Es nieselt Bindfäden, und ich stülpe diese derbe Kappe auf meinen Kopf. Sie ist einigermaßen wetterfest und fühlt sich grob an in der Hand. Aus braunem Cord, eher noch im dunklen Beige und entsprechend gerippt, ist sie kräftiger als die leichte Baseball-Cap, die man im Sommer trägt. Meine hat vorn ein ausgefranstes Emblem: „New York Athletics, The University of Freedom“ steht da in dunkelblau, beinahe grau ist es, um genau zu sein – rund um ein weißes Wappen in der Mitte. In den Schirm ist dezent eine Macke geschnitten, schon beim Kauf war sie so. Der kleine Riss lässt die Mütze alt und holzfällermäßig aussehen.

New York, ich war schon einmal in der Stadt, aber nur auf dem Kennedy-Airport. Etwa eine Stunde warteten wir, bis der Anschluss-Flieger kam. Erinnerungen vagabundieren, dann drängt ein Motiv nach vorn. „Das ist alles nur in meinem Kopf“, singt Andreas Bourani. Ohrwürmer sind Bilder gemeinsamer Fantasie, begleiten für immer: „New York, New York … Ol’ Blue Eye, Frank Sinatra. Und Schlagersänger Udo Jürgens war noch niemals dort? Vermutlich nur bis in das Jahr 1982. Dann hat er sich einen Ruck gegeben. Im Herbst kam sein Hit heraus – wie jemand sich entschließt, der Spießigkeit ein für alle Mal zu entfliehen. Alle können das singen. Zehn Jahre später endete mein Ausflug in die Karibik mit einem Zwischenstopp in der Metropole. Damit kann ich nicht überzeugend behaupten, dort gewesen zu sein. Weil der kurze Aufenthalt nur das Umsteigen in das andere Flugzeug bedeutete.

Das ebenso faszinierende Chicago und den seinerzeit berühmten Sears Tower, bestaunten wir ein Jahr vorher tatsächlich „in echt“. Mein Besuch einer Freundin aus Blankenese, dort im Au-pair-Jahr, ermöglichte viele aufregende Momente in der windigen Stadt. Ich war auf dem benachbarten John Hancock Building, um die atemberaubende Höhe zu erleben (weil die Aussicht noch etwas besser sei, sagte man uns) mit Uli. Erinnerungen in meinem Kopf, auch hier. Das sind heute Geschichten. Höhepunkte der Vergangenheit – warum werden Berge erklettert, warum bauen wir Kirchtürme, Wolkenkratzer?

Die modernen Babel: Das Empire State Building in NY und das WTC konnte ich damals nicht live erleben. Ein neues Jahr, und eine andere Geschichte mit anderen Menschen. Heute ist alles bloße Erinnerung. Es hat mein Leben nachhaltig geprägt: Segeln auf der Yacht „Capella“ in der Karibik. Wir waren nach ein paar Tagen auf See von den Virgin-Islands nördlich segelnd in Bermuda angekommen, hatten Hans-Jürgen mit der Aufgabe, die Heimreise zu organisieren, schließlich allein gelassen. Zwei Monate Karibik lagen hinter mir. Der Flug nach New York war kurz, und nun wollten wir zurück in die alte Welt. Der Kennedy-Airport liegt ein klein wenig außerhalb des Zentrums. Aber es ist eben nur ein Flughafen. Von dort, wo wir waren, konnten Lars (der mit an Bord gewesen war) und ich gerade mal die Skyline sehen. Ich erinnere sie als blasse Kontur in einem dunstigen, gelben Himmel. Die Zacken schienen doch zu weit weg, um individuelle Einzelheiten auszumachen. Aber sie waren nah genug im Fokus, ihre Mächtigkeit im Vergleich zu Bäumen, Gestrüpp oder normalen Gebäuden in der Entfernung zu begreifen. Einige Yellow-Cabs standen müßig am Rand vom Rollfeld. Das war alles.

# Fragmente unterschiedlichster Erinnerungen werden zum Bild einer Erfahrung

Da ist zunächst meine Idee, die „eine“ Geschichte zu erzählen; und dann merkt man so nach und nach, was dazugehört. Es ist eine Herausforderung, dieses Puzzle der verschiedensten Einfälle zum lesbaren Bild zu formen. Schon ein Grund, es zu versuchen, finde ich. Zeitungen, Fernsehen und das Internet: Die Nachrichten konzentrieren sich aktuell auf die sich zuspitzende Lage in der Pandemie und die anstehende Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump gegen Joe Biden. Weltpolitik ist zunächst die von „denen da oben“ oder was hinter dem „großen Teich“ passiert. An persönlichen Schnittstellen verschmelzen die großen Ereignisse mit den kleinen Dingen des eigenen Lebens. Eine Melodie erfasst uns, beinahe zufällig schlagen wir dieselben Töne an, wie alles um uns herum, geraten mitten hinein in die neue Welt.

Der Alltag erscheint oft grau und unspektakulär. Schenefeld ist überschaubar. Hier, in der Gegenwart, kann diese Erzählung wohl am besten ihren Anfang nehmen. Vor Kurzem bin ich damit fertig geworden zu schreiben. Etwa eine Woche steht dieser Text online im Blog auf der Seite. Seitdem, nicht zufrieden damit, suche ich weiter nach Überleitungen, alles noch ein wenig besser miteinander zu verbinden. Ich probiere Fotografien, gezeichnete Bilder und passende Gemälde von mir zu integrieren, um das Geschriebene authentisch zu illustrieren. Vor einigen Tagen bin ich wieder unterwegs, denke darüber nach und laufe wie so oft den bekannten Weg.

Das ist eine Strecke entlang bebauter, kleiner Straßen und überschaubarem Verkehr – selbst die „Hauptstraße“ hier, ist ja so großartig nicht – mit viel Grün zwischen Wohnblocks und Einzelhäusern. Ich muss etwa einen Kilometer weit, und die gewohnte Bahn führt mich letztlich in das „Stadtzentrum“. So bezeichnet, kennen wir unser Einkaufszentrum. Es steht protzig in silbernen Lettern an der Front. Ein Geschenk für die Armseligen, denen kein Stadtkern natürlich hingewachsen war? Diese Bauern, die vergaßen, sich den umtriebigen Mittelpunkt in ihr Städtchen zu bauen wie andere Dorfgemeinschaften, und seinerzeit auf einen Investor angewiesen waren. Es muss ein Schilda (bei Hamburg) sein. Anderes spricht ebenfalls dafür, aber zu weit würde es führen, in die Details zu gehen. Das „Zentrum“ ist eine Shopping-Mall. Es liegt in der Mitte zwischen der „Siedlung“ und dem „Dorf“. Gewichtiger als die erwähnte Hauptstraße trennt uns die LSE, die gleich nach der Luninez-Brücke am „Staddi“ zur Rennbahn wird. Ein gar nicht schönes Erbstück zweifelhafter Visionäre von damals im „schönen Feld“ Schenefeld. Außerhalb gibt mancher gern Gas. Drinnen bei uns Verstopfung, Stau.

Leichter Regen schreckt mich nicht, die Strecke wie immer zu gehen, vorbei am Lindos-Grill, der kleinen Dorfkirche, bei Timmse, Hotop und am Kräla entlang. Meine grobe Holzfällerkappe genügt schon, das Geniesel abzuhalten. Dünne Regenkleidung ersetzt meinen Hoodie, den ich für gewöhnlich trage. Es ist nicht kalt.

Es gibt gerade keinen Stadtkern, und unsere Bürgermeisterin probiert, sich ein Denkmal zu setzen, einen zu kreieren. Das geht Jahre lang, beschäftigt Planungsbüro und Tageblatt, brachte uns den „Bürgerkongress“ und mehr. Leider stockt das Projekt aktuell, weil ein OD-Stein übersehen wurde. Ich habe ihn gerade gefunden. Er steht zugewachsen im städtischen Randgras zwischen der den Ort zerschneidenden Straße und dem Rathaus. Der Stein, der bislang nicht berücksichtigt wurde, könnte Schwierigkeiten machen. Grenzstreitigkeiten mit Kreis und Land wer zahlen muss, wie weit ab und hoch was werden darf. Ich habe nur quergelesen, bin nicht konstruktiv und gefalle mir im Spott. Keine Worte mehr dafür, aber nicht wegen dem Kern. (Geht mir am Arsch vorbei).

Ich kaufe kaufe im Supermarkt ein, und Arzu, an deren Kasse ich am liebsten zahle, stutzt: „Ich haben Sie nicht gekannt, wegen Sie haben Mütze – und Haare ist abgeschnitten.“ Wir lachen. Sie ist vor vielen Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, hat anfangs beim Bäcker verkauft. Dort trinke ich Kaffee oder Tee, esse belegte Brötchen, sitze oft draußen. Je nachdem, wie viele Becher ich über den Tag auftanke, mag ich gegen Ende des Nachmittags lieber Tee. Weil nun Arzu nicht gerade groß ist, musste sie sich nach dem Earl Grey, der weit oben im Fach untergebracht ist und selten gewünscht wird, extra strecken. Und die Kollegen neckten sie ein ums andere Mal. So fing auch ich gern an, Späße drüber zu machen.

Wir mögen uns. Ich habe sie schon im Wagen mitgenommen, nachdem ich sie an der Bushaltestelle bemerkte. Wir sind noch einen Umweg ins Wohngebiet gefahren, weil sie extra für einen Kunden etwas erledigen mochte und nicht recht wusste, wo das Haus genau ist. Wir treffen uns auch, wenn wir beide im Bus unterwegs sind. Es gibt leicht etwas, worüber wir uns gern unterhalten, und immer lachen wir viel. Sie hat tiefschwarze Haare, und ich finde, sie sieht ägyptisch aus. Sie ist selbstbewusst und schön. Ich mag an ihr, dass sie so lebensklug und fröhlich ist.

Sie hat mir erzählt, dass ihr Name „ein Wunsch“ bedeute. Sie sei das letzte mehrerer Kinder. Ihre zahlreichen Brüder, einer nach dem anderen geboren – und dann geschah es endlich: ein Mädchen! Da war ein ganz großer Wunsch ihrer Mutter in Erfüllung gegangen, beinahe ein Wunder. Ich wäre unsicher, meinte ich, ob mein Hiersein gewünscht sei oder es schlicht passierte, dass meine Mutter mit mir schwanger wurde, und eigentlich behält man so etwas für sich, das weiß ich schon. Ich sagte ihr weiter noch, dass meine Mutter selbst jedenfalls kein Wunschkind gewesen wäre. Der „Führer“ hätte damals dem Volk gegenüber deutlich gemacht, er benötige Männer für den Krieg. Entsprechend ungelegen kam die Geburt einer Tochter. Damit sah man sich gezwungen, unter Bekannten zuzugeben, dass man es nicht hinbekommen hatte, Adolf Hitler einen Jungen zu schenken.

Ich bezahle, packe meine Lebensmittel ein, gehe weiter. Ich schaue bei Erika in den Laden und finde sie nicht gleich. Die Tür zum Hinterraum ist angelehnt. Wir sind vertraut miteinander, und ich nehme mir raus, einen Fuß in den Bereich für das Personal zu setzen, schiebe die Tür auf. Ich habe Arbeitsgeräusche gehört, und das flotte, rhythmische Klopfen ihrer hochhackigen Schuhe auf dem Boden ist mir lieb geworden und unverkennbar. Erika ist aus Frankreich, ich vermute, dass ihre Familie im Elsass beheimatet ist. Genau weiß ich es nicht. Wenn keine Kunden im Laden sind, reden wir ein wenig. Eine kurze Pause machen, dann erzählt sie manchmal auch von Besuchen zu Hause. Ich liebe ihren Akzent.

Sie ist klein, hübsch und immer beschäftigt zu ordnen. Sie muss katalogisieren, für die Inventur, neue Ware bestellen und Sachen auspacken, die gerade geliefert wurden. Für gewöhnlich ist sie vormittags allein im Geschäft. Da kommt es vor, dass sie nicht überall gleichzeitig sein kann, obschon Kunden und Vorgesetzte es möglicherweise möchten. Erika ist unersetzlich. Ihre Kollegin (aus Polen glaube ich) sagt: „Erika ist ein Pferd. Klein, zart wie Edith Piaf der Spatz von Paris, aber stark wie ein kräftiger Gaul; sie arbeitet uns an die Wand.“

Sie schaut kaum auf, während sie einen mächtigen Pappkarton zerteilt. „Ich wollte nur guten Morgen sagen.“ Sie antwortet nicht, schaut mich finster an, reißt vernehmlich eine Klappe vom Karton ab. Sie umklammert die Pappkiste vor dem Bauch. Der Gegner ist so groß, dass ihre gestreckten Arme eben genügen, die Kanten mit den Händen zu greifen. Erika nimmt eine Schere zur Hand, umfasst das Ding wie eine Waffe zum Dolch geschlossen und sticht heftig mit aller Gewalt fünf, sechsmal in den Karton, presst ihn fest an ihren schmalen Leib. Ihm den restlichen Atem vollends abschneidend, drückt sie zu, dass es nur so knackt, und unübersehbar ist ihre Absicht, solange zuzustechen bis der Feind auch wirklich tot ist. Ich lache (verdeckt durch die Mund-Nase-Maske), sie grinst mich böse an. Töte ich einen, bin ich fähig, noch mehr von euch abzustechen, nimm dich in Acht! heißt das. Immer noch schenkt sie mir kein einziges Wort. Als läge die Lunte am Dynamit, bereit angezündet zu werden, für den Wumms, der hier aber auch wirklich alles in winzig kleinsten Staub zerpulvert, wenn ich nur eine Sekunde bliebe? Diabolisch funkeln ihre Augen; und ich liebe sie sehr für diesen Moment. Ich gehe, ohne noch etwas zu sagen, und rufe frech, als ich sicher draußen bin: „Es sind zwei richtige Kunden gekommen …“

Ich verlasse das „Staddi“, und es regnet mehr.

Ein Bus kommt gerade an. Spontan gehe ich durch die offene Tür an Bord, weil es doch recht nass ist, und bezahle für die kurze Strecke nach Hause. Wir sausen einen Kilometer über die Schnellstraße wie ein Reisebus auf Überlandfahrt, weil am Kreisel Baustelle ist. Eine Umleitung, der Busfahrer genießt es sichtlich, so ungestört zu gleiten. „Kaffeefahrt“, sage ich, „jetzt den ganzen Wagen voll mit Senioren“, und er lacht. Wir nehmen die Kurve der Abfahrt und klettern mit dem langen Gelenkbus mühelos ein paar Meter auf die Geest. (Mutmaßlich) Jörn hat hier Kühe im Regen stehen? Verstreut bilden sie lockere Grüppchen. Eine überzeugt nicht in ihrem schwarzbunten Kleid, mehr grau verwaschen sind diese Flecken. Ein schlappes Aquarell, ungeschickt drauf gekleckert. Es sieht wie nicht wasserfeste Farbe aus, die im nassen Wetter allmählich runtergespült wird. Wenn es weiter regnet, ist heute Abend alles abgewaschen? Meine Gedanken treiben – bis nach ganz weit weg, und es tut einmal mehr weh zu träumen.

Und diese Kuh hier vorn, wird bald schlicht weiß sein, glaube ich.

Jeder weiß, was Gefühle sind. Zumindest nehmen viele an, das Normale zu verstehen, wie es, so vermuten sie, wohl bei allen ähnlich ist. Manches wird ausgeblendet. Gewalttaten, psychische Absonderlichkeiten sind Fehler von anderen: „Das muss ich nicht begreifen“, sagen sie und nehmen an „das verstünde niemand“, wenn „Schlimmes“ in den Nachrichten kommt.

Im „Hamlet“ aber, so um das Jahr 1602 herum veröffentlicht, von William Shakespeare, dem großen englischen Dramatiker, erfahren wir bereits: „Einen anderen kennen, hieße sich selbst kennen.“ Sinngemäß angewendet bedeutet es, dass die meisten von uns sich nicht kennen. Psychopathen sind auch Menschen, genau wie Mörder und einfache Betrüger. Mit der verbreiteten Annahme, man selbst käme nie auf die Idee, ein Verbrechen zu begehen und deswegen im Gefängnis zu landen oder so durchzudrehen, dass die Aktion in eine forensische Psychiatrie führt, blenden Menschen viel aus. Sie finden mit dem Begriff der Schuld oder Schuldunfähigkeit das befreiende Wort. Es schafft eine Schublade, und fertig ist das Weltbild.

Was genau Melancholie, Zorn oder Angst dem Einzelnen bedeuten, hängt von individueller Erfahrung ab. Einige können Gefühle nicht einordnen. Zwischen der Bezeichnung der Emotion, wie sie im Sprachgebrauch typisch ist und dem eigenen Erleben, stehen Erinnerungen, die das Empfinden maskieren. Manche werden krank, weil sie nicht wissen, dass sie nicht merken, wie es ihnen geht. Das kommt möglicherweise durch Erfahrungen im Zusammenhang mit Gefühlen und gleichzeitiger Belehrung von Bezugspersonen. Weil Kinder abhängig sind, können sie auf eine subtile Weise unter Druck gesetzt werden. Ein Einfluss der so machtvoll ist, weil die liebenden Eltern annehmen, nur Gutes zu tun. Hier beginnt bereits die Bewertung, was gut sei. Wenn sich etwas für jemanden gut anfühlt, muss das noch lang nicht heißen, universell gültig zu sein.

# Du willst es doch auch

Ein alltägliches Beispiel, das unspektakulär daher kommt, fällt mir ein. Es kann zeigen, wie wir übergriffig Einfluss nehmen, wenn es einfach ist. Erwachsene missbrauchen unabsichtlich elterliche Macht: Ich bin am Zeichnen, und eine junge Mutter mit einem Mädchen, das gerade erst laufen kann, erscheint. Im Schatten der Waschanlage einer Tankstelle beschäftig sich die Tochter neugierig mit irgendetwas. Die Kleine bleibt immer wieder am Boden hocken. Das Kind greift Blätter, Steine oder sonst was vom Boden, um alles genau zu untersuchen. Das nervt die Mutter offensichtlich. Sie nimmt es bei der Hand und sagt: „Komm weiter! Wir wollen nicht im Schatten gehen, hier ist es viel zu kalt.“ Die Schnute, die sie formt, um dem Satz Nachdruck zu verleihen, die an eine Trutsche aus den Fünfzigern denken lässt, aber nicht an eine zwanzigjährige Mutter heute, der Tonfall, mit dem sie „wir“ (als gemeinsame Festlegung des Empfindens) sagt – böse! Dann zieht sie die Kleine wie einen Hund an der Leine weiter. Mal davon abgesehen, dass Eltern fürsorglich handeln, wenn sie ihren Kindern die Risiken von Kälte oder Schmutz am Boden lehren, haben Emotionen, die mit der Situation nicht im Zusammenhang stehen, sondern den Befindlichkeiten des Erwachsenen geschuldet sind, hier nichts verloren.

Zuerst kommen wir auf die Welt, dann lernen wir zu sprechen. Für alles gibt es ein Wort. Das ist der Tisch, der Stuhl, und hier ist unser Wohnzimmer. Wir haben ein Auto, und Papa kann es fahren. Der Hund bellt so laut, und du fürchtest dich? Die Eltern geben auch den Sachen einen Namen, die gar keine Sachen sind.

Für mich und genau meine Gesundheit wurde wesentlich herauszufinden, wie die verschiedenen Gefühle im Organismus individuell wirken. Ich musste lernen, wovon die Allgemeinheit annimmt, dass es ein natürliches Ding ist; mit dem Wort „Charakter“ geht jedermann um, als wüssten alle Bescheid, aber so einfach ist es nicht. Jetzt gerade ist erneut ein furchtbares Attentat geschehen. In Frankreich wurde ein Mann enthauptet. Da diese Bluttat im Zusammenhang mit Zeichnungen, also Kreativität und Kunst geschah, berührt es mich kollegial. Der getötete Mann war Lehrer gewesen. Er wurde mutmaßlich zum Ziel der Attacke, weil er Karikaturen im Unterricht zeigte, die Anlass für den Anschlag auf die Redaktion einer Satire-Zeitschrift gewesen sind. Heiligtümer in irgendeiner Weise zu verunglimpfen, ist riskant. Aus gutem Grund wird auch Christen nahegelegt, sich kein Bildnis vom Herrn zu machen. Ich muss an etwas ganz anderes denken, möchte schnell weg vom aktuellen weltpolitischen Thema – und ein persönliches Erlebnis erzählen. Vielleicht eine viel bessere Idee, sich der Sache anzunähern.

Eines meiner Probleme schien mir vor mehreren Jahren zu sein, dass ich nicht Trompete spielen konnte. Nun gibt es einige, die es nicht können, und für viele ist es nicht wichtig. Da sind welche, die würden sagen: „So lerne ich halt Klavier.“ Andere fänden: „Was soll mir die Musik (ich kann genau so wenig mit dem Fußball treffen), male ich halt ein Bild.“ Mir kommt dieser Spruch in den Sinn (ein alter Witz), sagt der Lehrer zum Schüler: „Sie werden’s lang üben müssen, bis Sie merken, dass Sie kein Talent haben.“ Für die Musik, und besonders die Trompete, habe ich tatsächlich überhaupt kein Talent. Und ich übe schon lange.

Manche meinen Talent wäre nebensächlich, weil es das nicht gäbe, und man könne alles erreichen, wenn man nur wolle? Ich konnte gleich als Kind zeichnen und wurde spielend besser. Das musste ich nicht wollen. Ich habe es einfach so gemacht. Musikalisch bin ich kaum, obschon ich es liebe, Jazz zu hören. Ich tröte lustvoll, was ich nie wirklich konnte – ich habe damit gar kein Problem. Das war nicht immer so.

Um singen zu können oder ein Blasinstrument zu beherrschen, muss man frei atmen. Schnell und unspektakulär füllt sich die Lunge mit Luft, vernünftigerweise bis unten runter in den Bereich vom Unterleib. Je nachdem, ob man zu denen gehört, die gern volltanken oder den anderen, die oft tanken, muss da ein praller Ballon voller Energie sein. Für leise Töne sparsam ein wenig Luft dabeizuhaben reicht nicht. Es braucht grundsätzlich Dampf auf dem Kessel, dem man wenig entnimmt, damit es leise bleibt, wenn’s gewünscht ist. Einige können es nicht, und es ist wohl kein Zufall, dass ich auf die Trompete versessen bin. Schließlich habe ich Wesentliches gelernt: Atmen, Haltung und Wohlbefinden hängen miteinander zusammen.

Gefühle und Körperhaltung sind bei manchen zwanghafter verwoben als bei anderen, und sie könnten geschickter Einfluss auf die Qualität ihrer Bewegungen nehmen. Wie sich’s anfühlt, etwas zu tun und von den begleitenden Emotionen getrennt wahrzunehmen, bedeutet Selbstbewusstsein. Wer’s kann, dem geht es gut oder angemessen selbst dann, wenn es Grund zu Traurigkeit, Sorgen und anderem gibt, was nicht gefällt. Fehler werden erträglich, wenn sie sich nicht in die Haltung einbrennen, als hätten wir nun das Recht zu leben verwirkt und müssten uns erkennbar schämen oder extra auftrumpfen, herumstapfen. Heute bin ich besser mit der Trompete, aber ich kümmere mich kaum darum. Es ist eine Geschichte wert zu erzählen, wie es mir mit der Musik ergangen ist, und was ich eigentlich gelernt habe.

Natürlich habe ich immer viel Musik gehört. Das heißt aber noch nicht, dass jemand frisch nach Gehör spielen kann, weil er viel hört. Ich fand es schwierig, als Erwachsener einfache Kinderlieder auswendig zu probieren. Andere bekommen es mit. Um leise Trompete spielen zu können, ist man entweder von Beginn an dieser Typ Bläser mit leichtem Luftfluss und maßvollem Geschick oder lernt es nach und nach. Ich war grundsätzlich laut. Aber auch für erfahrene Musiker gibt es Dinge, die sich als typisch erwiesen haben, dass man weniger Mundstückdruck benötigt, wenn man ausgeruht ist oder: „Laut geht immer“, meinte einmal ein verdienter Posaunist zu mir, der sich im traditionellen Jazz einen Namen gemacht hat.

# Übe ausnahmslos jeden Tag …

Es war im Herbst, ein Jahr nach der Jahrtausendwende. Um zu üben, nutzte ich einen Kellerraum. Darüber befand sich ein Geschäftshaus, der Keller lag zur Straße hin. Eine Kasematte mit Gitter in Höhe des Fußwegs befand sich an der Außenwand vom Nachbarkeller. Ich schloss regelmäßig die verbindende Stahltür, damit ich oben nicht zu hören sei. Schritte im Laden über mir waren zu hören, es ist anzunehmen, dass umgekehrt meine Trompete bemerkt wurde. Genau weiß ich es nicht.

Das muss ich erzählen, denn es gehört zu dieser Geschichte ganz unbedingt dazu: Jeder erinnert, wo er war – an dem Tag, als die Flugzeuge in das World-Trade-Center stürzten. Ich bin gerade im Elbe-Einkaufszentrum unterwegs gewesen, und bei Wiesenhavern lief es auf mehreren Fernsehern, die dort zum Verkauf standen. Die Leute waren noch ratlos, und erst als ich zu Hause ankam, verstand man allmählich, was gerade passierte.

Wir schauten stundenlang Fernsehen, bis es nicht mehr ging.

# Der Kapitän fuhr noch in der Nacht mit dem Schiff Deutschland quer über einen stürmischen Nordatlantik, und ohne auch nur einen Moment zu zögern, legte der Kanzler damit direkt im Hafen von New York an. Noch aufgewühlt wie das kriegerische Meer vor seinem inneren Auge, mit dem er für uns die Zukunft fokussiert hatte, trat er an die Mikrofone. Mit Blick auf die rauchenden Trümmer sprach Gerhard Schröder den Satz von der uneingeschränkten Solidarität zu den Vereinigten Staaten von Amerika –

Natürlich waren wir geschockt, es war unfassbar. Mohammed Atta hatte in Harburg studiert, hieß es, und er wäre Ägypter gewesen. Islam-Wissenschaftler sprachen in Talkshows: Der Heilige Krieg, er habe begonnen.

Etwa zu der Zeit ging mir eine Melodie im Kopf herum, und ich probierte sie zu pfeifen, überlegte, was es sei. Ich hatte gelegentlich eine Horowitz-CD gekauft, und dort war es drauf? Zunächst konnte ich das Ding, eine Art Gassenhauer fand ich, nicht recht unterbringen. Während ich mit unserem Auto zum Probe-Raum unterwegs war, pfiff ich die Melodie immer treffender vor mich hin, meinte ich. Ein richtiger Ohrwurm in meinem Kopf.

Draußen stand New York im Schock. Der Planet in Panik. Er suchte die vertraute Linie im trüben Licht um eine vollverschleierte Sonne. Die Zivilisation schien gefährdet. War ich noch sicher auf meiner gewohnten Straße?

Gestern erst war die Welt aus den Fugen geraten – meine eigene Welt aber schien doch gerade ganz in Ordnung zu sein, und ich freute mich auf die Trompete! Es ging so leidlich und begann mir schon Spaß zu machen. Ich hatte ein paar Stunden genommen. Mein Tonumfang wurde größer, ich war routiniert und bildete den Ansatz zuverlässig mit meinen schon geübten Muskeln.

Im vertrauten Keller angekommen, machte ich mich entspannt bereit zu spielen. Ich wärmte ein wenig auf, beschloss, die Notenhefte sein zu lassen und den vertrackten Ohrwurm Musik werden zu lassen. Es war gar nicht schwer. Ich fand eine passende Tonart und schmetterte allmählich immer lustvoller los. Hei, das war ja was zum Spielen! Es kam mir irgendwie bekannt vor, was war es nur? Das gefiel mir nun gerade – das konnten die Leute da oben doch gern hören, denn ich klang gut wie selten.

Dann war mal Schluss, und ich fuhr zurück nach Bahrenfeld, wo wir unsere Wohnung zur Miete hatten. Nun musste ich aber wissen, was ich eigentlich geblasen hatte. Ich summte es weiter vor mich hin, während ich die Treppe nach oben nahm. Dann hatte ich eine erste Idee, das Thema war doch mal in der Werbung gewesen? Ich probierte zu singen.

Schnaps!

„Komm – doch – mit auf den …?“

„Underberg“ vielleicht? „Schmeckt zwar ganz schön bitter, aber …“ So irgendwie hatte es geklungen.

Die „Fünf-Minuten-Terrine“ von Maggi, keine tolle Idee – e. Nee.

Ich grübelte ratlos, suchte ein dickes Buch über den Klavier-Virtuosen, der mir als Urheber verdächtig vorkam, fand es nicht, ärgerte mich allmählich, wegen der penetranten Töne im Hirn, die mehr und mehr zu einem billigen Jahrmarktlied mutierten, das jede Kirmes beträllern konnte und begann meine Musik insgesamt durchzusehen. Es war noch ganz üblich, einen CD-Player zu verwenden. Dann bekam ich die Horowitz-Platte in die Finger, ja – ich überlegte. Das könnte es sein.

Jetzt muss ich an anderer Stelle weitererzählen, sonst geht die Pointe der Geschichte nicht auf. Als Überschrift habe ich „Die Entdeckung der Angst“ nicht ohne Grund gewählt, möchte vorsorglich daran erinnern. Damit ein roter Faden das Ganze zusammenhalten kann.

Der schon erwähnte Laden über dem Probe-Keller, wo ich mit der Trompete übte, war ein nur schummrig ausgeleuchtetes, etwas fremd für diese Straße anmutendes Bekleidungsgeschäft, das den Anschein erweckte, man kaufe dort auf einem orientalischen Basar ein. Bunte Klamotten, wehende Tücher und der Inhaber – hier muss ich einen (langen) Satz einschieben: Wenn ein Däne in Deutschland lebt, ist es ein Däne, ein Skandinavier meinetwegen. Ein Schotte ist einer aus Schottland und rothaarig wie einige hier bei uns auch. Französinnen finden wir attraktiv, sie sprechen charmant, und wir alle können liebevoll imitieren, was sie typischerweise aus unserer Sprache machen. Mit den Niederländern, den Österreichern geht es uns genauso. Ein Amerikaner bleibt ein „Ami“ und kann blond sein, hat einen Akzent, der uns angenehm nachzuahmen ist, wenn er bei uns lebt. Aber ein Türke, ein Perser oder ein Ägypter, Araber, Afrikaner, sie sind: „Ausländer!“ Eine etablierte Unsitte; ich probiere taktvoll etwas zu sagen, was nicht ganz einfach ist, und möchte mich auch distanzieren, von pauschalen Blödheiten dieser Art, Menschen abzustempeln – der Laden über dem Keller wurde also von jemandem geführt, der dem Namen und Aussehen nach von vielen allgemein als „Ausländer!“ eingeordnet würde. Ich gebe gern zu, dass ich nicht mehr über ihn weiß.

Ich habe kein Problem damit wie einige, die Gegend rund um das Hansa-Theater am Steindamm durchzuspazieren, war im Süden von Chicago zu Fuß unterwegs, und dort gehört es sich, im Auto zu fahren, um sicher zu sein. Ich bin möglicherweise gefährlich naiv, trotzdem: Seit der Flüchtlingskrise begreifen wir, wie viele dieser sogenannten Ausländer langjährige Leistungsträger unserer Gesellschaft sind, hier arbeiten, gut integriert sind.

Der Klamottenladen, keine Ahnung, was für ein Landsmann das genau gewesen ist: gut möglich, dass der Betreiber dieses Geschäfts gläubig dem Islam angehörte. Es gab keine Berührungspunkte. Hat mich überhaupt jemand gehört? Zugehört, wie ich selbst alles immer empfunden habe: Oh – peinlich, ein falscher Ton, schon wieder! Möglich, dass gelegentliches „guten Tag“ sagen dem Verkäufer, oben im vermeintlichen Orient-Basar, gedanklich anderweitig beschäftigt, gar nicht für eine ohrenscheinliche Verbindung genügte.

Mit dem Abspielen der CD, dem Begreifen des Titels, kam mir die Erinnerung: Ich hatte mal etwas über das bekannte Stück gelesen, und zwar in einer Biografie des berühmten Pianisten. Das war ursprünglich nicht für Klavier-Solo notiert, und Vladimir Horowitz hat daraus eine Glanznummer entwickelt, ein Markenzeichen seiner Virtuosität. Er konnte, beim in dieser Nummer stets machtvoll aufbrandendem Applaus des begeisterten Publikums, bravourös ein ganzes Orchester imitieren. Und wirklich, irgendwelche Piccoloflöten wären scheinbar so klar herausgekommen, wie wenn weitere Musiker tatsächlich welche gepfiffen hätten, schrieb der Biograf in seiner Hommage, als habe nicht der tolle Alte ganz allein mit seinem Flügel losgedonnert. Auch ich pfiff noch fröhlich mit, und dann erinnerte ich allmählich den Slogan aus der Werbung: Es war nicht „Underberg, ganz schön bitter“, das ging mehr in Richtung „… wäscht nicht nur sauber, sondern rein!“

Ich spülte Gedanken wie eine Waschmaschine und grübelte intensiv, dachte an „Ariel“ und alternativ an den konkurrierenden weißen „Riese“. Eine lange Leine erschien vor meinem inneren Auge. Wind wehte Wäsche – und hat mir ein Lied erzählt? Ein blödes Rauschen vom Meer etwa, hätte mir inzwischen besser gefallen. Nicht nur sauber, sondern rein und aufdringlich präsent erklang die Melodie in meinem Kopf. Es wollte mir nicht einfallen. Bitter!

Bitter, Magenbitter … „Fernet-Branca, man sagt, er habe magische Kräfte“ – nein. Mir kam nun jeder Spruch aus den Tiefen der Erinnerung hoch: „Hast du keinen, leih dir einen!“ Eine Brandmauer am Fischmarkt war damit bemalt. Ein Autofahrer sitzt im Nichts der Fläche, ohne Auto, mit einem Lenkrad in der Hand. Der Slogan wurde typografisch vom Kopf des Mannes – der einen Hut aufgesetzt hatte, wie man ihn früher beim Fahren trug – unterbrochen. Die Zeichnung war einfach konzipiert und gut für den Maler einer Fassade geeignet, in diese Größe übertragen zu werden, im Stil des bekannten HB-Männchens.

Es gab viele dieser leeren Fassaden ohne Fenster und alte Brandmauern. Heute sind sie nahezu vollständig aus dem Stadtbild verschwunden. Lücken des Krieges sind nicht mehr auffindbar. Die Werbung, die viele (bis es allgemein verpönt war) noch als „Reklame“ bezeichneten, kommt anders daher. Graffiti waren in Hamburg selten und entwickelten sich erst mit der Zeit. Sie sind nicht mehr wegzudenken und werden nie mehr verschwinden, solange wir wie gewohnt leben. Dass sie als Straftaten geahndet werden, ruft Freude bei denen hervor, die Säuberungen der Gesellschaft grundsätzlich begrüßen. Graffiti ist authentisch, kein „Schmierkram“. Fassadenwerbung war genauso gekonnt. Wir vergessen gern, dass echte Motivation die Schaffenden bewegt, um kreativ zu überleben.

Unsere Welt ist der Faszination des Perfekten erlegen. Wir steigern uns, indem wir das Falsche bekämpfen. Da scheint es erfreulich zu sein, wenn nicht nur geschimpft wird. Schülerinnen und Schüler sprühen im Kurs – ich sehe das kritisch: brav und stets bemüht, meistens eine Beleidigung für das Auge. Initiiert von lieben Lehrern und Lehrerinnen, um das verpönte Straßenkunstwerk schon im Ansatz unmöglich zu machen? Graffiti ist nicht lieb. Kommt immer wieder, wie das Unkraut.

Die Unfähigkeit der Gesellschaft zur Integration, der Ärger über Fehlverhalten und daraus resultierende Anstrengungen, Randfiguren zu eliminieren, werden nicht verhindern, dass ihre Zahl noch wächst. Feist integrierte Reiniger verkennen, dass unsere Gesellschaft beängstigende Typen mit unerträglichen Lebenswegen selbst erschafft. Niemand wird asozial geboren, wählt den schlechten Weg gern. Wir tun nur, was plausibel erscheint. Fantasie infiziert, zeigt Anderen kreative Wege. Ich habe nicht den Eindruck vom Vorhandensein starker zeitgenössischer Kunst, die Nachahmer bei der Jugend hervorbringt: Nerven strapazierende Kulturförderung des Banalen. Beschmierte Wände kann ich gut tolerieren. Frust ist ein vertrauter Partner der Motivation. Wo ich auf die alten Ansichten verzichten muss, die meine Kindheit belebt haben, freue ich mich an jeder Ursprünglichkeit. Ich bin bestimmt nicht darauf versessen: korrekte Kunst. Jonathan Meese ist da schon herzerfrischend.

„Miese Stimmung, saurer Wein – schwüles Klima, ganz allein? Da fällt mir was Wunderbares ein: Langnese Eiskrem!“ reimte Gerd Vohwinkel für einige Hamburger Jazzer, die „ihre Seele verkauft hätten“, sich sponsern ließen, meinte dazu ein Saxophonist. Und mir fällt der singende Rudi Carrell ein, dem ich sogar einige Male begegnet bin. Er fragte damals: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Ein Sommer, wie er früher einmal war.“ Ohrwürmer bohren Löcher ins Hirn. Diese Leihwagensache und „Pack den Tiger in den Tank“, von Schlotfeldt, den ich später ebenfalls kennenlernte, als Kind verstand ich das alles nicht und nahm etwa an, man solle doch einen Hut leihen. „Hast du keinen Hut, leih dir einen“, schien dort auf der Mauer zu stehen.

Das las ich, wenn mein Vater das Auto beladen hatte und der Heimweg nach Wedel begann, wir die große Kurve am Berg vom Altonaer Rathaus in Angriff nahmen. Der VW-Transporter war das erste Fahrzeug, das uns gehörte, nachdem „Bassiner-Wedel“ (so nannte man Erich am Fischmarkt) seinen Führerschein gemacht hatte. Die Großhändler mochten bei Bestellungen wohl Klarheit haben, um wen es ging, weil es noch den Cousin in Othmarschen gab, bei dem Bassi seine Ausbildung gemacht hatte. Bevor wir den eigenen Laden schließlich eröffneten, kaufte mein Vater sein „Fischauto“. Von da an fuhr er jeden Morgen los nach Hamburg (Altona) „zum Markt“. Wir verschlissen mehrere davon im Betrieb über die Jahre, bis meine Eltern ihr Geschäft später aufgaben, und der Klassiker mauserte sich allmählich zum modernen Fahrzeug. Anschnallgurte wurden Pflicht; und heute wäre wohl undenkbar, mit einer Horde Kinder auf der Ladefläche zu fahren, die fröhlich winken? Während mein Vater mit uns an der Wache der örtlichen Polizei vorbei düste, hatten wir einen Mordsspaß. Anfangs kennzeichnete das Modell noch eine getrennte Frontscheibe und war blau. Der letzte einer langen Reihe dieser Bulli-Pritschenwagen war schließlich auch das erste Auto, das ich selbst fuhr, nachdem ich die Prüfung bestanden hatte und den grauen Lappen bekam. Einen Pkw hatten wir zunächst gar nicht.

Das Fischauto. Jeden Morgen muss ein guter Händler, der was auf sich hält, damit zum Markt. Einige Male war ich dabei, ja. Anfangs bin ich noch klein gewesen, und das war immer so toll! Ein Abenteuer, allein so früh aufzustehen, unglaublich. Selten habe ich Erich in die morgendlich immer sehr früh anberaumte Auktion begleitet, wo das spannende Bieten faszinierte, aber die Einkäufe bei Hanzi Krause, Willi Walter oder Goedeken, Will’em Bassing und vielen anderen Großhändlern, hauptsächlich in der langen Ladenstraße, sind unvergesslich. Sogar an den Betrieb in der alten Fischauktionshalle mit dem regulären Verkauf dort, zum Beispiel bei Aal-Ilse und dem Matjes-Händler, bei dem mein Vater am liebsten einkaufte, erinnere ich mich. Und das ist wirklich sehr lange her. Heute ist das eine restaurierte Halle für Veranstaltungen. Ein begehbares Museum und ein Stück Hamburger Geschichte.

Nachdem wir alles erledigt hatten, aßen mein Vater und ich manchmal noch eine Fischmarkt-Wurst in der „Klappe“. Unzählige Erinnerungen kommen mir, und dies ist nicht die Geschichte, sie alle darin unterzubringen. Es gab im Wagen keine extra integrierte Kühlung für die Ware. Satt in reichlich Eis eingebettet, lag der frische Fisch in flachen Kisten aus billigem Holz, wie man es früher ganz selbstverständlich normal fand und das von allen Händlern üblicherweise so gemacht wurde, die Ladefläche abgedeckt mit einer blauen Plane. Ein Fischauto von heute muss vorschriftsmäßig über eingebaute Kühlgeräte verfügen. Der Transporter, wie wir ihn verwendeten, hatte eine extrabreite Pritsche mit hölzernen Ladeklappen. Wir hämmerten ihre verzinkten, manchmal eisig kalten Bügel an den Ecken mit der Hand fest, nachdem alle Kisten aufgeladen waren. Bevor wir starten konnten, mussten wir die lange, etwas dehnbare Reihleine, deren schmiegsamen grauen Gummiüberzug ich noch gut erinnere, rundum in die Haken an den Klappen zwängen. Das waren manchmal böse „Aua-Haken“.

Wenn wir fuhren, erzählte mein Erich von früher. Der Krieg? Für ihn nur ein Spiel, er wäre zu jung zum Begreifen gewesen, meinte er. Brandbomben sammeln, die nicht angefangen hatten zu brennen. Im Fanfarenzug marschieren und dabei tuten, kaum militärisch unterwegs mit der verpflichtenden Hitlerjugend und dann Kohlenklauen in der schlechten Zeit. In der Schule wurde man verprügelt, normal damals.

Ob mein Vater wusste, was Angst ist?

Später trabten alle nur aufwärts, als hätten sie’s verdient erfunden: das Wirtschaftswunder. Es ging uns gut in Wedel! Ich habe auch davon profitiert. Kindheit bleibt gegenwärtig. Das kannst du nie vergessen: Es ist frühmorgens, und nun zurück nach Hause. Die Sonne geht auf, der Transporter ist voll mit Fisch, der Motor röhrt mächtig los am steilen Hang, dass alles vibriert, wenn wir den Berg zur Elbchaussee rauf nehmen – und ich darf mitfahren!

Erinnerungen formen noch heute mein visuelles Repertoire. Es ist wichtig für Kreative, zurückgehen zu können, einen Brunnen voller Einfälle finden, Imaginäres zu schöpfen und wie ein Kind mit alten Bildern zu spielen.

# Da passiert es

Wir stoßen unversehens drauf, begreifen zunächst gar nicht was geschieht – und öffnen irgendwann die Büchse der Pandora, begegnen der eigenen Angst! Nur einen Spalt weit mag unsere Fantasie die Wirklichkeit beiseite drücken. Furcht betritt den Raum. Dann ist es gut, eine eigene Vision dem Bösen strategisch entgegenzustellen. In Bildern zu denken, sich eine noch größere Wirklichkeit mit eigenen Chancen auszudenken, ist nun wieder besser, als akribisch die Wahrscheinlichkeit auszurechnen, mit der man die Risiken besteht.

Die Schule ist aus, und was nun? Kinder lesen noch Bilder: Hut = Wort wie in (Sesamstraße oder) der Fibel „Fangt fröhlich an“, die wir zum Lesenlernen in der Grundschule bekamen. Jeder kannte: „Ich bin zwei Öltanks“, ganze Schulklassen und zahlreiche Lehrer hatten empört Brandbriefe geschrieben.

„Falsches Deutsch!“

Diese gelbe Tonne stand auf vielen Feldern am Straßenrand, aber niemand sang dazu.

Das war es also auch nicht.

Ah, jetzt … endlich. Da fiel es mir wieder ein – ja!

Jaaa – Ha!

Daa, da da-da-da … dadada – !!

„Der Ge-ener-aal; (Rumms-Bumms) – !“

Das war’s.

„Denn nur was richtig sauber ist, kann richtig glä-ä-ää-nzen!“

„The Stars and Stripes Forever“, composed by John Philip Sousa in 1896. It is the national march of the United States of America and probably Sousa’s greatest composition.

God bless America!

🙂