Ein Donnerstag im Januar, kurz vor 9 Uhr. Ich schiebe die Rippen im Velux hoch, schaue aus dem Fenster nach Westen. Mein Atelier ist im Dachgeschoss. Das Westfenster in der Schräge hat eine gute Jalousie. Abends mache ich hier zu. Die auf der gegenüberliegenden Seite, noch mit Bändseln ausgerüstet, verkanntet immer, stürzt regelmäßig aus der Spur. Wenn es im Winter früh dunkel wird, reflektieren die Lamellen das Licht im Atelier, wie es das schwarze Viereck nach draußen hin nicht könnte. Ich male ungern mit Lampenlicht. Dieses Fenster kann ich auch senkrecht in die Öffnung kippen (das andere klemmt), und wenn ich mein schmales Telefonbuch zwischen Rahmen und Begrenzung quetsche, hält es tadellos zum Lüften.

An diesem Morgen, als es noch dunkel war, habe ich letzte Sterne gesehen. Windstill ist es gewesen, beinahe, und der Löwe (ein Bote des Frühlings) hatte sich bereits weit in den Südwesten begeben. Im Zenit der große Wagen. Der Nordstern; wieder einmal kontrollierte ich den Punkt darunter, ihn exakt zu loten, die Flucht zum Pol genau zu bestimmen. Vom Orion keine Spur mehr. Der Winter, im Januar schon auf der Flucht. Auch was die Temperatur betrifft, es ist knapp zweistellig über null.

Später. Nun habe ich gefrühstückt, schiebe den Rollladen auf, und da sehe ich diesen wunderbaren Regenbogen!

Die Sonne mag um halb acht bereits gut über dem Horizont sein, und auf dieser Seite türmen sich nun dunkle Wolken, in der Mitte noch warm angeleuchtet, in einem orangen Ton, sind sie links und rechts dunkelgrau und violett. Über allem, in einer gut überschaubaren Größe, steht der wunderbare Bogen. Er ist massiv in den Farben und ein nirgends unterbrochener halber Bügel wie ein mächtiges Tor. Links entspringt er in einer kleinen Baumgruppe, mein Wald. In der Mitte wölbt sich das farbige Band und bildet seine Brücke noch locker über die Spitzen der großen Koniferen, um dann rechts hinterm alten Backstein des Hauses an der Straße gegenüber zu enden.

Ein Abgasrohr fällt auf. Dort ist sicher der Pott mit dem Gold? Das ist aber nur ein moderner Schornstein, dessen Spitze in der Sonne glänzt.

Kein Rauch, kein Feuer mehr, und Friede auf Erden.

Ein toller Regenbogen!

Das habe ich genauso vor einigen Jahren auf Fehmarn gesehen. Die Ereignisse, die mein Leben so grundsätzlich verändert haben, waren damals noch voll im Gange, keine leichte Zeit. Auch dort habe ich in der Früh nach Westen geschaut. Unser Balkon, wir wohnten im ersten Stock. Der Bogen stand über dem Giebel des benachbarten Ferienhauses.

Ein grell angestrahltes, gleichseitiges Dreieck, darüber der bunte Halbkreis. Geometrie wie in der Schule, Mathematik, eine penetrante Symmetrie. Rötlich und ein wenig orange (mit zwei kleinen Fensterchen wie eckig schauende Augen) stand die Form unter dem farbigen Band. Ein Pakt mit Gott habe ich gedacht, das soll es sein, und heute für mich. Es hat mich gestärkt, Mut gemacht! Ich dachte an das Versprechen, das Gott Noah gegeben hat und allen, die nach ihm kommen. Vertrauen in die Welt um mich herum. Sie hält was aus, ist stabil, auch in bösen Zeiten, schlechten Momenten, und wenn wir den Attacken anderer ausgesetzt sind und unsere Fehler nicht wahrnehmen, unsere Schuld nicht erkennen, die sie uns zuweisen. Der Regenbogen? Vertrauen in das, was ich tu’ – ein Zeichen. Heute Morgen habe ich wieder daran gedacht: Wir erneuern unseren Bund. Du bist noch da, und ich bin auch noch hier auf Erden, so etwa.

Ich probiere, ein Foto zu machen.

Es ist zu groß, zu breit, geht nicht rauf. Nicht das Ipad oder die kleine Digitalkamera genügen, den weiten Farbenkranz einzufangen. Ich hätte dafür ein Weitwinkelobjektiv benötigt. Dann versuche ich’s nicht länger und schaue nur noch kurz: Es ist beinahe windstill. Leichter Niesel setzt wohl gerade ein? Ich schließe das Fenster, mache die doofen Lampen an. Nun wird es draußen finster.

Ich schaue auf das angefangene Bild. Das nackte Mädchen, meine Europa auf ihrem Stier Zeus. Es haut sie von den Socken, als der Wal spritzt, das Rind bockt. Und sie ist verankert in Bondage. Sie reitet auf hoher See.

Es scheint ein weiterer dunkler Regentag zu werden, an dem die Lampen einzuschalten nötig ist …

Ich setze mich auf den Bürostuhl, suche die „Zweimeterbrille“, die ich immer nehme, um meine großen Bilder als Ganzes anzuschauen. Sie hat auf voller Glasbreite ein und dieselbe Sehstärke für etwa diese Entfernung. Mein Bild ist einszwanzig breit und einen Meter hoch. Mit Gleitsicht kann ich arbeiten, aber in aller Ruhe schauen wie früher? Dafür nehme ich gern diese Spezialanfertigung. Ich vergesse den Regenbogen, den Niesel, das schlechte Licht. Ich trinke einen Kaffee und schaue zu sehen, was ich nur morgens sehe, wenn das unfertige Bild wieder neu ist. Am Abend habe ich viele Stunden gemalt. Dann bin ich betriebsblind.

Ich lehne mich im Stuhl zurück, und der knarrt vertraut, der Kaffee schmeckt. Ich schaue auf die grauen Wellen, die ich gestern malte und das verlorene Mädel auf dem Bulln. Stürmisch geht die See, aber nicht windig genug scheint mir mein Meer. Ich denke: Ob ich das noch hineinmalen kann?

Huuii!!

Da erzittert das Haus.

Mein Atelier erbebt, Regen knallt plötzlich auf die Fenster – es brüllt das Wetter, der Wind.

Eine schwere Bö zieht durch!

Damit habe ich gar nicht gerechnet.

Eben noch ist es ganz flau gewesen. Der schönste Regenbogen, der warm eingefärbte Himmel, seine dunklen Seiten hatte ich gar nicht recht bemerkt. Natürlich, der leichte vorwegfliegende Regen, das hätte mich stutzig machen müssen: „Kommt der Regen vor dem Wind, Segler steck’ ein Reff geschwind!“ Klar, jetzt erinnere ich mich, gestern Abend: „An der Nordsee stürmisch“, hatte Özden Terli gemeint. „Gut, dass wir nicht los sind“, kommentiert man solche Momente unter Freunden an Bord: „Jetzt auf See und kein Boot, in jeder Hand zwei schwere Koffer.“ Sprüche dieser Art sollen dem Seemann den nötigen Galgenhumor passend zu seiner Not geben. So ist das auch mit Gott und dem Pakt, die Beziehung zum Menschen, überhaupt: Beziehungen. Der Regenbogen ist ein Versprechen aber kein Freibrief, unbeschwert und naiv loszusegeln, sondern eine gegenseitige Verpflichtung steckt darin: Vertraust du mir, befiehlst mich deiner Wege, so bleibe selbst auch auf diesem Weg und tue deinen Teil. Humor hilft. Das bekannte Endlosgedicht kommt mir in den Sinn:

… wird das Wetter wieder schön!

Man sieht den Hund zur Herde gehen …

Der Schäfer bläst auf der Schalmei, Hund und Herde zieh’n vorbei.

Ein neues Wetter zieht herauf.

Wolken ballen sich zu Hauf!

Donner grollt. Regen fällt ohn’ Unterlass, Hund und Herde werden nass.

(Eine kleine Pause machen, andere anpusten, Faxen einbauen, Schüttregen und Wettergeräusche intonieren – dann weiter vortragen).

Nun wird das Wetter wieder schön!

Man sieht den Hund zur Herde gehen …

Der Schäfer bläst auf der Schalmei, Hund und Herde zieh’n vorbei.

(Eine bedeutungsschwere Pause machen, das entsprechende Gesicht).

Ein neues Wetter zieht herauf.

Wolken ballen sich zu Hauf!

Regen fällt … usw.

Etwa zwanzig Jahre habe ich gebraucht, die Antwort auf eine Frage zu finden; und dann habe ich darüber doch tatsächlich den Hochzeitstag vergessen, peinlich, unverzeihlich, ja.

Nun wird das Wetter wieder schön!

Man sieht den Hund zur Herde gehen …

Der Schäfer bläst auf der Schalmei, Hund und Herde zieh’n vorbei.

Ein neues Wetter zieht herauf.

Wolken ballen sich zu Hauf!

Rumms.

Regen fällt ohn’ Unterlass –

Hund und Herde …

🙂