„Jeder kennt dich.“ Zwei „ältere Damen“ am Nachbartisch laden mich ein, mich doch zu ihnen dazu zu setzen. „Ich bin Ute, das ist Bärbel“, wir sind gleich per du, und sie rauchen. „Jeder kennt dich, John“, und ob ich noch von Appen treffe?

Was heißt das eigentlich, jeder? Ist das ganz Schenefeld, Hamburg, auch noch Wedel, Fehmarn und Backnang? Niemand weiß, wer jeder ist. Jeder kennt Donald Trump. Es dürfte schwierig sein, denjenigen zu finden, der den amerikanischen Präsidenten nicht kennt. Und: Die graue Maus, niemand kennt sie, ich kann es mir vorstellen.

Zwischen der Bekanntheit von so einem verhärmten Wesen, unattraktiv, es arbeitet angestellt im gesichtslosen Job, wohnt im Hochhaus nahezu anonym und dem Trump aus dem Fernsehen, liegt die Spanne dessen, was „jeder“ bedeuten kann. Das weiß niemand, wie viele es sind. Die digitalen Freunde bei Social-Media geben nur ungefähr ein Bild. Es gibt Fake. Ich selbst bin in keinem Profil. Ich verwende kein Handy. Einige E-Mail-Bekanntschaften habe ich und das Wissen um alte Freunde und Bekannte. Einige grüßen auf der Straße; ich habe kaum Anhaltspunkte, wie viele „jeder“ es in meinem Fall sind. Die Webseite? Ich stelle nicht aus. Es gibt keine Resonanz. Ob niemand den Blog liest oder jeder, ist nicht wichtig. Mir ist die Situation ganz recht, warum?

Ich hatte ein Problem damit, ob ich gemocht würde. Ich habe nach einer Lösung gesucht und eine gefunden. Ich nenne es „das Spiel“.

Das Spiel, das hat eine Vorgeschichte. Meine Eltern spielten Karten, trafen sich regelmäßig mit Freunden. Anfangs wurde Skat gespielt, dann gab es Streit, und mit anderen spielten meine Eltern dann Rommé oder ähnliches, weniger kluges Kartenspiel. Man musste laut „ich“ rufen, und es wurde gelacht. Hornblower, der Kapitän aus den Romanen von Forester, spielte Whist. Das ist anspruchsvoll. Ich selbst spiele gar nicht Karten. Mit „Mensch ärgere dich nicht!“ ging es noch, und „Risiko“ bei der Bundeswehr; natürlich haben wir Monopoly gespielt und Stadt-Land-Fluss, aber Kartenspiel? Ich kann es nicht, mag es nicht. Ich habe dem sozialen Druck, der z.B. beim Skat aufkommt, nie stand gehalten.

Risiko? Im Laufe der 15 Monate in Seeth wurde jeder, der nicht ganz bescheuert war, schließlich Obergefreiter. Das ist auch mir gelungen. Ich war 19 Jahre alt und nicht wirklich erwachsen. (Ich kann das heute begreifen). Nach dem Ende vom Wehrdienst, war ich Reservist. Ein- oder zwei Übungen habe ich so mitgemacht, meinen großen Sack mit den Klamotten im Keller gehabt, dann war irgendwann Schluss, man gab das ab.

Gerlach (Name geändert) war Leutnant und hatte Abitur. Wir normalen Soldaten hatten auch größtenteils eines, ich zumindest ein Fachabitur. Gerlach spielte mit Begeisterung „Risiko“ – das ist Krieg, und wir waren ja deswegen beim Staat. Wenn wir also nicht durch die Stapelholmer Wiesen robbten, mussten wir uns angemessen weiterbilden. In der gedruckten Spielanleitung hieß es, die Aufgabe bestünde darin, mit der eigenen Armee andere Länder zu befreien. Gewonnen hat aber derjenige, der einen Kontinent an sich binden kann. Es ist also Angriff zum Machtgewinn, bis niemand mehr übrig bleibt, weil du die Welt dominierst. Angreifen befreit nur den, der es selbst tut: vom Gefühl machtlos zu sein und zu verlieren. Wir hatten die Regeln insofern modifiziert, dass wir eine Handvoll neuer Armeen per Luftweg einsetzen konnten. Nicht nur das angrenzende Terrain befreiten wir, wie vorgeschrieben. Wir konnten Australien befreien, auch wenn das ganz woanders liegt. Asien an sich zu binden, war stets erfolgsversprechend. (Europa war nie zu halten). Zuhause kreierte ich eine liebevoll lackierte Sperrholz-Weltkarte mit farbigen Ländern selbst – aber damit machte es nie so viel Spaß zu spielen, wie beim Bund.

Ich gestaltete auch eigene Kreuzworträtsel und suchte Freunde, die sie lösen sollten. Ein Kreuzworträtsel selbst machen, wenn es ganz aufgehen soll wie in der Zeitung, ist schwierig. Die Zeitschriften fertigen ihre Rätsel mittels Computer an. Da wird nur das Programm gepflegt, damit nicht immer dieselben Begriffe abgefragt werden.

Im Studium war es Hans Klie, ein Professor für Kommunikationsdesign, bei dem ich ein Semester lang ein Spiel entwickelte. Das war in meinem Fall so ein rotes Segeltuchsäckchen mit kleinen Chips darin, das waren Signalflaggen aus der Schifffahrt. Als ich schon verheiratet war und mein Sohn noch klein, dachte ich mir ein großes Brettspiel aus. Das reingezeichnete Spielbild wurde nie ganz fertig, aber mit dem Prototyp, der auch eine Reihe kleiner Memory-Karten enthielt, spielten wir.

Ein großes Bild zu malen, ist auch ein Spiel selber machen. Für den Betrachter muss es möglich sein, jede Stelle auf dem Gemälde so lang anzuschauen, wie er das möchte. Das ist die Grundregel der Komposition. In einem schlechten Bild wird derjenige, der es anschaut, getrieben. In einem guten nicht. Ein schlechtes Bild hat den Fehler einer Schallplatte mit Kratzer. Man weiß schon vorher, gleich kommt der.

Als ich mit der Realschule fertig war, fand ich die neuen Freunde beim Segeln auf der Elbe, und die sind es bis heute geblieben. Eine starke Gemeinschaft, geprägt durch die jährlichen Regatten und die wiederkehrenden Begegnungen bei Touren am Wochenende. Das ist heute anders, der Verbund besteht dennoch. Das kommt schon von unseren Eltern, die nach dem Krieg das Segeln auf der Elbe begannen. Ich kenne wirklich viele Leute. Als ich mit der H-Jolle anfing, also unsere alte Jolle wieder kaufte, die mein Vater 1955 neu hatte bauen lassen, fingen gute Jahre an. Das Regatta-Segeln ist das Spiel, das mir am besten liegt. Ich mag auch auf Tour segeln, und im Sommer waren wir wochenlang unterwegs. Das hat heute nachgelassen, aber es bleibt die Basis meines ich. Zum Anfang der H-Jollen-Zeit hatte ich einen Freund, und der ist gestorben. Es heißt, er habe sich umgebracht; genau weiß ich es nicht. Er wurde zum Leitbild meiner Idee, das eingangs betitelte „Spiel“ zu gestalten.

Bevor ich selbst ein eigenes Boot segelte, waren meine Freunde die Schulfreunde. Damals gehörte es dazu, einen kapitalen Schulstreich zu entwickeln. Unser größtes Projekt war vielleicht, dass wir die Tonanlage für den Gong manipulierten. Das andere war die Gemeinheit, ein Mädchen mit fingierten Liebesbriefen zu schikanieren. Das war insofern doppelt blöd, weil ich dieses Mädchen mochte und also gleich selbst mit beschissen wurde. Wir hatten CB-Funk. Beston. Das waren so Geräte, etwa in der Größe einer Kaffeeverpackung, wenn sie noch vakuumhart ist. Oben wurde eine Antenne ausgefahren, die war wohl einen Meter lang. Wir hatten drei Kanäle, zwischen denen wir wechseln konnten. Wir waren auf Fahrrädern unterwegs, und heute – man kann sich das vorstellen, wo alle whatsapp oder vergleichbare Gruppen bilden. Damals war das modernes mobben, wer hatte denn Funk? Ich habe es mir nicht ausgedacht. Mir fehlt die kriminelle Energie noch immer. Ich kann mich wehren, heute. Mobbing? Das üben Schulkinder, und später ist es das Durchsetzungsvermögen des erfolgreichen Erwachsenen. Legale Gewalt, keine Karriere gibt es ohne diese Fähigkeit.

Nun versuche ich die beiden Geschichten, den verstorbenen Segelfreund, diese Funk-Verarsche und mein eigenes Leben zu skizzieren: Mein Freund war schizophren erkrankt, und zwar weniger schubweise, sondern dauerhaft. Ich fasse mich kurz. Die schizophrene Erkrankung hat viele Gesichter, aber eine grundsätzliche Unterscheidbarkeit. Es gibt Menschen, die werden unter einer besonderen traumatischen Belastung in ihrem Leben eventuell nur ein einziges Mal psychotisch krank. Dann nicht mehr. Eine Schwangerschaftsdepression kann sich so entwickeln. Ein Drogenrausch kann psychotische Formen annehmen. Bei derart singulärem Realitätsverlust, wird man kaum als schizophren diagnostiziert. Das kann als einmaliger Liebeswahn daherkommen, und gut ist. Eine zeitlang Medikamente nehmen, ein wenig Therapie machen, und die Hasch-Psychose wird später gern erzählt. Man kann sich an alles erinnern.

Bitter ist, wenn sich das Krankheitsbild verfestigt. Der Betroffene erkrankt schubweise immer wieder heftig psychotisch. So etwas spricht sich rum, und dann macht keiner mehr Witze darüber. Furcht bestimmt alle, die damit zu tun haben, schade. Wen es so trifft, heftige Schübe im Abstand von ein oder zwei Jahren, dazwischen normalgesund, was immer das heißt, hat es noch gut.

Schlimmer dran sind diejenigen, die den Ausgang aus ihrem Wahn mit dem ersten Abgleiten aus der Realität nie mehr finden. Die sind dann immer leicht bescheuert. Sie haben ihre Schübe nicht heftig, ein Arzt begleitet sie therapeutisch und verschreibt ein Medikament, das nicht hilft.

John Bassiner, der Schenefelder Künstler, den jeder kennt, ich bin krank? Einige Anhaltspunkte: „Das können Sie (Bassiner) nicht bekommen.“ Wer es in heftigen Schüben hätte, würde anschließend immer wieder normal, meinte der Arzt damals. Da war mein Freund bereits tot. Während der Zeit wenige Jahre vorher, als ich mit ihm segelte, begriffen wir gar nicht recht, dass er krank war. Der war ja einige Jahre älter. Er hatte für sich und eine Bekannte, die selbst ein kleines Boot hat, zwei Karten für den „Hamlet“ (die England-Fähre) gekauft, für einen gemeinsamen Kurzurlaub – aber sie wusste gar nicht davon. Und dass er sich in sie verliebt hatte, wusste sie auch nicht. Was sie ihm wohl darauf geantwortet hat?

Als ich selbst dann einige Jahre später nach Chicago flog und mit (Name geändert) etwa zehn Tage verbrachte, wurde klar, dass da nichts mit Liebe ist. Anschließend zuhause, machte ich die bekannten Doofheiten, die einer psychotisch so macht. Ein Schock, das erste Mal, und danach passierte das häufiger. Immerhin kam ich stets wieder auf die Füße. Heute? Es geht mir gut! Ich habe alle Gefühle, die kannte ich gar nicht. Malen hilft – „Gurken und Rosen“, ich bin fertig, nach gut einem Jahr. Es gefällt mir, und das genügt. Ungeziefer im Gebirge: Wespen; ich erkläre es nicht.

Eine Segler-Krankheit? Neben mir und dem Verstorbenen kenne ich noch einen, der es hat. Ich kenne auch viele aus meinen Klinikaufenthalten und fühle mich verpflichtet, etwas für psychisch Kranke zu tun. Weil ich mein Leben im Griff habe. Weil der Arzt und die Gesellschaft dem einzelnen nicht helfen. Sie helfen in der Not, sie helfen der Gesellschaft, dass die Sicherheit gewährleistet ist. Wir können nicht zusammenhalten wie z.B. die Homosexuellen oder die Ausländer, weil wir das nicht können. Eine psychische Krankheit trägt das asoziale, nicht zusammenhalten Können grundsätzlich in sich, als das prägende Element ihrer Störung – sonst wär’ man ja nicht krank. Gesunde Freunde finden, kann gelingen. Sie dauerhaft behalten, eine Frau finden, verheiratet sein und es bleiben, ich habe das gelernt. Nicht so leicht!

Die Gesellschaft im Ganzen grenzt alles aus, was anders ist. Wenn du eine Angriffsfläche dafür bietest. Schwule, Ausländer, Alte, Kranke, Reiche. Reich sein heißt, man wirft es dir vor. Arm sein? Du wirst benachteiligt. Schön sein? Man wirft dir vor, dass dein Leben zu leicht sei usw. Verstecken geht nicht wirklich. Sich selbst offen zu präsentieren, bedeutet den Mut zu haben, auch zur Zielscheibe zu werden. Sie stellen dir eine Falle, du bist allein und bescheuert; das denken sie. Ein spaßiges Spiel.

„Come To The Cabaret“ – das Spiel ist nicht neu. Jeder spielt mit, jeder kennt es. Eine Beschreibung, keine Aufforderung oder Anleitung: Insofern ist „das Spiel“ meine Lösung des Problems. Es ist alternativlos. Die Alternativen wären, dauerhaft zugedröhnt am Rand der Gesellschaft anonym zu leben. Oder stationär im psychischen Krankenhaus zu existieren. Im forensischen Knast zu enden. Suizid. Mut bedeutet in meinem Fall dieses Risiko: Kein Arzt, keine Therapie, die Medikamente nur als Notfalldosis zuhause – und ansonsten das tägliche Abenteuer: Was halten die anderen von mir? Es spricht sich ja rum. Den Stil damit umzugehen, muss jeder selbst finden. Mein Spiel, ein Risiko ist dabei! Wer hat aktuell den schwarzen Peter? Die Polizei kann mitspielen, unter Umständen. Ein Rätsel? Mit Booten kann man es nicht spielen. Es geht mit dem Fahrrad, wie damals in Wedel, und es funktioniert in Bus und Bahn.

Das Spiel hat viele Facetten.

Es gibt unter Umständen einen Gewinner, es können auch alle gewinnen, mit dem Ende des Spiels nämlich, und es kann auch einen oder mehrere Verlierer geben. Jemand kann das Leben dabei verlieren, ja – das kommt vor. Das ist das Vermächtnis meines toten Freundes, darum spiele ich: mein Einsatz. Das Leben? Dann ist das gar kein Spiel?

Im Moment spielen „wir“ Auto –

🙂