Es sind diese kleinen Geschichten, aus denen anschließend Bilder werden. „Ästhetische-Design-Repertoires“ war die Bezeichnung eines Studienbereichs; ich erinnere mich, dass ich die Formulierung damals (an der Armgartstraße) nicht ganz verstanden habe. Das sollte wohl heißen, hier lernt ihr die verschiedene Ausdrucksformen kennen, eure Ideen zu gestalten. Seitdem Menschen miteinander kommunizieren, werden immer wieder neue Mittel dafür etabliert.

Dies ist so eine Geschichte, und ich schreibe sie kurz hin. Das ist ja auch ein Bild. Es entsteht im Kopf, wenn wir einen Text lesen. Vor einigen Tagen bin ich am Yachthafen unterwegs. Mein Persenning ist undicht, und ich habe mit einem Segelmacher vereinbart, dass es professionell imprägniert wird. Einige Erläuterungen sind nötig? Mein Boot ist nicht besonders groß. Das Persenning ist wie ein Zelt darüber gespannt, wenn meine Jolle im Hafen liegt oder vor Anker.

Seit meinem Realschulabschluss 1981 in Wedel, der folgenden Zeit, in der ich das Abitur machte und den Monaten bei der Bundeswehr, die der Fachhochschule voraus gingen und noch viele an das Studium anschließende Jahre, haben wir am Wochenende auf der Elbe gesegelt. Die meisten Sommerurlaube segelten wir in der Ostsee, besuchten Dänemark mit dem eigenen Boot. Wir umrundeten mehrfach die große Insel Fünen, segelten um Seeland herum, genossen einen oder zwei Tage in der sehenswerten Hauptstadt. Wir bummelten durch den Tivoli, während das Boot in der abenteuerlichen Umgebung vom Christianshavn festgemacht lag.

Mit der Elb-H-Jolle unterwegs. Nur unter Segeln sind wir immer klar gekommen, wir paddelten oder ruderten, wenn der Wind uns im Stich gelassen hatte, fanden einen „Schlepp“ durch den Nord-Ostsee-Kanal. Dann wohnten wir wochenlang auf engstem Raum. Wir kochten an Bord. Wir schliefen jede Nacht auf dem kleinen Schiff. Bald bewegten wir uns so gelenkig und selbstverständlich darauf, jeden Tag an der frischen Luft, dass uns normales Wohnen, nachdem wir wieder im Yachthafen in Wedel angekommen waren, unbegreiflich schien.

Morgens wurde das Persenning zusammengerollt und im Vorschiff verstaut. Anschließend steht dem trainierten Segler sein Sportgerät zur Verfügung. Das ist auch heute noch der Fall (nur dass wir weniger trainiert sind). Gelegentliche Ausflüge am Wochenende genügen. Dass ich eine Regatta mitgesegelt bin, liegt Jahre zurück. Die Perspektiven, Zeit zu gestalten, sind anders geworden.

Viele Segler haben mit den Jahren immer größere Schiffe gekauft. Dort spielen Persenninge nur eine untergeordnete Rolle. Ein zünftiger Skipper von heute segelt ein Boot, das an Komfort nichts zu wünschen übrig lässt. Es hat eine Kajüte.

Bei meinen Eltern war das genauso. Sie haben sich beim Segeln kennengelernt. Als mein Vater mit meiner Mutter zusammen kam, war die Jolle zunächst optimal. Damit passten sie perfekt in die damalige Szene. Mit dem schönen kleinen Schiff aus Mahagoni konnten Regatten, Wochenend-Touren und längere Reisen im Sommer gesegelt werden. Man benötigte keinen Motor oder elektrischen Strom und das Schlafen unter dem Persenning gefiel: „Globetrotter“ – alle Boote, die wir hatten, trugen diesen Namen. Für meinen Vater war die Möglichkeit, mit einer knapp sechs Meter langen Jolle bis Kopenhagen zu segeln oder (gefährlich nahe der Zonengrenze) bis Lauenburg, nachdem sie die ungewohnte Richtung elbaufwärts eingeschlagen hatten, das allerfeinste und größte Weltenbummeln.

Das wollte ich auch erleben! 1986 gelang es mir, unser altes Boot zurück zu kaufen. Nachdem ich nicht bei „Peter Panter“ bleiben wollte, probierte ich eine Saison lang „Antares“ aus – musste schließlich entnervt wieder „Globetrotter“ auf die Außenhaut schreiben. Wie kam das?

In jedem Hafen, den wir ansteuerten lag mindestens ein „Antares“ – oftmals irgend ein schäbiges, blaues Motorboot aus beuligem Plastik – trug den vermeintlich wohlklingenden Namen meines funkelnden Sterns! Weitere Freunde, etwa Thomas oder Peter, haben die Boote ihrer Eltern zu ihren gemacht. Peter kam gar nicht auf die Idee, den Bootsnamen seiner „Herz Jung“ zu ändern, den der (legendäre) Vater ausgesucht hatte. Piet übernahm die Jolle einfach, wie sie war. Mein Freund. Unser erster gemeinsamer Sommerurlaub mit zwei Booten nach Dänemark: „Da ist wieder eins, Johnny“, sagte er und zeigte uns den Kahn gleich, noch bevor wir überhaupt angelegt hatten, während wir in schöner Fahrt paarweise mit unseren Jollen dicht an dicht, kühn in eine dänische Molenöffnung schossen,

„Antares.“

Für mich gab es nie einen Grund, ein größeres Boot zu kaufen. So sind meine Tätigkeiten auch heute die vertrauten geblieben. Das Schleifen und Lackieren im Winter und der Umgang mit dem Boot ohne Motor und wenig Komfort sind mir bekannt und angemessen zu dem wer ich bin und sein möchte! Es regnet rein, Mist. Aber ein bekanntes Problem, das irgendwann auftritt. Das Persenning kann man auf einem Rasen mit der Imprägnierung einpinseln oder direkt an Bord? Ich habe darauf keine Lust.

Der Segelmacher soll es bekommen und hat die passenden Mittel, den Platz für eine wenig angenehme Arbeit. Man kann mit dem Auto hinfahren. Dafür tausche ich es einfach gegen ein älteres, hole es aus der Segelkammer am Hafen, baue um. Es ist ein schöner Morgen, windstill. Die Sonne scheint. Kaum Betrieb, ein anderer mit einem kleinen Motorboot fährt gerade los. Wir kennen uns, reden etwas, dann tuckert er davon.

Unter dem Rumpf meiner Jolle sind Fischbändsel gespannt. Die werfe ich alle los und rolle den Stoff zu einem kleinen Paket. Das lege ich auf den Schlengel, muss die Plane noch gegen meine andere tauschen. Ich werfe das alte Persenning über Gaffel und Baum, binde es an den Wanten, am Steven fest, rolle die Stoffwurst nach achtern. Ich führe die Fischbändsel unter dem Boot herum und hake sie in die Kauschen. Schließlich ziehe ich den Zipfel über die im Hafen achtern überstehende Gaffel und winde mich aus meiner Höhle, verschließe letzte Knöpfe, fertig.

Das Persenning ist nicht schwer, man kann es wie eine große Reisetasche auf der Schulter transportieren. Ich habe mir keine Karre aus dem Unterstand genommen und bin nun wieder auf dem Weg zum Auto. Der Yachthafen ist recht groß. Da gibt es einen langen Fuß- oder Hauptschlengel, von dem die einzelnen Abteilungen der verschieden großen Boote abzweigen. Motorboote in der Regel getrennt von Seglern, kleine Jollen liegen zusammen und große Yachten in ihren Boxen dort, wo sie ihren speziellen Platz haben.

Mit der beginnenden Saison kam die Corona-Krise. Es fanden sich nur wenige Schiffe im Hafen ein. Ihre Eigner hatten es noch rechtzeitig vor dem Lockdown geschafft, sie aus dem Winterlager zu holen und ins Wasser zu lassen. Wir waren mit nur drei oder vier Booten die einzigen am Jollenschlengel, und gegenüber lagen einige Yachten hier und da. Dann war wochenlang kein Slippen und Kranen möglich, und ich ging oft ganz allein zu meinem einsamen „Globetrotter“, über ungewohnt leere Stege. Ich traf niemanden in der großen Anlage, wenn ich nach dem Rechten schauen wollte. Ich dachte an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Auch damals haben wir uns gefragt, was eine unsichtbare Gefahr ist.

Grenzen können geschlossen werden, Häfen – aber wenn der Mensch aufhört zu atmen, ist er tot. Um ein Boot zu Kranen oder den Mast zu stellen, hätte es einiger Leute bedurft, besonders bei einem größeren Schiff. Geselliges Beisammensein im Cockpit? Das war nicht gewollt. Wir hatten etwa eine halbe Stunde, uns im Hafengelände aufzuhalten. Eine „Leinenkontrolle“ war dem Eigner erlaubt, komplexe Arbeiten am Boot, zu segeln oder über Nacht an Bord zu schlafen, nicht. Wasser aus der Bilge ösen, das macht man regelmäßig. Die Polizei stand mit einem Fahrzeug am Beginn vom Gelände. Der kuriose Aspekt, dass es Hamburgern untersagt war, zu ihren Yachten zu fahren, weil der Hamburger Yachthafen in Wedel ist und das in Schleswig-Holstein liegt, amüsierte. Ein Pförtner kontrollierte die Autofahrer, fragte nach dem Grund, warum man kam: Hafen geschlossen!

Gegenüber von meinem Boot an einem anderen schwimmenden Steg (Schlengel) hat eine größere Yacht ihren Liegeplatz. „Reder an Avel“ steht am Heck, und seit einigen Jahren frage ich mich, was es heißt. Der eigene Bootsname, wie kommt man dazu? Ich habe den Moment genutzt, den Skipper angesprochen. Anfangs waren Abstandsregeln oder Mundschutz kaum von Bedeutung, und überall auf den wenigen Schiffen freuten wir uns auf die Saison. Wir rechneten nicht damit, dass eine Zwangspause so massiv unseren Sport betreffen könnte, wie es dann geschehen ist. Es sei bretonisch, sagte mir der Besitzer der Yacht, bedeute „Läufer über dem Winde“, wer hätte das gedacht?

Inzwischen sind schon viele Schiffe aus den Bootshallen wieder im Hafen angekommen. Das Leben kehrt zurück, auch an der Elbe. Corona verliert gegen die aktuelle Realität. Wir sind mehrheitlich gesund. Befürchtungen der Virologen, die Pandemie könne schnell wieder zurück kommen: Die zweite Welle?

Das ist unsere Bugwelle, die munter plätschert, wenn wir segeln gehen!

Als ich nun mit dem Persenn auf der Schulter an der kleinen, schwimmende Tankstelle vorbei komme, macht dort gerade jemand sein Boot fest. Ich denke wieder an die besonderen Namen von Schiffen, denn hier wird sichtbar, wie individuell unser Hobby ist. Dies ist kein typisches Serienschiff das anlegt, und wie es genannt wird, das passt irgendwie.

Ich versuche zu beschreiben.

Der ältere Mann ist ganz allein auf seinem Boot, und auch ein Tankwart ist nicht sichtbar. Man wird anrufen müssen, im Laden hinten am Deich, damit jemand kommt. Es ist fast windstill, hohe Bäume verschatten die morgendliche Sonne, und ein erfahrener Segler schafft es leicht anzulegen und Leinen anzubringen. Ein bereits zu Ende gehendes Manöver. Unspektakulär belegt der Besitzer noch eine weitere Leine auf der Klampe, außen am Rand vom Cockpit und führt sie behutsam durch die Lippe; das ist ein kleiner Durchlass dafür, in der Scheuerleiste, die den Rumpf gegen das Deck abschließt. Ich muss nicht freundlicherweise helfen?

Ich schaue nur zu: Das Schiff ist weniger groß als heute üblich, hat aber eine Kajüte, eine eingebaute Maschine und muss regelmäßig Treibstoff nehmen. Das Boot sieht nach einem älteren Eigenbau aus. Man wollte offenbar weniger die Regatten gewinnen, sondern mit eigenen Mitteln ein komfortables Wochenend-Hobby pflegen. So etwas ist selten geworden.

Das Schiff sieht sehr gepflegt aus, und der Besitzer wirkt kultiviert und geschickt. Nur die eckigen Formen und Aufbauten an Deck, mit einer hoch aufstrebenden, kastigen Kajüte mit großen Fensterscheiben, sind eigenwillig. Wir sind heutzutage gegossenes Plastik gewöhnt, stromlinienförmig. Eine schnittige Bemalung ist ein Muss. Eine Nummer steht in einem Pfeil oder einer Linie am Rumpf, die wie beim Auto den Typ und seine Größe angibt. Dann kann man sagen: „Ich habe eine Soundso-36“, und alle wissen Bescheid.

Dieses Boot ist anders. Man muss an ein kleines Häuschen mit Gartengrundstück denken, das mit den Jahren hier und da erweitert wurde. Ein recht individuell verbautes Segelfahrzeug – vorsichtig formuliert – und entsprechend amüsant empfindet der Betrachter den Bootsnamen, der in goldenen Klebebuchstaben das Heck ziert:

„Getüm“.

Ein Wortspiel kommt mir in den Sinn, Künstler denken anders, und so spreche ich den Mann einfach an: „Ich muss gerade an Gerd Vohwinkel denken“, beginne ich, und weil der Skipper und ich einander fremd sind, schaut der ob dieser Einleitung überrascht. „Der hat seinerzeit für die Old-Merry-Tale ein Stück komponiert“, fahre ich unbeirrt fort: „Wirsche Klänge.“

Ich begreife, dass ich’s noch erklären muss. Der Mann schaut mich inzwischen einigermaßen verwirrt an. Ich schiebe also schnell nach: „Ihr Bootsname, deswegen komme ich drauf“, sage ich. Ich erkläre ihm, der Musiker hätte gesagt, jedesmal bevor sie dieses Stück spielten, wenn es das Wort unwirsch gäbe, müsse es doch auch „wirsch“ geben; eine ganz zarte, feine Musik solle nun erklingen –

Nun lacht der Mann, und beruhigt erkenne ich, dass ich’s mir erlauben konnte, so anzufangen. „Das Schiff ist ja alt“, sagt er fröhlich, „mein Sohn war noch klein, so kam es zu dem Namen …“

🙂