Wikipedia: Der Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ avancierte innerhalb kurzer Zeit zu einem Klassiker der Science-Fiction-Literatur. Ich habe das gelesen. Das sind ja mehrere Bücher. Die habe ich auch mehrmals gelesen. Färbt was ab? Heute lese ich wenig, fast nichts – außer der Zeitung zum Frühstück. Mein über neunzigjähriger Freund Hans-Jürgen irritierte mich vor fast dreißig Jahren, an Bord seiner Yacht Capella, als wir einige Monate in der Karibik herumgondelten, er sagte: „Ich lese nie ein Buch, mein Leben selbst ist ein Roman, das genügt.“ Ich verstehe das jetzt. Es befriedigt, sich Fragen zu stellen, selbst nach Antworten zu suchen.

Wikipedia weiter: Im Roman wird ein Computer (…) gebaut, die Antwort auf die Frage aller Fragen, nämlich die „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ zu errechnen. (…) und verkündet dann, sie laute „Zweiundvierzig“ und sei mit absoluter Sicherheit korrekt. (…) „I think the problem, to be quite honest with you, is that you’ve never actually known what the question is.“ Zitat Ende.

Wir suchen, ohne zu wissen wer wir sind. Wir kennen die Frage nicht, die uns motiviert, auf den Weg zu gehen. Der Frage nach dem Sinn von allem und dem ganzen Rest nachzugehen, wird dazu führen den persönlichen Herzenswunsch herauszufinden und die Bereitschaft dafür zu entwickeln, auf seine Erfüllung zu verzichten. Verantwortung zu übernehmen, ist die Grundlage von Bewusstheit. Ein gesundes Selbst und entschiedene Motivation bedeutet (anstelle starken Willens), innerhalb von allem und dem ganzen Rest, einen individuellen Platz auszufüllen.

Wie lautet die Antwort auf die Frage: „Woran liegt es, dass ein Mensch die Umgebung für etwas verantwortlich macht, das er selbst verschuldet hat?“

Sollte ich hier schreiben: 23 – das wäre nicht falsch, aber wer versteht mich dann? Auf manche Fragen gibt es nur individuelle Antworten. Nicht nur einmal für immer beantwortet, nicht für alle anderen gleichermaßen gültig. Insofern ist diese Frage ein Instrument. Bereit zur täglichen Anwendung in verschiedenen Lebenslagen. Verschiedene Aspekte eines aktuellen Problems können wie an einer Schablone abgeglichen werden. Frühere Fehler werden sichtbar, weil jedesmal, wenn ich mich ärgere klar ist, dass ich gerade versuche, es „allen“ recht zu machen. Pauschale Schuldzuweisungen sind eine Verwechslung innerer Mutmaßungen mit dem was wirklich passiert. Meine persönliche Formel: Ich kann mir dabei zusehen, wie ich mich momentan verwende und korrigieren. Für mich ist das mein Selbstbild, meine innere Vorstellung, die Nähe oder Ferne zum Ideal. Das ist bei weitem nicht, was gleich einer moralischen Instanz für einen zivilisierten Menschen Gültigkeit hat oder haben sollte. Mein Ideal ist, was ich gelten lasse, mehr nicht. Ich bin unkorrekt wie jedermann und bilde mir kaum noch was ein, auf das, was ich sei. Das hoffe ich zumindest! Künstler? Ausgebildet statt eingebildet. Ich möchte Bilder machen, und dafür ist es von Vorteil, wenig von sich zu halten – in Bezug darauf, richtig zu liegen. Für mich muss es sich richtig anfühlen. Das ist etwas ganz anderes.

Mir war diese Frage gar nicht klar, als ich sie stellte. Sie kommt mir heute wie eine Antwort auf eine längere Suche vor. Wie kann das sein? Ich werde probieren, es zu beschreiben. Am besten fange ich bei dem Bild „Begegnung“ an, das ist ja auch auf der Webseite. Es ist das mit dem schwarzen Trauerrand und der Eisenbahn, vorn das Mädchen. Makaber ist es? Es entstand zu der Zeit, als ich aufhörte, kompatibel für das Dorf-Café zu malen. Das Bild „Fenster“ wurde auch gemalt, und mehr und mehr begann ich auszuloten, was ich mit Farbe und Leinwand tun kann. Ich fand einen Weg, persönliche Motive zu kreieren. Ich wusste nun wie das geht.

„Begegnung“ – damals gab es noch die „Schleswig-Holstein-am-Sonntag“, eine Zeitung, die inzwischen nicht mehr rentabel produziert werden kann, schade! Dort wurde ein Lokführer porträtiert, verschiedene Aspekte des Berufs beleuchtet, so genau erinnere ich mich nicht. Das beherrschende Thema für mich war: „Suizid am Gleis“, dafür war der Lokomotivführer qualifiziert zu antworten, er hatte in seinem langen Berufsleben sechs Personen überfahren (und getötet). Immer noch stellte er sich die für ihn wichtigste Frage: Was kann ich, was kann der Lokführer dafür? Warum bestimmt jemand, todunglücklich, mich zum Henker? Warum muss „ich“ das tun? Ich weiß doch nichts vom Leben dieser Leute, habe keine Schuld an ihrer Misere.

Damals, als ich das gelesen habe, war mein Sohn noch Kind, und typische Bücher lagen bei uns rum. Sie illustrierten auf bekannte Weise bunt die Berufe Polizist, Bäcker, Lokführer – heiter und rein. Ich muss an den Maler Edward Hopper denken, er wird zitiert: „Ich illustrierte für Prospekte mit Neubauten. Für Architektur habe ich mich schon immer interessiert. Aber die Leute wollten winkende Menschen und Familien mit einem neuen Auto im Vordergrund.“ Das ist Werbung, und Hopper war nicht länger dafür geeignet. Er hat dann malend ja gezeigt, was er meint. Wie findet jemand seinen Stil, was ihn schließlich ausmacht? Darauf gibt es nur die individuelle Antwort.

Insofern muss man das Bücherlesen aufgeben, selbst loslegen etwas tun! Verträumt in einen Roman eintauchen? Ich kann das nicht mehr. Ich gehe nicht ins Kino. Ich ertrage es nicht, wenn Fernsehfilme billig produziert sind und die Charaktere nicht überzeugen. Ich ertrage genauso keine guten Filme. Gerade weil sie gut sind und ich die Geschichten glaube, das ist noch viel schlimmer. Ich kann keine Liebesgeschichte aushalten, es reißt mich weg. Jedesmal. Nie wieder Kino! (Ich lese Kritik, wenn ein neuer Film in der Zeitung bewertet wird, bin informiert). Ich liebe das Kino. Aber ich gehe nicht mehr hin.

Ich war politisch interessiert. Ich schaue noch immer drei Nachrichtensendungen am Tag, verfolge jede politische Debatte, aber ich gehe nicht mehr zur Wahl. Ich verabscheue die guten, sozialen oder grünen, christlichen das Gute proklamierenden Parteien, weil sie nicht umsetzen was sie versprechen? Ja, auch. Ich bin menschlich gekränkt hier im Ort. Nicht wegen der Politik, nein es ist ganz persönlich; das Amt nur Nebensache (Männer und Frauen) und übertrage meinen Frust auf die Staatenlenker, die ich selbst nicht kenne. Ich trage die Demokratie lustvoll mit zu Grabe. Man kann hören, wie ich die extremen Idioten links- oder rechtsextrem gutheiße, als wenigstens ehrlich. Ich schäme mich kein Stück. Die kann ich deswegen genauso nicht wählen. Ich muss mich enthalten! Natürlich, ich kann sehr freundlich und sozial sein. Bin das jederzeit, aber nicht im Verein. Nicht in einer Partei. Ich habe jedes Vertrauen verloren, aber nicht das in meine eigene Kraft. Das tue ich alles nur für mich. Es befriedigt mich, Geld zu spenden, zu helfen. Es macht mich froh. Ich tue das ganz allein dafür, damit ich selbst mich gut fühle. Meine Motivation ist durch und durch narzisstisch, egoistisch und was es sonst noch für böse Wörter dieser Art gibt welche die anderen, die „Gutmenschen“ (das sollen wir auch nicht sagen) wie eine Waffe und ein Schild gleichermaßen vor sich her tragen.

Was mag es sein, dass „eine“ den Lokführer wählt, ihr den Kopf vom Rumpf zu säbeln? „Ich erinnere mich genau an das erste Mal“, schreibt der Eisenbahner in der Sonntagszeitung dem achtlos blätternden Leser zum Frühstücksbrötchen (mit in Scheiben geschnittenem, goldig blond gedottert darauf gelegtem Ei) leicht lesbar hin.

„Später habe ich immer weggeschaut. Ein blondes Mädchen mit langem Haar. Lächelnd legt sie ihren Kopf auf das Gleis. In dem Moment, wo jede Bremsung zu spät ist.“

Der Eisenbahner fühlt sich verantwortlich, weil sein Berufsbild ins Absurde geführt wird, fragt nach dem direkten Bezug, kann ihn nicht erkennen. Wenn ein Selbstmordattentäter einen öffentlichen Platz mit für ihn irgendwelchen Leuten sprengt – die Angehörigen fragen sich genauso: warum unsere Familie? Eine starke Motivation ist unumgänglich für jeden Gewaltakt. Wie ist das möglich? Ich habe gelesen, dass ein Soldat oder Polizist erst lernen muss, auf einen anderen Menschen zu schießen, weil es gerade nicht leicht ist.

Pastor Paul fragt: „Wie müssen wir uns eine gottlose Gesellschaft vorstellen? Wie ist eine Welt, in der kein Gott ist? Ist das so, wie bei dem IS in Syrien?“ (Der Pastor nimmt an, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht gottlos ist. Sein Gott ist zivilisiert, die Gebote und so). Ein Gott hat die Welt gemacht, gut und böse. Weil er es so wollte? Weil es ihm nicht besser gelungen ist? Weil das Leben selbst ein Fehler ist und das Ganze ein Missgeschick? Und wenn da kein Gott ist, warum gibt es Gewalt, Tod, Krieg – warum? Es gibt Augenblicke, da schreist du nur noch: Warum?

Ein Mann begeht einen Suizidversuch, scheitert, liegt verletzt im Krankenhaus. Es stellt sich heraus, er ist abgewiesener Asylbewerber, steht vor der Abschiebung. Anschließend seiner Gesundung im Notfallbereich der Klinik, verlegt man ihn in eine psychiatrische Einrichtung. Wann wird die Behandlung dort zu Ende sein? Was wird danach geschehen? Es ist anzunehmen, dass er schließlich in sein Heimatland zurückkehren muss. Ein kausaler Zusammenhang von emotionaler Not des Fremden, aufgrund der bevorstehenden Abschiebung und dem Versuch, deswegen seinem Leben ein Ende zu bereiten, drängt sich auf. Leicht malen wir uns den ganzen Horror aus, fühlen mit: Was soll die Psychiatrie schon bringen? Am Ende gehts doch in den Flieger nach Hause.

Nach Hause? Auch hier in unserem gut zivilisierten Heimatland gibt es Verzweifelte, denen ihr inneres Zuhause so zerbombt ist, dass sie nur noch weg möchten: Ganz weit weg, dorthin, wo sie selbst nicht mehr sind. Da fehlt jedes Vertrauen. Es gibt gute Gründe, anderen zu misstrauen. Aber selbst in Krisenregionen leben Menschen, die sind nicht krank. In sofern ist es nachdenkenswert, ob im Bereich des Islamischen Staat unser Gott keinen Zutritt hat oder unser kreatives Denken für die Breite der möglichen Form funktionierender Gruppen zu schmal gebaut ist. Ohne ein Mindestmaß an Vertrauen können wir nicht existieren. Vertrauen bedeutet eine Hierarchie. Erst ich, dann die um mich herum und schließlich das Vertrauen in den Fortbestand der Welt. Luther, der Apfelbaum.

Wir können annehmen, dass jede psychische Krankheit, wie auch immer wir sie benennen, eine soziale Störung ist. Wir fürchten uns, sind in Folge vernünftigerweise aggressiv, aber wir kämpfen nicht gegen schlechtes Wetter (in einer Überschwemmung helfen die Nachbarn einander). Wir fürchten die anderen Menschen. Und im Begreifen, dass wir selbst genauso ein Mensch sind, hakt es bei uns aus. Wir nehmen an, von Feinden umzingelt zu sein, auch wenn es objektiv so nicht ist. Das kann jeden treffen, überall, und dann sind das nicht nur Worte. Wir diskutieren nicht, dass Menschen verfolgt werden, das ist ein Fakt – aber nur ein Aspekt. Wer überhaupt niemanden gegen sich hat? Es sollte uns die gleiche Sorge bereiten, wie ein von Feinden in die Enge getriebener Mensch. Mobbing, politisch verfolgt; hier wird weniger erörtert, wie groß die reale Bedrohung ist, sondern in wie weit wir unser Übel selbst fantasievoll erschaffen. Als Künstler fühle ich mich durchaus berufen, dazu Stellung zu beziehen. (Ich habe Fantasie).

Ein Trauma ist eine wiederholte Kränkung, die seit der Kindheit ihre eigene Logik entwickelt. Die Ursache psychischer Instabilität. Wir müssen in der Abhängigkeit einen verlässlichen Rahmen bekommen, dass wir ihn als Erwachsene sehen können, wenn die Eltern uns nicht mehr an die Hand nehmen und dieser Rahmen nach Tag und Ort ein neues Gesicht trägt: das Gesicht der Fremden. Niemand geht vorbei, der nicht irgendwie schaut, als wären da Gedanken, die ihn gerade antreiben. Leicht ist es anderen zu trauen, Empathie zu empfinden, wenn sie Fremde sind. Enttäuschend sind die, denen wir vertrauten und von denen wir uns im Stich gelassen fühlen. Insofern können wir nur bei uns selbst anfangen. Wer fiel noch nicht herein, was erwartest du denn? Das Selbstvertrauen kann nur dort beginnen, wo unsre Hand sich rührt, unser Fuß einen Schritt setzt und unser Gehirn eine Richtung kreiert, in die es gehen soll. Wie ich’s mache, darüber kann ich verfügen. Warum ich lebe? Denken Sie sich eine Zahl.

Nun bist du Opfer, und du schreist: warum? Oder Mörder und fragst dich auch: Ich habe es getan, warum? Ich möchte mich der Antwort annähern. Meine Frage ist die nach Verantwortung und Verwechslung der Schuld. „Sie hätten“, sagt die Richterin und zeigt auf, wo der Beschuldigte hätte innehalten können. Es nicht tun. Noch einmal zur Besinnung kommen. Ein Raunen im Saal. Der Angeklagte verbirgt sein Gesicht, schweigt.

Was weißt du schon, mag er denken.

Mein Vater ging, als er alt war, auch nicht mehr wählen. „Du kennst die Merkel doch gar nicht“, habe ich gesagt, „was hat sie dir getan?“ Er machte die Politik dafür verantwortlich, dass die Dinge, die ihm früher gefallen hatten nicht ihm zuliebe geblieben waren. Das war so pauschal, dass man es nicht ernst nehmen konnte. Was geht in uns vor, wenn wir pauschal werden? Da ist doch eigentlich ein Unterschied: Es fängt an zu regnen, unabänderlich hinzunehmen – oder der Nachbar baut über die Grenze, dagegen können wir etwas tun. Ich spanne einen Regenschirm auf, bleibe trocken. Es regnet weiter, trotzdem. Der Nachbar bricht eine Regel, und ich ändere den Nachbarn per Anwaltschreiben, das geht. Der Unterschied: Einen anderen Menschen kann ich zwingen, bezwingen. Die Natur kann ich mir vom Leibe halten, das ist aber etwas anderes. Gegen den Nachbarn hilft, wir haben Gesetze gemacht. Ein angebrülltes Gewitter? Hau ab, du Scheiß Regen! Was ist in meiner Verantwortung? Jedes Kind lernt, bis es erwachsen ist. So wird dem Erwachsenen Schuldfähigkeit bescheinigt, wenn er bei Verstand war, als er schlug, raubte, tötete. Wenn diese Logik umgekehrt als Theorie angewendet würde, könnten wir postulieren:

Wer die Umgebung für seine Tat beschuldigt ist krank.

Wenn es einfach ist, eine Formel wie die bekannte von Albert Einstein, so eine Art gültige Antwort, wie die im Anhalter oder „dreiundzwanzig“ (in meinem Fall), dann bleibt das Problem, die Theorie anzuwenden. Wenn der Gesunde (als Erkennungszeichen seiner Gesundheit) Verantwortung übernimmt für jeden Schritt, jeden Tritt und Schlag, jede Bewegung, der Kranke hingegen anderen die Schuld gibt für seine Aktionen, können wir Krankheit klar erkennen und von Gesundheit unterscheiden wie schwarz von weiß.

„Ich suche mich!“, hat Hopper (schon beinahe zornig) gesagt, wiederholt zum Bild „Leeres Zimmer“ gefragt, was er damit wohl bezweckt habe? Kurz mal weit weg. Aus dem Zimmer gehen? Wenn es einfach wäre mit der Verantwortung, niemand würde fluchen, wenn ein Brötchen auf die Butterseite fällt. Hopper wollte dem allgegenwärtigen Zweck seine Perfektion entgegensetzen. Das ist durch viele Textstellen belegt. Perfektion wird von Psychologen oft negativ bewertet, aber nicht nur Sportler, eben auch viele Künstler sind geradezu besessen davon. Im zweckgebundenen Arbeiten mit Kollegen in einer Firma kann es schwierig werden, im Fußball bist du Teil eines Teams – das ist aber immerhin ein Spiel. Musiker spielen: „Heute abend arbeitet Herr Soundso auf dem Saxophon für Sie, meine Damen und Herren, viel Spaß?!“

Sonnenlicht in einem Zimmer, auf dem oberen Geschoss eines Hauses? Das hinzubekommen, war ein Ideal von Edward Hopper. Er schuf eine amerikanische Kunst, wie Louis Armstrong eine neue Musik begründete. Es gibt Künstler, deren Namen mit dem Wendepunkt der kulturellen Geschichte untrennbar verbunden sind. Sie werden unsere Vorbilder. Die traditionelle Musik der sich allmählich befreienden Sklaven wäre Lokalkolorit in Louisiana geblieben, ohne Satchmo. Die Szene-Malerei der amerikanische Realisten? Besseres Abmalen der Natur; ein Handwerk. Edward Hopper gelang es zu sehen, sichtbar zu machen, was das „Amerikanische“ ist. Das war neu. Hoppers ganz persönliches Kunststück: Das Neue daran war seine Fähigkeit, Amerika auf eine „amerikanische“ Weise zu malen. Die anderen malten einfach nur die Gegend ab.

Hoppers Perfektion, die er nur meistern konnte, wenn er frei war: Zeit und Ort des Motivs, Beginn und Abschluss der Arbeit, und z.B. die Größe der Leinwand selbst zu bestimmen. Als der vordringliche Zweck, die Verkaufszahlen einer mit seinem Bild beworbenen Sache gewesen war oder seine Beschäftigung darin bestanden hatte, fremde untalentierte Kinder vermögender Eltern zu beschäftigen – nach der Ausbildung hatte er, wie es an der Schule geraten wird, Illustrationen im Auftrag gemalt oder Unterricht gegeben – sah er seinen Sinn, schaffend zu werden, verfehlt. Wer kann den Mut nachempfinden und seinen Fleiß, seine Ausdauer, bis er sich seinen Platz in der Kunst erarbeitet hat! Ein Spiel mit Farbe, aber eine Arbeit, dahin zu gelangen.

Gute Tage gehen leicht, da fällt nichts verkehrt herum. An anderen ist es wie verhext? Ich kann mich noch gut an eine Quincy-Folge erinnern, eine typische Situation die jeder nachvollziehen kann, der schon einmal ein Plakat mit einem Edding beschriftet hat. (Quincy ist Gerichtsmediziner, übernimmt auch Detektivarbeit außerhalb vom Seziertisch, amerikanisches Serien-Fernsehen, einige werden sich erinnern).

Der vom bekannten Schauspieler Jack Klugmann dargestellte befragt eine Frau, die in einem Ladengeschäft mit großer Schaufensterscheibe arbeitet. Schnell verstehen wir, dass sie ein wenig einfach gestrickt ist. Sie beschreibt dem geduldigen Detektiv, wie es an einem bestimmten Tag war, als etwas für die Geschichte wesentliches passierte. Sie sollte ein Schild für das Fenster machen. Man hatte ihr einen dicken Filzstift gegeben, einen großen Kartonbogen. Sie beschreibt dem Gerichtsmediziner, wie sie mehrere Pappen versaut hat und ganz verzweifelt war, weil sie den Fehler wiederholte: Die blöden Buchstaben, sie wollten nicht passen. In mehreren Anläufen scheitert die Frau, weil ein bestimmtes Wort, links von ihr begonnen, zu lang wird, um passend zu enden. Das hat sie nicht in den Griff bekommen, und es wird schnell klar, dass einfache Überlegungen, eventuell auf einem Schmierpapier vorab zu skizzieren, ihr nicht vermittelbar sind. Die blöden Buchstaben wollten nicht passen.

Wieder und wieder ist sie gescheitert.

In der Wiederholung des Fehlers wird uns klar, dass die Frau einfältig oder krank ist. Mitleid kommt auf. Trotzdem, ich zähle die Finger und Zehen an Händen und Füßen tatsächlich nach, wenn ich einen Menschen zeichne! Ich beginne Schrift auf einem Schild (wenn es Teil vom Gemälde ist) von links und! rechts, ende in der Mitte. Ich kontrolliere, wo sich andere Buchstaben über und unter der Zeile, die ich gerade schreibe, befinden. Man kann sich täuschen. Der Musiker zählt Taktschläge, während er eine Ballade vorträgt. Wenn ich mit Kugelschreiber zeichne, muss ich mich konzentrieren. Je nach Tagesform gelingen erstaunliche Zeichnungen oder eben nicht. Fang’ am besten ganz klein an, mit dem Giebel, sage ich mir, und dann klappt es doch nicht. An guten Tagen sage ich mir nichts. Ich tu’s einfach. Meine Hand gleitet über das Papier und ich denke die ganze Zeit wie doof, das merke ich schon, aber es ist ganz still in meinem Kopf dabei. Vielleicht meine Definition von Glück.

Schenefeld, 1. Oktober 2019 (überarbeitet im Januar 2020)