Anfang der Achtziger erlebten Imke und ich Gillian Scalici live in einem Hamburger Club. Das war zu der Zeit, als Eric den Show-Shop in der Spaldingstraße betrieb und bevor die bald so bekannte Sängerin und Schauspielerin die Stage-School leitete. Die profilierte Künstlerin erinnere ich als vielseitig und humorvoll. Wie Eric Emmanuele, begeisterte sie uns durch ihre Professionalität. Mich hat das geprägt, immer ganz genau hinzusehen, wenn irgendwo auf einer Bühne, im Film oder sonst wo kreativ Geschichten dargestellt sind. Wir waren mit „Musical-Projekt“ auf einem guten Weg und hatten nach einigen Jahren erfolgreiche Auftritte an verschiedenen Spielstätten. Eine wunderbare Zeit.

# „An Evening With Gillian Scalici“

Ich weiß noch genau, dass wir aus einer Nische, von einer erhöhten Ecke mit Tisch, auf die kleine Bühne schauten. Es gab Bewirtung am Platz. Ich meine mich zu erinnern, dass diese kuschlige Location an einem Fleet gelegen, mehr wie ein Restaurant gewesen ist. Ein unscheinbarer Eingang. Wir liefen durch einen verwinkelten Flur, um hineinzugelangen. Es war dort viel kleiner als im bekannten Schmidts Tivoli. Imke hatte den Auftritt ausfindig gemacht, sie begeisterte sich für alles im Showbusiness. Rote Plüschsessel und der warme Ton von orange und gelb im Bereich der kleinen Bühne, wenn man von oben auf die Dielen schaute. Diese Bretter, die die Welt bedeuten und ansonsten Dämmerdunkel rundherum, schemenhaft Gäste erkennbar, die nahe der Spielfläche saßen, das weiß ich noch. Gillian Scalici war ganz dünn und schien kaum älter als wir vom Musical Faszinierten im Séparée zu sein. Ich erinnere ihre ausdrucksstarken, dunklen Augenbrauen, fand sie wunderschön, und dass man von unserem erhöhten Platz recht gut in den Ausschnitt ihres Kleides schauen konnte, ist mir tatsächlich noch präsent. Das Kleid war blau? Da werde ich unsicher, aber es überrascht mich selbst, wie deutlich die Erinnerung noch heute ist.

Nun ahnt man ja nicht, wie es im Leben weitergeht, und dieses kleine Konzert hat nicht gerade meine Zukunft geprägt. Deswegen skizziere ich diese Episode auch gar nicht. Meine gute Erinnerung an vieles, die Fähigkeit bildhaft zurückzublicken, ist das wesentliche Element meiner Gestaltung. Ich arbeite nicht willkürlich. Mich treibt, etwas so hinzubekommen, wie es mir vorschwebt. Ebenso wichtig ist mir auszuloten, was damit gemeint sein könnte. Ich möchte von mir selbst wissen, warum ich mich auf ein Thema einlasse. Geradezu schockiert lese ich deswegen die immer gleich daherkommenden Artikel zum Thema Kunst im Tageblatt. Nun gut, es ist eine Dorfzeitung. Und Pinneberg unsere Kreisstadt ist kaum mehr als ein Provinznest, ein richtiges Kaff. Mich stört, dass der weltweit verwendete Begriff „Kunst“ verballhornt daherkommt, in ein Händchen haltendes Netzwerk vertrockneter Tanten geopfert wird, die mein Steuergeld nutzen für ihren Scheiß.

# Leben und Tod

Die Künstler in China seien in Gefahr, sagt man. Sie würden gelöscht und verfolgt. Das wird das Ende der Volksrepublik sein! Die Kirche, die Mafia oder die Kunst verbieten zu wollen, muss letztlich das Schicksal eines Staates besiegeln. Gerade ist der österreichische Kanzler Kurz über seine Eitelkeit gestolpert und zurückgetreten: Keine Regierung ist unfehlbar, aber natürlich, das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Darin besteht das Risiko, abgewählt zu werden oder eine Revolution anzufachen. Denn das Monopol auf die Ordnung insgesamt zu haben, bedeutet nicht, die Aggression des Einzelnen abzuschaffen, sondern allenfalls zu unterdrücken. Ein Sportler, kurz vor dem Sprung über eine Hürde, benötigt sämtliche Energie und darf keinen Zweifel haben oder Schmerzen ignorieren, wenn eine Bestleistung gefordert ist. Ein Konkurrent mag leichter drübersegeln, weil dieser fest dran glaubt, es zu schaffen und nichts in sich unterdrücken muss, weil alle Muskeln und die ganze Motivation bereits in dieselbe Richtung wirken. So auch beim Tanz und Theater, in der Musik oder bei einer guten Federzeichnung (die man nicht radieren kann). Wer lernte, sich voll einzubringen, respektiert Störungen.

# Sie nahm nicht die Jogginghose für ihr Date

Ein Dorn im Fleisch, der Stein im Schuh, das sollten wir nicht ignorieren. Nach sieben Stunden Tanga in Kombination mit Hotpants, hat ein Teenie den wunden Popo, lese ich. Dann Bakterien in der Ritze, Sepsis, Intensivstation. Wenn’s beginnt weh zu tun, ist es wichtig zu handeln. Kunst muss nicht teuer sein, sie muss uns berühren.

Mit diesem intellektuellen Bogen hinein ins Thema: Gegen die Kunst in Pinneberg und drumherum gibt es keinen Widerstand. Das ist so unbedeutend, dass niemand diese Armseligkeiten wahrnimmt. Eine Kunst, die nicht juckt. Kreationen, die nirgendwo eine Ritze schneiden. Keine Haut, die sich rötet bei diesem Quatsch, so blutleer ist der Körper der Skulpturen und Flachwerke, denen wer weiß was zugeschrieben wird. Eine glatte Ästhetik für Liebhaber des gewichtigen Wortes mit ernstem Bezug zur schlimmen Gegenwart. Niemand stört sich daran. Dann können wir unbesorgt sein? Es geht uns gut, und Corona hat noch finanzielle Reserven übrig gelassen.

Ein dickes Ei, so scheint es, wurde noch nicht ganz verspiesen, das ist der Kulturetat. Ich kenne mich schon aus. Der Kuckuck schlüpfte und saß im Nest, so war das. Ein Kunstverein westlich von Hamburg und der aus Wedel über Bahrenfeld ins Dorf hinein geschneite Quiddje kamen zueinander. Bei einer netten Rotweinrunde im Vorstand werden Eitelkeiten und Moneten wie Trümpfe ausgespielt. Tatsächlich einer der Gründe vor einigen Jahren, dem örtlichen Kunstkreis wieder zu kündigen, war dieser Einwurf von Ingrid „da wären noch ein paar Tausend Euro für ein Projekt zu bekommen“, sollte man nicht ein Bildhauersymposium ausschreiben? Dann könne man sich um diese Summe bewerben. Was für ein Quatsch!

# Das hat nichts mit Kunst zu tun

Dem Kunstverein in Schenefeld fehlt es an Nachwuchs? Kein Wunder. Es steht in der Zeitung, unser Käseblatt, wer liest das schon. Mehr als zwanzig Mal wird Kunst in Verbindung mit Personen und Galerien genannt, aber: Das ist keine Werbung. Eine ganze Seite im Tageblatt! Die Schenefelder Kunstwelt in Person einer ehemaligen Kunstlehrerin, gekonnt in der Pose einer Kennerin fotografiert, erläutert die Probleme, während der Pandemie mit Ausstellungen am Ball zu bleiben. „Malt bevorzugt maritime Motive in Acryl: Die Vorsitzende des Schenefelder Kunstkreises, Ursula Wientapper“, erfährt der geneigte Leser. Zusätzlich sehen wir zwei Bilder. Die hilflosen Kleckereien von Laureen-Zoe Ulka untertitelt das Käseblatt mit wohlmeinender Wichtigkeit. Es sind nicht nur Bilder, sondern Exponate. Das hört sich doch schon mal nach was an. Anfang Oktober beklagt Uschi: „Wir suchen dringend junge Künstler, die sich in unserem Verein engagieren. Hauptaufgabe ist es, neue Maler oder andere Kreative für unsere Ausstellungen zu akquirieren und diese dann zu organisieren und umzusetzen“, appelliert Wientapper. Haltet lieber Abstand, denke ich böse, und was im Himmel inspiriert beim unnötigen Kram?

Die Woche drauf kommt unser Kunsthaus an die Reihe, das neuerdings von Anne Immig geleitet wird, wie wir erfahren. Die von Kindern gemalten Blumenbilder unterscheiden sich in Nichts von Ulkas Klecksen. Wie schön, wenn die Kleinen beschäftigt sind. Auf der Seite geht es nahtlos in Rellingen weiter. Die glückliche Cäcilie, eine übrigens äußerst aktive und sympathische Person, hat es geschafft, ein Live-Painting mit verschlungenen Ringformen für immer ins Rathaus vor das Standesamt zu nageln. Glückwunsch! Das tut ja niemandem weh, und besser als die langweiligen Klinker ist blaue Deko allemal.

Weh tut der Artikel von gestern. Diesmal Pinneberg, die Hauptstadt quasi. Da muss es schon was kosten. Unter der Rubrik „Lokales“ findet sich diese Headline: „Ach, du dickes Ei: Was es mit der Skulptur nahe der Drostei auf sich hat“, und den Artikel lese ich gar nicht erst. Mir genügt die untere Zeile: „Das neue Kunstwerk in Pinneberg ist eine Gemeinschaftsarbeit, die mit zehntausend Euro gefördert wurde.“ Blechei auf Sockel. Das Foto davon zeigt beuliges Metall, auf dem ein ungeübter Niroschweißer einige verklumpte Nähte fabrizierte. Es ist nicht schön. Es ist uninteressant. Es hat keine Aussage. Es war sehr teuer.

Das ist nicht komisch.

🙁