Viele Menschen gestalten das eigene Dasein ansprechend, nutzen die Freiheit unserer zivilisierten Welt. Sie erringen einen grundsätzlichen Erfolg, den sie aus ihrem Leben gemacht haben, weil sie anwenden, was ihnen beigebracht wurde. Wer es nicht hinbekommt, normal zu leben, kreist um bekannte Fehler. So einer ist der Satellit der persönlichen, fixen Ideologie, zwanghaft in der Wiederholung von Stereotypen gefangen. Individualität ist gleichermaßen speziell, wie unter Umständen selbst schädlich. Einige stehen im Lauf der Welt geradezu angenagelt auf dem Fleck, den sie nur irgendwie erreichten. Sie treten auf der Stelle, als wären sie mit Koffern beladene Reisende am Bahnsteig, aber ohne den Zug zu nehmen.

Aussenseiter wirken unnötig blind, unfreiwillig komisch, sogar hässlich und beschränkt nur deswegen, weil es wie offensichtlich rüberkommt, dass diese Menschen sämtliche Perspektiven ignorieren. Kritische Freunde verstünden die spezielle Lage nicht, meinen diese Unglücklichen, wenn sie darauf angesprochen werden, warum sie eine Chance nicht wahrnehmen und stattdessen Frust zementieren. Vielleicht stimmt es, und umgekehrt macht es sowieso Sinn.

Wir urteilen gern nach dem Prinzip, Schuld zu beweisen. Wer nicht schuldfähig ist im Falle einer Tat gilt als krank. Was ist mit denen, die nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen, nicht diagnostisch erfasst werden und die selbst daran schuld seien, wie es heißt, am eigenen Unglück? Täter gegen sich selbst: Es scheinen Menschen zu sein, gegen jede Wand unterwegs, ohne eventuell offen stehende Türen zu erkennen, die ihnen neue Möglichkeiten der Entwicklung bieten könnten. Der Begriff der Schuld verblasst als kraftlos, bei dem Versuch zu beschreiben, wie jemand gegen die eigene Person handelt, die guten Wege nicht sieht. Jahre scheinen nutzlos zu verstreichen. Psychische Krankheiten werden diagnostiziert. Dieses Leben ist begleitetes Fahren mit Therapeut. Und nur einige lernen schließlich dazu, aus einem individuellen Grund, den sie endlich begreifen. Das sind wenige. Werden diese in der Regatta des Lebens tatsächlich noch einen führenden Platz ersegeln? Umgekehrt könnten andere, gesunde und erfolgreiche Menschen, deren persönlicher Erfolg nur einem zufälligerweise leichten Start geschuldet ist, erfahren, wie schwer es ist, ein Rennen siegreich zu beenden, bei dem am Ziel keine Medaille vergeben wird. Die Ersten werden die Letzten sein, heißt es. Die vernetzte, integrierte und erfolgreiche Masse verhält sich gern wie nebenbei, unabsichtlich ausgrenzend gegenüber anderen. „Das geht gar nicht“, werten sie manches Verhalten ab, und es fällt ihnen leicht, unter Ihresgleichen überheblich zu tun, ohne dass es den Freunden anstößig erscheint. Gut maskiert und besser dargestellt kommt es vermeintlicher Stärke gleich. Scheinbar selbstbewusst, drängen nicht wenige nach dem Motto, erst komme ich, und Hauptsache, es geht schnell. Sie werden langsamer, wenn später der Rollator ihr tägliches Fahrzeug geworden ist? Wir haben keine Möglichkeit unser Miteinander mit Egomanen, Dränglern und Provokateuren einfacher zu gestalten, indem wir notorische Windbeutel belehren. Die Freiheit zu zaudern, Risiken zu meiden und das Leben dadurch zu verpassen oder unverdient Macht zu missbrauchen mag uns gegeben sein. Wege zu suchen, ist die lohnende Alternative.

# Das ganze Leben ist Ausweichen

Abstand, wir müssen lernen, dass allumfassende Transparenz und Nähe zu anderen auf Grenzen stößt. Das Virus lehrt uns Distanz. Die Bürger möchten wissen, was Donald Trump verdient, aber ihr eigenes Privatleben nur kontrolliert und selektiv posten. Beim Nachbarn Mäuschen spielen, gefällt vielen trotzdem. Lebensentwürfe sind so: Trennwände setzen, selbst drumherum navigieren. Ein Irrgarten oder das Kabarett, je nachdem. Mit dem Kopf durch die Wand, sich dabei noch stark fühlen, und bei Schmerzen werfen wir was ein. Das ist moderne Zivilisation. Willenskraft, sich anzustrengen und Ziele zu erreichen, wird gelobt. Wir twittern erfolgreich, bis zum kompletten Selbstbeschiss. Wenige gehen manchen Idioten geschickt aus dem Weg. Die Masse schwimmt im Strom, ob nun mit der Welle oder gegenan. Erst durch Schaden wird man klug, lernt, dass es an der Kante vom Fahrwasser auch und möglicherweise eleganter ist, eigenen Wegen zu folgen.

Seit die Rede vom digitalen Missbrauch in aller Munde ist, wir den Begriff Fake News verwenden, verblüffende Deepfakes irritieren, steht unser Verständnis von Wahrheit auf dem Prüfstand wie nie zuvor. Bereits ein Schulkind wie Greta Thunberg mit Pappschild entdeckt, dass alle „des Kaisers neue Kleider“ spielen. Ehrgeizige Klimaziele werden ausgerufen, Friedensgipfel, aber es ist immer irgendwo Krieg, und das Klima schmiert weiter nahezu ungebremst ab. Irrational ist diese Hoffnung: „Wir werden alle sterben!“, ruft jemand in Panik, und dann entschärft Bond die Bombe rechtzeitig? Manche erwarten eine Zeit nach der Pandemie, in der alles wieder wie früher ist und Malle wie gewohnt ballert. Das wird so nicht wahr werden.

Vielen, um ihre Fehler kreisende Menschen, denen es nicht gelingt, aus ihrem Leben einen Erfolg zu machen, wird empfohlen, einfach wie die anderen, normalen Menschen zu sein. Ich denke, mit diesem Rat gefüttert, wird der Kreislauf wasserdicht und verewigt im Gegenteil noch das Problem. Der Begriff der Normalität ist ein armseliges Erklärungsprinzip. Normale wissen für gewöhnlich gar nicht, warum sie klarkommen (obwohl sie das behaupten). Dem Künstler beim Zeichnen kurz über die Schulter zu schauen, lehrt nicht sofort alles. Ich habe lange Zeit gelernt. Warum sollte es funktionieren, anderen zu sagen, man mache etwas einfach so? Wenn jemand einen Handwerksbetrieb übernimmt, sein Geschäft in der zweiten oder dritten Generation führt, werden ein paar Worte an den Gesellen kaum genügen, das Wunder der Existenz zu erklären. Genauso Ratgeber, Therapien – sie funktionieren bedingt. Der Eigenanteil des Lernens ist entscheidend, will jemand aus Schwierigkeiten raus kommen.

# Wir benötigen Zeit zu lernen

Tempo und Tipps gehen nicht selten am Individuum vorbei. Die jetzt Schlauen mögen die Dummen von morgen sein. Wir werden gelehrt, uns korrekt zu verhalten und das Vertrauen in Helfende wird vorausgesetzt. Allein klar zu kommen funktioniert durchaus anders. Das grundsätzliche Problem ist, dass die Umgebung unzuverlässig, quasi immer unehrlich ist. Kaschiertes Chaos ist das Drumherum. An den Scheidewegen des Lebens stünden keine Wegweiser, meint Chaplin dazu. Kein Gott nimmt uns so allumfassend an die Hand, wie derjenige, der uns das Geld aus der Tasche zieht, in unser Haus einbricht oder behauptet unser Freund zu sein. Unser Nächster, den wir aufgefordert sind zu lieben wie uns selbst, wird sich immer verhüllen und später anders rüberkommen als erwartet. Nur ausnahmsweise werden wir vom Leben und den anderen beschenkt, mit einem Lächeln, Anteilnahme und gelegentlich der allerliebsten Nähe oder selbstloser Hilfe in unserer Not. Im Alltag gehen die Menschen oft grußlos aneinander vorbei und verbergen die Motive ihres Weges. Zu lügen oder die Dinge besser darzustellen, wie in der Werbung, ist auch anderswo möglich und Menschen tun, was ihnen möglich ist. Die Welt ist nicht erst seit kurzem den Fake News ausgesetzt. Die Wahrheit, was immer das sei, darzustellen, anstelle sie exakt wiederzugeben, ist normal. Es entspricht der gesellschaftlich akzeptierten Maske, positiv zu wirken. Vom Lügen sprechen wir erst, wenn zum eigenen Vorteil und Schaden des Rezipienten berichtet wird. Aber wer erkennt diese Grenze, ab der das Maß zu übertreiben oder Dinge wegzulassen voll ist? Selektive Darstellung steht uns frei, außerdem ist niemand allwissend. Wir erwarten Aufklärung vom Falschen, weil wir annehmen, gerade dieser wüsste das Detail, das uns noch fehlt. Der Mensch beschuldigt seinen Freund und folgt lieber dem Dieb. Wir vertrauen demjenigen, der uns kaltlächelnd betrügt. In der Summe kommt fortwährend Desinformation dabei heraus, wenn der Mensch darauf angewiesen ist, seine Umgebung in gegenseitiger Kommunikation zu begreifen. Und das sind wir.

Wann stellen andere die Dinge nicht zu ihrem Besten dar? Das ist eine fließende Grenze, ab der manche das Gefühl beschleicht, betrogen worden zu sein oder gerade noch hinnehmen, eine gute Werbung etwas herunterzurechnen, um in der Realität zu bleiben, sich nicht unnötigerweise zu ärgern. Nur wer sich darüber im Klaren ist, die Angst vor einer Reklamation bremse ihn zornig zu werden, kann die Entscheidung selbst treffen, angemessen zu reagieren. Die anderen rasten zwanghaft, neurotisch aus oder kneifen jedes Mal, wenn sie begreifen, dass sie übervorteilt wurden. Aber ein wenig betrogen werden wir bei allem, was uns widerfährt. Unsere Erwartungen werden immer anders sein, als das Ergebnis ausfällt. Manche finden ein Haar in jeder Suppe. Das Geschick besteht in der individuellen Wahlfreiheit, Emotionen still auszuleben, laut oder maßvoll.

# Wir schaffen den Rahmen künstlich

Gerade ist Olympia. Doping im Sport ist mehr als eine Regelverletzung. Es geschieht dennoch. Sollten bessere Läufer generell bestraft werden, für ihre Leistung, die dann etwas runtergerechnet  würde, wie manche Politiker höhere Steuern für Reiche vordern? Eine absurde Idee. Im Sport möchten wir, dass die Bessere gewinne. Aber kaum, dass eine herausragende Leistung beobachtet wird, taucht der Verdacht der Manipulation auf. Dem geht schon ein kompliziertes Reglement voraus, nachdem trainiert und speziell ernährt die Athleten antreten. Du kannst nicht saufen und Burger fressen, so viel ist klar. Ab wo die Vorbereitung ein strafbares Doping ist, steht in der Regieanweisung für fairen Sport. Man probiert, gleiche Bedingungen herzustellen. Männer treten nicht gegen Frauen an im Sport. Aber es gibt Mädchen, die biologisch den Männern nahe sind, schon als Jugendliche davonrasen und sich nun Hoffnungen machen, auf eine Karriere im Laufen? Bittere Enttäuschungen laufen parallel zu diesen Siegen mit. Irgendwann kommt das Begreifen, dass Äpfel und Birnen im Regal nur Sinn machen, wenn die Früchte, also die Natur selbst, sich an die Regeln hält. Begeistert ändern Retter die Welt m/w/d und fordern uns auf, niemanden auszugrenzen. Immer wieder müssen wir lernen, dass soziale Geländer in Dicke, Länge und Griffhöhe noch an der Vielfalt der Angreifenden gemessen werden. Der Mensch schafft sich künstliche Stabilität in einer unübersichtlichen Welt. Brücken müssen auf ihre Haltbarkeit geprüft werden. Das gilt auch für die Luftbrücken kreativer Selbstverblendung.

Als Wohlstandskranke plagt uns, dass die gewohnte Stabilität gefährdet sein könnte. Andere sind neidisch auf die Fata Morgana des Glücks, also nicht darauf, dass jemand mehr Geld hat. Die zivilisierte Welt ist wachstumsorientiert. Da muss wohl auch das Glück im Laufe des Lebens anwachsen? Tatsächlich kommt dieser Idee die Mühsal des Alters in die Quere. Wir können das Leben medizinisch verlängern und zahlreiche Krankheiten werden scheinbar effizient behandelt, dass alle älter werden als früher. Damit wurde zugleich das Problem geschaffen, eine Illusion gefährlich glaubwürdig zu machen. Sie besteht in der Idee, etwas ganz Tolles komme noch.

Ich kann ein Zitat von Edward Hopper nicht wiederfinden und deswegen nicht belegen, woher es stammt: „Depressiv? Wird man das nicht im Alter?“, er sei „nicht stolz darauf“, bekundet der Maler an einer Stelle. Hopper wurde immer mit der Frage nach Einsamkeit konfrontiert, wenn Betrachter ihn auf seine Motive angesprochen haben. Nun ist dieser Künstler sehr produktiv gewesen, und Deprimierte sitzen normalerweise tatenlos herum und jammern. Ein Arzt verschreibt etwas, damit es dem Kranken wieder gut wie früher ginge. Wir sollten annehmen, dass die Kunst malen zu können auch nützt? Aber viele Kreative kennen den Verlust eines ganzen Lebensabschnitts an das Nichtschaffen während einer lethargischen Episode. Ich habe etwa gelesen, dass Miles Davis pausierte und seinen Ansatz verlor, erst wieder Trompete üben musste. Als Maler sind wir gewohnt, hinter die Fassaden zu schauen. Wir stellen im Bild selbst potemkinsche Dörfer auf und müssen deswegen deren Statik kennen. Damit sind wir den Normalen einen Schritt voraus, können als Explorer aber auch vor ihnen in das Unbekannte abstürzen. Wir müssen lernen; andere kommen durch mit dem, was man ihnen beibrachte? Mein Onkel stellte es andersherum dar. Wollte er sich und seine Leistung aufwerten oder mich ermahnen, nicht auf das Glück zu vertrauen, alles gelinge nach der Schule von selbst? Er sagte: „Du hast ja Talent. Wir anderen müssen arbeiten.“ Ich glaube, dass sich hier niemand erfolgreich verpisst und jeder sein Päckchen trägt, das irgendwann merkt. Für einige sind die letzten Wochen im Angesicht ihres unabwendbaren Todes die bittere Zeit, in der sie das erste Mal resümieren, wer sie sind und was hätte sein können. Ganz schön spät, denke ich, um aufzuwachen.

# Die nur eingebildete Gesundheit der Normalen

Alle sind verrückt und die Kranken sind gesund, so ist es nicht. Doch viele machen sich was vor. Ihr dickes Ende kommt, wenn es keine Geschenke gibt, für ein Rennen, dass manche gar nicht mit ihnen in Konkurrenz gelaufen sind. Du kannst nie gegen dich selbst gewinnen (oder den Krebs besiegen als ein Gewächs im eigenen Leib), auch wenn ein Arzt es behauptet. Menschen lassen sich geradezu ausschlachten und reparieren wie das eigene Auto. Sie werden sich noch gegenseitig aufessen, wenn die gewohnte Nahrungskette der Welt einmal endgültig zusammenbricht. Der Mensch selbst benimmt sich als ein Krebs dieses Planeten, und einjeder von uns stiftet seinen Nachbarn dazu an, greift sich selbst ein Stück der Welt. Schicksal? Die Aufgabe, sich dem Leben und dem Wissen zu sterben (irgendwann), zu stellen, nimmt einem keiner ab. Eine Impfung gegen den Frust, alt zu sein, ist bislang nicht im Angebot. Wie das wohl wäre, mit den bekannten Ratschlägen: „Nimm besser Moderna oder Biontech, aber nicht Astrazeneca“, und sollten schon Kinder es bekommen: das Medikament, das uns blendet, Kummer niemals wahrzunehmen?

# Das Wundermittel

Es gibt ewige Sicherheit, bedeutet gerechte Gesundheit und Sicherheit und Frieden für alle auf Rezept, beinhaltet aber, den Bürger gesetzlich verpflichtend, das Geschenk der Medizin auch anzunehmen? Man stelle sich diese Debatte vor. Die aktuelle Situation regt mich an, weiter zu denken. Der omnipräsente Krampf, sichere Verhältnisse zu kreieren, ist mehr als Wahlwerbung. Es ist die Tüte über dem Kopf, die Hände vor die Augen zu halten, den Kopf in den Sand zu stecken für alle. Eine Impfung der Bevölkerung gegen das neue Virus macht deutlich wie nie, dass unsere Leben endlich sind und wir, im selben Boot sitzend, stets dem grundsätzlichen Gegner Krankheit und Tod gegenüberstehen. Das ist zunächst einmal hinzunehmen. Und die individuelle Antwort darauf, wie damit umzugehen sei, kann bei kollektivem Druck auf die Gesellschaft nur zu Widerstand führen mit den bekannten Ausreißerqualitäten, die Menschen immer entwickeln.

Menschen haben noch Angst. Das ist tatsächlich der Rest vom natürlichen Verhalten, der uns geblieben ist. Dagegen gibt es jede Menge Medikamente, Geld scheint auch zu helfen, aber einige haben weder das, noch Medizin.

🙁