Erdbeeren sind eigentlich Nüsse, wer hätte das gedacht? Auch Pinguine wären tatsächlich Vögel, könnten aber nicht fliegen. Das erklärt der Wissenschaftler.

Wenn es einfach ist, können wir die Schrauben von den Nägeln unterscheiden. Die Wissenschaft muss darum kämpfen, exakte Ergebnisse zu liefern, aber die Tiefe des Marianengrabens ist bekannt. Der Mount Everest ist offenbar noch ein wenig höher, als wir’s in der Schule lernten? Spezialisten visierten den Gipfel von den benachbarten Bergen aus an, kontrollierten ihre Messungen exakt, verglichen die Ergebnisse und korrigierten die bekannten Fachbücher.

Wie tief schläft ein Mensch, und was ist die Einheit mit der wir das messen? Wir können einen Leistenbruch operieren, den Darm in seiner ganzen Länge durchspiegeln, aber nicht sagen, wie hoch der Pegel beim Liebeskummer steigen kann. Die höchste Flut tiefster Gefühle ist so unfassbar, wie eine Ebbe der Empathie. Niemand weiß, in wie viele Teile das Herz bricht, wenn es passiert.

Hühner sind auch Vögel: „Der Hahn, der Hahn und nicht die Henne“, sag das mal. Genaues zuhören macht glücklich. Was für ein Spaß für uns Kinder zu begreifen:

„Der Hahn, der Hahn.“

Schweigen.

„Du kennst das schon?“

Einmal war’s, da war die Welt noch jung!

„Herr Rossi sucht das Glück“, das lief, als Fernsehen neu war. Ich habe es als Kind gesehen. Zeichentrickfilme für Erwachsene, die auch Kindern empfohlen sind; etwa ab den siebziger Jahren wurde das Glück überall gesucht und genauso oft nicht gefunden. Ratgeber, ein neuer Literaturzweig füllte zunehmend Regale im Buchladen. Geld mache nicht glücklich, es macht glücklich, was denn nun?

# Geld kann gezählt werden

Etwas zu messen, das zunächst nur ein Begriff ist und wofür es auch keine Skala gibt, ist schwierig. Wir akzeptieren, die Glücklichkeit nur ungefähr zu kennen, das Nichtglück „Schmerz“ wird schärfer abgebildet und soll präzise vergleichbar sein, warum? Mein Zahnarzt glaubt aus Erfahrung (oder weil er es im Studium gesagt bekam) Rothaarige seien schmerzempfindlicher. Krankenschwestern sehen das genauso. Ein treffendes Bonmot in der allgemeinen Medizin ist es allemal, und stimmt das nun, oder ist es nur ein Tipp, der von allen nachgeplappert wird? In der Anästhesie lernen Menschen einzuschätzen, wie hoch die individuelle Dosis sein sollte, jemanden erfolgreich wie gewünscht zu sedieren. Hier muss das Maß in Millilitern zum jeweiligen Patienten passen. Wir müssen wissen, wie unglücklich jemand ist, um angemessen helfen zu können. Der Arzt fragt: „Auf einer Skala von eins bis zehn, wie stark tut es Ihnen weh?“

Gefühle zu messen, ist nicht einfach. Wie melancholisch muss einer sein, damit es als ausgewachsene Depression anerkannt wird? Wie verrückt musst du sein, um krank zu werden oder wie ärgerlich wird ein Mensch (in Zahlen dargestellt)? Ab wann bist du „Gefährder“, verlierst Grundrechte, Kommissare und Trittbrettfahrer*innen spionieren dir in der Annahme nach, du wärest ja bescheuert genug und merkst es deswegen nicht? Wer nun nicht erst recht paranoid wird, kann Können: Bumms, die Kunst! Leider daneben, mit einer Kanone auf den Dorfspatz gefeuert und das Rathaus demoliert? Womit hat derjenige, der schießt, die Tiefe deines Hirns ausgelotet, die Länge der Lunte berechnet? Der Zollstock, das Unberechenbare einer Gefahr auszumessen, wird nirgends angeboten.

# Unsere Zukunft ist gefährdet

Wir alle sind Gefährder. Grün ist Leben, steht an der Baumschule. Ein alter Hut. Wir heben unsere Erde aus den Angeln, verpesten die Luft, zerstören die Lunge des Planeten. Wie wird die Länge gemessen, die der Hebel haben muss, um alles noch rechtzeitig zurechtzurücken?

Es wird gestritten bis zum letzten Tag.

Pompeji ist aktuell. Schon früh wurde gewarnt „der Vulkan bräche aus“, habe ich in der Schule gelernt. Aber die Menschen wollten es nicht hören, mahnte die alte Grundschullehrerin. Ein kleiner Weltuntergang wäre es gewesen, und wir sollten daraus lernen, nie einen großen voranzutreiben? Einen antiken Imbiss haben sie dort gerade ausgegraben, gut erhalten, wie grad gestern zurückgelassen und vorgestern erbaut. Ein Gast bekritzelte die hübsch gemalte Pizzawerbung am Lokal von damals mit einem primitiven Schmäh. Das Ganze ist zu unglaublich, um wahr zu sein; und gibt’s schon wieder neue Hitlertagebücher? Mir kommen Zweifel. Was alles auftaucht: Kornkreise, Alien-Monolithen in der Wüste? Ein „drive thru“ und „to go“ für den Zenturio, dazu plastisch, farbig und wie neuwertig mit Schüsseln im Tresen für die Hähnchen „zum hier essen“ eingerichtet; das ist doch nicht wahr!?

Habe ich gedacht.

# Und noch etwas erinnert an moderne Gaststätten: Die Gäste verewigen sich in Graffiti. Heute findet man von Kunden hinterlassene derbe Sprüche zwar eher auf den Wänden und Türen der Toiletten als auf dem Tresen. Und von der Thematik passt das, was da vor 2000 Jahren jemand über einen gewissen Nicias berichtet, auch besser in sanitäre Einrichtungen. Aber davon abgesehen ist die Aussage, die da jemand neben eines der Bilder am Tresen geritzt hat, geradezu zeitlos: «Nicias schamloser Scheisser», steht da in schönstem Latein. Ob Nicias ein Bekannter des Kunden war oder vielleicht der Ladenbesitzer – und der Spruch die Rache für schlechtes Essen oder zu hohe Preise? Wir werden es nie erfahren. (Neue Züricher Zeitung, 27.12.2020).

Dann kam die Lavawolke, und alle waren tot.

Ein Graffito blieb: Es lebe die Kunst!

Wir Menschen haben uns die Worte zu eigen gemacht und das Leben beschreibbar. Gleichwohl sind damit neue Probleme entstanden. So wie ein Mensch eine neue Sprache erst lernen muss, sollten wir lernen, unser Denken und Sprechen daraufhin zu prüfen, was wir meinen, wenn wir etwas sagen. Wir können probieren, das Glück in Geld oder Besitz zu messen. Je mehr davon, desto glücklicher, aber es funktioniert offensichtlich nicht. Nun gibt es eine überraschende Studie, gemessen wird in Vögeln. Nicht „je mehr du vögeln, desto glücklicher du sein“, aber trotzdem logisch …

# Naturschutz macht glücklich. Zu diesem Ergebnis kommen deutsche Forscher, die erstmals den Zusammenhang von Artenvielfalt und Lebenszufriedenheit in ganz Europa untersucht haben. Nachgewiesen haben sie das anhand der Vielfalt der Vogelarten im Umfeld von Menschen. Schon eine Steigerung der Vogelvielfalt um zehn Prozent würde demnach die Zufriedenheit genauso stark heben wie eine Einkommenssteigerung um zehn Prozent: „Vierzehn Vogelarten mehr im Umfeld machen mindestens genauso zufrieden wie 124 Euro monatlich mehr auf dem Haushaltskonto, wenn man von einem durchschnittlichen Einkommen in Europa von 1237 Euro pro Monat ausgeht“. (…)

Warum ausgerechnet Vögel? Das erklären die Forscher so: Die gefiederten Tiere seien beispielsweise in Städten für Menschen eines der wahrnehmbarsten Naturerlebnisse. Selbst, wenn sie nicht zu sehen sind, kann man sie hören und dann aufgrund der unterschiedlichen Gesänge eben auch eine Vielfalt wahrnehmen. Außerdem ist eine Artenvielfalt bei Vögeln auch ein Zeichen für Biodiversität in anderen Bereichen der Natur, da sie naturbelassene und abwechslungsreiche Landschaften bevorzugen. (Forscher: Vogelvielfalt steigert Lebenszufriedenheit von Menschen, Tech & Nature 3.1.2021)

# Gut, grün und gesund

Warum wird eine gesunde Lebensweise empfohlen, um länger zu leben oder weil es sich täglich besser anfühlt? Kann ich, wenn ich länger lebe, öfter glücklich sein, summiert sich dieses Gefühl dadurch, und deswegen ist ein langes Leben besser, als gleich morgen zu sterben? Ich denke manchmal darüber nach. Wenn es nicht stimmt, man das Glück nicht verdoppeln kann, ist es egal wie lang ich lebe. Ich verpasse nichts. Ich kann wohl nicht unglücklich drüber sein, auf das zu verzichten was ich nicht erleben konnte, weil ich starb? Nun weiß ich nicht, wie das „im Himmel sein“ ist. Möglicherweise bin ich handlungsunfähig bei vollem, ewiglichem Bewusstsein, und jeden Tag kommt Gott oder eine Mitarbeiter*in vorbei: „Wenn du vegan gelebt hättest, dann!“

Vielleicht sollten wir umgekehrt fragen, was nützt es dem, der gesund zu leben empfiehlt (auf Erden), und was nützt es mir? Da kann die Antwort nur sein, das Geld, das derjenige mit dem Ratgeber verdient und sein Erkenntnisgewinn, mögen ihm Grund genug sein, zu schreiben. Aber fragen Sie einen zufriedenen Alkoholiker oder ein glückliches Vielfraß im Rausch seiner Genussphase oder im Zustand vom Kater, wenn ein Fettwanst mit den Folgen konfrontiert ist, das macht einen Unterschied.

Auf die glückliche Zukunft hin zu leben, kann das Unglück mit sich bringen, täglich zu verzichten und schlussendlich mit leeren Händen, ohne das versprochene Glück zum Mitnehmen im Jenseits anzukommen. Sich durch ein veganes Leben quälen, weil’s geraten wird oder wirklich gern eine Diät anzunehmen; ich habe einen Beitrag gesehen, da hat sich ein Übergewichtiger zur Umstellung seiner Ernährung entschlossen, weil er mehrmals unglaubliche Schmerz-Attacken bekam, aufgrund von erbsengroßen Nierensteinen. Da fand ich’s glaubwürdig, dass es ihm gut getan hat, auf seine gewohnten Schlachtplatten zu verzichten.

Als Jazzliebhaber komme ich nicht umhin, darüber nachzudenken, ob es eigentlich besser gewesen wäre, wenn etwa Chet Baker ein gesundes Leben geführt hätte? Als Maler und kreativer Künstler muss man sich doch nach Vorbildern umschauen. Nicht wenige glauben, Kunst und eine ausufernde Lebensweise seien untrennbar verbunden oder „das Genie läge dicht beim Wahnsinn“ (und mehr davon an Weisheiten sind bekannt).

Corona ist nicht alles. Es gibt wirkliches Leid, auch auf andere Art, und dann verbietet sich der Spott. Doku: Tuberkulose in Russland, der Ukraine. Ein junger Mann war damit in ein Berliner Krankenhaus verlegt worden, konnte bereits einige deutsche Worte, und bei der Besprechung klingt der Arzt sicher, dass es nun gut ausgehen würde.

Anschließend wurde eine Frau aus Kiew porträtiert, sie war 32 Jahre alt, und es schien absehbar, dass sie nun sterben muss aufgrund der Verhältnisse dort. Sie erzählte, hatte in einem Reisebüro gearbeitet, drehte ihr Smartphone in die Kamera: Ganz normal sah sie zu der Zeit aus, etwa dreißig Jahre und hübsch. Sie wisse nicht, wo sie sich ansteckte, sagte sie. Während des Interviews durch das TV-Team, das möglicherweise aus Deutschland gekommen war, für einen entsprechenden Bericht, und weniger, um sie nun in einer großangelegten Aktion zu retten, saß die abgemagerte junge Frau auf der Pritsche eines schäbigen Krankenhauszimmers.

Bleich. Sie behielt das Telefon die ganze Zeit über in der Hand. Die sichtlich geschwächte Erkrankte scrollte durch ihre Fotos und zeigte immer wieder, wie alles gewesen war. Das machte es für uns Zuschauer so berührend und glaubwürdig. Sie illustrierte damit im öden Flur eines schlecht beleuchteten Hospitals ihre Vergangenheit, in der sie gesund und normal Teil der Welt war, wie gefilmt, als könnten wir sie noch begleiten. So konnte man begreifen, wie es sich anfühlen mag, sterben zu müssen und in diesem Alter. Es traf, wenn sie sagte keinen Fehler oder Schuld dafür zu bemerken, keinen Grund, warum alle anderen, die sie kannte (und die sie nicht besuchten) weiterleben würden.

In der Klinik, in der sie schon lange behandelt wird, war es immer ein wenig schlechter geworden. Zum Arzt war sie gegangen, weil sie sich auf der Arbeit seit einiger Zeit schlapp gefühlt hatte und sich das nicht erklären konnte. Es begann unspektakulär. Im Laufe der Behandlung hatte sie einen Mann im Krankenhaus kennengelernt, das wurde ihr Freund! Eventuell haben die beiden sogar geheiratet, so genau habe ich nicht aufgepasst beim Zuschauen. Sie zeigte uns weinend Bilder, wie die beiden sich aneinander drücken, Selfies mit dem Phone. Der war nun vor kurzem an seiner TBC gestorben.

Dann gab es eine Besprechung mit dem Arzt. Das neue Röntgenbild wurde in einen Leuchtkasten an der Wand geklinkt. Als der Arzt erklärte, dass ihre Erkrankung unaufhaltsam voranschreite, bemerkte ich nebenbei (während ich zufrieden Nüsse und weihnachtliche Plätzchen knabberte), dass die Frau ja nur noch eine Lunge hatte. Es war ein Röntgenbild, bei dem das auch ein medizinischer Laie gleich begreifen konnte. Und diese verbliebene Hälfte ihres Atmungsapparates war nun ebenfalls von der Krankheit befallen? Und der Arzt erklärte, welche Bereiche jetzt auch im Rest der Lunge zerstört waren – und dass es keine Mittel gebe, das zu stoppen.

Da musste ich weinen und habe es weggezappt.

Einmal angenommen, wir sind bereits klug geworden. Das meint, wir haben gelernt unser Glück zu bemerken, wenn es uns geschieht, sind nicht mehr darauf angewiesen zu tun, was im Ratgeber empfohlen wird. Dann können wir im nächsten Schritt nach der Intensität des glücklichen Moments fragen, nach der Dauer des Zustandes, nach der Häufigkeit. Wir können unser spezielles Glück in Relation zu dem begreifen, was wir an bisherigem davon erlebten.

Alexandra: „In England war ich das erste Mal glücklich.“

Das geht vermutlich allen gleich, dass sie so etwas bemerken, aber nicht alle sind in England glücklich. (Ich war gern mit ihr unterwegs und glücklich hier). In einem nächsten Schritt habe ich mich (wirklich) gefragt, ob einige Male Glück zu einem entsprechend größeren Glück zusammengezählt werden können? Dreimal glücklich gewesen sein, führt das beim vierten Mal zu einem intensiveren Glück, und gibt es ein glücklicheres Glück über dem glücklichsten Moment, und wenn ja, lässt sich diese Skala durch wiederholte Glücksmomente nach oben weiten?

Ich habe mich auch (wirklich) gefragt, wie es eigentlich im Himmel ist, bin ich im Jenseits der demente Alte, das kleine Kind, der Mann mittleren Alters – wie empfinde ich mich, wenn ich mal angekommen bin? Das Ergebnis: Fatalismus befriedigt, und ein gegenwärtiges Leben erfüllt mich mehr, als allzuviele Gedanken der Absicherung zu pflegen und mich eventuell unnütz zu plagen, für etwas das vielleicht nie sein wird. Stattdessen überlege ich morgens: Was kann, muss ich heute tun und wie? Besser, als den Moment zu erwarten, an dem ich endlich angekommen sein werde, ist auf die Möglichkeiten des jeweiligen Tages zu schauen und den Vögeln ein Lied abzulauschen, um einen vielversprechenden Weg durch das Meer der Zukunft zu schippern.

# Tunnelblick ist die Regel

Statt beschwingt großzügig und mit Hoffnung den Tag anzugehen: Konzentration wird empfohlen, der Fehler wird isoliert. Ein Mensch ist selbst ein Fehler, der nicht glücklich tut? Wir dürfen nicht wüten oder unsren Hass verbalisieren? Fluchen ist fein. Ich „hasse“ gern, voller Glück darüber, dass ich’s mir erlaube. In einem Büro mit anderen? Da könnte ich nicht arbeiten. In einer Partei? Da könnte ich nicht dazugehören. Mich kickten die Genossen schneller raus als jeden Wendler anderswo. Du bist schuld, dass wir den Shitstorm kriegten? Verpiss dich.

Das Ganze verliert derjenige, der gern beschuldigt, leicht aus den Augen. Viele sind sich sicher, dass Donald Trump schuld sei am Chaos in den USA. Dabei zeigt der Präsident nur die konzentrierte, hässliche Fratze etwa der Hälfte einer Gesellschaft wie eine Reflexion. Jetzt können sie es glücklich rauslassen: „Der Präsident ist steinreich und ein ungeliebter Prolet, er ist wie wir!“ Er ist das Spiegelbild seiner Wähler. Er spricht aus, was eine Hälfte der Masse denkt und lebt es vor. Es nützt kaum, ihn zu beschuldigen. Das bedeutet ganz viele zu ignorieren und ist gefährlich kurzsichtig, zentrierte Blindheit. Das korrekte Deutschland, unsere alte SPD will so gut steinmeiern: Es ist typisch für die Reste einer einstmals großen Volkspartei, mit dem Finger auf den Schuldigen zu zeigen.

Aber es ist gefährlich blind.

Isoliertes, zentriertes Denken kleiner Kerne wird von der nach vorn trabenden Masse des großen Ganzen überrannt. Jedem Dorf seine eigene Verwaltung, Schwimmbad, Kino, Stadtwerke? Die Entwicklung geht in eine andere Richtung. Größere Strukturen sind nötig, um weltweit im Konkurrenzkampf standzuhalten. Wir sehen es am Tageblatt, das sich immer mehr zur Nord-Gesamtzeitung hin verallgemeinert: „Rohrbruch in der Hauptstraße“ wird unter Lokales berichtet. Das war einmal die Seite „Schenefeld“ in der Zeitung, die ihren Titel „Schenefelder Tageblatt“ noch trotzig behalten hat, ein Fake ist das. Das ist nur noch das allgemeine Blatt rundherum um Pinneberg, Elmshorn und über Wedel-Schulau bis hin nach Norderstedt, in dem im großen und ganzen dasselbe berichtet wird, und das ist doch schon dem Titel nach eine „Lügenpresse“.

Drei Exemplare noch davon.

Sie liegen bei meinem Bäcker aus. Eines davon kaufe ich an jedem Morgen. Ich muss wirklich ein Mensch aus dem vorigen Jahrhundert sein, dass ich das mache und noch nicht begriffen habe was modern und richtig ist. Wer wohl die anderen beiden Idioten sind, die dieses Blatt (noch) lesen? Wenn die Medien sich abschaffen und gleichermaßen darauf pochen wie wichtig sie sind, muss es auch Leser geben, die diese Informationen kaufen möchten. Das scheint nicht der Fall zu sein. Die Schuldfrage verläuft beim unbefriedigenden Ergebnis im Sande, dass es eine beiderseitige Entwicklung geistiger Verarmung ist.

Nicht nur die Vogel- und Tierarten dünnen aus, unsere Fähigkeit zu Empathie und natürlich motivierter Handlungsfähigkeit sind ernsthaft gefährdet, jedenfalls was die breite, zivilisierte Masse betrifft. Sie verliert ihre zivile, geschulte Qualität zu leben und nähert sich dem Brei einer Gesellschaft aus ständig kämpfenden Legionären an, wie etwa der Islamische Staat das Modell dafür hergibt. Es scheint, der christliche Staat, in dem niemand noch in eine Kirche geht, ist nicht besser. Wir sind die, die um das goldene Kalb tanzen, während Moses die Runen in den Stein gräbt, die er uns als Gottes Wort glauben machen möchte, wenn er vom Berg zurück kommt. Wir entlarven ihn so schlau: „Das hast du doch selbst geschrieben, da ist kein Gott auf dem Berg, Spinner!“ Und dann sitzen wir alle ums Kalb rum und jammern, weil rundherum Wüste ist? Diese Vergangenheit ist unsere Zukunft. In eine goldene Tasse kann ich noch Wasser tun, wenn ich keinen Palast habe, auf einem goldenen Kalb reitet niemand in sein gelobtes Land.

# Der Rohrbruch war direkt vor unserer Haustür

Es stimmt wohl, wenn das Tageblatt schreibt: „25 Minuten später war der Stördienst schon vor Ort; Hamburg-Wasser (…).“ Es gab kein Foto von unserer Straße hier im Dorf. Stattdessen ein „Symbolbild: IMAGO“. Tageblatt-Autorin Cindy Ahrens war jedenfalls nicht vor Ort, um etwa mal ein Bild zu schießen. Die mir aus Backnang vertrauten Straßen einer Baden-Württemberg typischen Umgebung illustrieren den Rohrbruch vor meiner Haustür? Ich durfte sehen wie „irgendwo“ das Wasser einen Kanaldeckel hob. Wieder gut informiert. Sonst hätte ich mir das ja gar nicht vorstellen können. Gut, dass ich nur wenige Meter zu laufen hatte, um die Scheiße vor der Tür „in echt“ zu erleben. Und aufs Klo für das nötige Geschäft? Ging ich in die erwähnte Bäckerei. Ich mag diese Leute, systemrelevant sind sie. Fragen kostet nix, und hundert Meter weiter war das Rohr reibungslos abführfähig bei voller Spülung. In der Mühlenstraße stand alternativ der Wasserwagen der Hamburger. Mit einem Eimer ausgestattet, hätte ich mir meine Spülung auch dort abholen können. Die Hardware zuhause war ja nicht betroffen.

Hamburg-Wasser schaffte es bis zum Mittag, alles wieder in Ordnung zu bringen.

Danke dafür.

Ich bin Mathias Schmitz auf dem Wochenmarkt begegnet: „Ich habe gegen deine Stadtwerke gestimmt“, brüskierte ich ihn beherzt mit einem Affront, während wir beim Käse anstanden. Eine zunehmend lebhafte Diskussion entspann sich. Er drehte auf: „Die Wähler hätten die doppelte Verneinung nicht begriffen, er sei das Opfer der Fragestellung (oder wir zu dumm?) und alles würde uns teuer zu stehen kommen.“ Schmitz wiederholte, alle größeren Gemeinden hätten Stadtwerke, warum wohl? Als er seinen Käse bekam, musste ich wählen, diskutieren oder – hinter mir warteten andere. Ich habe mich für Gouda entschieden, mittelalt, eine gute Wahl. Mein persischer Käsefreund und ich, wir können noch lustig sein, albern. Nicht umhin kam ich zu bemerken, wie unser Wortwechsel einige in der Umgebung anregte, schmunzelnd daran teilzunehmen, wie unser oberster, grünerster Weltretter vom Dorf sich in Rage geredet hat. Es sind eben nicht nur die Vögel, die zwitschern, habe ich gedacht. Das ganze Drumherum, wir nehmen es wahr, und es wird unser Tun beeinflussen.

Meine Meinung, meine Wahl – oder ich enthalte mich. Es lebe die Demokratie. Ein guter Moment zu begreifen, wie das Glück in erfolgreicher Abgrenzung vom Umfeld und zielführender Auswahl möglicher Handlungen besteht. Einer will es grün, der andere schwarz, rot oder bürgernah eingefärbt.

Der Künstler malt.

Der Bäcker backt das Brot.

Der Käsemann verkauft den Käse.

Es ist beileibe nicht so, dass mein Wille geschehe (oder seiner) und ich deswegen glücklich bin, sondern dass ich den besten Weg zwischen den ganzen Menschen (und Vögeln und sonstigem Getier, Gesträuch und Marktständen) finden kann im Moment. Oder eben nicht. Bewusstheit ist allemal besser, als ein starker Wille, mit dem man voll wie gegen eine Mauer prallen kann.

Die Vögel zwitschern:

„Hast du’s (nicht) gesehen?“

🙂