# Mutig gegen Extremismus?

„Macht euch die Erde untertan“, heißt es in der Bibel. Da sind wir doch gut voran gekommen! Man ist versucht, an die Ausbreitung einer planetaren Erkrankung zu denken. Als wären wir Menschen Krebszellen, die in Metropolen verankerte Netze bilden, das Ganze schließlich zerstören. Wirtschaftsoptimisten sehen es anders, aber freitägliche Schülerdemos reflektieren begründete Ängste. „Klimanotstand“ ist ein neues Wort. Sind wir in Gefahr? Die reale Gefahr, die ich kommen sehe: der Mann mit dem Messer vor mir, und er sieht böse aus. Die Schlammlawine zermalmt ein Dorf (im Fernsehen) oder einfach ein Artikel, in dem steht, dass „es“ schlimmer wird – die imaginäre Gefahr ist die Basis der Angst. Wie real sind Befürchtungen, wie nah dran ist eine Gefahr? Worte wecken dahinter stehende Erwartungen oder Risiken. Was ist ein „Gefährder“, ist das ein Tornado in der Schublade? Wir schließen unseren Kopf ab. Die Kommode auf dem dunklen Dachboden bei Oma, und du hast dich nie getraut da rauf zu gehen, nachzusehen. Presse und Netzgemeinde gehen salopp mit Randfiguren um, ordnen Menschen pauschal als extrem, krank, gestört oder terroristisch weg. Es sind „andere“, und die sind krank.

Besser wäre „Normalität“ als fragwürdige Definition und ungeeignetes Instrument zur Behandlung von Aussenseitern zu begreifen. Da ist eine lange Linie verschiedener Lebensentwürfe: Minimal soziale Kompetenz an einem Ende und die idealisierte Spitze bestmöglicher Entwicklung auf der anderen Seite. Zwanghaft oder gelassen? Gesundheit bedeutet auswählen können. Wesentliches von nicht relevant unterscheiden zu können. Die Menschen kämpfen, seit sie sich ausbreiten. Die Tiere kämpfen auch die ganze Zeit. Zu unterscheiden, was Mensch, was Tier ist, sind Worte die Menschen sich ausgedacht haben. Denken und Reden. Dass wir etwas anderes „sind“, heißt das noch nicht. Das gibt es oft. Wir verwenden leichthin Abstraktionen, als wären damit Dinge gemeint. Wir sagen „Gedächtnis“, aber deswegen ist es ja noch nicht real. Der Mensch weiß weniger von sich, als er meint. Worte sind Platzhalter, damit wir uns in der intellektuellen Welt orientieren können. Ohne Intellekt könnten wir nicht denken. Worte ebnen den Weg dafür, Denken einfach zu machen.

Was ist „Intellekt“ – ? Jeder hat den seinen, aber das ist wie mit der Intelligenz: Der Test muss zum Getesteten passen, um annähernd brauchbar zu sein. Die Intelligenz eines Indigenen, der abgeschnitten von der modernen Welt im Urwald lebt, kann mit einem Test, wie er zum Beispiel einem Schulabgänger bei der Bewerbung vorgelegt wird, nicht erfasst werden. Dass jemand frisch vom Studium einen Job bekommt, ist das Ergebnis von Zielstrebigkeit, und nur den Besten gelingt es leicht. Es bedeutet nicht, dass ein hochtrainierter Sprössling unserer Elite gleichermaßen im Dschungel klar kommt, und dass ein Indigener dumm sei, bedeutet es schon gar nicht. Ein abstrakter Begriff kann unser Denken widernatürlich verselbstständigen. Gegen die Natur zu leben, bedeutet schlussendlich an der Realität zu scheitern. Ein über das Mittelmeer unter Lebensgefahr nach Deutschland geflüchteter Afrikaner kann einen Linienbus lenken, sich eine neue Existenz aufbauen. Manche hier aufgewachsene Jugendliche können nicht einmal im Bus mitfahren und richtig ankommen, wo sie hin wollen, obwohl sie die ganze Zeit auf das Handy starren.

„Das Gedächtnis des Körpers“ heißt ein Buch. Es mahnt, dass Erinnerungen auch in den Armen und Beinen sind und denken nicht bedeutet, eine Festplatte zu durchstöbern oder unser Gehirn ein Regal mit Büchern ist. In „Schlag den Star“ bekommen wir eine Ahnung davon, wie schwierig es ist, einen „Besten“ zu ermitteln. Dazu kommt, die Kontrahenten haben noch ein „echtes“ Leben außerhalb vom TV und dem Test. Wir sind ja nicht dabei, wenn sie morgens ihren Alltag starten. Natürlich agieren Menschen unterschiedlich klug. Intelligenz kann nur in Reaktion zur Umgebung verstanden werden. Damit spielt die individuelle Vergangenheit eine Rolle und die Erfahrungen des einzelnen. Intelligenz oder Gedächtnis sind untrennbar von der Person. Terrorist, Extremist oder pauschal „Gestörter“ sind Ordnungswörter, als könnten wir eine Schublade nutzen. Weder ist das richtig auf die Person bezogen deren Herkunft und weiteres Verhalten pauschal vereinfacht wird, noch haben wir selbst Schubladen im Kopf. Wir können ein Gehirn als Ding begreifen, mit dem Gedächtnis ist das so eine Sache. Ich kann einen Teil des Gehirns isoliert untersuchen und unterscheiden, was dort passiert. Aber ich kann nicht Meyers Gedächtnis irgendwo hintun, wie einen Eimer mit Sachen. Ich kann nicht machen, dass Müller implantiert bekommt, was Meyer erinnert. Gibt es Wissenschaftler, die probieren das hinzubekommen?

Wir können auf ein Wort hereinfallen. Es gibt gar kein Gedächtnis. Da ist nur ein Mensch, der sich erinnert und möglicherweise gibt ihm noch jemand recht: „Das stimmt, so war das.“ Trügerische Sicherheit. Was ist Beschleunigung? Da muss doch zunächst etwas sein, das schon in einem gewissen Tempo unterwegs ist: ein Rennwagen, eine Putzfrau, und dann kann sie noch Gas geben. Beschleunigung, Gedächtnis, Extremismus – was soll das sein? Ohne den Mensch, der uns erklärt worum es geht, wenn er diese Worte sagt, machen sie keinen Sinn.

In der Schule wird ein engagiertes Kind gelobt und gefördert. Demokratische Ideale werden gelehrt. Eine gute Sache. Wir füttern die Gehirne der Aufnahmefähigsten mit dem, was uns intellektuell gut und teuer ist. Das hat nur den einen Haken, dass die in der Schule fleißigsten Nacheiferer der guten Sache das Böse selbst in der Regel nicht kennen gelernt haben, weil sie jung sind und noch Schulkind. Weltretter müssen stark sein, und manchmal sind sie der Größe ihres Anspruchs schließlich nicht gewachsen. Ein sauber gewaschenes Gehirn macht noch keinen couragierten Staatsbürger. Der jährliche Putztag aller Wege im Dorf. Oder: Eine Truppe hochmotivierter AbituranwärterInnen besprüht nach Anleitung ein öffentliches Gebäude mit bunten Motiven; das heißt nicht, dass hier Graffiti verstanden und „Geschmiere“ vermieden würde und die Welt deswegen besser. Das wird nur so in die Zeitung geschrieben (und in die Köpfe der fleißigsten Mädchen auch).

„Mutig gegen Extremismus“, das war der Titel vom kleinen, illustrierten Aufsatz, mit dem Alex einen Preis gewonnen hat, und Christian hat das im Tageblatt veröffentlicht. Sie wurde vom Bundespräsidenten als Ausnahmeschülerin gewürdigt, und ich habe das zum Anlass genommen, eine wunderbare Freundschaft zu versuchen. Wie ist das nur schief gegangen! Wollen wir gegen Extremisten vorgehen, als könnten wir einen Feind des Lebens wie einen Tumor wegoperieren, darf ich das fragen? Ist ein Extremist auch mal ein Mensch gewesen? Was ist eigentlich ein Kapitalist, ein Wähler, ein Verbraucher, eine Person – sind das noch ganze Menschen, die mal was anderes tun, segeln gehen oder Liebe machen?

# Wir sind nur ein Baum und werden kein Fisch

Die Gene sind ein Argument für vieles. Aber auch ein Gen ist uns nur ein Wort. Niemandem, der nicht eine spezielle Ausbildung hat, ist so genau klar, was „die Gene“ tun. Jeder stellt sich nur ungefähr etwas darunter vor. Aus einer Eiche wird keine Birke und ein Baum ist kein Fisch. Wohin wächst der nächste Ast, wie viele Äste bildet ein Baum? Wird sein Stamm dick mit den Jahren oder geht’s mehr in die Höhe? Kann der Wind ihn schief werden lassen, und wohin schwimmt ein Fisch am Montag? So ungefähr können wir beschreiben, was festgelegt ist und was wir auf der anderen Seite nicht gut vorhersagen können.

Das Durchdringen von Vogelschwärmen. Durcheinander in einem Schwarm Makrelen, in die ein großer Raubfisch vorstößt. Das Gewimmel von Schlittschuhläufern auf einem zugefrorenen Gewässer. Wohin geht es als nächstes? Eine Makrele tut, was Makrelen machen, und ein kleines Mädchen auf dem Eis ist nicht der starke Typ, der uns zeigt, wie toll er laufen kann. Auf der Straße: Im exklusiven Sportwagen, einem einfachen Pkw, dem Reisebus oder mit dem Lastwagen sind wir unterwegs. So ist das Leben in einer Firma, so ist die Gesellschaft. „Du stehst auf einer Brücke und schaust auf die Autobahn. Da kommen zwei VW, ein Lastwagen und ein Luxusauto, ein Sportwagen; das ist das Leben“, meinte Gudenau, Professor an der Armgartstraße. Dort habe ich studiert. Freiheit bedeutet, begrenzt durch den Ort der Absprungrampe meiner Vergangenheit, weiter zu hüpfen. Oder humpeln. Wir sollten nicht überheblich sein.

# Dem Einzelnen ist die Gesellschaft das Feld, in dem er sich bewähren muss

Das hat Moshe Feldenkrais, Erforscher menschlicher Bewegung, Reife und Verhalten, in einem Buch postuliert. Die Gesellschaft, das ist auch ein Wort. Lauter einzelne Menschen in einem Topf dürfen dasselbe, das andere ist ihnen verboten. Da wird ein Rahmen formuliert: Deutschland. Ein definiertes System mit Außengrenze innerhalb der alles gilt. Und Deutschland, das ist noch viel mehr, als nur ein paar Regeln im Gesetzbuch. Was ist deutsch? Wenn ich in China aufwachse, ist anderes richtig als bei uns. Auch im zeitgeschichtlichen Rückblick: Ist Schwulsein krank, ist es eine Straftat oder ist es ganz normal? Essen wir im Liegen, wie die alten Römer, oder gehört es sich, das Besteck „von Außen“ zu benutzen? Darf ich meinen Cheeseburger mit den Fingern essen?

Wir werden von unseren Eltern erzogen, wenn wir Glück haben, sonst machen andere das. Einige Jahre vergehen, in denen wir nicht frei von den Erziehern sind. Dann sind wir selbst erwachsen. Nun sind wir wieder in Abhängigkeiten, wir machen eine Ausbildung. Wir erleben Beziehungen, wechseln Bezugspunkte – aber nie sind wir so frei, dass alles in jedem Moment uns gehorcht und unser Wille exakt und wunschgemäß perfekt jede Minute unseres Lebens gestaltet. Das schafft niemand. Ist das überhaupt erstrebenswert?

Ein Ideal von Freiheit: Ist Freiheit der unbedingte Wille? Da denkt man an Astronauten, die in Schwerelosigkeit herumgondeln. Schwerkraft ist eine Bindung an Mutter Erde. Hier fängt die Frage nach dem Sinn und Zweck von Umgebungen an. Wir haben sexuelle Lust, Sehnsucht nach Geborgenheit und Pflichten. Irgendwoher muss Geld fließen, mit dem wir unsere Unabhängigkeit finanzieren. Die Gesellschaft ist ein Gelände, ohne das wir nicht vorankommen. Selbst wenn ich heute im Bett bleibe: Zeit vergeht, mein Herz schlägt, es ist immer alles in Bewegung. Wenn ich krank bin und liegen muss? Wer sich nicht umdreht, liegt sich wund.

# Professioneller Sport ist ein Beispiel für nicht funktionierende Bewertung

Segeln: Die Elb-H-Jolle ist eine Einheitsklasse. Ihre Erfinder taten einiges, die Boote durch Vorschriften einander exakt gleich zu machen, damit der bessere Segler ermittelt werden kann. Nicht derjenige mit dem meisten Geld, der das Boot so optimieren kann, dass es von allen Schiffen das schnellste ist. Sport: Meine roten Haare – als ich jung war, wurde ich gern scherzhaft mit Boris Becker verwechselt. Wenn ich unterwegs war (einmal hatte ich einen Sack mit Segelklamotten und ein hölzernes Paddel bei mir), habe ich diese Sprüche: „Aber das Geld müsste man haben“, aufgegriffen und geantwortet: „Ich bin ,Bernd‘ Becker. Er ist mein Bruder.“ Auf das Paddel deutend sagte ich: „Neu sind diese hölzerne Schläger.“ Boris machte, dass wir alle Tennis schauten. Das war so spannend! Jeder hing am Fernseher, wenn Becker gegen Ivan Lendl spielte. Wir schauten auch Steffi Graf an. Es gibt Frauen- und Herrentennis, und die Frauen spielen nicht gegen Männer, weil dann immer die Männer gewinnen würden.

Heute ist auch Frauenfußball im Kommen. Manche sagen, wenn das Feld für die Frauen kleiner sei, die Tore etwas weniger groß, würde das Tempo im Spiel dem der Männer eher gleich kommen, und das wäre doch mal was. Wir haben viel Regatta gesegelt, ich bin in der Bezirksmeisterschaft der Elb-H-Jollen über Jahre ein ernstzunehmender Konkurrent meiner Freunde auf dem Wasser gewesen. Aber bei unserem Wochenendsport sind Jungs und Mädels stets gemischt angetreten. Neulich habe ich im Fernsehen eine junge afrikanische Läuferin Alemu gesehen, die war immer vorneweg. Der Sprecher meinte irgendetwas von Testosteron, und ich habe gegoogelt:

„Hyperandrogen zum Sieg. Kommentar von Herbert Steffny (20.8.2016): Nun zu den Hintergründen der sehr diffizilen Materie. Nachdem der internationale Sportgerichtshof (…) auf Grund einer Klage der hyperandrogenen indischen Sprinterin Dutee Chand die (…) Regelung für die nächsten zwei Jahre aufhob, mussten die betroffenen Athletinnen wie Caster Semenya keine Testosteron-senkende Medikamente mehr einnehmen. (…). Eigentlich ist Semenya der lebende Beweis wie Testosteron bei Frauen wirkt. Das ist aber kein Doping, sondern in diesem Jahr ist sie biologisch wieder so wie sie ist, eben von Natur aus hyperandrogen (Frau mit höherer männlicher Sexualhormon-Produktion) und folglich ungeschlagen. Auch die Zweit- und Drittplatzierte Niyonsaba und Wambui wirkten eher wie die „Jungs im Läuferfeld“ und fielen wie Semenya auch durch burschikose Gesten wie Muskeln zeigen, tiefe Stimme usw. auf. Denkt man hier nicht spontan: „Ja, so sind eben Jungs?“ Hier braucht es unbedingt eine zufriedenstellende IAAF-Regelung. Andererseits werden die genetischen Voraussetzungen nie gleich sein. Im Marathonlauf legt man auch keinen Grenzwert für die maximal erlaubte Höhe der fettverbrennenden Enzym-Kapazität fest und im Basketball ist die angeborene Größe auch von Vorteil. Und trotzdem tut es mir irgendwie Leid für die hinterher laufenden „Mädels“ im Frauenfeld …“

Ich möchte mich in meinem kleinen Aufsatz nicht in den Sport einmischen. Das Beispiel zeigt, wie die Größe einer Leistung im Vergleich mit anderen fragwürdig bleibt, die Höhe einer Marke, die ich im Vergleich zu meinen früheren Ergebnissen selbst erreichte, jedoch verlässlich ist. Ich möchte das Haus von Piet (die Frau möglicherweise) oder genauso oft die Alsterregatten gewinnen, ich möchte sein Geld. Aber ich möchte sein Leben als Ganzes nicht haben, wenn ich meins dafür aufgeben muss. Es führt in die Irre, sich vorzustellen, was fehlt. Das ist Neid, selbstzermürbende Rückschau im Vergleich, was alles zum Glück hätte sein müssen – weil du dabei vergisst, wer du bist. So wie ich heute male, das hat sich erst entwickelt. Wer fällt vom Himmel?

# Die Umgebung beeinflusst die nächsten Schritte in unsere Zukunft

Es gibt eine Stelle in „Sherlock Holmes“, wo der Detektiv seinen Freund verblüfft. Holmes konfrontiert Watson damit, was dieser seiner Vermutung nach im Moment gedacht hatte: „Wir gingen die Treppe runter“, rekapituliert er. „Sie schauten auf das Bild vom (irgendein Name) und auf der Straße schließlich angekommen, fiel Ihr Blick auf“ – (er nennt etwas). Scharfsinnig beschreibt er, was ihm am Freund aufgefallen ist, ob der schwer geatmet hat oder nervös wurde: „Sie gingen schneller, als Sie bemerkten, dass“ – kombiniert Holmes mutmaßliche Gedanken von Watson. Beide verbringen viel Zeit miteinander. Holmes hat dieselben Bezugspunkte. Er kennt alle Menschen, denen sie begegnet sind. Schließlich gipfelt die ganze Deduktion in einer fulminanten Behauptung: „Und weil Sie dies grad dachten, sagten Sie schließlich“ – er nennt den ausgesprochenen Gedanken als Ende einer langen Kette von Folgerungen. Watson ist vollkommen von den Socken. „Das stimmt alles ganz genau!“, ruft er aus.

Im Buch „Die zehn dümmsten Fehler kluger Leute“ (Arthur Freeman/Rose DeWolf) geht es darum, eigenen Gedankenketten auf die Spur zu kommen und das Selbst im Bemerken stereotyper Denkweisen zu korrigieren. Die Autoren mutmaßen, unser Denken führe zu daran gekoppelten Emotionen welche wiederum Gedanken und Handlungen nach sich ziehen, die gewohnheitsmäßig zu Komplikationen führen. Das ist für das Begreifen verschiedener psychischer Erkrankungen von Bedeutung. Ein Mensch in einer Psychose ist nicht Herr planvoller Aktivität, kann aggressiv Schaden bei sich und anderen anrichten. Er wird aber kaum einen terroristischen Anschlag nach Überlegung durchziehen, vom Einkauf bestimmter Materialien, Waffen und der Zeit, Bomben zu basteln, bis zum Tag der eigentlichen Aktion. Beide werden von der Gesellschaft als extrem, krank und gestört beschrieben. Aber der eine ist ein Psychopath der plant, der andere ist durch seine Fantasie traumatisiert und wehrt sich spontan. Er weiß nicht, was er tut. Der Attentäter plant Rache oder er ist auf religiöse Weise fanatisch.

Für mich, der ich viel drüber nachdachte warum dies oder jenes nicht besser lief, ist das Ganze von Interesse, weil die Frage nach dem eigenen Willen, den Genen, der Gesundheit und die Frage nach Talent und was jemand daraus macht, grundsätzlich in Relation zur Umgebung gedacht werden muss. Wir können größer denken. Wir denken, mein Fuß tut weh und suchen einen Spezialisten auf. Wir könnten zunächst an uns als ganzen Mensch denken. Wir können noch überlegen, ob uns generell ein übergeordnetes Schicksal führt? So gibt es Menschen, die glauben, sie erlebten ihr Dasein nur und ihr Alltag sei komplett vorherbestimmt. Im Gewusel bunter Punkte auf dem Eis eines gefrorenen Sees herumlaufender Menschen, die wir von einer Anhöhe beobachten, denken sie sich wie Treibholz im Strudel. Wie die durchkreuzenden Vögel oder Makrelen im Schwarm unter Wasser. Und wenn der böse Orca hineinschießt und Leben frisst, kann niemand etwas tun. Der Meteor fiel vom Himmel, und ich war tot.

# Therapie wird behindert vom gesamtgesellschaftlichen Interesse der Stabilität

Das Brötchen fällt runter, immer auf die Butterseite. Eine höhere Macht, was schief gehen kann, geht schief? Aber wenn dir die Wurst auf den Boden fällt, und du sagst: „Dafür kann ich nicht“, kommt Kritik. „Natürlich warst du das. Da bist du selbst ganz allein dran schuld!“ In Worten denken, bedeutet innere Dialoge zu führen. Insofern sind andere schon am Tun beteiligt. Es kommt darauf an, wie bewusst uns ist, dass wir nur denken und nicht wirklich mit anderen Menschen reden. In „Don Camillo und Peppone“ spricht der Pfarrer mit Jesus in der Kirche, was geschieht dort? Im Film „Cast Away“ spricht Hanks auf der Insel mit dem eiförmigen Ball Wilson wie mit einem Freund. Was ist das: Schuld? Es gibt Menschen, die glauben, erst Ruhe finden zu können, wenn sie wissen, wer ihr Kind getötet hat und noch besser, wenn er dafür eine gerechte Strafe erhält. Manche Menschen schlafen schlecht, auch ohne Verbrechen gegen sie. Wem sollen die die Schuld geben, wenn sie keine Ruhe finden?

Da ist eine Schwierigkeit anderen zu helfen, wenn die Helfer nicht den Hilfesuchenden primär im Blick haben, weil das Interesse für Ordnung zu sorgen übergeordnet ist. Das ist dann der Fall, wenn eine psychische Störung vorliegt, die das Allgemeinwohl genauso betrifft, wie das Wohl dessen, der Hilfe benötigt. Im Gericht wird die Schuldfähigkeit festgestellt. Fähig bestraft zu werden, oha! Das muss ich leisten können? In einer geschlossenen Psychiatrie zu sein ist keine Strafe? Dann müsste das der Ort sein, den ich frisch und munter, gesund und geheilt verlassen kann, nachdem der Arzt meinen kranken Kopf neu ausgerichtet hat. Das wäre ein Ziel. Wer sich selbst und andere krankheitsbedingt gefährdet, wird per richterlichen Beschluss zwangsweise eingewiesen. Wer freiwillig in die Klinik geht, kann gehen wann er will. Wer nicht schuldfähig ist und gegen andere krankhaft handelte, ist im forensischen Teil der Psychiatrie. Das ist ein Gefängnis das nicht so heißt. Die Gesellschaft ist hilflos, angesichts der nichtkontrollierbaren Aktivität einiger.

Generelle Angst vor psychisch Erkrankten ist zum Nachteil der Betroffenen, man tut etwas, ja. Aber in erster Linie versuchen Arzt, Polizei und Angehörige, die Kontrolle zurückzugewinnen. Das entspannt. Das Ziel, einen Erkrankten dauerhaft gesund rezuintegrieren, wird nicht verlangt. Wenn jemand ein Medikament nimmt, nach Klinikaufenthalt Besuche in einer Praxis wahrnimmt, sieht die Gesellschaft ihre Aufgabe als getan. Das wird doch dem Menschen nicht gerecht. Das ist eine Leistung an allen Menschen, das ist eine Ordnungsfunktion, die der Gesellschaft insgesamt nutzt. Das ist nicht für den Menschen, das ist für die Menschen allgemein. Das ist zu wenig. Wir werfen psychisch Kranke weg! Wir halten sie für gestört? Wir sind nicht bereit, in Verantwortung dessen, dass wir diese Menschen störten bis sie krank wurden, sie zu entstören. Mit einem Begriff machen wir aus ihnen eine andere Sorte, keine Menschen wie wir. Gestörte sind illegale Alien.

Das mag daran liegen, dass es schwierig ist, ohne Manipulation anderen zu helfen. Der Teufelskreis besteht darin, dass an der Umgebung sozial gestörte Menschen nun wiederum durch diese Umgebung beeinflusst werden sollen, unabhängig von anderen gesund zu denken. Wie kann das möglich werden? Wie helfe ich demjenigen, der sich nicht helfen kann, dahin zu kommen, wo er sich selbst nicht nur hilft, sondern tut was er mag? Vielleicht ist ein Grund dort zu suchen, wo wir ihn zunächst nicht vermuten: Es gibt wohl zahlreiche Menschen, die nicht tun, was sie mögen sondern was sie sollen. Die gelten aber nicht als krank.

Ich kann als Präsident dafür verantwortlich gemacht werden, eine Linienmaschine (aus Versehen) vom Himmel geholt zu haben, im Streit mit meinem Nachbarland. Beschuldigt, eine Halbinsel zu mir ans Staatsgebiet rangezogen zu haben. Ich kann, als ein anderer Populist, derjenige sein, dem vorgeworfen wird eine Insel, ja ein ganzes Land, sinnloserweise aus einer Union hinaus auf das Meer getrieben zu haben, in einen Brexit gelabert – und habe getan, was mir gefällt! Dafür gibt es keine Strafe. Ein (grüner) Politiker (mit mädchenhaft süß gescheitelt langem Haar) fordert im TV-Interview die Bundeskanzlerin auf, dieses oder jenes (endlich) zu tun, um Druck! auf Putin zu machen. Die Realität ist: Er übt nicht einmal Druck auf die Frau M. aus. Das ist seine Ohnmacht. Es scheint ihm nicht bewusst zu sein.

Ich kann der andere Präsident sein, der in den Medien als krank beschrieben wird, und ich mache (als der Präsident, der ich geworden bin) was ich mag. Als Präsident bin ich im Recht. Wenn andere Präsidenten zu mir sagen: „Das darfst du nicht.“ Gewöhnliche Menschen auf der Straße: „Der ist krank.“ Der amerikanische Präsident, ihn ficht das nicht an: „Ich bin ein stabiles Genie.“ Im Land drinnen, als einfacher Mitbürger, werde ich nicht gegen andere Menschen so selbstbestimmt oder selbstherrlich etwas vergleichbar machtorientiertes zum narzisstischen Lustgewinn tun können. Ich würde bestraft, als „krank“ therapiert: „Was sind Sie, stabiles Genie? Oha! – dann bin ich der Kaiser von China“ – und ab in die Zelle. Als Abteilungsleiter oder selbstständiger Unternehmer, kann ich vergleichsweise mehr tun, von dem was ich mag, als ein untergeordneter Angestellter. Das kann ausgefallen sein, was ich mir so erlauben kann, als kreativer Zeitgenosse – oder öde und fremdbestimmt, als Mitarbeiter in armseliger Jobsituation.

Insofern führt der Weg vom psychisch Kranken in dauerhaft geistige Gesundheit nicht direkt vom Klinik- oder Arztbesuch in das sozial gut angepasste Verhalten, wie man es immer probiert. Der Weg vom psychisch Kranken zum Gesunden, ist ohne selbst erlebte und erfahrene Aggression kaum möglich. Durchsetzungskraft bedeutet, mit dosierter Gewalt ein Ziel zu erreichen. Gewalt? Das möchte man ja gern vermeiden, aber ohne Aggression zu erleben, kann niemand drauf verzichten. Ich kann nicht auf Gewalt verzichten, wenn sie mir nicht zur Verfügung steht. Gewalt zu vermeiden, ist nicht Verzicht. Vermeiden kann man Gewalt unter Beruhigungsmitteln. Normale Menschen wenden ständig Gewalt an, mal mehr mal weniger. Verbale Gewalt, Intrigen, scharfe Abgrenzung, wenn zuviel verlangt wird. Länder führen Kriege. Waffen werden gebaut, verkauft und eingesetzt – das ist Wirtschaft, Krieg, gesunder Alltag. Es ist ein Geschäft. Kein Leben ohne bösartige Gewalt auf dieser Erde.

Die Gesundheit besteht im Kalkül: „Das kann ich mir erlauben.“ Ein Polizist darf von Berufs wegen Macht ausüben, kann ein Gesetz machtvoll anwenden. Jeder kann Rechte einfordern. Das ist beliebig rauf- und runter auf der Messlatte von Gewalt durch- und nachzudenken. Eine deutliche verbale Forderung, und komme ich weiter damit? Muss ich in das Gefängnis oder komme ich zur Bewährung noch gerade davon? Moderne Therapie, die dem psychisch Kranken hilft, als einzelner der er ist und nicht nur einer gesamten Gesellschaft, die vor den Gestörten Schutz verlangt, müsste verstehen, dass Gewalt ganz normal ist. „Rechte hat, wer sich traut, für sie einzutreten“, Roger Baldwin, Gouverneur von Connecticut. Wenigstens soviel Traute müssen wir haben! Wenn wir zum Anwalt gehen, sind wir mutig genug, um als gesund zu gelten.

Die anderen müssen zum Arzt.

# Schwein sein?

Meine Eltern empörten sich: „Etwas mitgehen lassen“ – eine Freundin hatte das gesagt, und sie hatten den Ausdruck nicht verstanden. Im Restaurant: Man hat gegessen und klaut im Anschluss einen Löffel oder etwas der Hoteleinrichtung nachdem übernachtet wurde. Das fanden die Freunde meiner Eltern cool, witzig – andere in der Runde lachten.

Mein Vater und ich kreierten seinerzeit ein Heft des Segelvereins, unsere Vereinszeitung. Ehrenamtliche Mitarbeit, wie zum Beispiel im Segelausschuss Regatten zu organisieren oder die Bootshalle in Eigenarbeit anstreichen? In einem Verein ist immer zu tun. Es wird geklagt, heute sei es schwieriger, Motivierte zu finden. In der Redaktion unseres Vereinsheftes wurden wir von Mitgliedern unterstützt, die Beiträge einschickten: Was auf einer Reise in die Ostsee passiert war, wie das gemeinsame Grillfest gefallen hatte und ähnliches.

Für die Umsetzung wurden wir von einem Werbegrafiker unterstützt, der wie meine Eltern, inzwischen gestorben ist. Er stand schon kurz vor seiner Pensionierung, arbeitete in einer großen Hamburger Agentur. Einmal hatte er zwei Handvoll bunte Fine-Liner einer typischen Marke dabei (wie sie damals alle Grafiker verwendeten). Bekannt wie der NT-Cutter oder das Fixogum. Jeder kannte den Zack-Zack-Layout-Kleber, das Lösungsmittel „Bestine“ und andere vertraute Dinge: Schöllerhammer-Karton oder eine „Lucie“ (ein Episkop, mit dem man im verdunkelten Büro was abpausen kann). Es gab den Computer noch nicht. „Wollt ihr welche?“, fragte unser Layouter. „Das machen alle“, antwortete der Segelkamerad auf Nachfrage, wie er in den Besitz der Stifte gekommen sei. Alle? Ich fing grad an, mit selbstständiger Illustration neben dem Studium Aufträge anzunehmen und dachte, dass ich mich selbst wohl schlecht beklauen könne?

Wir erleben kollektiven Beschiss der Autoindustrie am Bürger, hatten mit dem verurteilten Uli Hoeneß einen weiter hochangesehenen Manager beim FC-Bayern, und wer erinnert sich nicht an den Deutsche-Bank-Chef, der sich Vorwürfen ausgesetzt, nicht emotional eingebrochen ist? „Schwein sein“ gilt als nachahmenswert, kommt an. Zahlreichen Beispiele: Die Liste der Mogeleien wird lang, wenn wir Fernsehformate heranziehen, wo ein Sender (oft mit verdeckter Kamera) Alltagsbetrug zum Thema nimmt. Die böse Telefongesellschaft. Der miese Schlüsseldienst? Aber das sind wir. Wir arbeiten bei der Deutschen Bahn, die immer alles falsch macht. Wir sind in der Autowerkstatt, die das lose Kabel in der Elektrik übersehen hat, und wir sind es selbst, die einen Löffel mitgehen lassen, im Hotel.

Wir sind die, die achtlos oder mutwillig den Gehweg verdrecken. Wir werfen das Papiertaschentuch nicht in einen der vielen Mülleimer. Wir begehen Fahrerflucht, nachdem wir einen Pkw leicht beim Ausparken touchierten. Wir wenden auf der Autobahn im Stau, verstopfen die Rettungsgasse und fahren zur Ausfahrt zurück, weil es einfach nicht weiter geht. Wir sind auch die, die das dann filmen und auf YouTube zeigen, wir sind der Polizist, der Gute? Meister Lynch ist dein Nachbar. Morgen drehen wir dann selbst ein Ding. Unser Film ist kaum besser als der der anderen. Es gibt immer gute Gründe, Regeln zu brechen. Niemand ist nett. Eine gefährliche Illusion, man sei gut und alle anderen schlecht. Genauso gefährlich ist der Glaube, alles gehöre wie es ist, weil der Mensch als göttliches Wesen deswegen schon gut ist. Gut und menschlich zu sein, ist eine echte Herausforderung. Neue Empathie zu entwickeln, nach dem Schock des Erwachsenwerdens, ist eine Aufgabe – und nicht zu vergleichen mit dem unbegrenzten Vorrat davon, den ein Kind möglicherweise verschleudern kann, weil ein attraktiver junger Mensch gelegentlich mal leicht in die Zukunft spaziert.

Im Akzeptieren und Begreifen der Realität haben wir die Wahl, unser Selbst zu formen. Es steht uns zu, entrüstet zu sein, verletzt! Ist doch wahr. Die anderen sind schuld. Und? Was nützt es, das zu beklagen? Da ist ein Mann in meiner Heimatstadt Wedel unterwegs. Tag für Tag geht er durch die Bahnhofstraße (ich habe dort gelegentlich zu tun, man kommt ja nicht umhin, Leute zu bemerken, die irgendwo typisch sind). Er hat eine Tüte bei sich und eine längere Greifzange. Er trägt Handschuhe. Ein komischer Hut sitzt schräg auf seinem Kopf. Der Mann ist nicht gerade groß und im Auftreten bescheiden, ein wenig unscheinbar. Er ist schon älter. Er geht, den Boden absuchend im Zickzack den Gehweg entlang, vom Bahnhof in Richtung Elbe. Er pickt mit dieser Zange am verlängerten Arm jeden Müll auf, den er bemerkt. „Warum machen Sie das?“, habe ich ihn gefragt. „Mich stört der Dreck.“ Ich wollte dann wissen: „Sind Sie bei der Stadt angestellt?“ „Nein.“ Er antwortet wortkarg (nicht unfreundlich). Jetzt sage ich einfach, wenn ich ihm begegne: „Schön, dass Sie da sind!“ Er schaut kaum auf. Seine Augen wandern über die Pflastersteine. Ein Zigarettenstummel klebt am Boden. Schließlich gelingt es ihm, das Ding aufzusammeln.

# Kunst ist Selbsthilfe

Was ist Kunst? Erst nach dem Tod berühmt, vorher brotlos? Ich weiß nicht, bin Maler und Zeichner. Von sich selbst sagt man nicht unbedingt, man sei Künstler. Das ist wie mit dem Namen des Indianers: Stampfender Büffel? Die anderen bewerten, und dann ist man Künstler. Ich war schon vor dem Kindergarten gut. Talentiert. Ich konnte: „Schiffe schräg von vorn“ – Perspektive ist nicht allen gleich gut zu eigen. Beim Zeichnen ist es ein Vorteil. Es gibt Menschen, die nie einen falschen Ton singen. Sie finden es leicht, eine neue Melodie zu lernen, hören sicher, wo die anderen sind, begreifen sofort, in welcher Tonart und mit welcher Note ein Stück beginnt. Da bin ich nicht gut. Auch die Farbe: Das Malen ist nicht gerade das, was mir selbstverständlich gelingt.

Der großartige M. C. Escher sagt, eigentlich könne er gar nicht zeichnen! Angesichts dieser wunderbaren und zauberisch verdrehten Meisterwerke, die der ja geschaffen hat, darf ich mir nicht anmaßen zu sagen, ich wüsste, was er gemeint hat. Aber – ich zeichne anders. Escher zeichnet, wie ich male. Er zeichnet ausgefeilte Kunstwerke. Ich zeichne, besonders wenn ich gerade fit bin, also tagtäglich zeichne und viel mache, treffsicher und schnell. Ich zeichne mit nur einer einzelnen, nicht gestrichelten, gut sitzenden Linie alles runter. Ich kann dafür einen Kugelschreiber nehmen. Ich radiere nicht. Wenn ich male, habe ich Deckfarben und viel Zeit, und ich zeichne nach einer anderen Zeichnung ab oder nach einem Foto. Das ist etwas ganz anderes.

Es gibt Berufe, bei denen nicht gut sichtbar wird, was „du“ heute getan hast. Im traditionellen Handwerk hast du schlussendlich ebenfalls ein Ding geschaffen, etwa wie der Maler ein Bild. Wenn du fertig bist, kannst du’s dir anschauen und sagen: Das habe ich gemacht! Wenn ich Musik mache, verfliegt der Ton, aber ich kann wiederholen, was ich drauf habe und die Musik aufnehmen. Wenn ich eine Melodie gut beherrsche, kann ich Varianten erfinden, die genau so gut wie der Chorus selbst zu den Akkorden passen. Ich kann schaffen ohne Ende. Wenn ich einen Roman schreibe, habe ich soviel gelernt, um das zu tun! Wenn das Buch fertig ist, kann ich mich selbst lesen, noch umformulieren, bis ich ganz genau sage, was mir vorschwebt. Wenn ich „im Job am Arbeitsplatz“ nur das Gefühl habe, dass es möglichst schnell Feierabend oder Wochenende werden möge, weil meine Arbeit mich in jeder Hinsicht fertig macht, dann wird das wohl dazu führen, dass ich mich nach einer Verbesserung umsehe?

Mein Vater wollte selbstständiger Unternehmer sein. So haben meine Eltern umgeschult, ein Fischgeschäft eröffnet. Erich (ich nannte ihn beim Vornamen) hat sich über die aufkommende Formulierung „Arbeitsplätze schaffen“ aufgeregt. Auch über das seinerzeit neue Wort „Job“ (anstelle Beruf), das mein Vater vorn wie J-ogurt (nicht englisch) aussprach, machte er sich lustig; über alles modische sowieso. Männer mit Bart waren ebenfalls Ziel seines Spotts. Ich glaube, dass es eher Angst vor Veränderung war als Stärke. Arbeitsplätze würden nicht geschaffen, sagte mein Vater. Das erinnere an Spielplätze. Die würden geschaffen, für Kinder. Zu erwachsenen Wählern solle man ehrlich sein. Arbeitsplätze schaffen, eine Forderung der damals populären sozialdemokratischen Politik: „Willy wählen!“ – das empfand mein Vater als verdrehende Idiotie, niemand schaffe Arbeitsplätze. Wer eine Firma führen wolle, versuche doch, mit so wenig wie nötig an Kosten und Gehältern, effizient zu produzieren. Auch: Unkrautvernichtungsmittel sei dazu da, unliebsames Kraut zu vernichten, sagte er. Deswegen müsse es so genannt werden. Man hätte jetzt „Pflanzenschutzmittel“ drauf geschrieben, was für ein Blödsinn, noch einer! So ging es jeden Tag. Mein Sohn bemerkt, dass auch ich stereotyp über die gleichen Dinge schimpfe. Ein Zeichen, dass ich offenbar alt bin. Das beunruhigt mich.

„Bassi“ (so nannte man Erich unter den Seglern) wollte ein eigenes Boot, wollte selbst steuern, auf einer Regatta und auch am Wochenende, wenn er mit Greta (meine Mutter nannte ich ebenfalls beim Vornamen) oder später mit uns allen in Familie auf Tour segeln ging. Erich wollte selbst steuern. Meine Mutter musste ihm viel zuarbeiten. Auf Regatten hatte er gern einen guten Mitsegler, der ihm taktische Tipps geben konnte. So war es auch im Geschäft. Mein Vater hatte große Ideen, unternehmerischen Mut und ein fröhliches Auftreten (als er jung war), meine Mutter musste alles durchrechnen.

Vielleicht bin ich ja ein Künstler und werde berühmt? Vielleicht auch nicht. Ich habe bereits so viele große Bilder geschaffen, das hätte ich niemals gedacht. Was mir alles schwierig war und fertig wurde! Ich war fleißig und einfallsreich. „Ich würde gern malen, aber – “, höre ich gelegentlich. Was aus diesen Bildern einmal wird? Keine Ahnung. Es ist mir kaum noch wichtig. Kunst ist Selbsthilfe. Niemand macht soviel nutzlosen Kram, wenn er nicht irgendwie muss. Kunst kommt von „nicht anders“ können. Die Fachhochschule für Gestaltung Armgartstraße, an der ich mein Diplom als Info-Grafiker gemacht habe, ist schon immer Teil einer Reihe verschiedener Fachbereiche gewesen, und dass wir ein „Diplom“ erworben haben, ist dem Problem geschuldet, dass die angewandte Grafik nicht als Kunst und nicht wirtschaftsnah zu bezeichnen ist. Heute heißt es dort HAW, das ist die Hochschule für angewandte Wissenschaften. Mir gefällt daran, dass ich sagen kann, ich wäre Wissenschaftler, eine Art Kunst-Forscher. Ich suche Lösungen, grabe in meiner Fantasie, wie der Archäologe in der Wüste. Das gefällt mir. Ich habe an anderer Stelle gesagt, dass Glück nur der Gipfel des Fühlens sein kann, und das kommt bei mir durchaus vor. Immer glücklich sein, geht das? Man würde es ja wohl gar nicht mehr bemerken. Die krampfhafte Suche nach Glück!

In einem Armstrong-Buch erzählt der Trompeter, wie ein amateurhaft musizierender Fan ihn anspricht: „Mein ganzes Leben habe ich versucht dir zu folgen Louis“, und Pops antwortet aber: „Dann bist du wohl zuallererst dir selbst gefolgt, oder?“

# Macht Glaube krank?

Alex; sie lügt wie meine Mutter, denke ich. Aus Angst, nicht aus Bosheit, sie kann es nicht anders. Es war so vertraut. Was hilft wem? „Religion ist heilbar“, das habe ich auf einem schäbigen VW-Bus gelesen, mit einem großen Peace-Symbol, hinter dem ich eine Zeitlang fuhr, bis der dann abgebogen ist. Ich bin wieder in die Kirche eingetreten. Das kam im Zuge der Erkrankung von Greta. Es war schon absehbar, dass sie bald sterben würde. Eine Beerdigung mit einem professionellen Redner anstelle eines Geistlichen? In diesem Moment wir das ernsthaft planten, wurde klar, dass es nicht ging.

Als wäre es für immer gleich, ein Moment wie eine Ewigkeit, in die ich jederzeit eintreten kann, so beständig ist diese Erinnerung: Meine schon sterbenskranke Mutter und ich sitzen nebeneinander in dunkelbraunen Ledersesseln im Wohnzimmer in Wedel. Gegenüber ist der große Mahagoni-Einbauschrank mit dem Fernseher. Ich sitze nah am Fenster, sie mehr in der Mitte vom Zimmer. Ich spüre links die Wärme des langen Heizkörpers. Es steht eine schmale Keramikschale mit Wasser darauf. Aus drei kreisrunden Öffnungen soll die Feuchte in die Raumluft verdunsten. Das milchige Licht eines herbstlichen Nachmittags erhellt uns noch durch das breite Fenster an der Seite. Meine Mutter, traurig – aber auch mutig und gefasst – ein unvergesslicher Augenblick in dieser Zeit. Als wäre dieses Zimmer noch immer so eingerichtet (und jederzeit aufzusuchen), und sie sitzt dort, wie oft. Ich kann einfach hingehen, die Erinnerung ist ein Zimmer in meinem Kopf.

Sie hat die Beine hochgelegt, auf dem passenden lederbezogenen Schemel dafür, und zwischen uns ist der kleine Tisch auf dem auch der Tannenbaum in der Weihnachtszeit stehen konnte. Unten ist er gefüllt mit den Zeitungen der letzten Zeit (im schmalen Fach die aktuelle vom jeweiligen Tag, im breiteren die der jeweiligen Woche). Der Tisch, in Form eines Würfels mit dunklen Holzleisten rundherum, ist oben mit vier weißen Fliesen hübsch gestaltet, die mein Vater anstelle der ursprünglichen Holzplatte eingesetzt hat. Als wir beginnen, nachdem wir eine Liste mit Trauergästen skizziert haben, nun über die zu spielende Musik auf der Beerdigungsfeier nachzudenken, haben wir wohl beide gerade eine Träne jeweils nicht zurückgehalten. Wir blieben cool.

Nachts – ich komme vom Klo im Cotton-Club, und Alex sitzt vorn auf der Bank, wartet auf mich. Ich sehe ihr wunderbar dunkelrotes Haar. Sie trägt es offen heute Abend, schaut nach links in Richtung der Band, die gerade eine Pause macht, ich sehe ihr Profil. (Es ist immer). Ich gehe den engen Gang an den Bäuchen der dicken Dixielandfans fortgeschrittenen Alters vorbei, wieder zurück zu meinem Platz (an ihrer Seite). Morgen ist die Beerdigung von Greta. Norbert, beinahe zu laut und fröhlich dafür; sie spielen nun „New-Orleans-Function“, und ich weiß genau, dass ich, wäre ich allein hier, selbstständig gar nicht zurück nach Hause finden kann. Alex filmt mit dem Handy: „Die Musik meines Vaters.“ Neben uns sitzt eine nervöse Frau, die auf ihre Tochter wartet die dann aber nie kommt. Ich drücke meinen dicken blauen Pullover dazwischen. Was kann man glauben?

Der Montag vor Heiligabend. Norbert singt: „What makes your big head so hard?“ Wir gehen mitten in „Caldonia“, Alex ist überrascht, dass ich mich nicht verabschiede, aber ich habe den Trompeter schon vorher getroffen. Eine kühle Dezembernacht, als wir nach der letzten S-Bahn hasten. Chaotisch glaubt sie, noch zurück zu müssen; Mütze vergessen? Nein doch nicht. Es klingt wie ein erfundenes Problem, um kurz allein zurück zu eilen. „Ich kann gut laufen!“, drängt mich Alexandra beschwörend, doch vorzugehen, um mich davon zu überzeugen, sie würde die Bahn (und mich dort am Bahnsteig) noch rechtzeitig schaffen. Irgendetwas stimmt nicht dabei, aber das macht nichts. Ich will das nie wissen! Wir sind dann unterwegs. Erst mit der Bahn im Tunnel und später im Bus. Wir schaukeln, sausen durch die Nacht: „Du fragst Sachen, die fragt nicht einmal meine Mutter.“ Wir fahren, und Alex redet und redet, und einmal endet ihr Satz ohne jeden Sinn – wie in der Luft bleiben die unfertigen Worte hängen, als sie mich mit ganz großen Augen anschaut.

Wieder Greta, das ist einige Wochen vorher: Wir gehen über den Friedhof, meine Mutter beschreibt, wo und wie sie liegen möchte. Erinnerung, im Hospiz: Siaquiyah und ich sind an Gretas Bett, und meine todkranke Mutter schläft unruhig. Mein Freund der Pastor zeichnet ein kleines Kreuz mit dem Zeigefinger auf die verschwitzte Stirn meiner Mutter. Im Winter: Ich tauche in den kalten Hafen und freue mich noch, es geschafft zu haben mit diesem Gewicht im Gepäck – Albträume und Erlösung, ich finde die neue Welt, wie Astrid Lindgrens Brüder Löwenherz. Das ist nicht krank, das ist das Leben. Und das hat nun noch so viel zu bieten? Das kann man wohl nur schreiben, wenn man erst 23 Jahre alt ist.

# Die Gesellschaft könnte kaputte Menschen recyceln?

Da gehen Leute los und möchten ein neues Organ, eine Niere ist hin. Wie ein Auto in der Werkstatt einen neuen Auspuff bekommt, geht der Mensch zur Reparatur zum Doktor. Augenarzt, neue Linse. Orthopäde: neue Hüfte. Neues Hirn? Alle Doktoren können Ärztepfusch machen, weil es gute Ärzte gibt und man prüfen kann, was der Doktor kann. Nur der Psychiater kann es nicht. Niemand weiß, was der Psychologe genau bewirkt. Hilflos ist der Seelenklempner dem Zufall ausgeliefert, dass der Patient den Weg in die Gesundheit für sich findet. Und so „begleitet“ der Arzt, der Therapeut. Er gibt ein Medikament, redet, hört zu. Vor allem das.

Wichtig ist auch die Polizei, vor allem im Sachgebiet eins. Wichtig tun die Gutachter, und sie müssen eine Einschätzung abgeben, was wir zu erwarten haben. Wir, die normalen Menschen, die Angehörigen und die, die vom Wahnsinn betroffen im Sinne der Gefährdung durch „ihn“ sind. Was wird „er“ tun? Sicherungsverwahrung? (Auch Frauen werden verrückt). Es ist aber nicht dasselbe. Es gibt unzählige Formen und Diagnosen. Wenn es möglich würde, die kranke Seele zu reparieren, wie der Klempner die Wasserleitung, wie der Chirurg das Knie, dann könnte die Gesellschaft scheiternden Menschen, auch die extremen Attentäter, gegen die wir so mutig voranschreiten sollen, stattdessen in eine gemeinsame Zukunft mitnehmen.

Ich glaube, dass wir viel zu fokussiert schauen. Wir schauen auf den einzelnen Gestörten. Wir schauen auf seinen Kopf, möglicherweise hinein. Aber weder gibt es einzelne Köpfe, noch gibt es so isolierte Menschen, dass wir das Drumherum außer Acht lassen dürfen. Ein Fehler ist, die Umgebung zu missachten. Ein Fehler ist, den ganzen Mensch, Körper und Geist, auf ein Reden im Behandlungszimmer zu reduzieren. Und dass es wirksame Medizin gibt, jemanden zur Ruhe zu bringen, wenn eine Situation eskaliert, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es keine Medizin gibt, die klug macht. Dass es Medizin gibt, die Depressive stabilisiert, ist fein. Dass ein Mensch sich positiv verändern kann, da könnte doch noch mehr möglich sein?

Wir können auf den Gestörten schaun, auf den Gefährder, aber wir könnten es zum Wohl des Sonderlings tun. So wie wir es im Moment machen, inklusive der Pannen einer ungeschickt schlecht koordinierten Polizei: Verdecktes Überwachen macht Verrückte noch gestörter. Bis es knallt. Wir denken an das funktionierende System, das empfindlich gestört wird, wenn ein glücklicher Weihnachtsmarkt in die Luft fliegt. Wir beweinen die sinnlosen Opfer. Wir stellen Kerzen auf, wir erschießen den Attentäter. Wir schauen von uns weg auf den psychisch Kranken, aber dass ist ein Narr, der uns zum Narren hält, wenn wir ihn nicht respektieren. Eine schmerzhafte und teure Angelegenheit, verstörend für alle. Warum? Einer von uns, nichts anderes. Da hat eine Jugendgang einen Rentner vermöbelt und die Zeitung bringt ein Foto vom jungen Schläger: „Er sieht sich als Opfer!“ So sind wir, das kaufen wir, das lesen wir und das bestätigt uns. Und alles bleibt, wie es ist. Schade, finde ich.

# Feldenkrais: Das Körperschema der Angst

Moshe Feldenkrais hat einiges tun können, verquastetes Denken zu entlarven, aber das sollte in der Schule unterrichtet werden. An dieser Stelle sei auf umfangreiche Literatur und zahlreiche qualifizierte Feldenkrais-Lehrer verwiesen. Was ist die Basis seiner Methode? Das ist zum einen das Begreifen, dass Lebewesen gegen die Schwerkraft ausgerichtet Bewegungen machen. Wir werden nicht im Weltall geboren, wir wachsen zuhause auf der Erde auf. Von Beginn an lernen wir in Relation zur Schwerkraft Bewegungen zu machen. Dazu hat die Natur zwei Strategien entwickelt. Der Mensch als Landtier kümmert sich weniger um sein grundsätzliches Funktionieren, er verfolgt Ziele. Damit jemand nach Plan wohin gehen kann, muss er so gehen können (oder ein Auto fahren), dass die Kontrolle über den eigentlichen Bewegungsvorgang einer selbstständig arbeitenden Abteilung seines Selbst überlassen sein kann. Wir können ein Auto fahren, ohne dass wir Motor und Schaltung genau verstehen. Ich kann Licht einschalten, Elektrizität verwenden – aber ich weiß nicht genau, wie Strom zustande kommt, so ungefähr.

Im Märchen ruft der Prinz erschrocken: „Heinrich, der Wagen bricht!“, aber dann sind es nur eiserne Bande um das Herz des Freundes, die gerade nacheinander abgesprungen sind. Wer erleben darf, wie sich die Muskulatur um die Rippen des Brustkorbes lockert und mit einem Mal begreift, wie tiefe Atmung möglich wird, kann das real begreifen. Heute wird gern der Begriff Autoimmunerkrankung verwendet. Google: In der Medizin ein Überbegriff für Krankheiten, denen eine gestörte Toleranz des Immunsystems gegenüber dem eigenen Körper zugrunde liegt.“ Etwa: Die eigenen Leute arbeiten gegen mich (wenn ich das Immunsystem als Soldaten verstehe, mich als zu verteidigendes Terrain).

Feldenkrais erkennt Bewegung als Möglichkeit, die Qualität von Gesundheit erlebbar zu machen. Er nimmt an, dass ein gesunder Mensch nichts tut, sich selbst zu behindern. Er haut nicht groß auf die Kacke, übertreibt seine Extrovertiertheit. Er drückt sich umgekehrt nicht feige an der Wand lang, wenn das gar nicht zu ihm passt. Also direkter, als im vergleichsweise abstrakten Modell einer Autoimmunstörung, bei der der Laie mit diesem Begriff seiner Krankheit konfrontiert, sich zwar vorstellen kann, er beschädige seinen eigenen Körper selbst, weiß aber nicht wie. So behauptet Moshe Feldenkrais, in der Beobachtung eigener Beweglichkeit einen Schlüssel zur Fähigkeit zu besitzen, diese leichter und fließender zu machen und im Wege angenehmerer Beweglichkeit sich weniger gegen die eigene Motivation zu stellen.

Er beschreibt den verbreitet unbewussten Mensch als ein Problem seiner selbst. Eine Methode für jedermann. Im Zuge um sich greifender psychischer Erkrankung als eine Entwicklung, die der modernen Gesellschaft zusetzt, sollte nicht nur jedermann, sondern Betroffene und Helfende im Bereich „Geisteskrankheiten“ sich zunutze machen, dass kein Geist separat ohne Arme und Beine herumläuft. Und mittendrin ist immer ein Leib, der atmet. Ob man nun will oder nicht, automatisch folgt ein Atemzug auf den nächsten. Aber wie? Die Methode des israelischen Physikers, die dieser aus der Not einer Knieverletzung entwickelte, zeigt dem Menschen Möglichkeiten zur Selbsthilfe auf, die ihm normalerweise nicht vertraut sind. Dem automatisierten Gehen, Atmen und Schlucken unserer Funktionalität, hält Moshe die Fähigkeit entgegen, bewusste Kontrolle aus Selbstbeobachtung wie ein Werkzeug zu nutzen. Bewegung generell zu verbessern. Hier geht es nicht um selbstverliebtes Herumturnen. Was ist der Sinn des Trainings?

Wenn wir uns erinnern, wie Sherlock Holmes nicht nur beobachten kann, was Watson denkt und weiter voran trottet, von einem zum nächsten, sollte klar werden, dass der Detektiv bei sich selbst ebenfalls in der Lage ist, deduktiv denkend zu begreifen. Anders als Mitläufer Watson, zieht er Schlüsse wohin die Reise geht. „Wir wollen ein anderes Denken, nicht andere Gedanken“, sagt Feldenkrais. Effiziente und bewusste Bewegung gibt dem Menschen die Fähigkeit, sich nicht unnötig zu bremsen. Die Qualität guter Bewegung ist dort, wo fließend innerhalb anatomischer Beschränkungen gehandelt die Absicht erreicht wird. Paul Watzlawick (Die Anleitung zum Unglücklichsein), schreibt treffend: „Den einen zerrt das Schicksal, den anderen führt es.“

Ich glaube, dass die Gesellschaft gut daran täte, sich in Gesamtheit zu verstehen. Nach dem Motto: Ein Land sei ein System, und da kommt es auf die Qualität der Einzelteile an. Weg vom fokussierten Blick auf die schuldhafte Stelle, hin zu gesamtheitlichem Denken. Anstelle man sich einen schmerzenden Fuß abschlage, oder gesellschaftlich betrachtet: Menschen wegsperrt, ist es möglich in besserer Bewegung des Gesamten, diese Problematik mit Integration zu lösen. Da wird nicht der Fuß amputiert sondern unsinniges Denken. Lieb gewonnene Überzeugungen aufgeben müssen, ist der Preis den wir zahlen, wenn wir uns weiterentwickeln möchten.

Maler John Bassiner? Ich habe mein unbeschwertes Lachen wiedergefunden, bin in vielem so, wie ich als Jugendlicher war, zu der Zeit ich noch gehalten von Eltern und Schule keine Karriere machen musste. Niemand kann zurück. Jeden Tag laufe ich zu Fuß durch Schenefeld – immer auf der Suche nach mir selbst? Mehr habe ich nun das Gefühl, angekommen zu sein. Wenn Schenefeld der Ort ist, an dem „ich bin“ – gemessen an den Kilometern, die ich, seitdem wir hier im Dorf wohnen, in das Einkaufzentrum, dem „Staddi“, gelaufen bin und zurück – dann bin ich von ganz weit weg hierher gekommen. Ich fühle mich nun zuhause.

# Der Grund psychischer Erkrankung in Abhängigkeit von Bezugspersonen

Wir sollten uns auf die Suche nach dem Grund einer Erkrankung machen, das ist keine schlechte Idee. Der Psychiater ist gern anderer Meinung. Der Grund sei eh nicht exakt auszumachen, der Arzt beschäftigt sich lieber mit der Gegenwart. Meiner Auffassung nach wollen junge Menschen, die psychisch krank werden, die Probleme ihrer Eltern lösen. Als Kind bist du abhängig vom wohlwollenden Rahmen. Das sind für gewöhnlich deine Eltern. Die Eltern sind aber auch einzeln unterwegs. Ich kann: „die Eltern“ sagen, aber das ist bereits abstrakt. Vater mag, was Mutter verbietet und so was. Dazu kommt, dass Eltern, jedes Elternteil für sich, mit eigenen Problemen kämpfen. Die kennen wir ja nicht. Kommunikation ist eine verzwickte Sache, sie findet auch in Mimik statt. Auf diese Art „erbt“ das Kind Verhalten, auch das Gegenteil von dem was es spürt, falsch, wie der „kluge Hans“ (ein Pferd) vermeintlich zu rechnen lernte. Die eigene Formel der Erklärung emotionaler Krisen der Vergangenheit, im Modell alter Muster aktuell in der Gegenwart nachzuerleben, kann nützen. Was das genau heißen soll, möge bitte jeder für sich selbst allein herausfinden.

# Der selbstständige, gesunde Mensch

Mein Ideal ist unerreichbar! Eine feine Sache: Für Verbesserungen gibt es keine Grenze. Das Optimale kannst du definieren, das Normale nicht. Wir wissen nicht, was krank ist, solange wir vom Normalen ausgehen. Ein Denkfehler, er könnte leicht korrigiert werden. Ein alter Freund ist neuerdings unsicher: Würde er überhaupt merken, ob er allmählich depressiv wird? Er spürt, dass was anders ist, seit er nach erfolgreichen Jahren schließlich aus dem Ausland heimkehrte. Er fühlt sich unterfordert – aber auch nicht motiviert zu neuen Anfängen und überlegt, was in seiner Situation normal wäre: „Lass’ uns im Sommer segeln gehen“, meint er. Wie um sich selbst Mut zuzusprechen?

# Mutig gegen das Normale!

Was ist ein normaler Mensch? Darüber sollte jeder für sich nachdenken. Karl Lagerfeld, der gute Zeichner und scharfsinnige Humorist: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, dem ist es leider gerade trotzdem passiert: Er hat die Kontrolle und das Leben verloren, und er fehlt. Aber war der normal? Der war nicht krank, oder? Ein guter Gedanke, ob wir es mit einem gesunden oder kranken Gegenüber zu tun haben, ist wohl zu prüfen, ob mein „neuer Freund“ frei und offen lachen kann?

Nicht für ein gutes Foto, ein Doppel-Selfie oder das Plakat zur Wahl ins Amt der VerwaltungschefIn. Professionell eingeübte Authentizität nützt der Karriere. Freundschaften kann man damit nicht gestalten. Das spontane Lachen, das nichts kostet, nicht nützt: Einfach so. Kinder können das meistens, und dafür gibt es kein Stück Zucker oder ein: „Gut gelacht, Kleines.“ (Für eine gute Note im Zeugnis gibt die Oma einen Euro). Wir finden Zeitgenossen, die kommen nie über ein spöttisches oder melancholisch schiefes Lächeln hinaus.

Da ist kein Freund: Ein dicker Opel ist ihm sein BMW der anderen? „Ein Popel nur, er kann mich nicht leiden.“ Du begreifst spät, dass sich dein scheinbar sympathischer, dicker Kumpel nur von einem Spruch zum nächsten hakelt: „Er ist mir (vom Bahnhof schon) nachgelaufen“, der Schatten-Mann. Asterix waren wir, Obelix. Der Detektiv Nick Knatterton auf heißer Spur? Lucky Luke, der Mann, der schneller schießt als sein Schatten? Ich habe einen, meinst du? Da spring’ ich noch drüber.

Wer sein Lachen verkauft …

🙂