… ist begrenzt. Und das ist auch gut so. „Lügen haben kurze Beine“, heißt es. Eine Lüge ist verbale Gewalt. Schon das Weglassen von Information geht in die Nähe davon. Wer angelogen wurde, kann das kaum verzeihen. Während schnell klar wird, dass ein Faustschlag im Zorn sogar der Wahrheit dienen kann, ist es schwer, der Lüge etwas Gutes abzugewinnen. Eine Flucht aus finsterem Verlies gelingt, weil wir den Wächter belügen? Dann dürfen wir es. Zwei Kindheitserinnerungen kommen mir in den Sinn. Die erste zum Thema die mir einfällt, ist eine Begebenheit aus der Schule. „Dies ist eine wahre Aussage“, lautete die richtige Antwort einer Aufgabe in der Mathearbeit. Wir schrieben nicht etwa eine Zahl auf, die wir errechnet hatten. Wir schrieben einen Test, nachdem wir mit den Grundlagen der Mengenlehre vertraut waren. Eine Arbeitsgruppe, eine Art Kurs, der das bisherige starre Modell der Schulklassen veränderte.

Nicht nur für „Kunst“ trug ich mich in die Liste ein, „Logik“ hatte ich ebenfalls gewählt. Und wurde erfolgreich mit in die Gruppe aufgenommen; es war gar nicht sicher, dass man bekam, was man gewählt hatte. Wählen mussten wir: Das war Pflicht. Es waren die neuen „Wahl-Pflicht-Kurse“, kurz: „WPK“ – nichts machen ging nicht. Wir amüsierten uns: Wenn es nicht klappte, in den Wunschkurs zu kommen, waren wir gezwungen, etwas vollkommen Bescheuertes zu tun. Die „Freiheit zum Zwang“, so in etwa verspotteten wir die entsprechenden Lehrer. Sie wollten uns weismachen, wie gut wir es hätten – und dann wurde gelost! Insgesamt bestand die Verbesserung darin, dass wir ein individuelles Profil des Unterrichts zusammenstellen durften. Das ist heute ganz normal und war damals neu. Die Mengenlehre erklärt die Mathematik anders, als wir es bis dahin kannten. In der Mathematik spielt die Wahrheit eine wichtige Rolle! Es gibt falsche Antworten, das haben wir gelernt. Man kann nicht mit dem Lehrer diskutieren, was falsch gerechnet wurde. Nicht für die Schule lernen wir, für das Leben heißt es? Mich interessiert, wie aus den Geschichten meiner Jugend, den Büchern, die ich las und Filmen, die ich sah, den vielen Ratschlägen, die man mir gab, wurde, was heute mein Leben ist. Der eigene Film, die eigene Geschichte. Was war, blieb und ist – und wurde deswegen wahr?

Eine Forschung beginnt: Die andere Erinnerung, mit der ich in diesen Text finden möchte, ist eine Bildfolge in einem Comic. Über Pollischansky konnten wir Prinz Eisenherz und Flash Gordon in Österreich bestellen. Bezahlt wurde mit Briefmarken. Das ist nicht sonderlich kunstgerecht koloriert. Diese Hefte mit den wunderbaren Zeichnungen von Hal Foster oder Alex Raymond; mich hat das geprägt. Prinz-Eisenherz ist gut strukturiert. Der Prinz, in die Artussage hineinerfunden, kämpft an der Seite vom Freund Gawain, findet seine große Liebe Aleta  – eine glaubwürdige Lebensgeschichte mit Höhen und Tiefen. Der beim Anfang der künstlerischen Laufbahn von Alex Raymond beginnende Flash Gordon ist eine Figur die sich weiter entwickelt, aber das ist ungewollte Dynamik. Eisenherz reift, und Foster bleibt seinem Helden treu. Der Prinz sei charakterlich so, sagt der Autor der unvergleichlichen Geschichten, wie er selbst gern wäre.

Flash Gordon beginnt holprig, mit kleinen unscheinbaren Zeichnungen. Während sich die zeichnerischen Fähigkeiten Raymonds schnell verbessern, bleibt der Serie dieser von Beginn anhaftende Duktus einer Erzählung die sich täglich selbst weiter erzählt – ohne Plan, wo alles hinführen wird. Superman führt auch nicht unbedingt irgendwo hin, aber die Geschichten folgen einem Muster. Flash Gordon hingegen führt irgendwo hin, das spürt der Leser. Es ist wie eine wahre Geschichte die immer weiter fortschreitet und nicht: „Katastrophe bahnt sich an, Kent springt in eine Telefonzelle, zieht sich schnell um: Der blau-rote Blitz schießt in den Himmel – Kampf, alles wird gut! Schließlich war Lex Luthor schuld. Gordon hat wiederkehrende Themen, aber es scheint eine Story zu sein – mit Tiefe. Die Geschichte selbst sucht sich einen Weg. Diese Szene erinnere ich, da sitzt der Held recht seltsam in einer Einöde auf Mongo und man ahnt: Genauso ratlos, wie der verloren wirkende Flash in dieser Wüste, ist zeitgleich auch der Autor – dann kommt nicht mehr viel vom Erfinder. Andere haben die Serie fortgesetzt.

Alte Zeitungscomics, besonders: Flash Gordon – ich habe das so geliebt. Der Held! Wunderbar gezeichnet. Nie stereotyp, wie etwa nach Schablone. Raymond ist ein wahrer Künstler. Er probierte sich aus und wurde immer besser. In einer Szene stehen sich Gordon und (der grausame) Ming vis-à-vis gegenüber. Das habe ich seinerzeit nicht verstanden, Ming spottet: „Du kannst nichts machen – weil du mich nicht schlagen kannst.“ Flash Gordon, der Ming körperlich überlegen ist, steht seitlich im Bild. Flash sagt nichts. Seine muskulösen Arme hängen. Er hat eine Haltung die deutlich macht: Du hast recht, ich kann nichts tun; sagt es aber nicht. Er schaut ihn nur an: den verhassten Widersacher. Ein Ausdruck wie Charlton Heston, der (als Pilot) gerade ein Flugzeug landet und weiß, dass es eine Bruchlandung wird. Er muss es hinnehmen, wie es eben wird. Aber er ist verantwortlich.

Weil die Geschichte auf dem fernen Planeten unmittelbar aktionsgeladen weiter geht, ist es wie ein Film, der kurz zur Ruhe kommt. Darum erinnere ich mich daran. Die Sequenz ist am Beginn der Erzählung (die bekanntlich unausgegoren ist). Eventuell ein zweiter Besuch der Freunde auf Mongo? Zwischendurch waren Dale, Zarkov und Gordon zuhause auf der Erde aktiv, um anschließend erneut in die Welt von Aura, Barin und den anderen vorzustoßen. Also bevor Raymond mit der Detektivserie „Rip Kirby“ weitermachte, neue Zeichner die interessante Science-Fiction fortsetzten. Dan Barry fand mit seinen dramatischen Schatten in den Zeichnungen eine wunderbare Form. Obwohl inhaltlich anders und Flash seine unverwechselbaren Züge, so eine Mischung aus John Wayne und Paul Newman, verlor. Barry setzte dem Helden fette, schwarze Augenbrauen und gab ihm auch sonst eine andere Identität.

Über Wahrheit und Lüge nachzudenken, wird dazu führen dem Antrieb des Lebens schlechthin auf der Spur zu sein. Solange man Filme nur anschaut, Romane liest wie ein Jugendlicher ohne Erfahrung, kann man an den freien Willen als unbedingt glauben. Mit eigenen Situationen konfrontiert, bildet sich das größere Verständnis grundsätzlicher Beziehung zur Umgebung heraus. Nun wird sich zeigen, dass die Energie kraftvoll vorzugehen, aus dem Bild erwächst, das der Mensch von allem hat. Eine Annahme, niemand weiß was wirklich ist. Und auch was war, kann nicht zuverlässig rekonstruiert werden. Der aktive Moment in dem wir handeln, ist die Gegenwart. Hier wird sich unser Zorn entladen, wenn wir dazu motiviert sind. Einfach mal so passiert gar nichts. Ohne Motiv handelt nicht einmal ein Geisteskranker, auch wenn es schwerer ist, das zu verstehen.

Ich habe in einen alten Zirkusfilm hinein gezappt, und zwar mit Burt Lancaster. Ich kannte den Film nicht, der Moment war so spannend. Ein interessantes Pendant zu der Szene im Comic, aber hier wird sich gehauen. Der jüngere Artist hat gerade etwas begriffen und schlägt dem kräftigeren Lancaster fest in das ausdrucksstarke Männer- und Schauspielergesicht (mit dem wunderbaren Gebiss). Mehrere Male haut der ganz offensichtlich verarschte Kollege den gestandenen Artisten fest an. Und dieser, sich gar nicht zur Wehr setzend, sackt zurückgedrängt in einen Sessel und erträgt das Übel! Der Zornige brüllt, schimpft – dann taucht noch das Mädchen auf, um das es sich dreht – hier wird klar, der jüngere Akrobat hat gerade einen direkten Beschiss verstanden.

Als ich damals Flash Gordon las, konnte ich nicht nachvollziehen, warum der Held, dem Bösen direkt gegenüber stehend, diesen doch nicht besiegen konnte. Ming verspottet Flash. Der Vater von Prinzessin Aura kann böse sein, töten, versklaven – alles was ein diabolisch anmutender Herrscher tut, und der Gute – er kann nichts machen? Flash Gordon fehlt die Motivation, seinen Widersacher auszuschalten. Er muss erkennen, dass er mit seinen kraftvollen Armen nichts ausrichten kann, gegen die bereits voranschreitende gut geplante Heimtücke des Gegenspielers. Voller Kraft und auf der Seite der Wahrheit und bei den Guten – resigniert er im Begreifen seiner Machtlosigkeit.

Anders im erwähnten Kinofilm. Auch wenn man den Film nicht kennt, der Zuschauer kann sich sofort einfühlen: Hier wird etwas gerade gerückt. Nichts bindet die Hände oder die Kraft des Schlagenden, jeder kann nachvollziehen, dass ein Kampf Mann gegen Mann mit der entsprechenden Energie auch anders ausgehen könnte. Der alte Lancaster ist ein Mann in den besten Jahren, stark und gereift – und sicher kein schlechter Kämpfer – wehrt sich aber nicht. Er gewinnt unsere Sympathie (genauso wie der jüngere Mann in seinem Zorn), gerade weil er sich einfach umhauen lässt und deswegen geht das Ganze auch nicht ewig. Ein kurzer Schlagabtausch, dann kommen noch Anschuldigungen, und Lancaster sagt nicht viel. Die Szene: Es geht um Lüge und Wahrheit. Und ich glaube auch: Die Macht zu tun oder es gerade nicht zu können. Das liegt wohl daran, dass eine Lüge wahrhaftig ist wie ein Gegenstand. Mehr als ein Wort. Das Gegenteil von einem Tatbestand und damit gleichermaßen konkret. Lügen bedeutet, wissentlich aktiv anders darzustellen – und das steht ja zunächst jedem frei, als ein Mittel zum Zweck. Deswegen nützt es nicht, die Welt verbessern zu wollen und das Lügen an sich zu verdammen. Lügen zu können, ist eine Fähigkeit. Wir können es nicht abschaffen, wie wir die Aggression an sich, als Teil menschlichen Verhaltens, ebenfalls akzeptieren müssen. Wer lügt, muss sich über mögliche Konsequenzen klar sein. Da unterscheidet sich der Profi vom Amateur. Wer leichthin lügt, nach dem Motto, nun bin ich’s los das Problem, bekommt „die Haue dafür“ – irgendwann. Es gibt so viele abstrakte Worte, jeder kann intellektuelle Begriffe interpretieren. Aber wer je angelogen wurde und es begriffen hat, vergisst es nie wieder: Das weiß man in dem Moment, wo diese Lüge ausgesprochen wird, oder später im Erinnern, weil derjenige, so perfekt er oder sie auch dabei ist, einen wirklichen Fehler macht, und zwar einen, den der oder diejenige nicht kennt. Darum ist das ja so faszinierend zu erfahren (und böse verletzend und kann in der Regel nie wieder gut gemacht werden).

Eine Geschichte fällt mir ein, das ist einige Jahre her. Unter dem Titel „So finde ich mein Bild“ hatte ich das veröffentlicht und kann es hier recyceln. Das Motiv, etwas zu tun, findet der Mensch in sich und außerhalb. Wenn wir Hunger haben (innen) gehen wir dorthin (außen) wo wir Essen vermuten. Was wir vorzufinden glauben: „Hinter der Kreuzung sehen Sie dann ein italienisches Restaurant“, gibt uns die nötige Energie uns in genau diese Richtung in Bewegung zu setzen. Eine Aussage, ist sie wahr? Es entsteht ein Bild im Kopf. Und so beginnt auch meine Erinnerung damit, wie eine Szene allein durch das Hören zu einer Vorstellung, zum inneren Bild wird. Das führt mich dazu, darüber nachzudenken, wie ich die Umgebung erlebe. Film und Realität vermengen sich zum eigenen Motiv. Vor einigen Jahren hatte Disney den Star-Wars-Zyklus weitergeführt, der siebte Teil der Saga war herausgekommen. „Wann gehen diese Leute mal auf das Klo“, haben wir uns gefragt, noch voll mit den Bildern der Kampfszenen, als wir das Kino verließen. Es ist immer Krieg! Da bleibt keine Zeit für die Toilette oder ein gemütliches Sitzen mit Freunden? Eine ganz große Geschichte um die gute und die böse Seite der Macht, Wahrheit und Lüge und die Energie, die daraus erwächst.

Vielleicht beginnt meine Geschichte deswegen, gerade weil das Thema so groß ist, kleiner und privat, vom stillen Örtchen aus – so war das vor einigen Jahren: Ich bin unterwegs in einem Einkaufszentrum, in der Nähe verabredet, ein bisschen Zeit ist noch bis dahin. Wo war hier die Toilette? Ach ja, Treppe hoch, da beim Parkdeck auf dem Dach. Ich erinnere, dass ich schon mal das WC draußen auf dem Dachparkplatz suchte. Diesmal auf Anhieb gefunden. Ein Flurende, zwei mit den bekannten Symbolen bezeichnete Türen im nur mäßig ausgeleuchteten Gang, unspektakulär. Niemand, der hier einen Teller für Geld hingestellt hat. Ein menschenleerer Ort unter dem Dach, das Nötigste für das, was Not tut.

Ich gehe durch die Tür mit dem Männchen, vorbei an Waschbecken in weiß, Pinkelbecken, weiter in eine Kabine, da ich eine Hose mit Knöpfen anhabe. Da ist es sonst immer so ein Gewurschtel. Wie ich so sitze, allein in meinem Kämmerlein und allein im ganzen WC (nun dauert es doch länger, wo ich erst sitze), kommen Stimmen auf. Ein Mann sagt: „Weil ich nicht bei den Frauen rein kann.“ Eine Kinderstimme antwortet: „Und ich nicht bei den Männern.“„Doch“, sagt der Mann kurz, „du ja.“

Geräusche direkt neben mir, wie die beiden zum Klo in die Kabine gehen. „Zieh die Hose runter“, sagt der Mann. „Warum ist Nancy dahinten?“„Vielleicht, weil sie gewickelt werden muss. Kommt was?“ „Ja.“ Der Mann spricht leicht ungehalten mit kurzen, deutlichen Worten, hart und anweisend, will voran machen, ist aber praktisch, pragmatisch, nicht wirklich unfreundlich. Bestimmt ist es der Vater. Für mich, der ich selbst mich gerade daran erinnere, wie es war, als mein Sohn klein war, klingt es o.k. „Bist du fertig?“ fragt der Erwachsene. „Ja.“ Das Mädchen scheint aufzustehen. „Daneben“, sagt es leise. „Du hast doch gesagt, dass du fertig bist“, herrscht der Vater sie an. „War ich auch.“ „Dann kann es nicht daneben gehen.“ „Du hast zu schnell gemacht.“ „Stell dich da in die Ecke, fass nichts an!“ Der Vater spricht scharf und etwas lauter. Kind: „Wir haben nicht abgezogen.“

Der Vater kommentiert nicht, sie verlassen die Kabine, scheinbar muss der Mann jetzt selbst noch pinkeln. Wahrscheinlich steht er nun am Urinal vor den Kabinen. „Bleib da in der Ecke und fass nichts an. Fass nichts an.“ Er wiederholt es. „Ja“, sagt das Kind. „Du sollst nichts anfassen!“ „Habe ich nicht.“ Es gibt noch die Geräusche von Schritten, das Rascheln ihrer Kleidung, während die beiden das WC verlassen, und noch einmal herrscht der Vater das Kind an: „Nichts anfassen.“

Jetzt bin ich selbst fertig, ziehe meine Hose hoch, spüle und verlasse meinen Kasten. In beiden Urinalen steht kräftig dunkelgelb der männliche Saft. Dass im Klo nebenan nicht gespült wurde, weiß ich ja bereits. Wie ich mir nun vorn die Hände mit Seife wasche, kann ich aber weiter keine Fehler an der Sauberkeit des Toilettenraums finden. Der Papierspender funktioniert, Seife geht auch, und der Mülleimer ist nur halb gefüllt. Alles bestens.

Januar 2016, nur wenige Wochen danach. Wir sehen nun tatsächlich Star-Wars-Sieben. Mit dem irgendwie nur leicht gealterten Harrison Ford als Han Solo. Ein Film aus den Walt-Disney-Studios. Mit 3D-Brille. „Episch“, mein Sohn hat uns vorbereitet. Er war schon ein paar Tage vorher dort. Ja, es hat mich berührt. Sehr sogar. Leia mit ihrer neuen Frisur. Im Alter einer Oma ist sie, aber ohne Enkel, dafür mit einem missratenem Sohn. So böse. Schließlich ist der Film aus, wir lesen noch. Wenn man jetzt die 3D-Brille abnimmt, kann man die Namen genau so gut lesen, hat aber doppelt so viele Sterne im Hintergrund! Zum Abspann hin wird langsam etwas Licht angedimmt, viele gehen bereits.

Als alles ganz zu Ende ist, das volle Licht eingeschaltet wird, verlassen wir mit den letzten Genießern den Saal in Richtung Ausgang durch unsere Sitzreihe. Rote, bequeme Polstersessel. Das größte Kino, die Nummer eins, leicht gebogene Mega-Leinwand, stark ansteigende Sitzplätze mit bester Aussicht, hier kann jeder was erleben. Wir gehen durch eine Müllhalde aus Popcorn und weißen Pappbechern überall. Während meine Frau zügig in Richtung Klo voran macht, steure ich das Kinomädchen an, das allein leicht verloren dort still am Rand steht, während alle anderen durch die Tür in den Vorraum strömen. Sie sieht so verloren aus.

Dünn, jung, vielleicht noch Schülerin, herab hängende Arme, ein weißes Hemd oder eine Bluse, Krawatte, dunkle Hose, irgendetwas an ihr war rot wie die Sitze – die Haare, die Lippen? Sie steht einfach da. „Ich war seit zehn Jahren nicht mehr im Kino“, sage ich: „Titanic – das war auch hier in Kino eins.“ „Kommt wohl hin“, meint sie (was die zehn Jahre betrifft). Wir schauen beide in den Dreck. „Ist das jetzt immer so?“ frage ich. Sie hat so einen leeren, sich in eine andere Welt fort träumenden Blick, als sie sagt: „Die leben hier aus, was zuhause nicht geht. Wir haben jetzt gar nicht viel Zeit bis zur nächsten Vorstellung.“ Sie seufzt dabei und schaut mich nun direkt an. „Einen schönen Tag“, oder etwas Ähnliches sage ich, denn wir waren ja in der Mittagsvorstellung am Sonntag.

Ich gehe nun die Treppe hinab zum Vorraum, lasse den roten Saal über rote Teppichstufen hinter mir und gehe in die hellweiß leuchtende Mega-Halle, durch verstreute, teils dichte Menschenhaufen zur Toilette. Bei den Männern trete ich ein, da gibt es hier eine ganze Menge in dem kleinen Raum. Sie waschen sich die Hände an vor Wasser und Seife schwimmenden Becken. Man drängt mir entgegen zur Tür. Volles Haus. Die Handtrocknergebläse lärmen. Der Boden um die Pinkelbecken steht unter Wasser. Oder ist es Urin? Große Pfützen. Eine kräftige Oberflächenspannung der ekligen Flüssigkeit scheint zu machen, dass die Lachen räumlich begrenzt bleiben und nicht den gesamten Fußboden überschwemmen.

So als wäre es Gelée, steigt der Rand dieser großen Seen scheinbar einen vollen Zentimeter an, wie Glibber. Noch will ich gerne pinkeln. Ich suche eine Kabine die frei ist, da ich wieder diese Hose mit der Knopfleiste anhabe. Die Türen der hinteren Kabinen scheinen auf rot verriegelt. Die rückwärtigen Ärsche der dichtgedrängten Männer direkt vor den Türen machen es aber unmöglich, genau zu prüfen. Doch die erste Tür lässt sich ja gleich leicht nach innen hin aufdrücken, prima! Ich schrecke zurück. Wieder so eine Glibberpfütze am Boden, rund um das Klo, eigentlich in der gesamten Kabine. Der Klodeckel geöffnet, ich schaue schon nicht mehr hinein. „Fass nichts an“, denke ich.

Ich gehe zügig, ohne noch irgend etwas zu tun, was man hier tut, dränge durch die engen Mannen wieder raus, kollidiere beinahe mit der Gattung Mensch. Meine Begleitung ist hier noch nicht sichtbar. Auch vor den Toiletten sind sie, die Menschen. Es drängt mich weiter, es zieht mich magisch zurück zum leeren Kino eins. Fünf kleine Minuten mögen wohl vergangen sein. Wieder die kurze rote Treppe hinauf, durch die Tür in den Saal des größten Kinos. Tatsächlich, wie wartend ganz allein, steht sie da noch immer dort am Rand und schaut – das Kino-Mädchen.

Ich sage ihr das mit dem Klo. „Schon wieder?“ meint sie lakonisch. Es ist ein bekanntes Problem. Ich kann mich auf einmal gar nicht zurückhalten. Wie ermuntert, wie eingeladen, sprudele ich sie mit eigener Geschichte förmlich an, weil mir Gefühle scheinbar nie genug Reflexion finden können? Ihr stilles Gesicht scheint mir eine See unter dunklen Wolken existentieller Not. Angst und Wut gehen gleich Regen im Meer mühelos darin auf. Zwei, drei Sätze nur fallen mir ein, aber das ist mehr als ich hoffen kann. Wie isoliert unter maskierten Lemmingen, fühle ich als einziger von allen nur mit dem eigenen Leib?

Hier ist wieder etwas spürbar. Eine Landmarke, an der ich weiter in die Zukunft navigiere. Wo ist vorn? Kurz ein Austausch uns verbindender Gedanken, beinahe fröhlich, gleite ich nun ein weiteres Mal die Treppe hinab. Dabei kommt es mir vor, als springe ich mir selbst entgegen. Schon in dem Moment auf der Treppe, stärker noch, wenn ich erinnere, sehe ich irgendwie gleichzeitig auch anders herum, von unten hoch. Voyeur im Foyer, schaue ich hinauf zu der kleinen roten Treppe, während ich dabei doch auf mich zu komme. Hinter mir, grad in der oben geöffneten Tür, steht sie – und schaut doch so fern. Davor fliege ich mit den dunkelblauen Flügeln meines geöffneten Kulani die Stufen abwärts, wie auf mich selbst zu.

Zwischen den Ein- und Ausströmlingen steht eine 3D-Brillen-Recycel-Tonne. Ich werfe meine Brille weg. Fantasie ist, was manche sich gar nicht vorstellen können. Zeit vergeht. Bei den Mädels ist das Klo fein sauber … Wir bummeln in die Colonnaden, Jungfernstieg, Hanse-Viertel, weiter zum Großneumarkt, haben noch Pläne für den Abend. Andere erleben es genauso. „Sie sind wie Geister“, sagt ein Freund; und daran denke ich jetzt: „Manchmal scheinen sie gar nicht da zu sein.“ Er erzählt: „Introvertiert, wie entrückt – sie sind wie Geister“, sagt er. Auch Gregor Meyle kommt mir in den Sinn: „Hüte dich vor dem Entschluss, zu dem du dich zwingen musst – sonst kriegst du ’nen kalten Kuss.“ So erinnere ich mich daran zu lächeln, wie ich es versprochen habe. Wer reicht wem das Leben weiter?

Sie steht oben auf der Treppe, scheint durchsichtig.

Jetzt ist es aus – erst einmal. „Der Aufstieg Skywalkers“, das haben wir nun auch gesehen. Gleiches Kino, gleiches Rot, gleiches Popcorn, wenig Müll – kein Mädchen, sauberes Klo – unauffällig das Drumherum. Spektakulär ist der Film. Januar 2020 – Jahre später! Der letzte Film von neun, und irgendwie reicht es nun. Nie war die Illusion und Bildgewalt besser, allein dieses Meer, diese Wellen und der Kampf davor und so viel andere unglaubliche Weltenschau. „Wann gehen die eigentlich mal was essen oder sitzen rum?“, haben wir uns gefragt: „Wir müssen los“, ruft Rey, und dann fliegt wieder was in Stücke. Insgesamt bleibt ein ernüchternder Nachklang, alles schon gesehen zu haben. Eine wunderbare Szene ist ganz zum Schluss: Rey schaut in den Sonnenuntergang. Es sind zwei (!) Sonnen im flimmernden Licht, eine rot, eine heller – und es sieht ganz real aus.

In diesem allerletzten (hoffentlich) Star-Wars-Film wiederholt Rey eine Szene gegenüber feindlichen Wächtern, die ich für eine der Besten der ganzen Reihe halte. Natürlich ist die Macht spektakulär, wenn ein Jedi mit konzentriertem Gesicht und ausgestrecktem Arm ein Raumschiff vom Himmel holt oder Luke seinen x-Flügler aus dem Schlamm zwingt, nachdem er von Yoda lernte, seine Gedanken zu sammeln. Ich finde aber eine andere, scheinbar banale Machtdemonstration so bemerkenswert.

Das ist in einem der Filme, die für uns ältere den Beginn darstellten. Luke ist mit Obi-Wan Kenobi (Alec Guinness) auf seinem Wüstenplanet Tatooine unterwegs und zwei dieser weiß gerüsteten Wächter, die wie Roboter daherkommen, halten die Freunde auf. Eine Szene, so alltäglich wie Türsteher vor einer Diskothek. Man kommt da nicht rein. Ganz einfach gelingt es dem alten Mann, die Schergen umzustimmen. Seine entspannte Autorität beherrscht die Situation. Das finstere: „Ihr könnt hier nicht hindurch“ der Soldaten verdreht Obi-Wan ihnen noch im Munde zum: „Ihr dürft passieren“, und wie ein Echo bestärken sich die zwei uniformen Automaten gegenseitig wiederholend, was Kenobi ihnen in den Mund legt. Als wäre es ganz normal, Anweisungen vorab zu soufflieren: „Sie dürfen passieren, die Fremden dürfen passieren“ – sie plappern sich wie im Chor hinein – in einen Singsang, der das Gegenteil ihres Auftrages ist.

Eigentlich eine böse Macht, die Manipulation. Das ist Gehirnwäsche. Die Macht ist hier so nachvollziehbar real, wir sind nicht mehr auf dem fiktiven Tatooine – das könnte John Silver sein, wie er Jim einflüstert, was zu tun sei. Genauso Wolf Larsen, der Seewolf, er manipuliert den Schöngeist Humphrey van Weyden oder: Eine junge Frau macht, was ein reicher Mann möchte, obwohl sie es eklig findet. Es gibt zahlreiche Bilder, die mir in den Sinn kommen, wenn ich überlege, wie dominante Menschen suggestiv andere umdrehen, das Gegenteil von dem zu tun, was diese eigentlich vorhaben. Hier bekommt die Lüge eine Macht zum Guten, sie wird so überhöht, dass sie der Ausweis der Freunde wird, damit das Böse selbst zu passieren. Macht bedeutet dem Wort nach, Einfluss zu nehmen. Nicht angenehm für Menschen, die gehorchen müssen. Und doch lassen wir uns gern darauf ein: Die Vorstellung von der „guten“ Seite der Macht.

Das sind Geschichten. Ich bin nun über die Mitte des Lebens hinaus und denke an mein Bild „Lüge“ das ich vor einigen Jahren gemalt habe. Inzwischen habe ich konkrete Erfahrungen gemacht, kann mitreden, was Lüge bedeutet und die Enttäuschung deswegen. Im grundsätzlich Großen des Lebens, wie im banalen Geschehen. Jede nebensächliche, kleine Geschichte, wie die folgende, lässt mich Erinnerungen merken: Ich war heute in einem Geschäft, und eine Freundin hat mir von einer Kollegin erzählt, der das Vertrauen entzogen wurde. Da geht es um Kassenbetrug im Einzelhandel, passend zur neu eingeführten Bonpflicht. Ein aufgeflogener Betrug ist nicht zu diskutieren. Ein Beleg ist ein Beweis. Ich habe meiner Freundin von der Ladenkasse mit den vier einzelnen Schubladen erzählt, die meine Eltern vor vielen Jahren anschafften, um jeder Verkäuferin in unserem Laden ein eigenes System zuzuweisen. Sie hatten das Problem mutmaßlichen Betrug nicht nachweisen zu können und kauften die damals moderne und mechanisch trennende Kasse. Von da an hatte jede Angestellte eigenes Geld, konnte nicht mit: „Ich war das nicht“ davon kommen.

Ein Film ist ein Film, und das Gute siegt bis zum Happy End. Warum ist das so? Ein frommer Wunsch. Kommt das auch wirklich vor? Eine Dokumentation vor einigen Jahren, im Fernsehen ausgestrahlt, mit der These der Kommunismus in der Sowjetunion wäre durch die Gläubigen der katholischen Kirche und ihren Papst Johannes Paul besiegt worden, hat mich aufmerken lassen. Das ist kein Film, habe ich gedacht, und diese Geschichte macht Sinn. Lech Walesa, der polnische Gewerkschafter und der zeitgleich in Rom predigende Papst, ein Landsmann von ihnen – das gab den Polen die Kraft zum Widerstand. Das war der Anfang vom Ende der Sowjetunion, dem Unrechtsstaat. Es gibt überall weltweit Gläubige, sie können mobilisiert werden! Diese Doku zeigte anschaulich, wie sich ein neues Netz gebildet hatte, das mit dem bösen Bund verwobener Macht und nachbarschaftlicher Bespitzelung mit- und gegenhalten konnte.

Es gibt nur wenig Presse über meine Malerei. Ein schöner einfühlsamer Text porträtiert meine Dauerausstellung im Obdachlosencafé Pino – und mich selbst. Dafür wurde ich von Alexandra auch fotografiert. Ich stehe vor dem erwähnten Bild „Lüge“, und mein Oberkörper verdeckt die Figuren am unteren Bildrand so zwanglos und zufällig, als gäbe es die gar nicht auf dem Gemälde. „Die gute Nachricht“ nennt der Christ das Neue Testament. Die „falsche“ Nachricht ist moderne, etablierte Realität heute. Ein Mittel zum Zweck. Wir reden nun elegant englisch: Ein „Fake“ ist eine Fälschung, eine Lüge. Die Lüge ist einfach, wenn das Individuelle der Handschrift, der unverwechselbare Klang einer vertrauten Stimme fehlt. Wir haben die Wirklichkeit abgeschafft. Wir reden noch darüber, mehr nicht. Eine Person ist nur real, wenn ich sie selbst sehen (und eventuell berühren) kann? Dieses Foto überhöht, ob nun beabsichtigt oder zufällig, die Aussage, das hier vertuscht wurde, gelogen nämlich – und ist als Fotografie etwa so wunderbar schlicht, beinahe nebensächlich dahingemalt, wie die beiden Sonnen am Himmel der Skywalker – ganz weit weg.

🙂