„Und nun die Vorhersage bis übermorgen früh“, wenn wir das so im Wetterbericht hörten, spottete mein Vater: „So ein Quatsch. Niemand kann wissen, wie das Wetter übermorgen wird.“ Schon sein Vater hätte sich darüber aufgeregt. Der „Alte“ habe gemeint, länger als zwei Stunden könne man nicht sicher voraussagen. Erichs Vater war Kapitän gewesen, der musste es wissen. Meine Mutter hatte Spaß an den Wettervorhersagen. Sie interessierte sich, schrieb „Norddeich“ mit und zeichnete an Bord Wetterkarten. Ich malte die Isobaren nach, und von Opa Heinz bekamen wir den Barographen von Opa Bur geschenkt, meinem Urgroßvater. Eine Zeitlang funktionierte er ganz gut. Man musste sich kümmern, sonst gab es verschmierte Bögen. Der Vater meiner Mutter war auch Kapitän, und mein Opa Heinz lebte ja noch, während Erichs Vater Willi im Jahr meiner Geburt verstorben ist. Heinz hatte A6, und wie das Wetter würde – bei uns wurde gern gefachsimpelt.

Meine (verstorbene) Mutter hat noch eine Schwester. Als die Schneekatastrophe (damals) war, hat es uns buchstäblich kalt erwischt, aber meine Tante meinte: „Elmar Gunsch, kennt ihr den?“ Wir wussten nicht wer das ist, schauten zu der Zeit kaum Fernsehen. Der sympathische Wetteronkel, diese Sendung, auf die es angekommen wäre, wir hatten es nicht mitbekommen. „Elmar Gunsch wusste als einziger, dass es passiert“, meinte Tante Helga. Sie berichtete: „Wir haben es gesehen, nach den Nachrichten kam Gunsch in das Studio. Und dann machte der eine kleine Show, anders als normal, war er sich der Wichtigkeit seiner besonderen Vorhersage wohl bewusst. Er hatte eine blecherne Milchkanne dabei.“ Meine Tante erzählte. (Zu der Zeit war es bisher recht warm gewesen, milde Luft, Regen. Winter war nicht in Sicht. Kurz vor dem Jahreswechsel hatten wir in Hamburg zweistellige Plusgrade). Gunsch habe ein wenig den Kasper gemacht: „Wissen Sie, was das ist?“ gesagt – und die Kanne über seinen Schreibtisch und den Fußboden entleert.

„Schnee!“

Die Zuschauer hätten wohl nicht schlecht gestaunt, im Fernsehen sei alles möglich. „Davon werden Sie in den nächsten Tagen eine ganze Menge zu sehen bekommen“, habe der beliebte Wettermann launig mit seinem Gag aufgetrumpft, erzählte meine Tante und lachte. Wir hatten keine Probleme. Anders war es auf den Autobahnen und dem flachen Land zwischen den Meeren. Jeder kann davon erzählen: Das Jahrhundertereignis, vergleichbar mit der großen Sturmflut 1962.

Ich erinnere noch, dass es vorher nachmittags und abends stundenlang regnete. Morgens wurde ich vom Lärm des Räumdienstes wach. Ich konnte kaum die Bahnhofstraße erkennen, das Ostfenster war zugeklebt mit Schnee! Unten hatte Körner der Stadt seinen Radlader ausgeliehen. Der rumorte gegenüber vor der Stadtbücherei. Es schneite winzige Flocken, sie wirbelten im Oststurm. Unter der Bris hatten sich meterhohe Berge aufgeweht. Dabei war es minus 15 Grad kalt, unglaublich. Dann blieb es tagelang liegen, sehr ungewöhnlich und eine tolle Sache.

1978 war ich 14 Jahre alt.

Vorhersagen heutzutage, modern sind sie, ohne Milchkanne und exakt. Das aktuelle, deutschlandweite Unwetter wurde gut vorhergesagt.

Großartig.

Am Mittwoch sah Meno uns noch in einem halben Meter Schnee versinken, bald hieß es, unsicher wäre, ob die Front von Süden kommend überhaupt die Elbe erreichen würde. Heute wird stets upgedatet. Jeder kann es selbst online verfolgen. Sogar bei der Deutschen Bahn weht ein frischer Wind, statt einfach einen (oder alle) fahr’n zu lassen, hat sie vorsorglich den Betrieb eingestellt. Damals hatten die einen Slogan: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht: Die Bahn!“ Und dann steckten die starken Diesellokomotiven im weiten Schleswig-Holstein fest. Da bewies die Deutsche Bahn Humor. Sie druckten aktuelle Plakate mit dem geänderten Slogan: „Alle reden vom Wetter. Wir auch …“, gaben sie es kleinlaut zu.

# Flockdown 

Winter, macht ja nix. Corona? Merke ich nicht. Mir ist nicht langweilig, meine Existenz scheint ungefährdet, auch wenn der Arzt grad meint, ich müsse meinen Magen spiegeln lassen. Nicht wegen Corona, schlimmer. Er hat es angedeutet, und gerade war ja auch Weltkrebstag. Oha! Aber solange ich zuwarte und es einfach nicht mache, kann es ja alles mögliche sein. Blähungen zum Beispiel. Es ist schon so vertraut, dass es sich nicht mehr normal anfühlt – Oktober. Und seit ich nicht mehr täglich saufe und neuerdings gesund esse, habe ich zwei Kilo abgenommen. Fenchel und Haferbrei. Der morgendliche Klimmzug im Treppenhaus fällt mir leicht. Die Tabletten nehme ich auch nicht.

Ich warte einfach, bis ich gestorben bin und nehme sie anschließend.

Das ewige Leben nach dem Tod. Nicht als Ameise, aber „man könne nie wissen“, wir reden am Radweg. Der Hausmeister vom Rathaus, ist er das? Eine Bekanntschaft, immer bereit, mir einige Ratschläge mit auf den Weg zu geben.

Der Tod, was ist das?

O. hat mich gewarnt: „Damit mache man keine Witze.“ Ich solle an meine Frau denken. Und außerdem gebe es nur Kummer von Ewigkeit zu Ewigkeit, wenn man nicht gottgefällig lebe, und eine Anordnung vom Arzt sei mit gebührendem Ernst zu befolgen. Er habe „das Buch“ gelesen. Das schien mir aber nicht die Pschyrembel zu sein. Und von Jehovas Zeugen hat er auch noch angefangen. Mann-O-Mann. Er sei kein Prediger, meinte er. Ach so, habe ich gedacht. Dann habe ich ihm verraten, ich sei tatsächlich ehrenamtlicher Mitarbeiter der Stephanskirche. Der O-Mann wohnt in Halstenbek oder so, da kann er es nicht wissen. Der städtische Postbote, mein Freund im Rathaus oder die Neugier bloß? James Ond. Meine Kunst ist auch mal weghören können. In der Küche der Verwaltung und am Thron bei Hof ist’s dem Narren John zu doof. Oscar Wilde: „Zu Leuten, an denen einem nichts liegt, kann man immer freundlich sein.“

Das O(hr) am Bürger. Mit der Pastorin läuft’s besser, und sie hat das rote Telefon nach noch weiter oben. Ein schönes Feld ist dieses Dorf gewesen? Unsere Häuseransammlung westlich von Lurup, kernlos, gesichtslos, und die letzten Läden im „Staddi“ machen gerade das Licht für immer aus. Wir könnten Wohnungen reinbauen, das wird billiger als der geplante Stadtkern, der glaube ich nie kommt. „REWE“ und die Bank, ein Anwalt, zwei Ärzte, ein öffentliches WC – das ist wichtig – und dann ein paar schöne Appartements unter der Glaskuppel.

Parkplätze ham’ wir ja schon reichlich.

In der Schule hat uns die Lehrerin erzählt, wie Glückstadt entstanden ist. Die nette kleine Stadt an der Unterelbe wurde am Reißbrett entworfen und ins Nichts der weichen Marsch gebaut. Ein dänischer König wollte Hamburg wirtschaftlich in die Knie zwingen. Der König hätte auf seinem Pferd gesessen, im morastigen Marschland der Rhinmündung, mit einigen Getreuen an seiner Seite. Während das Pferd leicht unruhig tänzelte, erklärte der große Däne seine Pläne: „Glückstadt!“ Der dänische Fürst und Staatenlenker holte mit dem Arm weit aus. Seine edle Hand beschrieb einen Bogen, und mit den Augen visierte (und vor dem inneren Auge visionierte) der Kong die träge dahingleitende Elbe und das weite, baumlose Land bis zum Horizont. Er sagte: „Dat schall glücken und dat mutt glücken, und denn schall se ok Glückstadt heten!“ (Wikipedia).

Die Vasallen nickten ergriffen. „Ja, du großer König und Fürst von Schleswig-Holstein, eine tolle Idee, hier den Stadtkern einer Metropole zu planen“, mögen die Begleiter zugestimmt haben – aber dann sackte der Gaul ihres Herrn im Modder weg. Bis zum Bauch steckte das Pferd fest, so weich war das Marschland. Das hat uns Frau Herchenhan erzählt, in der Grundschule. Kein glücklicher Anfang für eine gewünschte, glückliche Weltstadt. Letztlich war es die Rhinplatte, die alle Pläne von lebhaftem Handel mit reichlich Schifffahrt, einem Hafen, der es mit Hamburg aufnehmen kann, zunichte machte. Breit hingestreckt liegt eine flache Sandbank vor dem Tor zur Welt, die sich (bis heute) immer neu aus dem Spülgut des kleinen Flüsschens nährt. Ein kurzsichtiger König, der das übersehen konnte.

Schenefeld könnte schöner sein? Christian der Vierte und Christiane die Einzige folgen schon dem Namen nach Christus dem Alleinigen (aus dem Buch). Und so muss die Geschichte zeigen, wie groß und kernig sie sind. Glücklich geplant an der Elbe: Sternförmig laufen alle Straßen auf die Mitte der Stadt zu, das Zentrum. Glückstadt hat einen unübersehbaren Kern. Das ist rund um die Kirche der Marktplatz. Wenn wir das nachbauen wollten …

Das eine ist ein Wort, „Kern“ etwa, aber was steht dahinter? Deutschland ist zusammengewachsen, Menschen fliehen aus dem Krieg und Kinder werden geboren. Bessere Planung in der Pandemie wird gern angemahnt. Scheint nicht alles zu klappen beim Weltmeister (das beste Deutschland aller Zeiten), der Wettbewerb impft schneller? Ich möchte nicht woanders leben. Letztlich ist jede Planung nur die Mühe derer, die etwas erreichen wollen, und auf der anderen Seite wuselt das Leben und geht seinen Weg. Großes zu schaffen oder einige Berater, Architekten und Baufirmen zu beschäftigen, und nachher stehen da nur mehr Häuser anders rum, wir dürfen gespannt sein.

Auf einem Bild mit Farbe fertig zu werden, das ist meine Verantwortung und ein erreichbares Ziel. Einmal mehr führt uns die Pandemie vor Augen, wie schwer Ziele zu erreichen sind, zumal, wenn sie erst konkretisiert werden müssen. „Es soll wieder alles ganz wie früher werden!“ Es ist dagegen leicht, Fehler zuzuweisen, wenn es viele Beteiligte gibt und das Ergebnis bei weitem nicht so exakt definiert werden kann, wie etwa ein Produkt im Laden, das wir gut bewerten können. Wir wechseln den Händler, wenn nicht taugt, was wir kauften.

Ich glaube, ich male, weil es so konkret ist das zu tun.

Malen geht immer. Und das Ergebnis kann ein Künstler an sich selbst messen. Es ist eine Einzelleistung. Nach vielen Jahren hast du das gelernt: es gibt keine Bewertung von wem auch immer, die das Werk selbst und das erfüllende Bewusstsein ersetzen kann, das dich begleitet, wenn du allein handelst und es als richtig begreifst.

Den städtischen Mitarbeiter mit seinem Lastrad, ich treffe ihn immer wieder mal gern am Krälaweg, er radelt gemächlich mit der Stadtpost zum Timmse. Unser Plausch in der alten Landstraße, das ist noch erlaubt, und ich bin gern an der frischen Luft. Das Buch! (Er hat es nur angedeutet). Wie groß sind wir denn? Richten und begnadigen. Ich glaube, dass Gott sich auch um die kümmert, die an Allah glauben, aber O. ist anderer Meinung. Jedem seine Schuld … ob Gott sich auch um Woelki kümmert? Schaun wir mal.

Bei den Katholischen wieder Stress.

Ich nutze die Zeit im Home Office, mein Atelier, habe stürmische See ins Bild gemalt. Nun werde ich beginnen, anderes auszuarbeiten. Entsprechend meiner Lieblingsverkäuferin auf dem Wochenmarkt habe ich eine „Shirley, die Scholle“ hineinerfunden und das Gesicht der „Europa“ ausgearbeitet. Ich habe begonnen, den Stier „Zeus“ exakter zu gestalten. Das finde ich leicht, nachdem ich mich mit dem Meer so schwer getan habe. Seit Oktober habe ich beinahe nur Wasser gemalt, und vorher hat das Bild reichlich vier Wochen rumgestanden. Im Mai habe ich begonnen, und dann nur sporadisch dran gearbeitet. Nach dem Urlaub im Sommer bin ich erst gar nicht in Gang gekommen weiterzumalen. Dann habe ich ein Modell gebaut mit kleinen Figuren, für eine Bürogemeinschaft, ein kleiner Auftrag, aber seit dem Herbst habe ich fast täglich Wellen gemalt. Das hätte viel schneller gehen können, wenn ich’s denn gekonnt hätte. Das Wasser wollte mir nicht gelingen. Jetzt finde ich es ganz gut, doch.

🙂