Wir dürfen dumm bleiben: uns selbst treu sein! Die Freiheit klüger zu werden und besser haben wir nicht: Es ist eine Gnade der Umgebung, wenn sich wieder eine Tür öffnet und wir dorthin gehen können, wo es besser ist. Die Umgebung muss mitspielen, damit sich unser Ego erfüllen kann. Wir möchten uns dem Besseren zuwenden? Dafür müssen wir es erkennen können. Ansonsten werden wir uns nur wiederholen, wir machen weiter wie gewohnt. Deswegen sind wir frei darin, zu bleiben wie wir sind, frei so dumm zu sein, wie wir es gerade sind und frei dorthin zu gehen, wo es uns noch schlechter geht. Der Weg nach unten steht immer offen. Wir müssen nur unserem Zorn nachgeben oder einem Laster: zu viel essen, saufen oder sonst was.

Es ist schon einige Jahre her, wir waren mit der Bahn unterwegs. Im Regionalzug, einige wenige Sitzplätze entfernt, waren Studenten unterwegs. Es wurde lebhaft diskutiert, und ein junger Mann stach mit seinen Thesen hervor: „Warum ernähren sich die Leute nicht gesund? Es gibt überall gesunde Lebensmittel zu kaufen, es gibt Ratgeber, Literatur, Fernsehen, Internet. Wir wissen, was gut für uns ist, was schlecht. Und die Produkte sind leicht verfügbar.“

Ich kann einen Brief schreiben und bin unglücklich, wenn ich keine Antwort bekomme. Ich kann mich grämen, wenn ich fett bin und gehe nun in das gesunde Geschäft gleich neben dem Imbiss, wo ich für gewöhnlich meine öligen Pommes verspeise? Wenn es so einfach wäre, das Glück und die Verbesserung meiner Existenz zu finden, könnte ich eine Dating-App wie den Gang zu einer Prostituierten verstehen, und dann kaufe ich mir eine Frau?

Einfach die zehn Gebote einhalten, sagt der junge Pastor mit forschem Ton, dann klappt das schon mit dem Leben. Der wird sich noch umgucken, denke ich. Die Bürgervorsteherin gefällt sich in einer längeren Ansprache. „Hör endlich auf, Oma“, raunen die genervten Freunde der Konfirmanden in der Reihe vor mir. Dann spricht noch die Bürgermeisterin, und die Kommentare sind die gleichen. Wir ertragen solche Reden; aber es dauert, bis gute Formulierungen gefunden werden. Warum tut sich jemand an, am Festtag eine Ansprache zum Besten zu geben, in einer Kirche? Zur Bürgermeisterin wird man gewählt, und dann gehört es dazu. Zur Wahl anzutreten, darin sind wir frei.

„Das hat er sich doch selbst ausgesucht“, hat mein früherer Nachbar einmal gesagt, als ich Kümmernisse von jemandem aufzählte; zu jedem Beruf und Existenz gehören auch unangenehme Sachen.

Die Freiheit haben, jemand zu sein, ein Künstler oder ein Kaufmann – derselbe Nachbar sagte zu mir über sich: „Ich glaube John, ich bin so geworden wie ich nun bin. Eine Entwicklung.“ Mir kommt es auch wie eine Rechtfertigung vor, aber es stimmt. Die Kirchengemeinde erkennt eine selbstgefällige Trutsche, daneben ein eitles Plakat, hofft auf die erlösende Predigt oder darauf endlich zum Buffet überzuwechseln? Beschränktheit befriedigt, auf beiden Seiten. Es kommt darauf an, wie es sich anfühlt, nicht wie die Bewertung ist.

Sich auf die Suche zu machen.

Das ist die alternative Richtung zum Bleiben in den eigenen Grenzen, dem blasierten und einfältigen Renommieren oder dem selbstzerstörerischen Weg nach ganz unten. Der ist immer frei. Wir existieren an einem Abhang, und es ist an uns, was wir daraus machen.

Warum befindet sich jeder an seinem eigenen Berg, und warum scheint das so ungerecht zu sein und oft ohne jeden Sinn, Hoffnung oder Ausweg, und warum reicht unser Blick bis in eine verlockende, bessere Ferne: die Gipfel der anderen?

🙂