Zuhause bleiben ist einfach. Malen, Schreiben, Lesen: Es gibt immer etwas zu tun. Glücklich bin ich, in meiner Schmuddelecke, „Nackedei-Künstler“ ist vergleichsweise freundlich kommentiert. „Ist der doof?“, mag noch dahinter stehen, weiß ich ja nicht. „Die Bullen ermitteln gegen ihn, sieh dir doch seine Bilder an, und das krude Zeug, dass er schreibt; er ist bescheuert!“ Eine Blase wabert, Fantasie weitet die Cloud …

Viele sind ihrem Unglück wie ausgeliefert. An einen bestimmten Ort zu gehen, um etwas loszuwerden, ist nicht das Zimmer zu wechseln oder den Partner zu suchen. Kopfschmerzen sind ein Beispiel, wie etwas, das man mit sich herumträgt, bleibt. Manche gehen mit ihren Schwierigkeiten hierhin, dorthin, wie es geraten wird, und es geht ihnen wie denen, die mit ihrer Migräne erleben, dass die Küche nicht besser ist als das Wohnzimmer.

Menschen lösen Probleme. Anschließend befinden sie sich an einem neuen Ort schon deswegen, weil Zeit vergangen ist. Ein Platz in der Zukunft wird immer ein neuer Ort sein. Obwohl ich wieder in „die Bahnhofstraße“ laufe, kann ich nie zurück gehen und erleben, wie es dort früher war. Von Napoleon kommt der Rat: „Wenn du im Zweifel bist, tue nichts.“

Und Moshe Feldenkrais wusste: „Auch das Nichtstun ist eine Beschäftigung.“ Wenn man still auf dem Rücken liegt, fand er heraus, sollten alle unnötigen Spannungen in der Muskulatur zurückgehen und nach und nach das Gewicht die Massen des Körpers aufliegen lassen. Der Grad der Vollständigkeit mit der es geschieht zeigt an, wieweit ein Mensch locker lassen kann, etwas loszulassen, was unnötigerweise gegen die Schwerkraft gehoben ist. Der Bogen, den die Wirbelsäule nach vorn in Richtung auf den Unterleib, den Bauch im unteren Bereich macht, wenn jemand steht, nützt dem Menschen im Liegen nicht, und deswegen können alle Wirbel vom Hintern bis zu den Schultern flach auf der Matte liegen. Eine Hand, die man prüfend seitlich unter diese Wirbelsäulen-Brücke schiebt, frisch nachdem man sich hingelegt hat, passt nach einiger Zeit der Entspannung nicht mehr unter den Körper – wenn wir fähig dazu sind, diese Stelle abzusenken. Dazu bietet das bekannte Training verschiedene Lektionen an. Das ist nur ein Beispiel, wie Entspannung ganz praktisch gelehrtes Nichtstun sein kann. Die Bewegung, die ein Mensch dabei macht, besteht darin etwas nicht zu tun, eine Last zu Boden gehen lassen.

Während das geschieht, vergeht ein wenig Zeit. In dieser Zeit dreht sich die Erde ein Stück um ihre Achse, sie rast auch eine gewisse Strecke auf der Bahn um die Sonne. So gesehen, befinden wir uns nach einer Entspannungsübung auf der Matte in einem Raum trotzdem zügig in Bewegung. Wäre unser Haus, in dem wir das tun, ein Wagen im Gefährt „Erde“ (und das ist der Fall, das bemerken wir normalerweise nur nicht), wird klar, was damit gemeint ist, nach einer gewissen Zeit woanders zu sein, an einem anderen Ort, wenn wir nur herumliegen.

Es hat sich ja auch draußen etwas geändert. Wir können es nicht beurteilen, aber Dinge die uns betreffen, können nach einiger Zeit, ohne dass wir aktiv waren, anders sein. Eine Entscheidung wurde getroffen, und wir befinden uns anschließend in einer neuen Situation. Deswegen sind wir, nachdem Zeit vergangen ist, anders. Wir änderten uns; nicht nur, dass wir ein wenig älter geworden sind, Muskulatur sich bewegte und neue Gefühle aufgekommen sind, auch das Drumherum hat sich gewandelt. Ein anderes Wetter beginnt gerade, oder ein Kündigungsschreiben wurde uns zugestellt. Das zu begreifen, kann helfen die Zeit einer Pause so zu nutzen, dass wir individuell eine positive Bewegung nach vorn, quasi auf unser ganz persönliches Ziel zu, machen. Wir begreifen, wie es gut tut, etwas eigenes zu tun, einer Kunstfertigkeit nachzugehen oder eine Ruhezeit zu machen, in der wir zu uns finden, die Welt ausblenden. Mit ein wenig Klugheit können wir (eventuell verschüttete) Intelligenz dafür verwenden, dass wir uns nicht ständig Zeitdruck einbilden, weil wir anderen folgen, der äußeren Umgebung, die uns herumzappeln lässt. Wir meinen, durch bloßes Eilen ganz schnell Gewinne einfahren zu müssen? Das Wort „Entschleunigung“ wurde erfunden, man solle sich „zusammenreißen“, heißt es, aber viele müssen erst lernen, das auf eine eigene Weise zu tun.

Zu malen, wie es mir gefällt, ist jedenfalls keine schlechte Idee.

Feldenkrais-Training ist ein empfehlenswertes Programm, viele Künstler nutzen es. Eine Anstellung zu wechseln, eine neue Arbeit zu finden, die besser zu uns passt? Ich habe damit begonnen, zu malen und vieles anders zu machen, weil so ein natürlicher Prozess unterstützt wird, Dinge zu finden die Spaß bringen, unsere Individualität ausmachen. Wie ich heute male, das hätte ich mir früher niemals ausdenken können. Eine abfällige Bemerkung über etwas, das man nicht begreifen kann, wäre mir über die Lippen gekommen, wenn ich mir begegnet wäre, damals:

„Was macht der denn!?“

Wenn es uns gelingt, die oben skizzierte Bewegung, nicht nur im Bereich der Wirbelsäule geschehen zu lassen, kann ganz praktisch ein Problem gelöst werden durch Nichtstun. Rumliegen macht glücklich, weil Schmerzen nachlassen, wenn wir uns entspannen können. Sich anschließend angenehm bewegen können, wird die Stimmung heben und neue Aktivitäten gelingen besser nach einer Pause. Unterwegs sein durch abwarten? Etwa, wie wenn wir wieder Kind wären, im Auto eingeschlafen sind, der Papa fährt, es ruckt, wir wachen auf – und wir werden stutzig: „Huch! Wir sind angekommen?“

Wenn es mir gelingt, Probleme durch bewusstes Verhalten in den Griff zu bekommen, ist es vergleichbar damit, ein Spiel zu gewinnen. Man versteht, dass man nicht gegen sich selbst spielen kann, aber eine Einheit schaffen, wenn alle Motivationen zu zaudern oder sich gesundheitlich zu beschädigen, ausgeräumt werden.

Ein Teil eines jeden Systems wird den Weg des gemeinsamen Projekts bremsen, es fragt sich nur, wie stark. Ein Mensch ist genauso ein System wie etwa eine Firma, ein Team. Wer nicht zu uns passt, fliegt. Die Kirche hat ein Missbrauchsproblem. Die SPD hat Sarrazin. Ein Autokonzern hat einen Dieselskandal, die Polizei ein Problem damit, dass sie nicht nur gut ist, wie wir’s gern hätten. Wenn mir das Bein weh tut, gehe ich vielleicht zum Orthopäden, aber ich schneide mir das dumme Ding nicht weg. Die Einheit des Menschen scheint sich von der etwa des Staates zu unterscheiden, der Verbindung von Spielern zum gemeinsamen Sportverein. Den Einzelnen wie eine systemische Gruppe aus Körperteilen mit ihren Muskeln, dem leitenden Gehirn und seinen Ideen, die Organe mit den typischen Erkrankungen betrachtet; das sind wir nicht gewohnt. Das Team einer Mannschaft oder ein Projekt: „Wir sind die gute, die grüne Partei“ – (und du gehörst nicht zu uns), scheinen nicht vergleichbar mit den Abläufen in unserem Körper und der richtungsweisenden Zentrale im Oberstübchen? Viele Zimmer und einiges los im Menschen.

# Integration statt Amputation

Überzeugungen können wir doch ändern, Gewohnheiten – und das wird den Körper genauso betreffen, wie unser Denken. Es ist schade, dass es nur selten gelehrt wird: Der Mensch kann üben, ein nicht wie gewünscht funktionierendes Bein danach zu fragen, warum es nicht mitmacht, dorthin zu gehen, wo alle anderen Teile, wie Rumpf, Schultern, Kopf und Arme es tun. Warum hat mein Bein keine Lust mitzuspielen? Wir lernen normalerweise nicht zu denken, das Bein könne Angst haben, aber das ist der wahrscheinlichste Grund …

Viele Menschen bitten nicht gern um Unterstützung, wählen lieber den eigenen Weg. „Ich weiß schon“, fallen sie anderen, nachdem sie diese um was gefragt haben, schnell ins Wort. Dabei möchten sie nur nicht zugeben, wie es um sie steht. Allein klug zu sein, bedingt Intelligenz und die Bereitschaft zu lernen. Die typische Alternative ist nicht Individualismus, sondern persönliche Dummheit. Wir können innerhalb der Beziehung Grenzen ziehen oder eine Gruppe verlassen. Allein gehen, sich zu trennen, funktioniert nur, wenn bestehende Abhängigkeiten aufgelöst werden können. Beispiel Großbritannien: Der Brexit ist ein Ehekrach, eine psychische Ausnahmesituation, eine kollektive Blödheit. In mehr als zwanzig Jahren wurden Abmachungen ausgelotet, Gemeinsamkeiten und Trennendes geschmeidig zur Europäischen Union geformt. Um nun zu einem neuen Vertrag zu finden, der dasselbe ist wie vorher. Wir müssen nur kurz warten, dann werden alle, die jetzt Nachteile vom Brexit haben, massiv dafür kämpfen zu bekommen, was sie bisher an Rechten und wirtschaftlichen Möglichkeiten hatten.

Einen Weg selbst auf Risiko und möglichen Gewinn hin einzuschätzen, ist wie Bergsteigen: Wir sagen: „Das könnte ich nie“, der Kletterer erkennt noch, welches Gelände speziell für ihn geeigneter ist. Wir bleiben am Fuß des Berges stehen, besteigen schließlich eine Gondel, um auf den Gipfel zu gelangen. Reinhold Messner kann auf alle Berge klettern. Messner wird wissen, weshalb er es lernte, wie ich weiß, warum ich „Nackedei“ male.

Menschen, die zum einen nicht gern Hilfe annehmen, obschon sie andererseits nicht spüren, was ihnen nicht gut tut, schaffen sich die Probleme selbst. Obwohl sie nicht um Hilfe bitten, ist ihnen jeder Tipp recht, den sie sich irgendwo herbei suchen für ihr Problem, damit sie anschließend einen blöden Weg selbst gehen. Blöd, weil es ein Weg ist, der nicht zu ihnen passt. Sie sagen protzig: „I did it my way.“ Es heißt, das Sinatra das Lied nicht mochte?

Ein Erfinder, der einiges vorausgesehen hat, irrte sich: „In der Zukunft arbeiten die Menschen nur noch zwanzig Stunden, weil Maschinen ihnen die Arbeit abnehmen.“ Die moderne Frau sieht sich einer Vielzahl von Möglichkeiten gegenüber. Mit den nicht nachlassenden Versuchen, die Gleichberechtigung vollumfänglich in allen Bereichen unseres Lebens zu erreichen, wurde bislang noch versäumt, den Männern eine Gebärmutter in den Leib hineinzuoperieren. Ich frage mich, warum das kein Thema ist. Man kann heute alles, da müsste doch gleich ein passendes Gen herangezüchtet werden, damit die neuen Wesen, die dieser Welt, die wir schaffen möchten, von Geburt an perfekt angepasst sind wie die Eier legende Wollmilchsau: in diesem Fall der Unisexsaumensch. Männer seien Schweine, heißt es, und Frauen wollen auch welche sein? So kommt es mir vor.

Das Problem ist gar nicht, die Existenz zu sichern, der Verpflichtung standhalten zu können, sondern der Anspruch, nichts zu verpassen. Darum male ich dieses Bild vom Mädchen auf dem Meer, denke an die mutige Greta Thunberg, die ihrer Krankheit durch Intelligenz getrotzt hat, uns allen vorführt, was Wahrheit ist, (und an A. denke ich auch die ganze Zeit, wo immer sie ist), während ich mich an meine Frau anschmiege, zufrieden mit dem Erreichten. Ich gehe myway in den Tag und mag das Lied nur wegen denen nicht, die’s nur hinplappern.

🙂