Ich glaube nicht mehr an Europa. Die Klimaziele, dass wir sie erreichen, daran glaube ich genauso wenig. Ich habe keinerlei Vertrauen in die Zukunft, dass sie positiv verlaufen wird, und ich lebe noch ganz gut damit. Ich bin nicht depressiv, denke ich. Ich bin maßlos enttäuscht, das ist es. Ein klarer Blick hinter die eigene Fassade ist nichts Schlechtes. Ich langweile mich beinahe nie. Ich kann mich beschäftigen, erfülle Pflichten, zahle Steuern. Aber da ist keinerlei Empathie für unser Land, die Welt, die mir doch das Dasein ermöglicht. Sie zwingt es mir ja auch auf. Ich möchte weg, nur noch weg. Ganz weit weg möchte ich, dorthin wo es besser ist, aber es steht nirgendwo ein Wegweiser, wie das zu machen sei. Hier kenne ich mich einigermaßen aus, und deswegen bin ich davon überzeugt, dass mein Hierbleiben alternativlos ist. Mir gefällt dieses Land, und der Wohlstand ist toll, man sieht ja, wie die Menschen anderswo leben. Meine Heimat ist hier. Ich habe ein Problem mit der Zukunft. Sie erscheint mir frei geräumt von den bekannten Träumen und Hoffnungen, ein dürres Ende. Mein Problem liegt in der Unfähigkeit, noch auf andere zugehen zu können. Die Schwierigkeit ist, Unterschiede wahrzunehmen, wer freundlich ist und wer nicht. Der Weg in den Egoismus erscheint mir als der bessere? Tatsächlich: Ich habe mich vollkommen verändert, weg von den Menschen, mache beinahe gar nichts mit anderen mehr. Meine Freunde sind zahlreich, aber man müsste diese Beziehungen auch pflegen.

Ich gehe allen aus dem Weg, selbst wenn ich offen fröhlich bin. Oft laufe ich hasserfüllt in den Tag, bin fast enttäuscht, wenn die anderen freundlich sind. Ein Schwätzchen zu halten ist nicht schwer! Ich erwarte Feindseligkeit, weil sich mein Weltbild dahingehend entwickelt hat. Ich war überzeugt von der Demokratie, sie ist mir heute wurscht. Schenefeld, die oberen Zehntausend? Der vollkommene Bruch ist innerlich vollzogen. Es gefällt mir, dass ich Christiane nicht mehr sehe. Gelegentlich erscheint ein Foto im Tageblatt, Würdigung einer ehrenamtlichen Häkelgruppe oder dergleichen. Sie wechseln sich ab, stellvertretend Gudrun, schielt an der Kamera vorbei. (Sie ist semiprofessionell, aber tapfer in stumpfer Einfalt, stark am Platz). Ich bin angewidert von jedweder Eitelkeit im Amt. Unsere Bürgermeisterin, die ich als fröhliche Frau regelmäßig radelnd im Dorf kannte, traut sich noch zum Wahlkampf auf den Wochenmarkt, bleibt ansonsten unsichtbar. Ist besser so – und klug, denke ich. Politik ist verlogen und sie hat ihren Beruf nun gelernt. Respekt dafür. Danke, dass ich dabei mithelfen durfte. Kunst schaut von der anderen Seite: Eine verlockende Vorstellung, dass die Ampelkoalition irgendwie doch nicht zustande kommt. Voller Hohn beobachte ich die Lage mit dem siegesgewissen Olaf, hoffe auf Probleme. Den hätte ich niemals gewählt. Als Nichtwähler des deutschen Bundestages bin ich glücklich im Trotz. Der Designierte ist ein Operettenkapitän für laue Luft. Zieht ein Sturm auf, steht der Mann stark schauend an Deck, während seine Segel zerfetzen, Matrosen aus der Takelage stürzen, die Masten brechen. Mit dem ersten Rettungsboot schippert er bei Schiffbruch feige davon, um anderswo eine neue Bark zu besteigen und sein schönes Kapitänsgesicht feilzubieten.

Vielleicht ein Spiegel unserer Selbst? Die soziale Güte der Gemeinschaft ist eine gute Maske, der glatte Kandidat lebt es vor, und wir finden uns im besten Darsteller wieder wie im Heldenkino. Skepsis am Gutsein der Masse ist nicht mehr erlaubt? Einzelne gewinnen an Stärke, wenn sie zusammen halten und den Block der Vernünftigen bilden. Die Pandemie belastet uns. Das Unvernünftige dieses Argumentes, alle sollten, was das Impfen betrifft solidarisch mitmachen, ist, dass diese Mehrheit immer einen Rest haben wird. Die Spaltung der Gesellschaft ist derzeit ein Thema, wir dürfen gespannt sein, ob es gelingt, die Menschen friedlich zu stimmen. Als Mutti der Nation haben manche Angela Merkel bezeichnet. Und jetzt kommt Papa Olaf? Das mag nicht einfach sein für den Scholzomaten. Die Pandemie solidarisch zu meistern, ist eine Herausforderung. Wie sollen die noch ins Boot geholt werden, die gerade massiv außenbords gedrängt werden? Der Druck auf Ungeimpfte wird mit dem Argument geführt, diese gefährden andere und dem kann nicht allzu viel entgegengehalten werden, außer, mit dem Vorwurf leben zu können. Jedem das eigene Schiff.

Verstört.

Manipuliert, Vertrauen zerstört, was heißt das? So denke ich auf meinem bösen Irrweg: Unsolidarisch aus Überzeugung! Ich lasse mich nicht impfen aus demselben Grund, möchte nicht aus Loyalität zur Allgemeinheit Sinnvolles tun, dem Apparat lieber schaden durch Passivität. Nur mit einer hohen Impfquote bekommen wir die Pandemie in den Griff, natürlich. Aber gerade deswegen mache ich das nicht. Ich trage Maske, gehe auf Abstand, das muss genügen. Es gibt noch andere Gefahren. Ich setze keinen Helm auf beim Radfahren, trinke Alkohol. Wer weiß, vielleicht habe ich Krebs? Keine schlechte Sache, so eine tödliche Krankheit. Das würde meinen Abgang beschleunigen, alle freuten sich, mich Miesepeter los zu sein. Und ich selbst wäre der Zufriedenste, es geschafft zu haben, endlich tot zu sein. Ich gehe nie zum Arzt, auch wenn es sinnvoll wäre, weil ich lieber Schmerzen habe und eine ungewisse Zukunft. Das erscheint mir besser, als mich fremden Weisungen anzupassen.

# Keine Beziehungen!

Die minimale Verbindung zur Gesellschaft: Ich zahle Steuern (steht eingangs), das muss genügen. Ich wiederhole es wegen seiner Unbedingtheit. Dagegen kann man nichts machen, außer eindeutig in das Lager der Kriminellen umzuziehen. Damit kenne ich mich nun wieder nicht aus, und deswegen wird nichts draus. Zum Anarchisten tauge ich nicht, religiöser Fanatismus ist mir fremd, verrückt oder quer denke ich nie, das ist blöd. Mache ich Fehler, hilft mir der Anwalt. Ich kann das bezahlen. Auf eine Demo kriegt mich niemand, das hieße ja, mit anderen zusammen „dagegen“ mitlaufen. Zwischen allen Stühlen allein auf meiner Insel, das ist mein Ideal.

Eine Mehrheit der Deutschen befürwortet eine Impfpflicht, um gegen das Virus endlich Fortschritte zu machen, heißt es. Schwierig bis unmöglich umzusetzen? Ich glaube, es war Bodo Ramelow, der Ministerpräsident von Thüringen, der dazu sagte: „Wie wollen Sie jemanden impfen, der meint Covid gäbe es nicht und der Staat wolle ihn mit der Spritze vergiften?“ Die flächendeckende Meinung entwickelt sich zunehmend dahin, alle müssten begreifen, das Richtige zu tun. Dies ist gefährlicher zu denken, als Widerstand zuzulassen und hinzunehmen. Der allgemeine Mensch ist noch nicht erfunden worden. Davon, dass so getan wird als sei es einfach, normal und richtig, im Sinne des Ganzen zu denken, wird man das Gegenteil erreichen.

Europa erlebt starke Fliehkräfte. Der Brexit oder die polnische Sicht auf das System machen im Großen deutlich, was dem Einzelnen geschieht. Die Mitte der Gesellschaft verlassende Menschen seien egoistisch, heißt es von denen, die leicht begreifen, was nützt und gern dabei sind. Der Konsens ist ihr billiger Kompass. Eine Lösung dafür, alle im gleichen Sinn geschlossen voran gehen zu lassen, gibt es aber nicht. Der einzelne Gedanke eines jeden Individuums zählt. Die scheinbar irrationalen Abweichler des Kollektivs (der systemischen Bewegung) müssten integriert verstanden werden. Ausgrenzung stärkt die Aussätzigen. Man sieht, dass ganz verschiedene Gruppen sich zusammen tun, wenn das gemeinsame Ziel unscharf der Widerstand ist. Zorn ist weit mehr als die böse Gewalt, die endlich verschwinden müsste. Das ist unser persönlicher Antrieb und für einige das reinste Vergnügen, mit diesem Kraftstoff Gas zu geben.

🙂