Als ich Kind war, Jugendlicher und junger Erwachsener, spielten Dinge in meinem Leben keine Rolle, die heute Themen für alle (und damals nicht weniger wichtig für die Gesellschaft gewesen) sind; an mir ging ganz viel vorbei. Mir selbst und meiner Umgebung gelang auszublenden, was heute unübersehbar ist. Gefühle, Zwischenmenschliches, Sex: Es wird beklagt, dass junge Menschen zu früh mit Sexualität konfrontiert würden, und dass im Internet ein Zerrbild der Realität vermittelt würde. Ich glaube das nicht.

Der Spiegel schreibt, Zitat: Die „Umpolung“ von Homosexuellen soll künftig verboten werden. (…). Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister: „Homosexualität ist keine Krankheit“ (…) „Wir haben das Verbot noch schärfer gefasst“, sagte Spahn (…) „Vorher gab es Ausnahmen für Heranwachsende. Das wurde gestrichen, denn gerade in dieser Altersphase finden die meisten Therapieversuche statt. Daher wird auch bei 16- bis 18-Jährigen die Konversionstherapie künftig verboten.“ (…) Mit Konversionstherapien sind Methoden gemeint, die das Ziel haben, Homosexualität zu „heilen“. Gesundheitsminister Spahn sagte, mit dem Gesetzesentwurf werde ein gesellschaftliches Zeichen an alle gesetzt, die mit ihrer sexuellen Orientierung haderten: „Außerdem (…) ist (…) Konversionstherapie eine Gefahr für die Betroffenen. Dadurch entsteht oft schweres körperliches und seelisches Leid.“ Jeder Arzt, jede Ärztin, der oder die diese Therapie anbiete, müsse sich den Vorwurf der Körperverletzung gefallen lassen.

DPA/Fabian Sommer/Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister: „Homosexualität ist keine Krankheit“/Dienstag, 17.12.2019 SPIEGEL ONLINE, Politik –

Zitat Ende.

Diese Nachricht hat mich gefreut. (Mir könnte man die Liebe zum Jazz nicht nehmen. Wenn ich gezwungen wäre, die Musik von „Heino“ ausschließlich zu hören, weil es die richtige sei? Ich glaube kaum, dass eine Therapie das schaffen könnte). Hier spricht sich ein handlungsfähiger Minister gegen pseudo-wissenschaftlichen Unfug aus. Das gefällt mir.

Zu meiner Jugend waren Krankenhäuser staatliche Einrichtungen, und das Telefon bekamen wir von der Post. Es gab die drei Schulwege: Hauptschule, Mittel- oder Realschule und das Gymnasium – es wurde noch oft Oberschule genannt. Und einige sagten: „Doofenschule“, wenn von der Hauptschule die Rede war. Wir kannten drei Fernsehsender, anfangs ohne Farbe. Dann wurde die Welt bunter, nicht allen hat es gepasst. Auch in der Medizin hat das Leistungsprinzip Einzug gehalten. Es gibt Krankenhäuser, die nur Mainstream-Medizin anbieten. Mit einer untypischen Erkrankung ist man nicht willkommen. Die Ausrichtung am wirtschaftlichen Aspekt wird auch kritisch gesehen. Wenn Konkurrenz die Basis ist, gewinnt das stärkere Interesse. Der Wettbewerb schuf eine umfangreiche Kommunikationswelt; wer möchte zurück zur guten alten Post? Es gibt kein Zurück. Fernsehen wird in vielen Formaten gesendet, zusätzlich die Streaming-Angebote im Netz. Info, Unterhaltung, Buchung und Kauf, Porno und Wissenschaft, Musik – immer neue Geschäftsideen probieren sich aus. Internet: rund um die Uhr, weltweit verfügbar. Das moderne Leben. Wir folgen Stars oder lehnen sie ab und schreiben Kommentare. Jemand verdient daran, dass wir die Ströme nutzen.

Die Grünen kritisieren, wie kurzlebig die moderne Technik ist? Ein wirtschaftlicher Schaden wird von ihren Ökonomen errechnet, weil die Waschmaschine von heute kurz nach der Garantiezeit kaputt geht. Aber unser unverwüstliches Telefon von damals, wollen sie nicht smart dabeihaben. Zu unhandlich, das mit dem Kabel. Niemand möchte einen Funkmast auf dem Dach. Unser Denken ist nicht logisch – aber was der Mensch nicht gebrauchen kann, wird er durch etwas ersetzen, das besser in die Zeit passt. Wir sind dekadent aber effizient. Niemand kann ein Geschäft mit etwas machen das nicht in die Welt passt oder an falscher Stelle umständlich produziert und angeboten wird.

Das Bessere kann gewinnen. Wir können schlechtes Denken durch kluges ersetzen. Mit dem Verbot unsinniger und menschenverachtender Pseudomedizin, ist das gerade getan worden. Wir können dumme Denkweisen wie Unkraut mit der Wurzel ziehen. Ein umerzogenes Gehirn von dieser Gehirnwäsche und der belastenden Orientierungsfindung zu reinigen, ist viel schwieriger. Unnützes wird nicht mehr gebraucht, und das ist auch gut so! Schwierig zu verstehen: Die Wirtschaft lebt vom Wachstum und dafür muss einiges zeitnah zu Schrott werden, sogar das Kriegsgerät. Wir beginnen den Kampf, um neue Waffen herzustellen, das ist unser Geschäft. Wenn eine Kaserne mangels Bedarf geschlossen wird, stöhnt die ganze Region auf. Die Soldaten waren auch Kunden in der Nachbarschaft. Was ist wichtig? Natürlich sind wir mit dem Schulsystem unzufrieden, aber dass der Apparat bewertet werden kann, ist ein Vorteil. Die Kontrolle, die Wahlmöglichkeit, wir können das Bessere nehmen. Das ist unser Fortschritt.

„Ärztepfusch“ ist ein Schlagwort. Wir haben Angst davor. Auch deswegen wollen wir uns vergewissern, ob wir eine gute Behandlung bekommen. Schon damals, meine Eltern erzählten: Ein Bekannter, mit dramatischer Blinddarmentzündung auf dem Weg in den OP, bemerkt, dass der Arzt im Begriff ist, sein Bein zu amputieren. Eine Verwechslung. „Nicht das Bein!“, soll er gerufen haben – dann ist es gut ausgegangen. Eine Geschichte meiner Jugend. Wir haben gelernt: Wir wissen heute, dass Ärzte bezahlt werden und nicht vom lieben Gott an den OP-Tisch gestellt wurden oder von Kaiser Wilhelm.

Der Lehrerberuf ist kein Fluchtort für welche die meinen, mit Kindern zu arbeiten sei einfacher, weil sie klein sind und gehorchen müssen. Die Unterhaltungsbranche kämpft um Kunden, sendet ununterbrochen. Die gute Versorgung mit Nachrichten muss gewährleistet sein, damit eine Demokratie funktioniert, und Nachrichten sind auch eine Ware. Die Qualität der Leistung zu prüfen, ist eine Verbesserung zur Wahrheit. Darum ist es so gekommen. Der Kommunismus in der Sowjetunion kam zu Fall, weil die „bessere“ Demokratie die Planwirtschaft besiegte. Die Freiheit der einzelnen, erbrachte die Gesamtleistung der westlichen Staaten und zwang das schlechtere System, sich zu ändern. Die Welt ist nicht stehen geblieben. Etwas zu schaffen, nach Verbesserung zu streben und sich anschließend zu erholen, ist Leben.

Die kraftvollen Jahre der jungen Bundesrepublik, die Begeisterung meiner Eltern für das Wirtschaftswunder und die engagierten Lehrer meiner Jugend, machten mich zum überzeugten Demokraten. Heute bin ich frustriert, in der Entzauberung meiner Werte, habe den Glauben an die Politik verloren! Eine bedenkliche Entwicklung: Die Sehnsucht nach Führung. Altersgemäßer Pessimismus? Es war früher nicht besser. Keine Institution hält, was sie verspricht. Eine Partei mit sozialem Anspruch muss Gutes bewirken. Es ist offensichtlich, dass sie ohne Anführer gut gemeinte Ideen nicht umsetzen kann.

Eine Regierung, die einzelnen Härten abverlangt, hat das Ganze im Blick. Wer sozial umverteilen möchte wird unehrlich, wenn wir später bezahlen müssen, was als Geschenk deklariert wird. Die gute neue Zeit: Insofern eine Verbesserung, dass sich Lehrer, Politiker und Ärzte an ihrer Leistung messen lassen. Einige aktuelle Behandlungsfehler in der Medizin statistisch: (MDK) – 31 Prozent aller Vorwürfe beziehen sich auf Orthopädie und Unfallchirurgie, 13 Prozent auf Innere und Allgemeinmedizin und jeweils 9 Prozent auf die allgemeine Chirurgie und die Frauenheilkunde – Zahlen aus der nahen Vergangenheit illustrieren: kritisiert wird, was kritisiert werden kann.

Die Psychologen und psychiatrischen Krankenhäuser kann man nur im Ganzen kritisieren. Den einzelnen Arzt stellt höchstens die Presse zur Rede, wenn eine Sexualstraftat im Nachhinein als vorhersehbar eingestuft wird. Das Problem der Therapie ist grundsätzlich: Ihre Wirksamkeit kann nicht gemessen werden. In der Liste der Behandlungsfehler klagt kein Geisteskranker, dass ihm nicht geholfen wurde.

Im Verbot der speziellen Konversionstherapie, kann der erforderliche Schritt über die Qualität therapeutischer Arbeit allgemein neu nachzudenken, einen Anfang finden. Ein erfolgreicher Manager mit sattem Einkommen bricht im Burn-Out unerwartet zusammen und muss pausieren? Natürlich ist so jemand krank, und man kann ihm helfen. Ein noch mehr erfolgreicher und vermögender Mann, der seinen Freunden Sexpartys mit Minderjährigen anbietet, ist nicht krank. Kein psychisch kranker Mann steigt in der Gesellschaft auf, diese Menschen nutzen ihre Machtposition. Sie sind Menschen, die andere abhängig machen und manipulieren können. Wenn es kein Milliardär mit Macht und Einfluss ist, sondern ein Lehrer, der sich an seinen Schülern vergeht oder ein Pfarrer an den anvertrauten Kindern, nehmen wir an, diese Männer seien krank: Weil sie ein „normales“ Einkommen haben, sind sie krank? So fragt man nicht. Wie kommen wir überhaupt darauf, dass sexuelle Unterdrückung krank ist? Für die misshandelten jungen Menschen spielt das keine Rolle. Für so jemand ist es nur scheiße.

Therapie, die das Sexualverhalten ändern möchte, ist immer fragwürdig: Funktioniert das überhaupt? Wenn wir ehrlich wären, die Porno-Flut zeigt es doch, jede Milf-Oma möchte optisch mit kleinen Mädchen mithalten und ist unten shaved, weil das irgendwie besser ankommt. Männer wollen junge Frauen, das ist nicht krank. Nicht neu. Frauen müssen auf sich aufpassen. Wer vergewaltigt, ist ein Verbrecher im Sinne des Bösen, nicht krank.

Beziehungen von älteren Männern zu jungen Frauen werden von der Gesellschaft nicht deswegen angefeindet, weil diese Männer krank sind, sondern weil Neid eine Rolle spielt. Die Häme, mit der das Scheitern solcher Beziehungen einhergeht, spricht Bände. Und dass diese Beziehungen scheitern, ist nicht unwahrscheinlich. Ganz viele Beziehungen halten ja nicht, auch dann, wenn die Partner gleich alt sind. Die Beziehungen scheitern gar nicht primär am auseinanderliegenden Alter. Wir wollen das so sehen, um lästern zu können und uns über die anderen erheben. Wenn Minderjährige ausgenutzt werden, in dem Moment, wo viel Geld im Spiel ist, reden wir von Machtmissbrauch und sind noch neidisch auf die Millionen obendrein. Wenn es der böse Onkel im asozialen Wohnwagencamp war, nennen wir den krank. Ich halte das für Quatsch. Auf einen unauffälligen Nachbarn schauen wir herab, den Milliardär beneiden wir insgeheim, so kommt das. Genau so wenig, wie wir Homosexualität heilen werden, versagen wir beim Therapieren der anderen sexuellen Abnormitäten. Oft zahlen wir drauf, wenn der vermeintliche Therapie-Erfolg ein Trick des „Kranken“ war, alles von Neuem beginnt.

Psychische Krankheit ist nicht fassbar wie die Masern. Wir hofieren einen Berufsstand, der nur zu oft gar nicht weiß, was er tut. Das psychiatrische Gutachten an sich, ist eine äusserst fragwürdige Expertise. Wir arbeiten nur damit, weil es uns wie den alten Seefahrern mit ihren schlechten Karten geht, den unterentwickelten Navigationsinstrumenten. Zeit, besser zu werden!

Ich habe nie damit hinter den Berg gehalten, dass ich nach meiner Ausbildung an der Fachhochschule nicht klar gekommen bin und viel Zeit mit Therapeuten verbrachte, weil es nicht anders ging. Für mich war Therapie keine Laune, sondern die Hoffnung auf Besserung. Heute: Ohne Arzt, ohne Therapie und ohne Medikamente, ist mein Leben befriedigend, dass ich überzeugt sage: Ich bin gesund.

Von einer psychischen Erkrankung wird niemand geheilt. Das kann man umgangssprachlich machen, aber fachtheoretisch von Heilung zu reden, finde ich bedenklich. Bei einem Knochenbruch mag es noch angehen, bei einer Grippe ist es nachvollziehbar, weil die Krankheit so greifbar ist. Die Definition der psychischen Erkrankungen ist diffus und der dynamische Prozess der Besserung wird mit dem Wort Heilung auf eine Art fixiert, die eine Entwicklung der Betroffenen nicht darstellt. Wir bemühen dafür das Wort „Heilungsprozess“, und das geht in die richtige Richtung.

Die Psychiater, Psychologen und die Pharma haben seit Freud Fortschritte gemacht. Wer vor allem dazulernen muss, ist der normale Mensch: unser direkter Nachbar. Die Gesellschaft muss sich ihrer stigmatisierenden Doofheit bewusst werden. Warum? Weil jeder so krank werden kann, dass es ihn selbst betrifft oder ein nahes Familienmitglied und wir uns Unwissen schlicht nicht leisten können. Soziale Probleme beherrschen uns mehr. Wir können nicht wegschauen. Psychische Erkrankungen bedrohen die Gesellschaft wie die Klimakatastrophe. Der Grund ist derselbe. Ein Freund sagt lapidar: „Das ist ja auch viel zu voll hier.“ Die Erde, er meint das Ganze.

Eine Therapie für das Gehirn? Es ist so abwegig, an eine Heilung psychisch kranker Menschen zu glauben, wie anzunehmen, ein bestimmter Arzt könne gut Siamesische Zwillinge trennen, weil es ihm mal bei zweien gelungen ist, deren Füße verbunden waren. Das kommt wohl darauf an, wo genau die beiden zusammenhängen. Eine Therapie operiert nicht das Gehirn. Es wird geredet, was heißt das schon? Der Psychologe macht nichts heil. Er möchte auf das Verhalten des Menschen einwirken, den er Patient nennt. Therapie betrifft den Menschen, nicht nur das Gehirn. Wenn wir das Gehirn umprogrammieren möchten, müssen wir auch prüfen, ob es gelingt. Bevor inflationär mit dem Begriff Krankheit in unterschiedlichster Form argumentiert wird, die Zuständigkeit eines passenden Arztes vernünftig erscheint, darf nie vergessen werden, wie unscharf jede psychologische Behandlung (gemessen am Erfolg) bleibt. Wenn es gelänge, den direkten Nachweis vom Hilfeansatz im Verhältnis zur erfolgten Leistung zu belegen, wären wir auf dem richtigen Weg. Eine gute Behandlung spricht sich rum. Jeder kennt einen guten Urologen, Augenarzt oder Chirurg. Solange die Rolle des Psychiaters im Film treffend mit einem Sonderling, der selbst seine Probleme nicht in den Griff bekommt, besetzt wird, hat die Welt kaum einen Fortschritt gemacht. Einen „Heiler“, der wirklich etwas wieder gut macht, würden wir liken. Den würden alle kennen.

Spätestens bei der Diagnose, dem Namen der psychischen Erkrankung, muss man aufhorchen. Das ist der Moment, wo etwas wie ein greifbares Ding erscheint das abgetrennt gar nicht existiert. Es gibt keine „Depression“. Was ist ein Minderwertigkeitskomplex? Das kann eine kleine Titte links oder ein unbedeutender Penis sein; ein Mann oder eine Frau ist unglücklich und das diagnostizierte Problem nicht austauschbar. Es gibt viele Menschen, die mit ähnlichen Problemen kommen und behandelt werden, als hätten sie dieselbe Jacke gekauft. Es werden Menschen behandelt, nicht Begriffe. Eine Jacke kann ich in die Hand nehmen, heil machen oder mir eine neue mit einer anderen Farbe kaufen. Es ist möglich, dass der Psychologe das weiß und qualifiziert denkt; der Patient kann das in der Regel nicht verstehen.

„Die Angst ist ein Tiger, und den musst du reiten.“ Die Probleme sind altbekannt, auch wenn die Palette der Diagnosen immer vielfältiger wird. Ich habe viel gemalt, das hilft. Ich bekomme mein Leben nicht zurück. Wie das Mädchen ohne Beine im Rollstuhl, das ich wirklich gesehen habe, bei „Junge“ in Wedel. Darum habe ich das gemalt. Einige Sekunden nur, ein kurzer Film für mich, unauslöschlich. Ein Stich in mein Herz und eine Träne in meinem Auge, als ich begriff; dann waren sie vorbei. Was ist geblieben? Eine Person in meinem Bild. Wer Beine hat, der nutze sie.

Lauft weg! Ich reite den Tiger – und er frisst mich nicht.

Weihnachten, die Erinnerung an einen Geburtstag –