Schenefeld ist nichts besonderes. Ein paar Häuser stehen rum. Es fängt an, wo Lurup aufhört. Lurup ist ein langweiliger Stadtteil, ganz am Rand von Hamburg. Wir gehören zum Kreis Pinneberg, sind in Schleswig-Holstein angesiedelt. Ein besseres Kaff. Das ist die Provinz: Blankenese geht anders. Niedrige Wohnblöcke, Reihenhäuser und eine freie Tankstelle „Kattner“ prägen die Gegend. Ein schmales Rinnsal erweitert sich an einem Staubecken, das mit Kraut zugewachsen wenig Eindruck macht; die Düpenau sucht noch das Meer. Der Charkter dieses nicht so schönen Schenefeldes will nicht recht sichtbar werden. Immerhin, wir haben eine ansprechende, kleine Kirche im Dorf.

Im Norden heißt die Gemeinde schlicht Siedlung. Nicht weit entfernt, über einen Kreisel, erreicht man die Autobahn in Richtung Nordsee, Sylt, die Insel der Schönen und Reichen, schließlich Dänemark. Das freie Wasser erstreckt sich über den Atlantik bis nach New York. Das sollte man schon hinschreiben. Gut angebunden an die weite Welt ist dieses Ende schon. Da oben, in der Siedlung von Schenefeld, wo es ein China-Restaurant gibt und einen Aldi, ist eine weitere Kirche. Sie hat den Charme einer Fabrikhalle aus Beton. Wenigstens ein nettes Türmchen haben die Leute in einiger Entfernung hingestellt. Das ist, damit man die architektonische Armseligkeit (zu der die Siedler nach dem Krieg, Vertriebene aus dem Osten, gerade mal fähig waren) nicht bemerken soll? Schenefeld! Im Zentrum durchschneidet uns eine Straße nach Pinneberg, auf der man hundert fahren darf. In der durch die Rasenden zweigeteilten Mitte befindet sich tatsächlich das „Stadtzentrum“.

Das ist aber keines, sondern diese Blechbuchstaben sind der Name eines Einkaufszentrums. Es hat größtenteils Leerstand. Es gibt einen Supermarkt, das Fitnesszentrum und die Haspa. Man darf sich eine Hose kaufen und Mittagstisch essen, Eis. Im Tabakladen des Einkaufstempels – die hochtrabende Bezeichnung im Tageblatt amüsiert – kannst du deine Briefe abgeben. Der Discounter unter den Shoppingcentern regt nicht zum Verweilen an. Es gibt nichts, das von kaufgeilen Wohlstandsdeutschen verzückt angebetet würde. Ein Tempel ist es nur für Konsumenten, welche das „Elbe“ mangels Liquidität meiden.

Alternativ läuft man auf die alte Landstraße bis ins Dorf zu „Timmse und die Hörspiele“. Die nehmen auch Briefe und Pakete an. Sie verkaufen Briefmarken. Das ist ursprünglich ein Krämerladen gewesen, der (vermutlich zur Existenzsicherung) sein Angebot erweitert hat. Es gibt gebrauchte Kompaktkassetten aus den Achtzigern, Spiele, und einiges Zeugs von früher liegt im Schaufenster. Titel meiner Kindheit: Hui-Buh, das Schlossgespenst, TKKG und die drei Fragezeichen erweitern das verstaubte Interieur einer vergessenen Zeit. Bandsalat war gestern? Nicht bei „Timmse“. Peng! Elektro, Kommissar Bikloppski brennt durch; so was in der Art möchte noch gekauft werden. Die richtige Post, die wir einmal am Rathaus kannten, hat dauerhaft dichtgemacht. Da werden Altkleider gelagert vom „Glücksgriff“, ein Second-Hand-Geschäft. Wir sind gar keine Stadt im eigentlichen Sinne mehr. Wie gesagt, nur ein paar Häuser, und die Menschen fahren nach Hamburg zur Arbeit. Es gibt eine Busverbindung.

Im Dorf gehen einige auch zu Fuß. Ich laufe hier täglich rum. Dieses Plakat, man könnte es bemerken: Bei „Timmse“ hängt der Aufruf, ein neues Logo samt Motto für die Gemeinde zu gestalten. Die Bürgermeisterin unterstreicht unsere Wichtigkeit (und ihre eigene) gern. Ein zünftiger Schnack, das wär’s doch. „Schenefeld, die Stadt am Stadtrand“ oder so? Dazu das Wappen in grün mit den bekannten Schmuckelementen, Spaten und Rad. Dazwischen eiert die Düpenau durch oder die Landstraße-Schenefeld-Elmshorn eben, die über Pinneberg hinaus nie fertig gebaut wurde, Elmshorn tatsächlich zu erreichen. Wie du das interpretieren willst? Hammer und Sichel lassen grüßen. Ein Logo zu entwerfen, ist eine interessante Aufgabe. Das kam in meiner grafischen Laufbahn einige Male vor, dass ich mich daran versucht habe.

# Hamburg, das Tor zur Welt!

Erinnerungen gewinnen an Wichtigkeit mit zunehmenden Alter. Anfang der Achtzigerjahre war ich bei Schlotfeldt Praktikant, eine seinerzeit bekannte Werbeagentur in der Hansastraße, Ecke Mittelweg (beim Stadion). Gleich zu Beginn meiner Ausbildung hatten wir „Winschermann“ zu betreuen, die fuhren Heizöl in Tanklastwagen zum Kunden, bekamen einen orangen Strich auf weiß. Wir verwendeten Helvetica, das war modern.

Das eigene Motto, unverwechselbare Zeichen, ein Logo, Farben, ausgesuchte Formen des Designs, bestimmte Schriften einem Unternehmen an die Seite stellen: Corporate Identity zu definieren, bedeutet das gewünschte Erscheinungsbild eines Systems oder Firma zu erschaffen. Ein Konzept, das mittels der Werbung kommuniziert wird.

Die Stadt ist auch Auftraggeber gewesen. Die Hamburg-Werbung kannte man mit roter Burg in HKS 13, begleitet von Mottosätzen „Hamburg ist Alster“ (und ähnlich) auf Blau 41. Es gab immer neue Aktionen. Einmal machten wir ein Plakat mit Nummernschildern, die an den Wagen auf den Straßen der Weltstadt irgendwo fotografiert waren. So an die zwanzig verschiedene hatten wir bereits, die taugten für diese Idee. Es wäre doch schön, einen Segeberger mit „x“ dabeizuhaben oder in der Kombination „se-xy“, fand jemand. Wir durften am Wochenende privat auf die Suche gehen, immer mit der Kamera schussbereit. Vor dem „Atlantik“ oder „Vierjahreszeiten“ wurde ich tatsächlich fündig. Ein weißer BMW, ein kleines Cabrio hatte das gewünschte Kennzeichen. Und ich habe dieses Fahrzeug fotografiert. Das wurde genommen. Ich war siebzehn, noch Schüler und konnte am Montag damit punkten, die Jagdbeute erlegt zu haben.

Nicht nur die Alster und ihre Flaniermeile hatten wir im Visier. Werbung sollte Hamburg attraktiver machen, auch dort, wo hässlich gebuddelt wurde, Baustellenlärm, Bagger, Stau und Staub die Menschen behinderten. Der Hauptbahnhof bekam einen Bauzaun rundherum. Das war unvermeidlich: Dieser Zaun stand mehr als ein Jahr. Was tun? Wir haben ihn in Dunkelblau streichen lassen. Darauf kam in regelmäßigen Abständen von einigen Metern die Burg, dazwischen die „Istmen“, Hamburg ist Mors Mors, Hamburg ist Zuhause, Hamburg ist Elbtunnel usw.

# 1.000 Euro sind zu gewinnen

Und du kannst dabei noch was für uns alle tun! Den Wettbewerb in Schenefeld werden fleißige Mädels im Kunstkurs abarbeiten. Ich ärgere mich nur, wenn ich dieses Plakat an der Poststelle sehe oder ein Foto der einschleimend grinsenden Bürgermeisterin im Tageblatt, die möchte, dass motivierte Schülerinnen womöglich für nass ein wenig rummalen. Nicht, dass es mir ums Geld ginge, aber im Beruf, wenn ein Grafiker damit beauftragt würde, müsste die Stadt zahlen. Ich kann Christiane Küchenhof, unsere Verwaltungschefin, ganz persönlich nicht leiden. Das ist bekannt? Für mich kommt es nicht in Frage, der Stadt was anzubieten. Das würde auch niemand wollen. Weder als Auftrag, noch als Gefälligkeit. Für immer verstört. Persona non grata bis über den Tod hinaus beiderseits. Ärger motiviert, den Abstand einzuhalten und gar nichts zu ignorieren.

Und die jungen Künstlerinnen (Jungs beteiligen sich nicht. Sie wollen Manager werden), nicht alle sind vorn mit dabei: „Dein Entwurf hat uns gut gefallen, aber leider haben wir uns anders entschieden.“ Das könnte dabei herauskommen. Tausend Euro Preisgeld, zehn Arbeitsstunden sind sportlich bei der zu erwartenden Kritik, was alles bitteschön noch geändert werden müsste. Auftraggeber können in der Regel selbst nichts malen. Christiane, die Talentlose oben vom Stadtturm, jedenfalls, ist vollkommen unfähig, überhaupt Ansätze einer Gestaltung zu begreifen. Sie kann Klee nicht unterscheiden von Bereuter. Sie malt selbst nur in schwarz. Die Eitle zieht den Lidstrich ins Altmädelsgesicht und fragt den Spiegel ein ums andere Mal: „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Das kann sie. Die Zwerge im schottischen Hochland und anderswo verstummen, ob ihrer Bosheit, vergiftete Äpfel unter das Volk zu bringen. Ein Talentwettbewerb ist eine schöne Sache. Da sieht man nicht auf den Lohn. Es winkt der Ruhm! Aber wenn einige draufschauen, was du gemacht hast, wollen diese Leute sagen, was ihnen „nicht“ daran gefällt. (Man hat eine Helmut-Schmidt-Gedenkmünze irgendwo in Auftrag gegeben. Der Grafiker musste die Zigarette aus der Hand des Altkanzlers entfernen. Nun hält Helmut zwei leere Finger in die Luft auf dem Ding. So ist Grafik. Nur solche wie Picasso können darüber bestimmen, was sie entwerfen bis zum fertigen Produkt). An zwei Arbeitstagen schafft niemand ein Logo fertig zum Druck.

Immerhin, das mache ich: Im Moment entwickelt sich in meinem Atelier eine Konstruktion für die Stephanskirche. Eine Bank wird zur Plauderecke mit Daniel oder Rinja auf einem Gartenfest im Sommer. Dafür benötigen wir ein Schild. Die Kirche ist freundlich. Für jede Taufe fertige ich ein neues Blatt aus grünem Filz für unseren Lebensbaum. Den Trecker für Erntedank habe ich mit einer neuen Tafel versehen. Das sind die letzten verbliebenen Aufträge mit regulärer Grafik, auf die ich mich eingelassen habe. Ein Logo für einen baltischen Chor zu gestalten oder Radtouren darzustellen, einige Korrekturen für „Bark“, alles liegt schon Jahre zurück, und nun habe ich meinen Steuerberater gebeten, eine Geschäftsaufgabe vorzubereiten. Dann bin ich nur noch Maler meiner unverkäuflichen Bilder. Ich könnte die Webseite löschen.

Für die Gesellschaft empfinde ich in erster Linie Spott, weil die meisten nur mitlaufen und oft unehrlich sind, auch zu sich selbst. Es tut weh, mit anderen zusammenzutreffen, weil viele borniert, bösartig und dumm auftreten, denen man nebenbei begegnet. Ich gehe Menschen pauschal aus dem Weg. Einsamkeit ist scheiße, aber die anonyme Bosheit derer, die freundlich getan haben, um mich dann doch erkennbar als Beute anderswo zu verkaufen, das hat mich verändert. Mit Alex im Cotton-Club (am Abend vor der Beerdigung meiner Mutter) die Lieblingsmusik Jazz zu hören, ist mehr als verstörend (aus heutiger Sicht), wie das offenbar gelaufen ist mit penibler Vorbereitung, dabei Mäuschen zu sein, der anderen, um meine „Freundin“ drumherum.

Nie wieder Empathie.

Ich hasse Frauen, tatsächlich, einige. Das war anders. Ich habe mich verändert. Ein wenig reden ja, Geschichten sind das. Mein Herz hängt nicht dran, wenn ich mich unterhalte. Ich vermeide Beziehungen zu pflegen oder neue einzugehen. Nur was unbedingt nötig ist. Die Beziehung zum Markt; Leben ist Geld. Meine Existenz: Wenn die Inflation schlimmer wird oder der Krieg sich ausweitet, werde ich betteln um irgendeine Arbeit wie der letzte Dussel ohne Ausbildung. Das ist mir scheißegal.

# Hass ist ein guter Ratgeber!

Wer sich vorstellen kann, wozu ein Mensch fähig ist, lebt in der Realität. Man kann sich leichter zurückhalten, wenn man um die Gefahr weiß, was alles kaputt gehen kann. Wenn andere ausrasten und sogar töten im Zorn, denken nicht wenige, bei ihnen selbst wäre es anders? Die sind naiv. Meine Einstellung ist, keine Erwartungen an die Zukunft zu haben, außer zunehmende Schwierigkeiten anzunehmen. Je älter man wird, um so mehr Beschwerden kommen. Das ganz Tolle jedenfalls, für mich wird es ausbleiben. Wir treten auf Afrika rum, den armen Ländern. Corona und der Krieg um die Ukraine demolieren unsere Illusion eines gerechten Lebens. Nicht zuletzt die Klimaentgleisung, die wir nicht aufhalten werden durch schöne Worte, wird uns den Garaus machen.

Es gefällt mir, miese Zeiten am Horizont drohen zu sehen. Ich bin als ein Mensch durch die besten Jahre meines Lebens gegangen, ohne sie spüren zu können. Um mich herum haben die anderen Karriere gemacht, geheiratet, Kinder bekommen, Häuser gebaut, große Schiffe gekauft und sind in den Urlaub geflogen. Ich bin dem nachgelaufen und habe mir vom Psychiater das Gelaber angehört, das niemand gesund macht und die empfohlenen Pillen gefressen. Bis ich damit aufgehört habe, es zu tun. Das liegt lange zurück, aber danach ist klarzukommen in Scheißschenefeld nicht einfacher. Der Versuch, noch zu leben (zum Schluss). Mehr ist das nicht. Eine fiese Wut treibt mich, und wenn es dumm kommt, ende ich bei den Forensischen für immer. Es fällt mir schwer, die Contenance zu bewahren ein ums andere Mal, weil mir die jahrelange Übung der Normalgesunden fehlt, die seit der Schule daran gearbeitet haben, eine individuelle Fresse zu ziehen. Da fängt es schon an: Man muss „Fassade“ sagen, das ist eleganter. Ich bin entartet, und das könnte bereits ein verbotenes Wort sein? Das Unkraut, keine Zierpflanze für das schöne Feld und bestimmt nicht der Gestalter, welcher uns das neue Motto vorgibt.

Die Düpenaustadt im Osten von Pinneberg, Ha ha.

🙂