Es gibt Menschen, die stets das Schöne sehen. Ich gehöre nicht dazu. Darum male ich. So kann ich meine Farben für die eigene Welt bestimmen. Das lehrt mich hinzusehen und Reizvolles wahrzunehmen. Für gewöhnlich ärgere ich mich über das Drumherum. Frust ist mein Antrieb. Damit bin ich schnell unterwegs wie viele andere auch. Mir fällt oft schwer, die besseren Alternativen zu bemerken, kurz abzuwarten und erst dann auszuwählen, wohin die Reise geht. Es bleibt ein Lernfeld.

Das Leben ist so scheiße, weil es im Ganzen alternativlos ist. Nicht leben, ist keine Alternative. Wir haben nicht diese Wahl, etwas anderes zu tun, als hier zu sein. Ein Trugschluss, zu denken, wir könnten frei handeln. Obwohl es theoretisch möglich wäre, ganz vieles zu machen, werden wir doch nur eine schmale Auswahl unserer Möglichkeiten in Betracht ziehen. Suizid, sich also dafür zu entscheiden, nicht weiter zu leben, ist bestimmt nicht feige oder so mal eben eine durchführbare Sache. Wir nehmen einiges an Kummer hin und suchen oft verzweifelt nach einem Weg aus der Einsamkeit unseres Daseins.

Der Mensch weiß nicht, warum er lebt. Diejenigen, die keine Automaten sein möchten und nur gehorchen, suchen nach dem eigenen Sinn. Wer unglücklich ist, hört nicht einfach auf zu jammern. Davon, dass es verboten würde, traurig zu sein, wird der Trübsinn kaum enden. Wem es an Geschick mangelt, den Tag mit Leben zu füllen, bleibt nur scheinbar die Flucht. Dafür benötigt es eine besonders verzwickte Fähigkeit. Wir müssen bleiben, auch wenn es uns nicht gefällt zu leben. Wer probierte zu gehen, weiß wie viel Schwierigkeiten sich dem in den Weg stellen, der nur noch weg möchte. Man muss es nicht selbst versuchen: Zahlreiche Filme zeigen Menschen, die es mit dem Suizid nicht hinbekommen und mit ihrem Schicksal im letzten Moment zu hadern beginnen. Darüber nachzudenken macht deutlich, warum es ungemütlich auf der Erde ist. Unser Dasein ist mitnichten eine tolle Sache, eben weil es ein Zwang ist. Es ist wie mit einem Geschenk, das wir gezwungen sind gut zu finden. Ein Pullover, den wir tragen müssen, obwohl dieser kratzt: „Der steht dir aber gut!“, sagt Tante Helga noch. Und Mutter freut sich, wenn du ein fröhliches Gesicht machst.

Keine Alternative zu haben, bedrückt und macht Angst. „Davor brauchst du keine Angst zu haben“, hört man immer wieder Eltern sagen. Wenn zu leben ohne Alternative ist, weil unser Organismus alles tun wird, was an Automatismen hineinkonstruiert wurde – allein die Atmung oder der Herzschlag sind nicht abstellbar – bleibt nur die Erkenntnis, dass Angst unser Antrieb ist. Die sollten Eltern nicht verbieten. Der Angst kann ich mit dreierlei begegnen: Aushalten, weglaufen oder die Gefahr aggressiv bekämpfen sind bekannte Möglichkeiten. Nun bedeutet unser Alltag nicht, Soldat zu sein. Abweisungen unangenehmer Dinge meistert der Mensch sportlich. Angriff: Eine kurze Floskel stellt einen nervigen Bekannten so weit zufrieden, dass wir weitergehen können. Aushalten: Kurz die Luft anhalten und den Frust unterdrücken, wenn man sich übervorteilt fühlt. Flucht: Schnell vorüberhuschen und „er hat mich nicht gesehen“ denken, das war’s. Soweit normal. 

Natürlich gibt es gute Tage. Die interessieren ja nicht. Sie kommen und gehen wieder. Wir werden nicht umhin kommen, über die dunklen Momente nachzusinnen. Die gewinnen schließlich an Bedeutung; dass wir einmal sterben müssen, macht Angst, besonders denjenigen, die schnell sterben wollen. Das ist paradox. Diese Schwerstbehinderten, die ein Recht auf rechtzeitigen Suizid einklagen möchten, zeigen es überspitzt: Das Problem liegt scheinbar darin, die Zukunft gestalten zu wollen, es angeblich nie zu spät sei für irgendwas, die Zeit aber möglicherweise knapp wird. Die Umgebung bestimmt um so mehr über uns, je abhängiger wir von anderen Menschen werden, im Rollstuhl sitzen oder sonst wie gebunden sind. Deswegen alternativlos: Der Mensch will nicht, sondern muss leben und das bedeutet, dieses Dasein zu gestalten. Abwarten auf das natürliche Dahinfaulen genügt nicht, um die Sache gut aushalten oder gar stundenweise wenigstens genießen zu können. Nichtstun als Beschäftigung will gelernt sein! Unser Dasein als Möglichkeit begreifen, obwohl es irgendwann für beinahe alles zu spät ist, wird zu einer Herausforderung; das Alter beginnt jetzt. Mit beinharter Logik zu leben, wird angenehm wie den kratzenden Pullover nur dann zu tragen, wenn Mama und Tante Helga im Raum sind. Gott sieht alles, aber Mutter nicht, ist die Erkenntnis zu der ein gesundes Kind kommt.

Schlimm, wenn Mutter das verhindert (zu denken). Da kann’s dauern, bis ein Kind frei wird und den eigenen Weg geht. Dann ist es für vieles zu spät. Immerhin kristallisiert sich raus: Die anderen lügen immer. Von Scheiße umgeben, bedeutet in Schenefeld zu sein. In der Ukraine im Krieg ist es schlimmer. Eine schöne Sache mit dem „edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ und geradezu eine Verpflichtung, wenn klar wird, dass zu leben ohne Alternative ist. Maulen oder dem Selbstmord auf Raten mittels Alkohol zu frönen ist überlegenswert. Der Nutzen will abgewogen werden, ob diese Benebelung eine Verbesserung ist oder wir tun sollten, was der Doktor rät? Nun hilft es nicht, die Menschen zu suchen, denen wir vertrauen können. Es gibt sie nicht. Umgekehrt macht die Sache Sinn. Selbstvertrauen zu entwickeln, ist besser. Eine gute Einschätzung der Lage hilft. Schwäche wird ausgenutzt. Passen wir uns der Tante an und reden der Mama nach dem Munde, werden wir schnell auf einen Bekannten treffen: „Sieht scheiße aus dein Pullover. Kratzt der gar nicht?“ Schweigen, weglaufen oder sagen: „Das ist ein Geschenk meiner Mutter und kratzt nicht. Ich mag die Farben“, sind so Möglichkeiten.

Da schließt sich der Kreis. Wir sind erwachsen geworden und lügen wie die anderen – in dem Moment, wo unsere Wahrheit darin besteht, die persönliche Grenze setzten zu müssen.

Mein Onkel Hermann, der zur Tante Helga gehörende, starb mit ungefähr neunzig. Das hat mich genau gar nicht interessiert. Ich bin nicht zur Beerdigung gegangen. Eine unglaublich lange Zeit war er dement und wusste kaum, ein Onkel zu sein. Er redete nur noch Blödsinn. Mein dazugehörender Vetter ist der Grund, den Rest meiner Verwandtschaft zu meiden. Je mehr bekannt wird, zeigt sich, fett ist nur der Nippel oben, die Spitze. Ich will sagen, nur ein Siebtel vom Eisberg schaut aus dem Wasser. Falschheit gewinnt, weil man das Motiv nicht sieht. Eis ist hartes Wasser nur für eine gewisse Zeit.

Die sind mindestens so eklig, wie andere hier. Familie ist in meinem Fall auszusortieren, um zufrieden zu sein. Das Problem ist, der Mensch kann die Gebote einhalten, muss es aber nicht. Menschen nutzen es aus, über andere bestimmen zu können, wenn sie meinen es sei einfach, brächte Vorteile. Ich habe spät gelernt zu beleidigen, bin mitnichten ein guter Mensch. Ich lege keinen Wert darauf zu sein, wie man soll. Unschuld war früher. Jahrelang wusste ich nicht, dass ich andere verletzte wie alle es tun. Für einen genussvollen Rest an Lebenszeit, meine eigene Gestaltung des Ganzen, reicht es nicht: Ich fege Trümmer zusammen. Die Zeiten, in denen wir Gewohnheiten durchbrechen können und die Wahl einer Alternative erkennen, machen frei. Darauf kann man achten bis zum letzten Tag.

🙂