Sie segelten im Sturm nach Edinburgh, duzten die Nordseewellen. Echte Männer wissen Bescheid. Eine alte Geschichte, die es wert ist, aufgeschrieben und erzählt zu werden. Die grünen Nordseewellen trecken an den Strand, und Guido Westerwelle, der ist schwul – igitt?

# Ich bin der digitale Patient und ein Spinner!

Erfahrungen brennen sich ein. Kein Ratgeber leistet so viel, wie eine eigene Situation im Leben, in der wir etwas begreifen. Wer nackt ist, dem kann niemand die Hose runterziehen. Nach dieser Logik outen sich Menschen. Die sexuelle Ausrichtung kann verborgen gelebt werden, und manche ziehen es vor, auch weil es möglich ist. Wer nicht der vermeintlichen Normalität entspricht, kann angefeindet werden. Wir haben zum einen Menschen, die alles dafür tun, eine perfekte Darstellung von sich in der Öffentlichkeit abzubilden und andere, denen das nicht gelingt und welche die es nicht möchten. Wem daran liegt ein Ego auszubilden, Ängste zu beherrschen, anstelle sich davon einengen zu lassen, wird den letztgenannten Weg bevorzugen.

Wenn ich in Deutschland als erkennbarer Ausländer eine Wohnung suche, mag das tatsächlich schwerer sein. Wenn ich einen Hund oder anderes Haustier besitze, eventuell Musiker bin und den anderen stundenlanges Gedudel in unmittelbarer Nachbarschaft droht, ist es für den Vermieter ein Grund, diesen Mieter abzulehnen. Unabhängig davon, ob es als Begründung genannt wird oder nicht. Ein Betrieb kann von seinem Hausrecht Gebrauch machen. Aktuell wird diskutiert, ob eine Fluglinie nur Corona-Geimpfte und Menschen mit einem negativen Testergebnis befördern darf? Das sei eine Impfpflicht durch die Hintertür. An der Grenze zu Schweden wurden mehrere hundert Deutsche abgewiesen, sie waren über Dänemark unterwegs und hatten probiert, das der Pandemie geschuldete Einreiseverbot zu umgehen, mutmaßlich für einen Urlaub? Die kleine Aufzählung mag nützen, unsere menschliche Realität vom Ausnutzen der Regeln, ihre Übertretung und die Gegenbewegung der Abgrenzung zu illustrieren. Ein Überblick, persönlichen Erfahrungen zum Thema vorangestellt.

Warum outen sich Homosexuelle? Warum überhaupt lieben Männer nicht einfach Frauen, wie es sich gehört, mag mancher denken, auch heute noch. Wir arbeiten daran, die bestmögliche und gerechteste Welt überhaupt zu erschaffen und sind damit bislang nicht fertig geworden. Die Norm, das was gewöhnlich ist, die größte Menge die wir als Gruppe definieren können, sie hat sich gerade nicht eine individuelle Qualität geschaffen, und nur zu oft bildet sich ein normaler Mensch ein, ein besserer zu sein, weil er wie alle ist. Normalität ist nur dann eine Leistung, wenn es schwierig ist, Dinge hinzubekommen, die normalerweise alle können. Ein Amputierter kann nicht normal laufen. Ein psychisch Kranker kann nicht normal handeln. Niemand ist absichtlich einbeinig oder geistig bescheuert oder schwul. Wo es nicht um Können oder Leistung geht, muss der Mensch begreifen, wie vielschichtig die Bedürfnisse sind, die unser Leben prägen und nicht selten die Basis dessen werden, was jemand bereit ist zu leisten oder gut kann und schließlich zum Beruf wählt, sein Ego darauf aufbaut. Wir Normalen sollten zuallererst annehmen, das Homosexuelle Bedürfnisse haben, genauso wie die breite Masse, aber individuell anders ausgerichtet. Ein Wunsch, ein Bedürfnis, eine Lust: Das sind weder Krankheiten noch Leistungen oder Regelbrüche, die unter Strafe stehen sollten. Das scheint für die Gesellschaft ein nicht endendes Lernfeld zu sein. Homosexualität war verboten, sie galt als krank. Für diejenigen, denen diese Liebesform eigen ist, ist der Weg angefeindet zu werden und standzuhalten auch heutzutage nicht zu Ende.

Homosexuelle können auf Unterstützung hoffen. Auch andere Unterdrückte machen mobil. Die Black Lives Matter Bewegung ist eine Anstrengung, sich zu solidarisieren. Die Sowjetunion hat ihr Ende gefunden wie Nazideutschland: Ein sozialer Verbund wird sich als Gegenbewegung jeder Unterdrückung finden, wenn die ausgegrenzten Menschen gemeinsame Ziele haben, die nachvollziehbar menschlich sind.

# Was ist Menschlichkeit?

Das Maß geforderter Gnade, die Größe unseres Verständnisses für andere, hat sich mit den Jahren seit der Kreuzigung Jesu gewandelt. Sich zur Wehr zu setzen, bedeutet, das andere einen Angreifer erkennen können, und wenn das der Fall ist, muss dieser sich verantworten. Es kann keine Solidarität geben, allenfalls Mitläufer, wenn Menschen andere angreifen und die Motivation, sich breit zu machen, Lustgewinn und Machtzuwachs am Beginn einer Attacke stehen. So werden Täter- und Opferrolle definiert. Aus diesem Grund wird jede Unterdrückung nach einiger Zeit zur Gegenbewegung führen, die dem Unterdrücker zusetzt. Es sei denn, derjenige bricht seinen Gefangenen emotional insgesamt. Im Einzelfall gelingt es, und im Falle des Holocaust im vielfachen Einzelfall mit tödlichem Ausgang. So wird es in der Schule gelehrt. Alle Juden, alle Homosexuellen, alle Schwarzen, alle unterdrückten Frauen in Beziehungen, wo sie der Gewalt ihrer Männer ausgesetzt sind: Eine lange Liste kann fortgeführt und verlängert werden, um die bekannten Strukturen von Ausgrenzung und entsprechender Gegenbewegung aufzuzählen.

Was müssen Menschen, die ausgegrenzt und angegriffen werden, als Merkmal haben, damit jemand Mittäter findet? Den Juden warf man vor, unberechtigt zuviel Geld und Besitz an sich gezogen zu haben, in einem Terrain das nicht ihres sei. Den Schwarzen in den USA, was wird denen vorgeworfen, die Hautfarbe? Homosexualität gilt anderen als krank, das mag davon herrühren, das Heteros sich’s nicht vorstellen können, auf diese Weise zu lieben, aber die Bedrohung, die von dieser Krankheit ausgehen könne, lässt sich nicht nachvollziehbar formulieren. Welche Bedrohung für ihren Peiniger geht von einer misshandelten Frau in der Ehe aus –

Wer ist Täter und wer Opfer? In einer eindeutig übergriffigen Konstellation von Machtmissbrauch, der viele direkt empört, werden Bedrängte sich sozialisieren. Was, wenn es weniger eindeutig ist? Das ist die Frage, in welchem Zeitalter der Menschheit wir uns befinden, welcher Umgebung wir ausgesetzt sind. Im Mittelalter wurden Frauen, denen man nachweisen konnte, eine Hexe zu sein, verbrannt. Diesen Frauen konnte die ihnen innewohnende Gefährlichkeit so überzeugend vorgeworfen werden, wie heute etwa einem fliehenden Attentäter nach seiner Tat. Den darf die Polizei erschießen, obgleich wir keine Todesstrafe im Gesetz kennen.

Unsere Zivilisation hat sich entwickelt. Eine Nachbarin zur Hexe zu erklären, genügt heute nicht, sie kollektiv zu verbrennen. Ein Irrer, der wahllos Menschen angegriffen, bereits getötet hat, da muss es erlaubt bleiben, ihn auf seiner Flucht wegzuballern, meinen einige. „Die Krim? Das war doch immer unser“, antwortet mir eine liebe Bekannte auf die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Annexion durch Putin. Fazit: Jede Zeit bringt Gewalt hervor, die breite Unterstützung findet. Wir können begrüßen, eine Verbesserung in Richtung auf eine friedlichere Welt bemerken zu können. Wir werden die Aggression an sich nicht abschaffen, können sie unserer Zeit gemäß lenken, mehr nicht.

Sogar Tiere mobben, wer im Rudel unerwünscht ist, bekommt das zu spüren. Menschen, die psychisch erkranken, scheinen gerade unseren Schutz zu benötigen, und da entsteht eine verzwickte Situation. Wird ein Verrückter auch mal gefährlich, hat er das Böse des Psychopathen in sich, gibt es Anhaltspunkte dafür in seiner Vergangenheit, können wir’s rausfinden? Könnte er eine Gefahr für unsere Töchter sein …? Das treibt die, die sich berufen fühlen, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen, um. Sie können auf die Unterstützung einiger hoffen. Gesunde fürchten sich vor psychisch Kranken, und sie können nicht so unkompliziert ausgegrenzt werden, wie etwa der dunkelhäutige Nachbar? Einen „Spinner“ loszuwerden, das kann das Ziel meiner Nachbarn sein, wenn ich ihnen als solcher gelte.

# Ich habe es oft erzählt

Mir gefällt meine Vergangenheit, weil sie für das Heute lehrreich ist. Meine eigenen Phasen psychischer Ausfälle, heftige Schübe mit komplettem Realitätsverlust und erzwungenen, mehrwöchigen Aufenthalten in einer Klinik, begannen, nachdem ich in den Neunzigern mein Grafik-Studium abgeschlossen hatte. Ich schaffte keine zwei Jahre, gesund zu bleiben und wurde etwa vier oder fünf Mal schubweise so heftig krank, dass ich zu einer Behandlung gezwungen war. Etwa ab der Jahrtausendwende, nachdem meine Frau und ich geheiratet haben, trat eine deutliche Besserung ein. Im Gespann mit dem Arzt und sozial integriert fand ich eine Normalität „neben“ den anderen.

Die Segelfreunde blieben mir von Beginn. Ich fand es einfach, mich zu erklären. Man kennt mich an der Elbe, wo jeder jeden kennt, der Regatten segelt oder sonstwie am Wochenende nach Stade, Glückstadt oder einen der anderen schönen Häfen aufbricht, oft zusammen mit mehreren Booten. Was von mir zu erwarten sei, wie ich mich auf den Regatten verhalte, ob ich mit dem Boot umgehen könne und ein Guter wäre oder nicht, das hatte ich bereits mehr als zehn Jahre unter Beweis gestellt. Dass ich so bliebe, wie sie mich kannten und mochten, schien außer Frage, und soviel wissen ja auch nicht immer alle gleich gut. Fazit, ich behielt meine Freunde, blieb sozial integriert, und das gelingt einigen, die mit dem Psychiater Bekanntschaft machen, nicht. Das war meine Vorstellung vom outen. Es gelang ihnen wie nebenbei zu erzählen, wie’s mir ergangen ist.

# Ich habe immer gern geredet, hatte kein Problem damit

Die Probleme gab es nicht in Bahrenfeld, wohin wir zogen, als Wedel oder Kiel nicht in Frage kamen. Schwierig wurde es erst in Schenefeld, wo ich seit knapp zwanzig Jahren mit meiner Familie zu Hause bin. Mit dem Beginn meiner Malerei kam es unweigerlich zu Ausstellungen und einer bescheidenen Bekanntheit, anders jedenfalls, als es die Illustration gewesen war. Das ist nur ein Beruf. Segeln ist kein Beruf, und „mit Johnny am Wochenende unterwegs sein“, da hatte sich für meine Freunde scheinbar nichts geändert. Tatsächlich habe ich mich geändert, wie mutmaßlich die anderen auch. Viele bemerken ihre eigene Entwicklung nicht, so normal kommt ihnen alles vor. Aber: „Ich bin so geworden“, beschrieb mir einmal ein Freund seinen eigenen Charakter heute und grenzte sich damit klar ab von der Idee, man sei, wie man eben ist. Ich jedenfalls war unzufrieden mit mir und meiner Vergangenheit und habe allen Grund dazu. Während die anderen in guten Jahren bundesdeutschen Wohlstands sich entwickelten, lahmte ich quasi auf einem Bein hinter allen hintendran. Meine Freunde fanden, während wir erwachsen wurden, zu drei vier oder fünf kurzlebigen Beziehungen, bis sie heirateten. Sie wählten ihre Partnerin und trennten sich, wenn’s nicht lief.

Mir blieb diese Wahl nicht; ein Problem des Bescheuerten ist ja, dass er es von sich nicht annimmt, einer zu sein. Narren fühlen nicht, und um selbstbewusst zu sein, müssen wir etwas merken. Erst die Krankheit, dann die Pillen, da merkst du nix. Und der Arzt findet das auch ganz richtig, warum? Wer merkt, dass er sich selbst verarscht, flippt gern mal aus … aktuell der arme Michel Wendler, das denke ich jedenfalls. Eine arme Sau, aber er tut ja einiges, um sich weitere Spötter ranzuzüchten. Ich war anders: brav.

Meine lieben Freunde, sie stiegen beruflich auf, machten ein gutes Jahresgehalt und zeigten vor, was ihnen gelungen ist. Ich musste mir meine Vergangenheit, die zwar zunehmend in den Hintergrund getreten ist, je selbstverständlicher schließlich auch meine Gegenwart wurde, schön reden. Worin besteht der Unterschied? Das begann ich mich dann doch zu fragen.

Das Normalgesunde bedeutet sich zu nehmen was geht und andere verbal zu maßregeln dafür, Regeln nicht einzuhalten. Man nennt es fälschlich Selbstbewusstsein. Das konnte ich nicht. Als Illustration ein kurzes Zitat aus den Nachrichten (es ist nicht die Politik, die etwa versagt in der Krise).

# „Es bricht alles zusammen – trotz Corona-Lockdown: Ansturm auf verschneite Bergregionen. Der Ansturm auf Harz, Sauerland und Feldberg ist allen Corona-Einschränkungen zum Trotz riesig. Die Massen tummeln sich auf den Pisten. Teilweise herrscht Chaos. Alle Bitten um Verzicht nützten wenig: Im Harz und anderen verschneiten Berggebieten waren die Parkplätze am Samstag vielerorts schon am Morgen voll.“ (02.01.2021, 17:31 Uhr | dpa).

Im Versuch, mehr wie die anderen zu werden, zu begreifen was der Grund dafür sei weshalb mein Verstand erkrankte, musste ich dazulernen. Ich musste lernen, was andere mit dem Beginn ihres Lebens als Erwachsener gelernt hatten oder direkt danach. Ich lernte es später, und nicht einmal der Arzt, als ausgebildeter Psycho-Fachmann, war dabei eine nennenswerte Hilfe. Dem Psychiater genügt zu plaudern, Medikamente zu verschreiben, und mir genügte das nicht. Mein Selbstbewusstsein, zunächst ein kleines Pflänzchen, wurde zu einem Unkraut, das nicht zu kontrollieren war. Ein neues Problem. Ein böses, um sich greifendes Gewächs im Wald der Schenefelder Eichen und Buchen, festverwurzelte Stämme seit Jahrtausenden.

Zunächst war ich, was meine früheren Erkrankungen betraf anonym, mit dem Recht auf einen Schutz meiner Person ausgestattet, meinte ich. Dass die Gesellschaft durch und durch böse ist, wer denkt denn sowas? Jetzt aktuell wird die Digitalisierung der Krankenakten diskutiert, und bald wird das auf breiter Ebene selbstverständlich sein, wie ja bereits, trotz der Angreifbarkeit dieser Systeme, viele Menschen online ihre Bankgeschäfte machen oder trotz der Ungewissheit, was es eigentlich ist, ihre Waren im Internet aussuchen und bestellen. Auch die Partnersuche findet online statt. Die Realität behält die Macht dennoch.

So vor ungefähr fünfzehn Jahren ging ich noch etwa monatlich zu meinem Arzt in Wedel, nahm eine Minimaldosis der verschriebenen Psychopharmaka ein, plauderte mehr, als dass ich’s als Therapie empfand, mit dem Psychiater. Bald ließ ich die letzte Nullkomma-Dosis weg und riskierte, auf eigene Faust zu leben. Das ging etwa zehn Jahre lang gut. Als meine Mutter vor einigen Jahren verstarb, hat’s mich derbe gerissen, und einige hier im Dorf haben sich den Spaß erlaubt, nachzutreten, als ich mir den Kopf gebrochen habe, wie früher. Ich schien ihnen am Boden zu liegen? Da musste es leicht sein, darauf hinzuweisen, was für eine Gefahr ich sei, und das mitten unter den oberen Zehntausend vom (gallischen) Dorf? Ich war Asterix gewesen und aus meinem Obelix wurde das dümmste fette Wildschwein, das du dir denken kannst.

Damals aber, als wir gerade neu unser kleines Häuschen bezogen hatten, habe ich mir den Fuß gebrochen, ganz normale Sache. Das würde nicht so ohne weiteres von selbst gerade zusammenwachsen, war sich der Durchgangs- und Unfallarzt hier um die Ecke im Dorf sicher, und das möge nicht er, sondern einer, der es regelmäßig mache, im „richtigen“ Krankenhaus operieren. Ich bekam einen Termin, einige Tage noch humpeln, und dann solle losgehen.

Meine Frau und ich wurden am Morgen des für die Operation bestimmten Tages in der Zentralen Notaufnahme des Hauses vorstellig. Dort gingen wir in einen Flur, ich auf meinen Krücken, sie mit einer Reisetasche, in der ich ein wenig Klamotten und eine Waschtasche hatte. Im Gang saßen, wie Hühner auf der Stange, einige Patienten. Ihnen gegenüber war eine Öffnung in der Wand, ähnlich der Essenausgabe in der Mensa einer Firma oder der Uni. Dort saß jemand, die Daten vom jeweiligen Neuankömmling aufzunehmen.

Meine Karte wurde eingelesen.

„Ist das ihr Hausarzt?“ fragte die Angestellte des Krankenhauses so laut, dass jeder in der Umgebung es mitbekam: „Dr. – sie nannte den Namen – Arzt für Psychiatrie und Neurologie“, dann die Anschrift. „Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte ich. Ich war perplex. „Das steht hier.“ Ich widersprach: „Mein Hausarzt ist, wenn überhaupt P. (das ist auch ein Segler und Freund) – aber der macht, weil er in Wedel wohnt, keine Hausbesuche in Schenefeld.“ Ich sei schon jahrelang nicht mehr beim Arzt gewesen, einige Monate nicht bei dem erwähnten Neurologen. Ich galt, was meine Psyche betraf als grundsätzlich gesund und empfand mich auch so. Wie sie darauf käme, er sei mein Hausarzt, wollte ich wissen? „Das kann ich lesen, wenn ich ihre Karte in den Rechner stecke.“ Nun, ich selbst kann es wohl nicht lesen, wenn ich mir diese Karte wo hinstecke? Das dachte ich, und warum die vier oder fünf Fremden es mitbekommen sollten, was da steht? Mir war das weder geheuer noch angenehm, mit dieser Situation konfrontiert zu sein.

Ich hatte mir den Fuß gebrochen, kam auf Krücken und wollte nicht grad in die Klappse.

Der Text beginnt mit Beschreibungen des Outens und der Rolle von Randgruppen in einer Gesellschaft. Was ist eine Gruppe? Sind Homosexuelle eine Gruppe? Sie werden dazu. Sie können sich solidarisieren, sozial zusammenfinden, denn zunächst sind es einzelne wie alle anderen auch. Die Normalität endet, wenn die anderen sich für normal erklären und die Gesellschaft wie ein Block gegen Einzelne steht. Die Umgebung ist ein Feld, in dem der Mensch sich den Weg sucht. Wo sich Türen öffnen, kann ich voran gehen und mich entwickeln. Wenn ein „Ausländer“ um Einlass in die Gesellschaft der „Inländer“ bittet, verlangt man ihm ab, sich „deutsch“ zu verhalten, und so ist es auch mit anderem.

Nun wird dem syrischen Flüchtling ein Kurs zum Lernen des Deutschseins empfohlen, und er muss einen Test bestehen. Dem Homosexuellen wurde empfohlen, seine sexuelle Ausrichtung zu ändern, und das hat nicht funktioniert. Dem psychisch Erkrankten verordnet der Arzt eine Medizin, sie soll ihm die Gesellschaft in einem rosaroten Licht erscheinen lassen, damit „der Psycho“ nicht länger von den anderen gestört und an den Widersprüchen ihrer Wahrheiten irre wird. Es ist nicht einfach, normal zu sein, wenn es wehtut zu bemerken, wie abartig selbstverlogen ein nicht kleiner Teil lebt.

Ich habe mich solange intensiv für Politik interessiert, bis ich meine Naivität begriffen habe. Einen Vorgeschmack auf die Entzauberung der Demokratie, die meiner Bereitschaft das System mitzutragen, grundsätzlich einen Schlusspunkt setzte, möchte ich erzählen.

Das hier, erzähle ich nicht: Was ich erlebte, ist ohne Beispiel in der ganzen Zeit meines Lebens vorher. Es hat mich für immer verändert. Mein Frust, der dazu führte, dass ich heutzutage jede politische Wahl boykottiere wie der armseligste, tumbe Nichtwähler, der aus dumpfer Logik dem Staat trotzt. Ich benötige dafür keine gleichgesinnten Reichsbürger und dergleichen verschworene Gesellschaft, keine sozialen Netzwerke oder Stammtisch. Ich habe als verbliebene Möglichkeit auszustellen und meine Meinung zu sagen diese Webseite. Dies ist nicht China. Ich liebe den deutschen Rechtsstaat, wirklich. Aber ich baue ihn nicht mehr mit, ich bin der Anarchist im Atelier und wüte im stillen Kämmerlein.

Das schaffte die (um bei den Galliern zu bleiben) Kleopatra im Turm. Eine eitle, verblichene Schönheit auf dem Thron ganz oben über den Verleihnixen und Nixalsverdrussen, wie sie überall vorkommen. Im wichtig aufragenden Hochhäuschen, dessen ebenfalls in die Jahre gekommene Architektur daran erinnert, wie provinziell es westlich von Lurup ist, wo einige hingestreute Häusergruppen nicht aufgeben (noch) Widerstand zu leisten und nach einem Stadtkern fragen. Das erübrigt sich mit dem baldigen totalen Leerstand des „Einkaufstempels“, wie das Tageblatt unser „Zentrum“ (noch) nennt. Und die Tage des Tageblattes? Sie sind gezählt, glaube ich. Bald haben wir noch eine „Nord-Zeitung“, die erzählt dann unter „Vermischtes“ was von Lübeck über Bergedorf bis Husum so los ist, und die sinnigen Döntjes des einen oder anderen Glossisten werden uns erheitern. Ist doch egal, wer regiert und was vor der Tür passiert. Wir haben ja das Internet, und da steht alles wichtige drin, von Q-Anon, und dass Bill Gates an allem Schuld sei, genügt doch. Dann, wenn die Provinz den Rest eigener Identität schluckt, in sich selbst hineinmampft, was sie längst ist, die Düpenaustadt zu „Ostpinneberg“ wurde – dann wird es keinen Sockel für eigene Politikklüngel hier mehr geben.

Und das ist auch gut so.

Eigenes Schwimmbad, eigene Stadtwerke und andere politisch hochtrabende Kerne einer Stadt erübrigen sich, wenn wir zum Vorort umdeklariert würden. Ich kann’s kaum erwarten! Politik, nie wieder.

Erste Einblicke in die Struktur dynamischer Bewegungen, andere zu mobben, bekam ich bereits vor einigen Jahren, ohne zu begreifen. Ein nebensächliches Erlebnis, das ich erst heute in mein inzwischen gewonnenes Verständnis von Menschen in der Politik und der Unmöglichkeit, in diesem Umfeld Freundschaften zu leben, einordnen kann. Das war eine Feier, mutmaßlich ein Geburtstag. Sie fand bei einer an der Unterelbe bekannten Familie statt. Das ganze Haus erinnere ich menschengefüllt mit Seglern aller Generationen, kann nicht mehr sagen, ob einer meiner Freunde gerade älter geworden war oder seine Eltern eingeladen hatten.

Ich habe die Geschichte vor einigen Jahren am Ehemann einer angesehenen Frontfrau der entsprechenden Partei ausprobiert. Ich kenne wahnsinnig viele Leute und komme gern ins Gespräch. Meine Einschätzung, wie es bei den oberen Zehntausend einer politischen Partei zugeht, hat der liebe Mann voll und ganz bestätigt. Ich jedenfalls habe eine Träne verdrückt, anschließend – und mich selbst wiedergefunden in einem Moment vollkommener Verlorenheit.

Ich erinnere mich: Da war gerade die Regierung gebildet worden mit Angela Merkel als Kanzlerin und dem frischgebackenen Außenminister Guido Westerwelle. Ich hatte noch nicht mitbekommen, dass das nicht wenige zu massiver Kritik anregte. Ich erinnerte noch den Wahlabend. Nach Jahren der Dümpelei in der Nähe der Fünf-Prozent-Marke, hatte die FDP es geschafft, erkennbar zu punkten und konnte mit der CDU eine stabile Koalition bilden. Das war ganz bestimmt das Verdienst des neuen Außenministers, der unermüdlich mit dem „Guidomobil“ herumgefahren war in jedes Dorf und Städtchen, um für sich und seine Leute Werbung zu machen. Und so sehr hat er gestrahlt und sich wie ein kleiner Junge gefreut an diesem Abend, als die Stimmen ausgezählt waren, dass ich sein fröhliches Lachen, die echte Freude in seinem Gesicht nie mehr vergessen werde. Ich habe das im Fernsehen gesehen und gedacht, wie selten es ist, dass jemand aus der Politik lachen kann, ohne wie ein Plakat zu erscheinen. Die Maske der Freundlichkeit, das ist es doch für gewöhnlich.

Dazu kam, dass ich ein Interview mit Westerwelle sah, und das war im Kinderkanal. Wir Eltern kannten über das „Sandmännchen“ hinaus alle Sendungen. Wurden groß mit Miley Cyrus und Selena Gomez, als gehörten die zur Familie. Die „Zauberer vom Waverly Place“ oder „Wissen macht Ah!“ mit Shary und Ralph anzusehen, Standard. Guido Westerwelle wurde von einer Schülerin gefragt, was er gern gewesen wäre, wenn es ihn nicht in die Politik gezogen hätte? „Ein Maler“, er wäre gern Künstler, meinte er zu meiner Überraschung. Er war mehr als sympathisch in dieser ungezwungenen Umgebung mit den beiden Kindern, die ihm schwierige Fragen gestellt haben, und konnte authentisch antworten.

Das Qualitätsmerkmal seines Politikerseins war für mich also die menschliche Seite, Offenheit, Glaubwürdigkeit deswegen. Dazu passte, dass es bekannt wurde, er sei mit einem Mann zusammen. Für mich ein Vorbild, nicht weil ich Männer liebe, sondern, weil er seine Angst vor den anderen in den Griff bekommen hatte. Ich bemerkte etwas, was ich gar nicht verstand, und wollte es in meinen Lebensweg einbauen, davon lernen. Inzwischen war er Außenminister, und in diesem Amt hat er eine unglückliche Figur gemacht. Sein schlechtes Englisch, zum Spott der Nation und zum Abschuss freigegeben, und schwul ist er auch noch. So muss es gewesen sein, aber das hatte ich nicht mitbekommen. Für mich war das der nette Mann, der sich so freuen konnte, weil er gewonnen hatte, wie ein kleiner Junge in einem Wettbewerb.

Der gern Maler wäre.

Meine Naivität, nie hat mich jemand der alten Elbsegler angefeindet, weil ich etwa in der Klappse gewesen wäre – aber von einem Moment zum anderen wurde ich selbst zu „Westerwelle und schwul“, als ich auf dieser erwähnten Feier wie nebenbei etwas positives über den neuen Minister sagte.

„Den. Den magst du!?“

Etwa fünfzehn alte, verdiente, vornehmlich aus der Generation meiner Eltern anwesende Segler-Recken, die große Schiffe besaßen und manche Langstrecke siegreich nach Hause gebracht hatten, Pokale angehäuft, rund Seeland regattiert hatten, regelmäßig Edinburgh durch und über die kalte, stürmische Nordsee ertrotzt hatten – verstummten schlagartig. Das Gebrabbel einer ganzen Feier kam für einen Moment zum Schweigen, unglaublich. Die Gesichter drehten sich alle mir zu, und so leise war das, und wie die mich angesehen haben.

Das werde ich nie mehr vergessen.

🙁