont sind? Es steht wahrscheinlich in einem Buch, das uns den Unterschied zwischen den unterschiedlichen Perspektiven erklären möchte. Ich schweife (vernünftigerweise) ab: in das Studium. Wir machten zweimal einen längeren Ausflug mit Kommilitonen nach Bologna zur Kinderbuchmesse. Dort habe ich viel skizziert. Italien ist wunderbar. Florenz, ein Tagesausflug: Einmal habe ich mich direkt in den Strom der Leute im Marktweg auf den Boden gesetzt und gezeichnet. Die Menschen kamen auf mich zu (traten mich nie oder rempelten mich an, sie schimpften nicht). Ich war da unten zeichnend kleiner als ein Kind.

Aus dieser Perspektive waren die Köpfe der Marktbesucher ganz bestimmt nicht wie auf einer Linie aufgereiht. Welche, die mir schon ganz nah waren, erschienen bedrohlich groß und hatten ihren Kopf hoch über mir. Ich sah hinauf, konnte ihr Kinn von unten sehen. Die anderen, weiter entfernt, ragten bei weitem nicht so auf, aus meiner Sicht jedenfalls. Sie kamen im Bereich der Beine der nahen Personen heran, und ihre Köpfe waren etwa in Höhe der Knie von denen, die mir gerade ausweichen mussten. Von den weiter entfernten, sah ich die Hüfte dort, wo ich die Köpfe der Menschen noch weiter im Hintergrund erkannte: Das ist Froschperspektive.

Klar, für die anderen, die alle aufrecht laufen, sind die Gesichter gleichauf in einer Höhe, vom Unterschied der Körpergröße einmal abgesehen. Wenn ich und alle anderen laufen oder herumstehen, ist der Horizont unsere gemeinsame Linie und Augenhöhe. Theorie und Praxis beginnen dort, wo das wirkliche Leben spürbar ist und Geschichten in Gang kommen. Natürlich, ein Architekt zeichnet mit dem Lineal perspektivische Fluchten messerscharf, aber es sind Menschen, die in den Häusern leben. Den Mensch kann ich mit einem geraden Lineal nicht erfassen.

Zwischen den Gästen anschließend der Einführungspredigt war eine alte Dame, ganz in Schwarz gekleidet aber vergnügt, und die war klein wie ein Kind. Weil sie so verschmitzt durch die Menge stocherte, einen Gehstock in der Hand, war ich mutig genug (und ein wenig frech) sie, obwohl sie mir ja ganz unbekannt war, anzusprechen. Sie wollte in Richtung der Tür, und ich machte ihr gern Platz. „Sie sind ja ziemlich klein“, habe ich gescherzt, „aber das sind sie ja schon länger.“ Sie lachte und erzählte, wie alt sie sei und einige Weisheiten zu großen- und kleinen Leuten gab sie zum Besten. Und verließ dann endlich den Raum, wie sie es eigentlich gewollt hatte, zur Toilette oder Garderobe. Unter den Riesen rundherum fand sie den Weg.

Bald nach der Musik durften wir uns den kulinarischen Genüssen zuwenden: Die Menschen drängten in die Ecke mit dem Buffet. Kleine, runde Stehtische waren hier und da aufgestellt. Die Schwierigkeit, sauber zu essen bestand nun darin, dass es keine Teller gab. Ein richtiger Probst war unter den Anwesenden; es galt sich zu benehmen! Verlockend: Da waren silberne Platten, so Tabletts in guter Größe, reichlich mit Happen gefüllt und einige Schüsseln mit Klopsen und ähnlichem Fingerfood appetitlich aufgebaut. Die Gastgeber hatten mundgerechte Häppchen fabriziert. Oft steckte ein kleiner Spieß darin, mit einer Olive noch verfeinert. Es gab auch Stapel mit grünen Servietten. Sinnvoll, eine dazu zu nehmen? Man musste die kleinen Käse-, Wurst- oder Lachsbrote, die Frikadellen und dergleichen ja mit den Fingern essen. Was aber mit dem Sektglas machen?

Während ich mich den leckeren Raffinessen allmählich näherte, musste ich geduldig sein. Da gab es keine Richtung. Die Gäste strömten von allen Seiten in die Ecke mit den weißbetuchten Tischen, den verschiedenen Leckereien. Vor mir stand ein Mann mit ergrautem Haar, beginnender Glatze. Er war nicht besonders groß. Ich konnte nun leicht von oben auf seinen Kopf sehen oder das Terrain davor mit den zu erwartenden Speisen sondieren und bemerkte dazu ein silbernes Hörgerät hinter seinem Ohr. Es dauerte, und ich liebe es zu schauen. Der ältere Herr trug ein legeres Jackett, aber immerhin – ich war dort im einfachen Pullover. Sicher ein Mensch, der dem Anlass entsprechend sonntäglich fein war.

Nun hatte er links in der Hand ein nur noch halb gefülltes Sektglas, aus dem er schon getrunken hatte. Das konnte ich gut beobachten. Für mich war es leicht, ein wenig über seine Schulter zu schaun; ich bin kein kleiner Mann. Er wollte ein Kunststück zu Wege bringen und geriet dabei unvermittelt in schwere See: Sein Problem, wohin mit dem Brot? Das hatte er sich genommen, und anschließend fiel ihm ein, noch eine Serviette zu nehmen. Das kleine Käsebrot? Der ältere Herr legte es nun einfach auf dem Sektglas ab. Wie praktisch. Das Käsebrotstückchen war quadratisch, kaum größer als das Glas oben.

Eine riskante Sache! Der Senior war aufgrund seines Alters nicht fest im Stand. Er schien mir ein wenig unsicher. Nun griff er mit der anderen Hand in Richtung Tisch – um sich die Serviette zu nehmen? Das kann ich nicht sagen. Während sich der distinguierte Gast ganz auf seine Tätigkeit rechts konzentrierte, beobachtet ich fasziniert, wie das schmale Häppchen allmählich ins Glas rutschte! Eine Ecke sackte runter in den Sekt. Nur eine kleine Käsekante blieb tapfer, verankerte den Leckerbissen gegen die Schwerkraft am gläsernen Kliff. Die klebende Butter hielt (noch) das Brot am Käse.

Eine Bindung auf Zeit …

Jetzt war der Alte rechts zu Potte gekommen und bemerkte das beginnende Malheur auf der anderen Seite in seiner linken Hand. Noch war ja nichts verloren! Er spitzte zwei Finger zu einer Zange für die letzte Ecke Käse, die noch oben am Rand vom Glas das Ganze hielt. Aber das dünne Schwarzbrot darunter löste sich langsam – scheinbar in Zeitlupe – und ich konnte sehen, wie es zunehmend in einem größeren Winkel vom Käse, nach unten in Richtung Sekt kippte.

Der Mann hatte den Käse inzwischen erfolgreich zwischen Daumen und Zeigefinger, die Serviette noch irgendwie nebenbei in der Hand verknotet, wie mit einer Pinzette ergriffen – und bewegte seine Hand, als behutsamen Hebekran mit schwieriger Fracht auf der Baustelle, sacht nach oben. Das sah ganz gut aus!

Aber, wie in einem Film für mich inszeniert, es kam zum Schlimmsten: Den Käse konnte er retten, das Brot stürzte schließlich doch in den Sekt. Jetzt: Ich wurde von hinten behutsam angerempelt, ich sollte voran machen? Die wussten ja nicht. Ich blieb stehen, schweigend, eine Mauer für die Hungrigen hinter mir. Niemand sollte wissen, warum es hier nicht weiter ging.

Der ältere Herr, ich wollte ja nicht, dass er’s noch merkt, wie ich bei allem der Voyeur dabei war. Aber man kann nie wissen. Seine hinteren Augen werden mich erspürt haben. Eine von höheren Mächten herrlich arrangierte Situationskomik. Alles geschah unauffällig und dezent in die Handlung integriert, mit Lebenserfahrung feinfühlig gestaltet, sparsam peinlich und absolut wortlos. Ein mir unbekannter Mann. Später stand er gelegentlich noch irgendwo im Gespräch, ich habe hinüber geschaut, was das wohl für einer sei; er hatte Bekannte im Raum und ich war fremd in seinem Film dabei gewesen.

„Stern, auf den ich schaue“, war das abschließende Lied drüben in der Kapelle, bevor wir Kirchgänger hier in das kleine Gemeindehaus zum Empfang und dem Buffet hinüber gewechselt waren. Und so komme ich in diese Geschichte, jetzt erst. Vor nicht so langer Zeit hatte das angefangen.

Eine andere Kirche. Ottensen – Chorkonzert zum Ausklang der Weihnachtszeit, die genau genommen bis Anfang Februar gerechnet wird. Der große Baum stand noch am Übergang vom Altarraum zu den Kirchenbänken, weihnachtlich ausgestattet, mit all seinen Kerzen. Im Januar war ich dort Teil der Zuhörer eines allerfeinsten Musikabends mit Chor. Wir wurden gebeten, die Handys abzuschalten. Man funke auf der selben Frequenz, das Gespräch käme unweigerlich in guter Lautstärke aus den Lautsprechern für alle, erklärte man uns gleich zu Beginn.

Eine musikalische Reise, und Ende Januar unerwartet, wurden wir noch einmal mit dem Stern von Bethlehem vertraut gemacht. Was war damals geschehen? Die drei Weisen aus dem Morgenland waren einem Stern nach Israel gefolgt, bis sie zu der Hütte kamen, wo sie Maria und das Christkind im Stroh fanden. Der Moderator beschrieb es uns: Man nimmt heute an, eine ungewöhnliche Konstellation von Planeten sei der historische Hintergrund dazu. Anschließend zitierte er den Maler Leonardo da Vinci: „Binde deinen Karren an einen Stern.“ Leonardo auch? Das habe ich gedacht und wieder überlegt, was ich mich schon als Kind gefragt habe: Kein Stern steht über einer Hütte!

Perspektive: Wenn ich die Hütte erst erreicht habe, ist der Stern wieder ganz dahinten, über dem Horizont. Vielleicht steht er dann über einem Berg oder über einer neuen, anderen Hütte? Das hat mich weiter beschäftigt. Leonardo ist ein Freund! Der gute Zeichner: ein Vorbild und eine Anregung für jedes talentierte Kind. Was hat er gemeint?

Jeden Tag habe ich ein wenig daran gedacht. Ich fing schon im Januar an, mich an den Schüler damals aus Kiel zu erinnern, der nicht begriff was eine Perspektive ist. „Warum ist der Horizont auf Augenhöhe?“, wollte er wissen. Wie erkläre ich das, überlegte ich seinerzeit. „Hinter dem Horizont geht’s weiter“, Udo Lindenberg, der muss es wissen. Es ist mehr als eine rote Linie im „Zeichnen leicht gemacht!“

Ich kam auf diesen Einfall: „Hören Sie zu“, sagte ich, „wir machen ein Gedanken-Experiment.“ Er schaute interessiert, und ich fing an: „Wir gehen in das Weltall, so etwa auf den Mond, aber kleiner; stellen Sie sich mal vor, da stehen wir auf so einer kleinen Scholle rum, weiter nix.“ Er verstand es nicht. Ich sagte, dass der Horizont für uns auf der Erde gleichermaßen abstrakt wie gewöhnlich sei und ich neue Bedingungen schaffen wolle, um das besser zu verstehen.

Ich erläuterte meine Fiktion: „Wir nehmen eine Platte, und da stellen wir uns drauf. Stellen Sie sich vor, dass diese Platte recht klein ist, wir beide passen rauf, aber es ist so, wie auf der Ladefläche vom Lkw. Rundherum ist nur das Weltall. Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Luft, wir können atmen, und es ist auch genügend Schwerkraft vorhanden, fast wie zuhause. Wir stehen auf einer kleinen Platte im Weltall herum.“

Er fand das prima, aber er wusste nicht, wo es hinführen sollte. Ich erklärte: „Schauen Sie nun zum Rand der Platte, nehmen Sie einfach an, das ist gleich da vorn.“ Wir waren aufgestanden, und ich zeigte auf die Fußleiste vom Zimmer vor uns, wo die Wand den Raum begrenzte. „Wir schauen in einem Winkel abwärts, nicht ganz zu Boden, wo unsere Füße sind, aber auch nicht waagerecht – wenn wir mit diesem Zimmer im Weltall wären und alle Wände entfernten, dann wäre das so etwa unser Horizont“, behauptete ich. (Er verstand das nicht).

Ich bemühte mich weiter: „Sehen Sie“, fing ich erneut an, „nur als Idee.“ Ich meinte: „Der Horizont ist umgangssprachlich dort, wo Himmel und Erde sich berühren. Das kommt, weil die Erde, auf der wir normalerweise stehen, sich nach unten fort krümmt. Als eine Kugel, kommt schließlich irgendwann der untere Teil, den wir nicht sehen können. Für meine Idee, Ihnen das zu erklären, benötige ich eine kleinere Erde. Das soll der Fußboden hier sein.“

Ich führte weiter aus: „Eine kleine Platte, und dort, wo wir beide den Rand sehen, fängt für uns der Himmel an. Wenn der Boden näher bei uns als für gewöhnlich endet, beginnt der Himmel entsprechend näher. Und weil der Raum recht überschaubar ist, müssen wir dafür ein wenig nach unten schauen. Wir können uns eine noch kleinere Plattform vorstellen, eine Art Teppich, so ein kleiner Fußläufer, dann schauen wir deutlich nach unten, und das nennen wir jetzt einfach mal Horizont. Denn dort, wo der Teppich zu Ende ist, wird sichtbar unser Weltall beginnen.“

Er blieb skeptisch, und ich holte Luft und weiter aus: „Bei einer sehr kleinen Platte, schauen wir runter auf unsere Füße, um den Beginn vom Himmel zu sehen. Das ist so etwa eine große Schallplatte. Wir quetschen uns darauf und schauen diesen Rand an, unseren Horizont: unten bei den Füßen. Je größer wir nun diesen Mond zum Herumspazieren für uns beide hier im Weltall machen, zunächst etwa in der Größe einer Ladefläche entsprechend der Pritsche auf einem Lastwagen, umso mehr werden wir den Blick von abwärts geneigt in der Nähe unserer Füße anheben müssen, um die Kante zum Himmel zu sehen. Je mehr Boden da um uns herum ist, desto entspannter schauen wir immer noch ein wenig höher, näher zur Waagerechten, wo wir schließlich den Himmel beginnen sehen.“

Unendlichkeit, was ist das? Ich wollte helfen: „Stellen Sie sich ein Gartengrundstück vor und anschließend fügen Sie weitere Grundstücke vom Nachbarn an, bis der Fußboden recht groß geworden ist. Dann ist die Kante der Welt scheinbar immer weiter weg, und für uns gesehen: rauf. Sie beginnen bei Ihren Füßen, schauen auf die Schuhspitzen und beginnen den Kopf zu heben. Da ist quer vor Ihnen ein Zebrastreifen aufgemalt. Wie auf der Tastatur vom Klavier, Balken für Balken, definieren Sie eine größer werdende Platte als Ihren Fußboden. Eine Querlinie folgt auf die nächste, und Sie müssen, um die wahrzunehmen den Blick immer weiter dafür anheben.Unendlichkeit: Irgendwann schauen Sie geradeaus, und da fängt der Himmel an.“

Es war hoffnungslos. Er blieb bei dem hängen, was er bereits zu Beginn ergrübelt hatte, unverändert: „Ich schaue waagerecht, und der Boden ist parallel dazu?“ Mein verzweifelter Schüler störte sich nach wie vor an seiner ihm eigenen Logik. Er fuhr fort zu fragen: „Und trotzdem sehe ich den Himmel dort beginnen? Schlimmer noch, die Erde wölbt sich unter mir weg, aber ich müsste doch in einer Schüssel stehen, damit es klappt?“ Er verstand nicht. Es war nicht zu schaffen: Die Flucht der Parallelen, das konnte so nicht sein. (Ich habe ihm viele Skizzen gemacht).

Was soll das heißen, binde deinen Karren an einen Stern? Ich sehe einen leuchtenden Punkt am Himmel: „Ah! Dahinten ist er ja!“ Und nun man los. Über der Hütte (dahinten) steht das funkelnde Licht. Noch ein überschaubarer Marsch zu Fuß: „Wir werden schon bald dort sein.“ Die drei Weisen! Wir müssen nicht lang in uns gehen, um zu begreifen: Wenn das wirklich der Planet Jupiter oder sonst ein fernes Gestirn am Himmel gewesen ist, damals. Was passiert, wenn man bei irgendeiner fernen Hütte angekommen ist? Der Stern ist schließlich nicht etwa da oben, genau über unsrer Hütte, die wir aus der Ferne zum Ziel bestimmten, geführt vom fernsten Licht, wenn wir sie endlich erreicht haben. Der Stern ist nun aufs Neue: „dahinten“ – weit, so ganz weit weg.

Leonardo, der gute Zeichner, wusste das. So sind diese Sterne doch schon immer gewesen, außerhalb unsres Begreifens. Das macht sie aus: die andere Welt, die uns kein Bildnis vollständig erklärt. Selbst Einstein blieben schließlich neue Fragen, und der ist weit, auf eine ganz lange Reise gegangen, mit seinem Relativitätsbaukasten im eigenen Schädel.

Die Weisheit der drei Könige bestand in erster Linie darin, an genau diesem Abend, nach einem sehr langen Marsch, einer langen Reise, an genau dieser Hütte eine grundsätzliche Rast zu machen: das ganz persönliche Ende glaubhaft zu finden und anzukommen. Einem Stern zu folgen, kann nur heißen, dass man dabei selbst auch stoppen darf, kann (und von neuem loslaufen). Das ist der Beginn davon, selbst zu denken, aber weiter in Beziehung zu bleiben, mit der ganzen, großen Welt.

Die „Wega“ in der Leier ist recht hell. Die Leier ist ein kleines Sternbild, und in unseren nördlichen Breiten steht sie hoch am Himmel. Daran erinnere ich mich: Das ist im Sommer, und in einem der schönen Jahre mit lang anhaltend gutem Wetter, war ich mit einer Freundin und dem Boot in der „dänischen Südsee“ unterwegs. Wir konnten jede Nacht „offen“ schlafen, hatten das Persenning nur im Bereich vom Vorschiff sicher gegen den Wind gebaut. Es hat nie geregnet und kaum einmal lag Taufeuchte in der Luft. Achtern lagen wir, auf dem Rücken nebeneinander, in den einfachen Kojen der Jolle. Wir schauten jeden Abend noch lange in den Sternhimmel, bevor wir einschliefen!

Wir können „Steinbock“ sein oder „Jungfrau“, aber niemand ist „Leier“ – die Ekliptik verläuft woanders. Der Jupiter geht hier über den Himmel, wie die Sonne und der Mond. Quert diese Bahn der Wandergestirne Israel im Scheitelpunkt des Himmels? „Dichter bei“, als in Dänemark jedenfalls – das können wir sagen. In einem Land, wo die Sonne im Zenit stehen kann, wird es wohl möglich sein, einem Planeten beim Aufgang entgegen zu wandern, weiter die Richtung des eigenen Weges seinem Lauf stetig anzupassen? Und schließlich Halt zu machen, die Schritte in eine Raststätte zu lenken, wenn auch der Himmelswanderer genau über uns ist. Eine unendlich ferne Begegnung und eine Erklärung. Aber, so finde ich jede Nacht „meine“ Hütte neu. Jupiter geht auf, und ich mache mich auf den Weg? Bis er über mir steht, wie bei uns die „Wega“ das so ungefähr hinbekommt. Dann noch die passende Herberge zu dieser nächtlichen Uhrzeit finden? So können wir alles zerreden.

Ich habe mich immer gefragt, warum die Bibel nicht fortgeschrieben wird: Die Wunder waren nur früher? Dann wären es Märchen, und wir könnten den Glauben gleich aufgeben. Dass es nicht so ist – wir sollten realisieren, wie viele denkwürdige Momente uns widerfahren, die wir nicht begreifen.

„Stern, auf den ich schaue“, haben wir gesungen, und wie sehr mich das an gerade diesem Tag berührt hat! Nicht lang vorher, kam tatsächlich etwas über Leonardo auf „Arte“. Und dann dies, im Café am Backshop, wie es das überall gibt. Sie haben dort so runde Tische. Klein sind die und aus dunklem Holz, beinahe schwarz. Es galt eine gute halbe Stunde Zeit zu verbringen, weil der Schlüsseldienst zu dem ich wollte noch nicht geöffnet hatte.

Meine neue Brille: „Gleitsicht“ wie vorher, aber dies ist die Beste, die ich je hatte. Ich trage sie den ganzen Tag und merke das gar nicht. Sie ist so gut! Man liest irgendwelche Schilder, schaut nebenbei auf die Armbanduhr, dann zum Horizont, problemlos und gestochen scharf, muss nicht nachdenken. Die alte habe ich noch jedes Mal abgenommen, wenn ich nicht gerade lesen wollte.

Da ist nach wie vor einiges an Glas verbaut, das gerade nicht nutzbar ist. Um scharf zu sehen, muss man die Dinge gezielt betrachten. Man dreht den Kopf. Wo ich nun, die Brille so lang am Tage auf der Nase, ein wenig wie früher den Blick schweifen lasse, kommt tolerierte Unschärfe auf, wenn meine Augen durch einen Bereich träumen, der nicht geeignet ist.

Beim Bäcker warte ich, und mein Blick geht hier- und dorthin. Ich beginne ein wenig an meinen Schüler und die kleine runde Platte, auf der wir im Weltall stehen wollten, nachzudenken. An Leonardo denke ich. Träume, was antreibt! Das Leben und mein Stern, darüber sinne ich nach. Ganz weit weg. Eine ferne Sonne – wo sie wohl gerade ist und ihre Aufgaben erfüllt? Warum musste alles so kommen? In unendlicher Ferne, weit hinter jedem Horizont – riesengroß und für mich doch so klein, unerreichbar. Ein zackiger, flinkernder Lichtpunkt in der Ferne, am schwarzen Nachthimmel. Dahin denke ich – und träume.

Mein Blick duselt auf der dunklen, kreisrunden Holzplatte vom Tisch rum – und woanders hin. Zurück! Da war doch was? Was habe ich gerade gedacht, ein Stern, Leonardo und so weiter; wieso habe ich gerade jetzt daran gedacht? Und was sehe ich eigentlich dort auf dem Holz genau? Ich nehme im unscharfen Bereich vom Brillenglas einen ganz kleinen, hellen Punkt wahr – aber es ist ja ganz einfach, eine geringe Bewegung mit dem Kopf – und jede Entfernung wird gestochen scharf, tatsächlich: Ein kleiner Stern ist auf dem Tisch!

Ich beginne das Ding zu untersuchen. Es ist ein winziger, heller Punkt, fast etwa einen Meter von meinem Kopf entfernt. Und ich zähle nach, sechs Zacken hat das Ding, ganz symmetrisch perfekt. Aber dieser Stern ist nur einen oder zwei Millimeter groß; es ist ein winziger Brotkrümel! Nicht mehr als ein halber Stecknadelkopf.

Ich beuge mich vor: Sofort hört der winzige Stern, inmitten der großen, runden, dunklen Platte auf, einer zu sein! Dieser vertrackte Krümel. Je dichter ich mich an das Ding annähere, desto länglicher wird er und sieht immer weniger wie ein Stern aus. Vorsichtig richte ich mich wieder in die vorherige Position auf und nehme exakt den alten Sitzplatz ein. Ganz schön weit weg ist der Krümel nun, aber die gute Brille macht es möglich, sogar in dieser Entfernung noch kleinste Schrift zu lesen: Das ist keine Schrift; was ist das?

Nur von hier, aus ganz exakt dieser Perspektive, ist das ein vollkommen regelmäßig ausgebildeter, sechs-zackiger Stern. Das Stück Brösel erinnert unweigerlich an eine kristalline, extra-kleine Mini-Schneeflocke. Wie gezeichnet, so perfekt sieht das aus und so winzig. Eine ganze Welt! Ich spinne, träume, bin im Café und rase durch die unendlichen Weiten einer braunen Holzplatte – ich habe gerade meinen Stern gesehen, und er ist hier bei mir. So weit weg – und hier auf diesem Tisch. Mein Fenster in das Universum. Ich habe das Allergrößte gesehen, direkt vor mir – und es ist ein winziger, kleiner Krümel.

🙂