Wer jung ist, glaubt noch. Nicht religiös gemeint, allgemein. Glaube reift mit dem Alter, wir müssen den Kinderglaube aufgeben, dass Gott grundsätzlich alles Böse gut macht und realistisch sein. Nur Naive beharren auf den Idealen der Jugend, beschreien diese, damit sie ihre Einbildung behalten können. Enttäuschung hat den Vorteil neuer Erkenntnis. Wir lernen, alles ist andersrum, wenn wir die glänzende Medaille wenden: Kein Staat der Welt nimmt Geld von den Bürgern in bester Absicht, für das Gemeinwesen zu investieren. Überspitzt dargestellt, ist es wie beim Telefonbetrug: „Sie haben gewonnen! Bitte zahlen Sie.“ An erster Stelle steht die effektive Finanzbeschaffung für das eigene Ressort. Man kann es so sehen: Jede Regierung prüft, was man besteuern kann. Wozu sind die Leute bereit, wie viel zu geben, wenn ihnen suggeriert wird, es täte Not? Das ist der vernünftige Ansatz eines Entscheidungsträgers (mit anschließender Verantwortung beim Bürger).

Der Mensch löst Probleme nach dem Prinzip: „Erkenne die Möglichkeiten!“ Gehen wir wohin mit einer Forderung oder Frage, entsprechen Antworten und Lösungen der Weisheit: „Wer viel fragt, bekommt viel Antwort.“ Suchende werden nie vollumpfänglich befriedigt von anderen.

Wir müssen einsehen, kein Arzt „hilft“ seinem Patienten, er überlegt, was er anbieten kann. Kein Polizist ist dein Freund und Helfer: Die Gerichtsbarkeit geht nicht gegen das Verbrechen vor, sie prüft, was strafbar ist. Da ist kein Politiker, der nicht die ihm zugeteilte Macht probiert auszuweiten, für gerade seine Interessen. Das ist mitnichten unser Volksvertreter, sondern der an einen Platz strebende Karrierist. Er möchte seinen Einfluss, die Bezahlung und seine Anerkennung weiter steigern. Er vertritt nicht allgemein das Volk, sondern speziell seine Interessen, die in manchem übereinstimmen können mit denen eines Teils der Gesellschaft. Gut möglich, dass diese annehmen, begriffen zu haben, was allen gut tut. Andere sehen das anders.

Das Gute an unserer Welt ist nicht, dass es bessere Menschen gibt und man meint zu ihnen zu gehören. Lebenswert ist unsere Umgebung durch den Rahmen, der uns Halt gibt, und dieser ist für den Menschen heute die Zivilisation. In ihrem Wohnzimmer kennen wir uns besser aus als in der Natur. Die Demokratie ist von unseren Eltern und Großeltern in Deutschland mit Hilfe der Alliierten geschaffen worden. Im Geflecht der Regeln kann der Einzelne einen Platz erobern, der seinem individuellen Vorlieben gemäß eine Spielwiese ist. Dort wird ein Mensch die Grenzen finden, die andere gegen sein Handeln installierten.

Und das ist auch gut so.

Besonders in der öffentlichen Politik erkennen wir, wenn ein Sprechender unter Druck den bemühten Eindruck zur Schau stellt, sein Handeln sei alternativlos großartig. Gestern Abend in „Berlin Direkt“; ich sehe ein Interview mit dem Gesundheitsminister Jens Spahn. Die Fragen stellt Shakuntala Banerjee. Im „Update am Morgen“ kann man das Video heute abrufen. Dort sagt der Minister: „Wer nicht geimpft ist, wird sich in diesem Winter ohne Schutz infizieren.“ Ich habe diese Zahlen verwendet, um das nachzurechnen: 70 Prozent der Deutschen sind vollständig geimpft. In Deutschland leben 83 Millionen Einwohner. Das bedeutet, 25 Millionen davon sind nicht gegen das Corona-Virus geimpft. Abzüglich der bereits erkrankten bleiben demzufolge knapp zwanzig Millionen Menschen nach, die „ohne Schutz“ sind, wie Spahn meint. Ein Winter dauert drei Monate. Das sind 90 Tage. Da müssten sich also im Schnitt pro Tag gut 200.000 Menschen (drei Monate lang) mit dem Virus neu infizieren. Dann wären wir Ende Februar mit dem Winter und dem Virus gleichzeitig fertig, toll.

# Im Moment wird der Egoismus der Ungeimpften beklagt

Pro Tag kommen z. Zt. 285 Patienten neu auf eine Intensivstation (Statista), und etwa 3.500 Fälle, die intensivmedizinisch behandelt werden, haben wir in Deutschland aktuell. Wir dürfen annehmen, dass einige davon ohnehin intensivpflichtig geworden wären, weil sie alt sind oder bereits andere Krankheiten haben. Wir haben erst ein Viertel der Inzidenz erreicht, die es für die vom Minister an die Wand gemalte Katastrophe bräuchte. Es geht steil hoch? Mit diesen Horrorzahlen müssten wir dann drei Monate konstant oben bleiben, damit alle „ohne Schutz“ vom Virus weggeballert würden und die Gutmenschen, die sich impften, nicht länger gefährdeten.

Die Regierung möchte ich sehen, die keinen Lockdown verhängt in dem Fall.

Bis zu 65.000 Neuinfektionen, Stand 18. November sind derzeit täglich zu erwarten, am heutigen Montag liegt diese Zahl näher bei 30.000, weil es am Anfang der Woche aus verschiedenen Gründen immer niedrigere Werte gibt, die das RKI vorlegt. Das heißt, wenn ich an so einem vergleichsweise günstigen Montag losmarschiere und knapp dreitausend Menschen treffe, wird möglicherweise einer von denen, die sich gerade infizierten, unter ihnen sein. Als aktiver, umtriebiger Stadtbewohner, beruflich viel mit Menschen beschäftigt und dem Hang zu abendlicher Kieztour ist es zu schaffen. Kommen noch ungünstige Nähe mit dem Zufall, so einem zu begegnen dazu, wir umarmen uns, tragen keine Maske in einem kleinen Raum oder der Typ rotzt mir in das Gesicht, werde auch ich infiziert sein. Am schlechten und gefährlichen Wochentag genügt es, gut eintausend Menschen zu treffen, um recht sicher einen der positiv getesteten dabei zu haben.

Um mich selbst anzustecken, reicht es nicht aus, so jemanden in der Ferne zu sehen. Aber die Zahl, dass über tausend Menschen vielleicht einen Überträger mit Covid unter sich haben, sollte helfen einzuschätzen, wie oft man jemanden trifft, der ansteckt. (Einer von hundert ist schizophren). Selbst schließlich mit dem Virus angesteckt zu sein, bedeutet nur bedingt krank zu werden. Gut möglich, dass ich, wenn ich infiziert bin, symptomfrei bleibe oder mit einem Schnupfen davon komme. Weniger als dreihundert Menschen von über 80 Millionen Einwohnern in unserem Land müssen täglich neu dazukommend auf einer Intensivstation behandelt werden.

Mein persönliches Risiko an der Covid-Grippe schwer krank zu werden, ist minimal.

Das scheint in der Gesellschaft eine weit verbreitete Annahme zu sein. Anders ist die Sorglosigkeit von Menschenmassen, die wir auf Straßenfesten oder auf dem Kiez täglich zu sehen bekommen, nicht zu erklären. Das macht auch deutlich, warum es zu Demonstrationen gegen eine Impfpflicht kommt. Obwohl es heißt, eine Mehrheit der Bevölkerung begrüße diese, zeigt sich, dass es in erster Linie die Geimpften sind, die annehmen, auf diese Weise schnell mit der Pandemie fertig zu werden. Das stelle man sich so einfach nicht vor; da wird immer ein harter Kern Ungeimpfter nachbleiben, der sich lieber auf eine Geldstrafe einlässt als mitzumachen.

# Theoretisch eine feine Sache, alle lassen sich impfen, und fertig sind wir

Die Inzidenz für Indien ist etwa fünf. Es heißt, dort wäre gut ein Viertel der Menschen vollständig geimpft. (Corona-in-Zahlen). Wir erinnern uns, die sogenannte „Delta-Variante“ des Virus startete in diesem Land ihre verheerende Aktivität. Heute ist die Welle zu uns gekommen. In Indien scheint es besser: Die sind gerade im Tal? Man sollte vorsichtig sein mit diesen Begriffen. Die Inder schauen weniger genau hin, glaube ich. Andere Länder, andere Sichtweisen?

Bei denen geht es von allein weg.

Egoismus, warum? Ich empfinde keinerlei Solidarität mit anderen und denke nur an mein eigenes Wohl. Einer lernt es vom anderen: Mir gefällt zu blockieren, durch erlaubtes Nichttun, was die Impfung betrifft. Ich kann pauschal Politiker nicht leiden, möchte hier leichthin Schaden anrichten, spotten, nicht mitmachen. Ich fühle mich persönlich vorgeführt und verarscht von einer Leistungsträgerin der sozialen Partei, sehe die Gelegenheit zur smarten Abrechnung. Ich gestalte die Demokratie nicht mehr mit. Der selbsterklärte Wohnzimmeranarchist John bleibt fein zu Hause, stört den Frieden durch Nichtstun. Die Wohlstandsgesellschaft ist mir suspekt, mit der Mehrheitsmeinung und der breiten Masse kann ich mich nicht identifizieren. Ich finde es ganz einfach, anderen aus dem Weg zu gehen und eine Maske im Edeka zu tragen. Ich habe keinen Drang, unter Leute zu gehen und etwa zu feiern. Ich mag Menschen nicht und kann mich gut allein beschäftigen. Ich kann mir vorstellen, die Verwaltungsstrafe der möglicherweise kommenden Impfpflicht zu zahlen (aus Trotz). Beim unvorstellbaren Impfzwang, kann ich mich in die Vision verlieben, dem Arzt die Spritze aus der Hand zu reißen und mit aller Macht in sein Gesicht zu rammen. Bis er tot ist. (Ich trete noch nach).

Das kann ich.

Zusammengefasst: Es ist wenig wahrscheinlich, dass sich in diesem Winter alle Ungeimpften infizieren. Der noch amtierende Gesundheitsminister Jens Spahn rechnet bewusst falsch vor. Natürlich würde eine hundertprozentige Impfquote die Pandemie kurzfristig beenden. Deswegen haben vor allem alte, dicke und vorerkrankte Menschen (wie auch die Verantwortlichen des Gesundheitssystems) ein Interesse daran. Weiter möchten viele, die sich bereits impfen ließen, andere motivieren, es ihnen gleich zu tun. Das ist logisch, aber nicht, weil deren Geimpftsein so großartig ist. Diese Menschen wollen damit angeben, dass sie’s begriffen haben, weiter nix. Sie irren sich an nur einem Punkt (natürlich beendete vollständig Impfung unser Problem) – Menschen gehen nie geschlossen in eine Richtung. Das sehen immer mehr ein: Deswegen werden Überlegungen zur Impfpflicht konkret.

Das Ganze ist ein Lehrmodell für welche, die den Unterschied „Einzelempfinden versus Gemeinwohl“ studieren möchten. Wir können der Frage nachgehen, was sich besser anfühlt: wie alle anderen dabei sein oder individuell nachspüren, wie viel Trotz nötig ist, um das Gefühl der Freiheit auszuleben. Mir ist dies viel weniger Religion oder gar querdenken und echte Überzeugung, als ein Sport und ein wenig Russisches Roulette. Ich hacke auch nicht auf der Politik rum, ich veralbere die da oben und andere unten gleichermaßen (genau genommen aus Frust). Hier ist mitnichten die Politik schuld an was. Das handelt sich um dynamische Entwicklungen mit teilweise kollektiven Handlungen vieler und dem Widerstand anderer. Je nach Nation und auch ihrer Lage im weltweiten Reiseverhalten, sowie Gebräuchen von Staatsfolgsamkeit, individuellem Schicksal läuft der Prozess ab. Länder, die bereits katastrophale Erfahrungen mit kollabierender Intensivmedizin machten handeln anders.

# In Schenefeld ist „Covid“ keine gesundheitliche Katastrophe

Es gibt Schlimmeres. Wirtschaftliche Interessen und das „jetzt komme ich“ oder „bin geimpft und kann’s mir erlauben“ stehen klar im Vordergrund. Ein gutes Beispiel aus dem Alltag ist der winzige, abgeschlossene Automatenraum der Haspa. Während es in der Woche ganz gut läuft, weil der Bereich als Teil des Verkaufsraumes betrachtet wird und zwei Möglichkeiten bestehen, diesen Ort zu betreten, beziehungsweise wieder zu verlassen, seitdem man Anweisungen entfernte, wie viele Menschen hier zulässig sind, erlebt man am Wochenende Wildwest.

Anfangs sollten wir lernen, nicht in der Eingangsschleuse zu warten? Wir übten Schlange stehen auf der anderen Seite. Dort sind Pfosten und eine Girlande trennend zum Weg aufgestellt. Erfahrene Dörfler ermahnten Fremde und diejenigen, die so getan haben als wüssten sie’s nicht, richtig abzuwarten. Ein Typ mit Warnweste kanalisierte in Stoßzeiten die Massen. Nun können wir allein Schlange stehen, nach zwei Jahren des Lernens, meint die Filiale? Jetzt wurden alle Schilder „Nur eine Person in diesem Bereich!“ entfernt. Man verzichtet auf den Ordner, der ein Jahr lang den Schenefeldern sagte, wo sie zu warten hätten, und dass nur einer hinein dürfe.

# Arschlöcher überall

Am Wochenende ist die Filiale geschlossen. Natürlich können wir trotzdem Geld abheben. Dann ist dieser Raum mit einigen Kontoauszugsdruckern und zwei Geldautomaten auf fünfzehn Quadratmeter begrenzt. Die Filiale ist geschlossen, aber die Selbstversorgung steht: Ein kleiner Innenraum mit Maskenpflicht wie im gesamten Einkaufszentrum. Inzwischen, nachdem alle Hinweise, wie sich hier zu verhalten sei, abgenommen wurden, ist sich jeder selbst der Nächste?

Wir haben die höchsten Infektionszahlen der gesamten Zeit.

Aber: Es ist nicht möglich, in dieser Kammer allein seine Auszüge zu ziehen, Geld abzuheben?

Das wird vom jeweils nächsten Interessenten an dergleichen Vorgängen beinahe grundsätzlich ignoriert. Das ganz normale Arschloch ist überall und kann nicht warten.

Wo kein Schild ist, darf der Deutsche alles.

Bis zu vier Personen drängen nicht selten hinein wie früher.

Und daran ist die Regierung schuld?

Die Ungeimpften?

Der Mensch.

🙁