Ein Baby hat Hunger, schreit: Mama kommt. Weißt du es noch? Etwas juckt, du brüllst, und Mama ist da. Sie bietet dir die Brust, Nahrung und Liebe, singt versuchsweise ein Lied, was weiß ich. Bis sie begreift, was los ist. Dann bekommst du einen neuen Strampler angezogen und wirst weich gebettet. Das ist gefühlte Allmacht. Der Wichtigste kommandiert, und es geschieht sofort.

Die Gute Nachricht, Matthäus schrieb auf, wie ein Soldat spricht. „Sag ich einem Mann: „Komm!“, dann kommt er. Sag ich: „Geh!“, geht er. So redet ein Hauptmann, der zu befehlen gewohnt ist. Und der Rekrut rennt los. Wenn ein Baby älter und zum Kind wird, tritt das „Nein!“ der Mutter mehr in den Vordergrund. Die größere Wirklichkeit setzt die Grenzen enger. Wir müssen einsehen, dass es nichts ist mit unserer Allmächtigkeit auf Erden.

Theorien legen nahe, dass die Wirklichkeit vom Menschen selten genau erfasst, sondern um Ordnung bemüht und intellektuell konstruiert, mit begrenzter Sinneswahrnehmung nur ausschnitthaft verstanden werden kann. In einer Mischung aus dem, was man uns sagt und unserer Neugier, die Dinge zu prüfen, entsteht eine Orientierungshilfe. Mehr nicht. Die Information über die Umgebung kann nicht vollständig sein. Unsere Vergangenheit muss die Erfahrung hergeben und ein belastbares Foto der Welt abbilden, möglichst farbig und inhaltsreich; wenn wir es selbst malen, beginnen wir als Anfänger. Wir müssen mit unvollständiger Karte ausgestattet, unseren Fehlern und denen anderer, auch bewusster Lügen, in die Zukunft navigieren. Kontrollverlust ist für einige das Schlimmste? Wären sie sich ihrer Mängel bewusster, könnten sie diese stets bemerken. Da ist nicht eine Bewegung, keine Aktion, die ein Mensch perfekt im Sinne seiner Intention ausführt.

# Den Dingen die Schuld geben

„Das war ich nicht“ nach einem Missgeschick zu sagen, ist weniger absurd, als viele meinen. Das kann ausdrücken „ich wollte“ es ja nicht und kann gar nicht begreifen, wie das kommt, weil ich doch nach meinem Dafürhalten alles tat, damit es gelingt (Mama, schimpf’ bitte nicht). Wie exakt motivieren wir uns, etwas zu tun, ein Brötchen mit Käse zu belegen? Wie wichtig nehmen wir die aktuelle Tätigkeit, und wie stark lenkt uns ab, was parallel nötig sein könnte? Mit vielem überfordert, geben einige der Umgebung gern eine Mitschuld, wenn sie was nicht hinbekommen. Ein Mensch, der entspannt eine Fahrbahn betritt, um die Straße zu überqueren, wird hektisch, wenn er bemerkt, dass ein Fahrzeug schneller als erwartet näher kommt. Auch allein mit Alltäglichem beschäftigt, müssen wir tolerieren, dass uns scheinbar Rat gebende Stimmen in Gedanken ablenken, wenn wir eine Bohrmaschine ansetzen, den Schrank (noch schnell) reparieren. Neurotisches Verhalten ist zunächst die gewohnte Reaktion auf die Umgebung und ihre vielen Probleme, denen wir uns ausgesetzt sehen. Wem es nicht gelingt, sich dauerhaft zusammenzureißen, kultiviert persönliches Unvermögen zum typischen Charakter. Hektik, Angst und Zorn, zu fluchen und Dinge übertrieben anzugehen, der Situation die Schuld zuzuweisen, wenn etwas misslingt, ist nicht selten. Da ist niemand, der immer perfekt durch das Leben geht, aber einigen gelingt es besser, es so aussehen zu lassen. Was käme wohl dabei heraus, wenn wir bei ihnen Mäuschen spielten?

Nichts ist heute einfacher als das. Und natürlich kommt eine Menge Mist zutage, wenn Menschen mitlauschen, wie es bei den Meyers privat läuft. Spion zu sein, ist heute einfacher, als je zuvor. Mit dem Auto im Stau stehend, lese ich eine Werbetafel „Aufspüren versteckter Wanzen, Telefonabhöranlagen, Detektei“ und denke: toll! Die kommen ins Haus, haben schon vorher drei Microwanzen in der Hosentasche dabei, präsentieren dir eine davon. Sie sagen: „Das haben wir gefunden“, installieren heimlich die anderen für eigene Geschäfte. Informationen sind nützlich, wenn sie als Ware gehandelt werden können.

# Paranoia und andere Wahrheiten

Da ist eine Frau, der ich gelegentlich begegne. Sie wohnt um die Ecke. Wir reden beim Busfahren und auch sonst mal. Ohne auf Details einzugehen, kann ich zugeben, dass es mir wenig bedeutet. Ankündigungen, sie möchte eine bestimmte Malerei in Auftrag geben, entpuppen sich schnell als reine Absichtserklärung. Ihr geht es um anderes, wenn wir uns über den Weg laufen? Die Themen, die sie anschneidet, lassen mich das vermuten. Sie wechselt die Arbeit, alle paar Monate ist sie woanders beschäftigt, und auch darüber sprechen wir. Schließlich verliert sie das Interesse dran, lang mit mir zu quatschen. Während sich unsere Wege anfangs ständig kreuzen, ergeben sich diese Gelegenheiten nun beinahe gar nicht mehr. Gut so. Nach einem Jahr oder zweien begegne ich ihr nur noch selten. Als es doch geschieht, rutscht ihr, mich begrüßend, raus: „Schön, wenn man sich auch einmal zufällig trifft.“ Dann entgleist ihr wie nach einem verbalen Patzer das Gesicht. Sie feuert schnell einen Redeschwall ab, wie’s mir ginge und lässt plakative Freundlichkeiten folgen.

So doof.

Mit A. (ein schwedischer Name) ist es ähnlich, aber das habe ich glaube ich bereits geschrieben. Sie hatte dasselbe Geschick, immer ganz zufällig aufzutauchen. Die behauptet, in Glückstadt gelebt zu haben. A. ist nicht doof – sie ist blöd, aber das nur nebenbei. Unsere Begegnungen finden ein schlagartige Ende, als ich sie (fröhlich) mit ihrem vollständigem Namen, Straße und der korrekten Hausnummer begrüße; sie reagiert vollkommen panisch. Ich, zu der Zeit Zusteller verschiedener Werbesendungen; es ist mir nebenbei aufgefallen, leicht zu kombinieren. Sie, unangemessen entgeistert: „Habe ich dir das mal gesagt?“ Seitdem kein einziges Mal mehr gesehen und vorher so oft getroffen! Eine eingebildete junge Frau, die was – ja, was wollte die denn?

Doofe Frauen sind reichlich unterwegs. Als ich noch mit Kalle (Klarname) befreundet bin, zeigt er mir die ganz speziellen aus der Deckung einer Kaffee-Plantage: „Kennst du die? Die trifft man auch überall.“ (Ich kenne die). Sie: „Ich arbeite in Wedel bei (ein bekanntes Geschäft). In Bremen hätte sie es bis zum „Inspektor“ gebracht. Ich treffe diese Ziege – aber nie im Laden, fahre oft in meine alte Heimat. „Meistens bin ich ja hinten“, sagt sie, damit konfrontiert. Ich frage im Geschäft nach: „Ist sie hinten?“, die anderen drucksen immer rum. Ich bin in Wedel aufgewachsen und mit etlichen vertraut, die im Verkauf tätig sind. Schließlich gibt es eine Antwort: „Frau (…) meinen Sie? Das ist unsere … Putzfrau.“ Eine harmlose Erklärung für eine peinliche Alltagslüge, möglicherweise.

# Vor dem Blumenladen von Sarah

Guddi dackelt los, Primeln aussuchen. Kalli zieht mich (verschworen) ins Auto: „Wenn mal was mit ,der Stasi‘ ist, lass die Finger davon“, wir sprechen über die dünne Russin. So nennt er sie. Meine Freundin? Was soll ich da lassen: Meine Finger sind freundlich. Und ich habe die nie angefasst. Es geht nicht. Man spürt, sie möchte das nicht. Einer russischen Frau gibt man nicht die Hand. Das hat Kalli nicht gesagt, und der muss es eigentlich wissen. Dass mit der Stasi ohnehin. Es liegt bei denen in der Familie. Doofe Agenten gibt es also auch.

Mir fällt noch reichlich ein, eine kleine Auswahl genügt zum Thema. Es ist die Vor-Corona-Zeit, Begegnung in Wedel bei „Junge“. Ein Mann, nicht sehr groß, schlank, drahtig, durchschnittliche Kleidung, Ende fünfzig, hat neben mir Platz genommen, weil alles andere besetzt ist. Wir schweigen satte zehn Minuten und beobachten die Vorübergehenden. Jeder andere hätte längst sein Telefon gezückt, der Fremde nicht. Ich habe keines, und damit bin ich für gewöhnlich der Einzige in Gesellschaft. „Warum gehen die Menschen alle verschieden?“, probiere ich ein Gespräch zu beginnen, und dann wird es interessant mit dieser Bekanntschaft. Wir reden über menschliches Verhalten, Angewohnheiten und schließlich über China. Er wüsste nicht, weshalb wir gerade die Asiaten thematisieren, meint er. Jahrelang hätte er nicht mehr daran gedacht, komisch, dass er’s grad nun erinnere, aber dort ließe man verlorenes Geld auf dem Gehweg besser liegen. Es gelte als verpönt, einen Cent aufzusammeln, da das Unglück bringe.

Das ist ja interessant, denke ich und sage nicht, wie sich einige ganz offensichtlich darüber amüsiert haben, Geld wie verloren extra auszulegen, wo ich gleich auftauchen würde. Was für ein Spaß! Wie der Bassiner sich freut, wenn er wieder Geld findet. Ich erinnere das süffisante Grinsen. Theresa (beim Bäcker), die spanische Nase, schiebt neun einzelne Cent auf den Wechselgeldteller: „Mach nicht zu doll damit.“ Inzwischen entdecke ich so gut wie nie mehr was, es macht ihnen keinen Spaß mehr? Ich lasse das heute liegen, für die Armen.

# Danke für diesen Hinweis

Ich greife mir an den Fuß, denke und überlege. Auf meine Frage erklärt der Mann, er sei Rentner und wäre beim Theater gewesen, „seine Leute“ seien auf dem Markt. Eine seltsame Art zu sprechen für einen jungen Rentner. „An welchem Theater waren Sie denn?“, frage ich. „An verschiedenen.“ Er hätte das Publikum bespaßt und zentnerschwere Frauen gestemmt, Ha-ha. Ein Zentner, das wären ja nur fünfzig Kilo. Viele wüssten es nicht. Man hat schon von verdeckten Ermittlern gehört. Ich überlege, ihm zu sagen, mir ginge durch den Kopf alle meine Bilder, das Boot und die Bürgermeisterin zu zersägen, an nur einem Tag. Ich behalte das aber lieber für mich. Nachher glaubt er es, und ich bekomme „die offizielle“ Gefährderanzeige. Die einfache (verdeckt getragene) GKR-Epaulette genügt mir. Vorhin hat er noch intensiv mit den Eltern von L. seitlich der Fensterfront gequatscht, ist aufgestanden und los spaziert, bevor er (zielstrebig) zu mir kommt: „Ist hier noch frei?“ Diese „Leute“ kenne ich einigermaßen, und der Markt ist ganz dahinten woanders.

Das ist mir aufgefallen.

Er wäre sonst mehr in Blankenese zu Hause und verkehre gern in der Kneipe bei den Dockenhudener Arkaden.

„Die Linde“, sage ich.

Und rege an: „Mich kennen einige“, aber das misslingt vollständig. Er kennt meine Freunde nicht, und seine Namen klingen wie schnell erfunden. Auf meinerseits „Toddel, Schampus oder Telle“, präsentiert er: „Schnuddel, Duddel, Kuddl“, das sind bemühte Wortschöpfungen. Ich könnte mit „Pietn, Piwi, Ewu, Schnalle oder Treets, Petrus und Himbeertoni“ nachlegen, ohne üben zu müssen.

Uwe.

Wir haben einander geduzt. Schließlich geht er mit der Bemerkung, wir würden uns „sicher nie wieder“ begegnen. Er setzt sich um die Ecke an den anderen Tisch erneut zu dieser Familie mit ihrem erwachsenen, aber psychisch kranken Kind; Menschen, die mir aus direkter Nachbarschaft bekannt sind?

Ein verkorkstes Händeschütteln, bei dem sich unsere Hände verfehlen und in die nötige Position mühsam hinwurschteln, ist noch zu spüren: „Danke für das doch ganz nette Gespräch“, hat er gesagt.

Ich bin höflich verstört. „Einen schönen Tag noch …“

# Deine Leute auf dem Markt sind meine im Café

Dr. John, Norbert, Susanne und Tom: Agenten klopfen einander ab. Ich habe alle Ian Fleming Romane gelesen. „Du lebst nur zweimal“ mehrmals. Unvergessen, wie Bond den Hals des Mannes zudrückt, der ihm die Liebste genommen hat: „Stirb Blofeld, stirb!“ Die Lizenz zu töten. Blofeld stirbt, endlich. Der Vulkan fetzt ihm den Arsch weg. Und James bei den Fischern vergisst, wer er ist. M. muss ohne ihn weitermachen.

Sir Miles. So nennt man mich beim Italiener. Ich trinke dort den Wutmacher wie der Admiral.

Rekrut im Gelände? Unvergesslich bleibt auch diese andere Geschichte: Ich bin mit einem Segelmacher verabredet. Da meine Frau unser Auto hat, fahre ich mit der S-Bahn nach Wedel. Der Weg führt geradeaus die Bahnhofstraße entlang, in Richtung meines Elternhauses, wie schon unzählige Male in meinem Leben. Gerade wird das Gebäude der Volksbank abgerissen. Die Bank will ihr in die Jahre gekommenes Eigentum aufwerten und eine kombinierte Wohn- und Geschäftsimmobilie bauen. Das hat mir eine Mitarbeiterin erzählt. Eine Baugrube gähnt dort. Verschiedene Fahrzeuge, Bagger, Arbeiter mit Maschinen und ein großer Kran produzieren jede Menge Staub und Lärm. Um die Passanten vor Dreck und Gefahren zu bewahren, haben die Verantwortlichen vorn zwei Container aufgestellt, wo für gewöhnlich der Gehweg verläuft. Die stehen der Länge nach mit geöffneten Stirnseiten zum Tunnel aneinander montiert und bilden eine schützende Röhre für Fußgänger. Die Radfahrer, deren Fahrspur hier unterbrochen ist, sind gebeten das Rad zu schieben.

So ein Mann mit Fahrrad kommt mir genau hier im provisorischen Tunnel wie zufällig entgegen. Wir treffen in der Mitte der Blechkammer aufeinander. Der hat eine derbe Stoffjacke an, große rotbraune Karos. Vielleicht noch eine Kappe aus Cord auf dem Kopf, das weiß ich nicht mehr. Kräftig. Er gibt sich wie ein kanadischer Holzfäller. In dem Moment (so scheint es mir), wo er mich sieht, fährt ein: „Da ist er ja!“ durch seine Züge.

Und dieser Mann kehrt nun um.

Noch im Tunnel, genau neben mir, wo es eng ist. Wie auf Befehl. „Meine Aufgabe beginnt jetzt“, scheint er zu denken. So würde ich es im Nachhinein beschreiben. Das ist seine Körpersprache, wie in einem Buch für andere mitzulesen. Ein laienhaftes Theater verstärkt das noch: Er tut gestisch, als hätte er etwas vergessen und trabt mit seinem Rad, die Hand am Lenker, ab sofort in meine Richtung mit.

Mein Schatten?

Kann ja mal sein, dass einer zurück muss, weil ihm was einfällt. Wir kennen einander nicht, sind uns fremd. Warum habe ich das registriert? Soweit hätte ich’s gar nicht wichtig genommen. Irgendein Typ, und der dreht wieder um. Ich kümmere mich nicht um den Mann und hätte ihn vergessen, wenn das Ganze an dieser Stelle zu Ende gewesen wäre.

Zeit vergeht.

Ich erreiche mein Elternhaus. Ich denke nicht weiter an diesen Holzfäller. Das wäre vollkommen unbewusst geblieben, ein Zusammentreffen im Bautunnel vor der Volksbank. Ich hätte gar nichts daran festgemacht und habe ja eigene Ziele im Sinn. Das Wetter ist gut, sonnig mit leicht dunstigem Himmel und windstill. Ich bin unterwegs auf dem Hof, schließe die Pforte auf, hole Erich’s Fahrrad, um damit zum Hafen zu fahren, wo mein Boot liegt, ich mit Hauke verabredet bin. Das haben wir einander gestern per Mail bestätigt. Mein Vater ist gestorben, und viele Erinnerungen sind in meinem Kopf, wenn ich mit seinem Hercules unterwegs bin.

Gemütlich radele ich die Bekstraße durch ihre Kurven den Geesthang hinab. Ich fahre einige hundert Meter über die Schulauer Straße und um die Ecke bei der Sonne vom Planetenlehrpfad in die Deichstraße, schließlich die Anhöhe rauf, wo Jan und „Hochwürden der Pabst“ ihren Laden haben. Rechts führt der kreuzende Weg für Radfahrer und Spaziergänger über die Kuppe, die unser großer Seedeich bildet, der wohl Ende der Siebziger nötig wurde: Ich erinnere mich, sehe wieder die Bagger und Planierraupen in der schweren Kleie unterwegs, wie damals, als ich noch ein Kind war. Meine Augen sind die aufmerksamen eines Indianers im Gelände.

Unten auf der Deichverteidigungsstraße ist wieder der rotbejackte Mann unterwegs!

Unverkennbar, das ist der Typ aus der Bahnhofstraße, der in dem Moment umdrehte, als er mich sah. Jetzt ist es mehr als eine nebensächliche Erinnerung. Nicht zum ersten Mal passiert so etwas, und meine Sinne sind hellwach. Viele Male ist es vorgekommen, dass Bekannte scheinbar ganze Sätze zitieren, die Teil meiner E-Mail-Kommunikation mit anderen sind. Was wir im Fernsehen schauen, wie ich mit Migräne leide und wer gestern zu Besuch ist, wohlmeinend wird’s angedeutet, eben nicht ganz konkret und mit einem feinem Humor weitergezinkt. Woher wissen (so viele) Fremde, was bei mir passiert? So etwas macht neurotisch und paranoid. In der Summe wird einfach zu oft und viel zu exakt nachgesprochen, was bei uns privat gerade ansteht. Ich spinne vernünftigerweise, und das seit mehreren Jahren. Freunde sagen mir schon wie wissend, ohne sich anschließend (auf Nachfrage) genauer zu erklären: „Du bist nicht krank.“

Das macht krank.

Ich habe noch ein wenig Zeit bis zum Termin auf dem Schlengel. Und während der Mann hinter dem Deich wie unbeteiligt treppelnd das Radfahren in der Marsch genießt, bin ich oben vor dem Tonnenhafen angekommen. Ich stoppe, setze einen Fuß auf den Boden, schaue mich um: Dieser Typ, er hat wieder die Richtung gewechselt. Während er, als ich ihn bemerkte, noch in Richtung der gelben Sonne aus Beton zur Schulauer-Straße zurückgefahren ist, folgt er mir nun ein weiteres Mal. Er arbeitet sich gerade den Deich hoch. Als er oben ankommt, haben wir Blickkontakt. Er ist nur knapp hundert Meter hinter mir und biegt, wie als wäre das ein neues Ziel, über den Parkplatz vor dem Bootsausrüster links ab, auf den vorgelagerten Deich rauf. Da wird er mal so locker hinüber zum Segelverein dödeln und die Elbe anschauen. Er ist der megaentspannte Trödelmors, der gerade nichts Besseres zu tun hat, als in der Woche ein wenig an der Elbe rumzufahren?

Mich sticht der Hafer, ich probiere etwas.

Ich bin auch nur so mal am Radfahren, warum nicht? Was du kannst, das kann ich auch, denke ich. Ich drehe ebenfalls um, und rollere leicht wie der unbeteiligte Hans-Guckindiluft dem Mann mit der roten Karojacke nach.

Er ist langsam. Dort, wo nur eine kleine matschige Fahrradspur anschließend der Sackgasse vorm Laden auf das Deichgras führt, bin ich dicht herangekommen. Er fährt auf den Deich.

Ich folge ihm im Abstand von nur einer Fahrradlänge.

Wortlos und im Schneckentempo.

Ich verziehe keine Miene, als wäre alles so normal wie die laue Luft, ein Kümo in der Süd, die dunstige, windstille Natur und die vereinzelten Senioren hier und da.

Kaum, dass überhaupt ein Auto fährt. Ein schöner Tag. Träge zieht die Ebbe das glatte Wasser aus dem Fluss. Ich kann dem Mann nur wenige fünfzig Meter auf diese Weise folgen: Er setzt einen Fuß an’ Grund, ankert.

Er stoppt, dreht sich um und winkt mich vorbei.

Ich halte ebenso an, aber er macht schon deutlich, dass ihm das nicht gefällt. Er winkt noch einmal mit großer Fällerhand: „Fahr vorbei“, grummelt der Fremde mürrisch. Er sieht gerade eine Niederlage ein? Ich trete locker in die Pedale. Er schaut mir nach, während ich mit dem undurchdringlichsten Gesicht das ich zustande bringe passiere.

„So ein harter Knochen“, sagt der Mann noch.

🙂