Es ist nicht verkehrt, sich nach einem Grund auf die Suche zu machen, wenn man etwas nicht versteht. Nach „dem“ Grund, sollte hier eventuell stehen, um genau zu sein. Ein Leben voller Ausflüchte, ein Leben auf der zwanghaften Suche nach Lob und Anerkennung ist die normale Alternative. Die Suche nach dem, was uns bedrückt, irritiert oder verstört, kann von einer Flut von Eindrücken verdrängt werden. Sie verstellen wie dichtes Urwaldblattwerk den Blick auf ein hartnäckiges, kleines Problem: Ein schwarzes Loch im All, ein weißer Fleck auf unserer Karte, die eigene Macke! Schwer erkennbar, weil sie so vertraut und gewohnt ist.

Aus dem Malen heraus habe ich gelernt, meinen Alltag angenehmer zu machen. Angenehm bedeutet nicht entspanntes Glück die ganze Zeit. Es bedeutet, im Zulassen von Zorn und Angst in der Bandbreite möglicher Gefühle Unterschiede zu bemerken, und das ist (in dieser Summe) mehr als angenehm. Vielen bleibt das Glück vollkommener Emotion verbaut, durch den Rahmen von Gewohnheit, Erziehung und gesellschaftlichen Zwängen. Unangenehme Dinge ereignen sich nun mal. Menschen gefällt es nicht, unglücklich zu sein oder ärgerlich. Man kann lernen, sich für Kummer nicht niederzumachen. Peinliche Dinge möchten viele gern vermeiden, und Gewalt ist verpönt. Auf der anderen Seite kommen wir tagtäglich in Situationen, die nicht einfach sind. Umgebung und die notwendigerweise anzusteuernden Stationen auf unserem Lebensweg, weil einiges unserer Vergangenheit uns festlegt, bestimmen den Lebensweg mit und beschränken unseren Willen und unser Geschick zum Glück.

Manchem reicht banaler Zwang, um in der Behörde durchzuknallen: Ich benötige vielleicht einen neuen Personalausweis, weil der abgelaufen ist? Schließlich ist der Ausweis in der Ausgabestelle der städtischen Behörde eingetroffen. Ich gehe (am Folgetag nachdem ich darüber informiert wurde) auf das Amt und hole den neuen Personalausweis ab. Es gibt genug Beispiele dieser Art, bei denen wir verpflichtet sind, etwas zu tun. „Ohne Krankenversicherungskarte ist man kein Mensch“, sagte mir einmal der vertraute Arzt, das war ironisch gemeint? Unser Wille wird gern beschworen, aber die anderen um uns herum wollen auch einiges. Oft können wir uns dem nicht entziehen. So ist es wenig verwunderlich, dass sich Situationen zuspitzen, weil eine beteiligte Person von einer dumpfen Umgebung unbemerkt an ihre Grenze und darüber hinaus verschoben wird. Die allgemeine Gesellschaft: Sie möchte gar nichts dafür können, wenn jemand aus der Haut fährt?

Auch sonst (in der Medizin und anderswo) gern getan, der pseudodetektivisch kluge, aber isolierte Blick: Zwei Bandscheiben verkeilen, und doch ist die ganze Wirbelsäule schlecht gehalten, warum sehen wir nur die schadhafte Stelle an? Ein einzelner Mensch wird zum Fehler vom Dorf schlechthin hin vorverurteilt. Jeder kennt ihn, und jedes Dorf hat einen Apfelfestbomber oder Reichsbürger. Niemand der integrierten anderen will irgendwie dran mitschuld sein, sagt mit Überzeugung, das ist er: der Spinner. Was tun? Zu lernen ist, sich das Ausrasten selbst nicht so übel zu nehmen. Eine gewaltfreie Welt ist nicht erreichbar, war nie da und wird nie sein. Sie ist weniger als eine Utopie, sie ist schlichtweg eine dumme Ideologie, mit der man kleine Mädchen in die Klapse treiben kann. Verurteilen ist leicht, verstehen ist schwieriger. Die Gefängnisse sind stets gut gefüllt, und fragen Sie mal rum, die meisten finden das gut. So viele Gute leben Seite an Seite mit mir, die würden nie in die Lage kommen, gerichtlich verurteilt und gar weggesperrt zu werden. Sie sind sich scheinbar sicher: „Das hat sie (die!) auch verdient“, meinen viele, wenn das Gespräch auf einen bekannten Fall kommt. Bei näherer Bekanntschaft fallen Verurteilungen wackliger aus.

Nicht jeder hat gleich einen Mörder oder eine Hochstaplerin Anna im Bekanntenkreis. Aber eine depressive Mutter, den manischen Onkel, der im Zwang auch mal ernsthaft Geld verbrennt oder ein anderes irgendwie inkorrektes Mitglied, das gibt es in jeder Familie. Ein auffälliges Kind, das kommt vor. Ich möchte in Erinnerung rufen, dass wir alle Menschen kennen, die Anlass dazu geben, nachzufragen warum etwas so ist: bei mir oder uns. „Warum ich, warum bekomme gerade ich so ein Kind“, sagt eine Freundin, „in ganz Hamburg ist niemand mit diesem Gendefekt. Deutschlandweit ein paar nur, so selten ist es. Und ich wusste nicht einmal, dass ich das habe, warum?“ Das sagt sie mit normaler Stimme, aber für mich klingt es wie ein Schrei. Du darfst schreien, denke ich.

Anderen scheint weniger wichtig, warum irgendetwas ist, sie leben einfach. Wenn wir uns jedoch fragen „wie“ wir etwas machen, bedeutet es genau zu beobachten und dem Sachverhalt nachzuspüren. Wer zu fragen beginnt: Wie kommt das? macht die überraschende Erfahrung, näher an die Antwort auf die Frage zu gelangen: Wie kann das sein? und das ist beinahe ein: Warum nur? Wie male ich ein großes Bild? Es mag wie Haarspalterei scheinen, wie und warum auseinanderzuhalten. Warum lebe ich, warum wurde ich in Wedel geboren, warum regnet es, so etwas lässt sich nicht gut beantworten. Wie ich beim Malen vorgehe, ich kann mich das fragen und eine einigermaßen treffende Antwort finden. Wenn ich darauf achte, wie ich etwas mache, komme ich dem eigentlichen Grund warum ich’s tue näher. Ich weiß, wer ich bin, was ich kann und was nicht. Kenne meine Position, meine aktuelle Richtung und erinnere, wo ich hergekommen bin. Es gibt in einem Buch von Max Frisch diesen (wiederkehrenden) Satz: Ein Mann (oder jemand, das erinnere ich nicht so genau) hat eine Erfahrung gemacht, wo ist die Geschichte dazu? Das habe ich gelesen als ich jung war. Das ist doch ein Widerspruch, hat da jemand sein Gehirn zuhause liegen lassen? Wenn ich eine Erfahrung mache, weiß ich was ich erlebte. Nur wer sein Erleben reflektiert kann das in Erfahrung verwandeln, und die anderen bleiben eben doof, sie erleben bloß. Das ist doch gerade, was den reifen Menschen vom Idioten unterscheidet. Ich muss wissen, wie es war – und dann erst erfahre ich mich selbst. Frisch will uns hinters Licht führen, so sind Schriftsteller. Er behält seinen Scheiß für sich und möchte trotzdem petzen, das ist es.

Heute verwende ich Leinwände, die ich fertig bespannt und weiß grundiert im Fachhandel kaufe. Ich habe mehrere Bilder im Format 100 x 120 cm gemalt, sind das große Bilder? Klar, man kann größere Formate bemalen, und einige kommen über 30 x 40 cm zeitlebens nicht hinaus. Größe ist relativ. Als ich das Bild „Schenefeld Dorf“ malte, in tatsächlich 70 x 120 cm, war ich schon stolz, das geschafft zu haben. „Wer soll denn so ein großes Bild kaufen“, meinte meine Mutter dazu. (Das Bild wurde verkauft). Ich habe schon im Text „Warum malen?“ zu begründen versucht, wie sich mein Antrieb, überhaupt zum Malen gekommen zu sein, herleiten lässt und ein wenig befriedigendes Textfragment fabriziert. Klar, ich war seit meiner Kindheit talentiert, bin dabei geblieben, meiner Neigung treu geblieben, malend schließlich dort angekommen, wo ich nun bin.

Kommen wir zum wie, und da kann ich erzählen, dass ich im Studium an einem Bild in ungefähr dieser Größe, mehr als einen Meter breit und hoch, gescheitert bin. Dieser „Schinken“ (so nannte meine Oma ein großes schwer gemaltes Ölbild, wie es vielleicht bei irgendeinem Onkel im Wohnzimmer hängt) steht umgedreht im Keller des Hauses meiner Eltern und wird möglicherweise bald einer Entrümpelung zum Opfer fallen. Inzwischen scheitere ich nicht mehr am Format, alle späteren großen Bilder wurden fertig. Man muss es wirklich wollen. Diese nicht wirklich zu erforschenden Gedanken warum ich male, mischen sich hartnäckig in solche hinein, die pragmatisch beschreiben, wie ich das mache, warum? Insofern, ich habe das schon angedeutet, halten wir einen Schlüssel zu unserem Herzen, zu unserem Selbst in der Hand, wenn wir dieses Denken als nützliches Instrument besserer Orientierung begreifen.

Die Bewusstheit meines Tuns ist mein individuelles Navi.

Ich könnte einfach behaupten, na ja, links oben fange ich an zu malen und rechts unten in der Ecke bin ich nach drei Wochen fertig, so ist das. So ist es aber nicht. Eine Antwort auf die Frage, wie ein Bild von mir gemalt wird, lässt sich nur mit der Beschreibung meiner täglichen Motivation weiterzumachen erklären und den Strategien, mich in diesen Zustand zu versetzen. Was muss ich typischerweise anstellen, um etwas an dem Bild zu tun, und was bedeutet das praktisch auf der Leinwand? Schwer zu sagen. Sie sehen schon, es macht mir Umstände, eine genaue Antwort hinzubekommen. Es braucht einen ganz persönlichen Grund für das jeweilige Bild. Etwas, was ich nicht gut mit Worten sagen kann, und genauso für mein Durchhaltevermögen das Bild fortzumalen, über viele Wochen. Anerkennung und Geldgewinn sind kein Grund, es geht tiefer.

Der Kauf der Leinwand bei Boesner ist einfach. Da ist alles fertig abgepackt, man muss nur an die kleinen Keile denken, die sind extra, und man bekommt sie in genügender Menge so dazu. Man kann zu Jerwitz gehen, wenn es einem bei Boesner nicht gefällt und bestimmt gibt es noch andere gute Anbieter fertig grundierter Leinwand. Zu Beginn malte ich auf Holz, Tischlerplatte aus dem Baumarkt, und die Rückseite dieser Platten habe ich ebenfalls angemalt, damit das Holz nicht krumm wird. Dann habe ich diese Bilder mit Aluminiumleiste gerahmt, wie ich es von Otto Ruths gelernt habe. (Otto war mein wichtigster Prof. und Freund). Das große Bild im Keller, das aus dem Studium, dieses Ding, das ich nicht zu Ende brachte, ist auf einem selbst zusammen montierten Keilrahmen gemalt, den wir in einzelnen Leisten bei Jerwitz einkauften. Dazu gab es einen großen Lappen echter Leinwand, und die haben wir unter fachkundiger Beobachtung von Almut Heise mit dem Keilrahmen verbunden, wir haben sie angetackert. Dann wurde mit weißer Wandfarbe grundiert. Ich machte eine Skizze, bevor ich malte, und die Professorin bewertete diese so: „Gut. Ohne Vorbereitung klappt es nicht. Aber zu exakt darf die Skizze nicht sein. Sonst erlebt man auf dem Bild nichts mehr.“ Darin steckt wieder diese Befürchtung, dass bei zu genauer Vorbereitung etwas vorweg genommen wird, die Motivation das eigentliche Bild umzusetzen beschädigt und weiter die Weisheit, dass das Malen so befriedigend ist, weil du dabei etwas erleben kannst. Du kannst haben, dass du dich selbst überrascht, weil einige formale Lösungen erst während der Arbeit im Prozess der Herstellung erschaffen werden. Auf der anderen Seite führen viele Wege nach Rom. Mancher bereitet sich gern gut vor und ist grad deswegen kreativ, jemand anderes darf sich nicht festlegen, um die Inspiration nicht zu gefährden.

Auf meine Unsicherheit wie vorzugehen sei gefragt, antwortete die Professorin Heise: „Sie müssen eben überall mit allen Farben malen.“ Ihr Kollege Otto Ruths entgegnete: „Gut ist auch, den Farbton für speziell eine bestimmte Stelle exakt zu ermitteln.“ Was ich wie einen Widerspruch begriff, muss das nicht sein. Heute mache ich’s so: Ich male fleckig, mit reichlich verschiedenen Farben wie ein Impressionist und verdichte im Prozess allmählich, bis ein nahezu einheitlicher Ton ermittelt ist. Es muss noch leben. Kleine Durchblicke lassen den Blick unter die farbige Fläche zu. Es sind Augen: Sie erzählen die Geschichte ihrer Entstehung. Ein wenig Buntheit bleibt rhythmisch verstreut stehen. Das heißt korrekt: das malerische Prinzip.

Netterweise muss ich meinen Professor Grossmann erwähnen, der machte das zum Selbstzweck. Pünktchen malen, nannten wir das leider abwertend. Weitere Namen führen zu weit, ich bin nicht mehr Student. Annamaria Rucktäschel. Gero muss seinen Platz bekommen, gewürdigt als Professor, Mensch und Freund: Bei Gero Flurschütz studierte ich „Informative-Illustration“ und gelangte zu einem Diplom. Was immer das heißt.

„Ich will sehen, ob ihr das Bild schafft, oder das Bild euch“, sagte sie, die feine Almut Heise, die im Nachhinein wichtigste von allen, und sie sagte auch solche Sachen: „Das Gemälde muss für diesen Zweck mindestens einen Meter breit und hoch sein, eventuell noch ein wenig mehr. Nicht zu klein. Malt ein Familienbild, Menschen die ihr kennt. Stellt eine Gruppe auf. Die müssen real zeitlich, wann sie lebten oder noch leben, so gar nicht zusammen gewesen sein. Malt eine fiktive Gruppe, auch stilistisch, ihr könnt so oder so malen, denkt darüber nach, was ihr eigentlich wollt. Die Gesichter sollen groß und gut erkennbar sein. Aber nicht größer, als ein Gesicht in der Natur ist. Porträts, die größer als wirkliche Gesichter gemalt sind, machen keinen Sinn.“ Niemand malte sein Bild zu Ende. Wir waren alle voller Begeisterung angefangen. Frau Professorin Almut Heise saß, kaum mal mit uns redend, schon zeitweise mit im Raum, trank vielleicht ein Bier (aus der Flasche), las etwas. (Eine wunderschöne Frau, manchmal gab sie Geschichten zum Besten, und wir haben sie auch in ihrem Atelier besucht).

Wir durften auch zu allen möglichen anderen Zeiten in den Raum, wenn etwa keine Vorlesungen sonst wo stattfanden. Und das nutzten wir, nach ein oder zwei Semestern am Bild irgendwie, um einer nach dem anderen, klammheimlich, jeder mit mehr oder weniger eingekniffenem Schwanz, unser Bild nicht recht fertig gemalt, nach Haus zu nehmen. Wir umschifften das Thema bei späteren Treffen. Susanne fing in der Werbung was an zu machen, ich illustrierte (weit unter meinem Talent) die Zeitschrift Yacht (am Computer). Dass ich heute male, verdanke ich so sehr dieser lieben Almut Heise, das weiß ich jetzt.

Man muss es also wollen, sonst schafft man so eine Fläche nicht. Zum Wie gehört der innere Antrieb, und den muss ich starten können. Der Beginn für ein neues Bild, ist bei mir dort zu suchen, wo ungefähr das aktuelle Bild fertig wird. Natürlich gibt es Überschneidungen. Man denkt ja in einem fort. Bevor ich auf der Leinwand beginne, bereite ich mich vor. Wenn ich die Leinwand auf die Staffelei stelle, zeichne ich mit Bleistift ein Raster darauf und übertrage vorher entworfene Elemente nach Plan. Ich male nicht drauf los. Ich möchte spontanes Tun nicht abwerten: Man kann toll in der Natur schaffen. Ich mache was ich mache, weil es mir so gefällt und nicht weil es die richtige Methode ist. Ich kenne die richtige Art, ein Bild zu malen, nicht. Ich habe ohnehin kaum Malerei studiert oder gelernt. Ich kann wirklich gut zeichnen, und da weiß ich genau, warum und wie und alles, was du wissen willst. Malen ist mir die autodidaktische Selbstbefriedigung. Das kann ich nicht. Das mache ich, so gut es mir eben gelingt.

Ich male nicht einfach ein Foto ab. Ich möchte eine Geschichte erzählen. Ich möchte etwas sagen, aber nicht mit Worten. Ich möchte, dass ich mein Bild schön finde! Mir liegt nichts am rumgeschredder mit Spachtel oder so. Ich löse eine ästhetische und thematische Problemstellung, erforsche, wie ich etwas ausdrücken kann, was ganz genau mich betrifft und deswegen auch andere. Ich fange bei mir an. Ich frage nicht: „Was könnte interessieren?“ Ich beginne dort, wo es mich nicht mehr loslässt. Auch zu beschreiben ist, dass jedes Bild auf vorangegangene Bilder folgt und insofern ein Fahrwasser meines Lebens abgesegelt wird, eine Entwicklung. „Mal doch mal deine Familie“, sagte meine Freundin (nicht die mit dem Kind) abschließend – und ging „ganz weit“ weg; das klang so doof für mich, nach allem was war – gar nichts begriffen!

Jetzt ist der thematische Rahmen ungefähr erklärt, zugegeben so, dass nicht all zu viel gesagt ist. Aber die Inhalte sollten ja ästhetisch transportiert sein, da muss ich’s nicht haarklein schreiben? Ich habe eine Idee, ich skizziere eventuell, beginne Fotos zu machen, suche passende Fotoelemente im Internet, und ich montiere am Computer eine Arbeitsgrundlage für das Bild. Dann übertrag ich das per Bleistift und mit Pauspapier, nachdem ich ausdruckte, auf die Leinwand. Ich verwende eine dunkle Farbe, wie Indigo oder Vandyckbraun und fange damit an, Teile der Zeichnung malerisch konkret werden zu lassen. Wenn etwas nicht so treffend gelingt, beginne ich mit weiß zusätzlich.

Nun kommt es drauf an, wonach mir ist, schwer zu begründen; es kommt vor, dass ich inselhaft einen kleineren Teil farbig recht vollständig ausführe und den Rest der Leinwand einfach weiß stehen lasse oder ich sehe zu, möglichst zügig eine Art Untermalung überall hinzubekommen, so dass das Ganze recht fertig wirkt. Das mache ich mal so, mal so. Wichtig ist, nicht überall gleichzeitig etwas anzufangen. Etwa, als würde man, nachdem man sich ein renovierungsbedürftiges Haus gekauft hat, ausgestattet mit einem großen Traum, wie das alles mal werden wird, übernehmen. Man saniert in jedem Raum nur einen Teil, und das selbstgeschaffene Chaos ist schließlich erdrückend. Besser ist es, einen Fußboden fertig zu verlegen, sagen wir im Wohnzimmer. Du kannst alle Fenster übermalen und anschließend machst du die Küche. Schlecht wäre, den neuen Fußboden an einer Stelle ein wenig anzufangen, parallel in die Küche zu gehen, mit einem Teil der Arbeit. Die alten Tapeten etwa: sie werden an einer Wand halb runtergekratzt oder drei Kacheln versuchsweise abgeschlagen, aber dann seid ihr erschöpft! Ihr könnt den Laden nicht mehr sehen. Mit einer Vision von neuer skandinavischer Frische brecht ihr auf. Ihr kauft im Sonderangebot vier Farbeimer mit Schwedenrot im Baumarkt, und deine Freundin malt mit Tränen vor Glück wie alles werden wird ein Fenster links vorn der Straßenseite rot an. Das kann so in der Vielzahl der begonnenen Baustellen im Messiehaus enden!

Deshalb ist die Grundregel: Ein Bild muss immer fertig sein. Das ist wichtig. Fertig bedeutet, am jeweiligen Tag genau so lang zu malen, bis etwas dasteht das morgen oder nächste Woche, wenn ich wieder dazu komme weiterzumachen, gefällt (und Anreize gibt wieder loszulegen). Wenn ich wieder dran gehe genauso: Wo ist das Bild gerade jetzt noch am schlechtesten? Wo ist die aktuell schwächste Stelle? Dort zu malen, dazu muss man sich eventuell zwingen. Es ist nicht gut, eine gute Stelle immer besser zu machen. Es kann schwierig sein, diesen nötigen Ort an dem man sinnvollerweise weiter malt, auf der Fläche genau zu lokalisieren. Wenn du dir aber recht sicher bist, findet sich auch die starke Motivation, genau hier voranzukommen. Immer gut arbeiten, schnell voranmachen, was ist nun richtig? Sei gründlich. Es ist schlecht, eine Sache hinzupfuschen, im Gedanken das reicht erstmal. Schlechte Stellen sind schlecht und ziehen alles runter. Dazu musst du wissen, was du genau als schlecht empfindest, das ist wichtig!

Da kommt irgendwann der Punkt: Mein Bild, jetzt kann es nicht mehr weg! Wie soll ich das sagen? Es gibt auf dem Weg fertig zu werden auch Zweifel. Manchmal eine schlimme Sache, wer gibt es gern zu? Das sind so Schwierigkeiten, man hat einen Sinn dafür, wie das Auge des Betrachters den Elementen auf der Fläche gern folgen möchte, Schwerpunkte und Spannungen durch die Richtungen und thematische Kanäle einer Bildidee geleitet zu werden, und spürt wenn es Fehler in dieser Logik gibt. Das ist beinahe eine unbewusste Angelegenheit, eine Art Denken direkt in Farbe und Form. Nun möchte man Stabilität, und so wie es beim Segeln einer Regatta heißt, die Schläge auf die Luvtonne müssen immer kürzer werden, muss man dem Bild als Ganzes zielführend zuarbeiten. Effektivität bedeutet einen Rohling vom Bild zu erwirken, der schon gut funktioniert. Es beginnt Spaß zu machen, darauf herumzuschauen. Das ist wohl, wenn überall Farbe ist und einigermaßen exakte Form, es sieht nicht gepfuscht aus, ist noch gut zu steigern, wir freuen uns drauf, farbliche Spannungen bald gekonnt ausreizen zu können, wie eine gute Trimmung des Segels, aber es fährt auch so schon gut los.

An einem Bild viele Tage oder Wochen arbeiten? Das ist nicht die Abiturklasse im Kunstleistungskurs. Ein ganz eigenes Bild zu erfinden, ist nicht das Kulturhaus soundso, das einen Wettbewerb zum Thema „x“ ausruft (so etwas ist nur für spätberufene KünstlerInnen befriedigend). Man kennt sich irgendwann. Das wird entscheidender, als Bilder zu verkaufen. Wie ich lebe, wird wichtiger als die Existenz an sich. Ich kümmre mich drum, gleich dem Seemann, der sagt: „Eine Hand fürs Schiff, eine für dich selbst.“ Wie finde ich mein Thema, was ist ein originaler „Bassiner“? Ich versuche exemplarisch, irgendwo einzusteigen. Erzähle, wie „Verwurstete Heimat“ entstand oder „Schöne Worte“, um dann die komplizierten Strukturen anzudeuten, die heute bei mir in Bewegung kommen. Und die einfachen Anfänge motivischen Denkens vom Beginn, das deute ich auch an.

Ich arbeitete damals Tag für Tag in einem Beschäftigungsverhältnis das später unter dem Begriff „Schein-Selbständigkeit“ einzuordnen war, kann sein, dass es daran scheiterte? So fing ich unvernünftigerweise an zu malen. Ich malte aus dem Fenster raus den Hinterhof, malte einen Leuchtturm und noch einen nach einem Foto aus einem Buch, und als ich ein wenig von diesen Sachen hatte, stellte ich in einem Café aus. Ich aquarellierte im Urlaub und stellte aus. Ich verkaufte an Freunde, ich begann fleißiger zu werden und traute mich an größere Bilder ran. Ich mal(t)e mit Acryl, weil es einfacher ist als Ölfarbe. Man benötigt nicht das Lösungsmittel und hat keinen Geruch und nicht das Problem der Entsorgung, und das Malen selbst ist einfach, es schlägt nichts weg. Wenn es nach mir ginge, könnte die Acrylfarbe gern etwas länger offen sein. Ich verwende den Retarder standardmäßig. Das mit dem Holz habe ich irgendwann zugunsten typischer Leinwand gelassen, aber Otto Ruths sagte treffend: „Das lappert nicht.“ Holz ist schon fein als Prinzip, das hat was. Es ist so ein Prozess, Lehrermeinungen hinter sich zu lassen.

Ich kann sagen, dass meine ersten Bilder thematisch nahe an naiver Malerei und im Hobbykunst-Sektor angesiedelt waren, mir fiel nichts anderes ein. Allmählich kam ich auf die Vorlieben persönlicher Inhalte, und dabei bin ich konsequent geblieben. Als ich „Schöne Worte“ umsetzte, ging das darauf zurück, dass ich diesen Spruch eines extra-schicken Mädels zu ihrer Freundin: „Warum müssen hässliche Menschen heiraten?“ aufgeschnappt habe (zufällig im selben Waggon, mit meinem Sohn in der Hamburger Hochbahn unterwegs).

Die Mädels waren noch an der Grenze zum Erwachsenwerden oder knapp darüber, und ein Jungesellenabschied bahnte sich (buchstäblich im Zug) an, aber von recht normalen, männlichen Mitdreißigern. Das waren wohl weniger die erhofften Traumprinzen der Teenies. Mir kamen die vor wie Piet, Klaus und Schampus, meine Segelfreunde; Tellkamp, Nielsi, was weiß ich? Welche wie wir, nicht „Brad Pit“. Einer musste „Kleine-Feiglinge“ verkaufen, und alle waren mit grünen T-Shirts lustig angezogen. Spießer auf Mutprobe für einen Tag. Die süßen und schicken Teens saßen tuschelnd einige Plätze entfernt und bewerteten die alten, bärtigen und wenig gepflegten Jungs (die sicher gestandene Männer im Beruf waren) abfällig. Wir stiegen gemeinsam aus.

Ich fand die Mädchen scharf. Ich dachte an meine eigene Hochzeit, die schon zurück liegt, und ich bin ja lang verheiratet. Ehrlich, ich wäre nie der Traummann einer so attraktiven und begehrenswert, schnuckeligen Lütten gewesen (und werde es aller Wahrscheinlichkeit nie werden). Ich bin kein Wendler. Diese Szene in der Bahn, weiter über den Ausgang Hoheluft oder so, irgendwo oben, wo die Hamburger U-Bahn draußen auf Stelzen geht, wurde die Grundlage für mein Bild. Natürlich habe ich die beiden (mich so erregenden jungen Frauen / und zur Peinlichkeit meines Sohnes) noch angequatscht, bis hinunter an die Bushaltestelle, wo langverheiratete Senioren und zwei von oben bis unten in pechschwarzen Klamotten, mit allerlei Sicherheitsnadeln an mutwilligen Rissen zusammengehalten und im Gesicht mit reichlich Piercing übel vernagelte, tätowierte und glücklich verschmuste, fette Punks standen.

Daraus ein Bild zu schaffen, denn die reale Situation hätte man höchstens erzählen oder als Film darstellen können, war eine Herausforderung. Den Hauptbahnhof wählte ich, um eine breite Bühne zu schaffen. Nur eines der praktischen Probleme. Eigentlich ist das Bild schwach; gegen alles, was mir damals durch den Kopf ging. Perfektion, ich bin immer noch weit weg, vom möglichen kreativen Ziel und kann mich meinen Idealen noch lange annähern. Das ist doch gut, nicht wahr? Das ist eine grundsätzliche Motivation.

„Verwurstete Heimat“, ich war mit der Jolle unterwegs, allein, ein schöner Sommerabend. Ich segelte nett unter Spi dahin, hatte die Pinne bequem festgebunden, saß mehr vorn an Deck, auf dem Platz, wo für gewöhnlich der Vorschoter wirkt und steuerte nach Gewicht, ich kann das. Ich war etwa auf der Höhe der „Geheimnisinsel“ vor Fährmannsand, als die „Barmbek“ elbab ging. Ein Containerschiff, nicht besonders groß. Heimathafen „Monrovia“ stand am Heck; der war also ausgeflaggt. Gleichzeitig kam gerade die Debatte um die „Deutschland“ auf: Ein Schiff mit diesem Namen auszuflaggen, das ging dann sogar dem Kapitän zu weit, weil das doch einigermaßen seltsam klingt, wenn statt Neustadt in Holstein (oder so) der Heimathafen auf den Bahamas (oder was weiß ich) ist.

Blankenese, wie kamen die Würste in das Bild? Das ist schon schwieriger zu erklären. „Alles sollte persönlich sein“, sagt Meg Ryan in einem Film, Neapel lässt grüßen. Meine ganz eigenen Fragen werden zu Bildern: Kann eine gute Pizza wirklich nur Euro 3,95 kosten? Auch „Zeitgeister“ ist kompliziert und „Malen hilft“ wird nicht mehr gezeigt! Grenzen sind welche, und das ist auch gut so. Ich habe die Signatur aus der Leinwand geschnitten, bei „Vorsicht Startbahn!“ genauso. „Mal kurz für immer“, Willy hat es wohl weggeworfen? Im Schredder der Pinneberger Kriminalpolizei geendet, nehme ich an. So viele Mauersteine umsonst für nix gemalt. Umsonst sei der Tod heißt es. Den eigenen Tod zu überleben, ist so unglaublich, wie an Christus zu glauben. Im Moment male ich „Gurken und Rosen“, und wir müssen mal schauen, auf welcher Seite der Grenze von wem das Bild später ist. Ich bin nun in der glücklichen Lage, Bilder für mich allein zu malen, frei vom inneren Druck, mich irgendwo um eine Ausstellung zu bewerben. Die Freiheit ist im Kopf. Abhängig ist jeder; aber selbst im Knast bist du frei, wenn deine Gedanken dir selbst gehören.

Einige praktische Dinge: Schön ist, wenn das Licht von links kommt. Gut ist, wenn keine Sonne draufknallt, auf die Leinwand (und es trotzdem schön hell ist), und bei Lampenlicht finde ich es doof zu malen. Ich habe normale Beleuchtung, und die ist mau und gelb im Vergleich zum Tageslicht. Blöd ist, wenn der Stuhl irgendwo hängen bleibt, ich unversehens zurückrollend den Tisch abramme, versehentlich das Malwasser umstoße, und blöd ist meine Frau, wenn sie saugt während ich male (weil der Lärm penetrant nervt, auch wenn das von unten nur entfernt aus dem Erdgeschoss zu mir ins Dachoberstübchen tönt). Doof ist, wenn unbemerkt die gelegentlich mit Retarder frisch angerührte, zufällig recht flüssige Farbe an einer Stelle unbemerkt von der Palette rutscht. Sagen wir, das „Kadmiumrot-hell“ flutscht mir als Ganzes von der in meiner Hand unbewusst leicht schräg gehaltenen Farbmischplatte auf die Hose, und ich merke das nicht. Das hatte ich schon, auch einmal mit dem bösen „Permanentgrün-hell“. Permanent bescheuert ist diese Farbe! Sie weiß nie, was ich von ihr will und hat eigene Teufel in sich. Auch wenn ich versuche, exakt zu mischen: Nie ist irgendwas richtig.Immer muss ich ein weiteres Mal korrigieren, das dauert. Und dann noch schlitternde Farbfladen? Es kommt darauf an, welche Farbe gerade oben oder unten auf der Palette angeordnet ist (die ich in der linken Hand, den Daumen im dafür vorgesehenen Loch platziert halte), und das mache ich je nach dem Plan, was ich heute schaffen möchte, verschieden. Die oberen Farben rutschen auf der Palette zur Mitte, und manchmal rutscht auch gar nichts. Man rührt das nicht immer gleich, auf die selbe Art zusammen, und es ist auch mal kalt, mal warm. Das Wetter, der Sommer und solche Sachen.

Auf meinen Bildern kannst du was erkennen, und das ist auch gut so. Ich möchte gegenstandslose Bilder nicht abwerten, aber für mich ist es nichts. Ich muss auch nicht wetteifern damit, wie fotorealistisch ich bin, im Vergleich mit was weiß ich. Ich muss es schaffen, mein Thema auf den Punkt zu bringen, und da kann ich mir selbst nicht bei in die Tasche lügen. Ich höre erst auf, wenn ich fertig bin. Was genau mein Thema ist, auch das ändert sich während der Bildfindung, leider. Was ist schon der eigene Wille, wenn der liebe Gott immer mitmalt, das kann nur begreifen, wer genau sein will und perfekt. Da kommt dann immer was dazwischen. Darum ist es wohl Kunst und nicht Wullst. Denn der menschliche Wille – er ist beim stärksten Künstler am kleinsten wohl.

Schenefeld im Mai 2019