„Kunst kommt von Können“, manche beißen sich an diesem Satz fest. In einer Doku, die ich vor einigen Jahren sah, wurde ein etablierter amerikanischer Maler vorgestellt. An seinen Namen erinnere ich mich nicht mehr. Er erzählte, dass er vor längerer Zeit den Durchbruch in die Szene der Sammler erzielt hatte. Irgendwie habe seine Art, Porträts vor flächigem Hintergrund zu malen, eingeschlagen. Seitdem würde es laufen. Zum Verkauf gefragt, antwortete er: „Die Galeristen halten mir die Leute vom Hals.“ Eine Art Pufferzone, er wolle in Ruhe arbeiten. Was ein junger Mensch tun müsse, um Künstler zu werden? Er antwortete als Maler: Er sagte zum einen, dass er den Erfolg den er habe, nicht genau erklären könne. Schließlich meinte er, ein Interessierter solle erst einmal fünf, sechs Jahre malen und die Anerkennung nicht so wichtig nehmen. Er sagte das mit einer Spur Humor. Es hieß nämlich: Nachdem du mehrere Jahre gemalt hast, bist du Maler. Die anderen hören vorher wieder auf.

Dieser Künstler mochte für sich bleiben. Die Galeristen halten ihm die Leute vom Hals, und das gefällt ihm. Die Menschen sind verschieden: Wer hingegen in eine Musik-Casting-Show geht, sucht das Publikum. Dem gegenüber steht die Liebe zum Material, das eigene Werk, die andere Seite der Kreativität. Fünf, sechs Jahre arbeiten, dann wüsste man schon – die Beschäftigung mit Farbe, was kann ich machen? Mit den Tönen der Farbe spielen; wie in der Musik.

Kunst, Können? Nicht mehr anders können. Wen es zur Kunst hinzieht, fragt sich, warum bei ihm das Normale nicht gut funktioniert oder schließt es gleich von Beginn aus. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die größere Freiheit ist ein Grund. Ein eigenes Werk. Ein Aspekt ist Unabhängigkeit und zwar auch in der Form der Beschäftigung, nicht nur finanziell. Dagegen steht die ernüchternde Realität, dass dieses Ziel oft nicht erreicht wird, auch nicht nach fünf, sechs Jahren malen.

Anerkennung: Für Musiker ist die Bewunderung des Publikums ein Teil der Arbeit. Maler oder Schriftsteller können dagegen zurückgezogen schaffen. Deswegen bedeutet die Suche nach Kreativität, sich die Frage nach dem Platz in der Gesellschaft zu stellen. Die eigene Identität. Was mich ausmacht (und was ich nicht mag) beschreibt, was zu mir passt. Ob es noch zu mir gehört und damit auch meine Grenze: Was ich nicht leiden kann oder nicht hinbekomme, bleibt draußen. Was ich also kann und was nicht. Kunst, Können? Das ist die exakte Kenntnis der eigenen Fähigkeit und weniger, ob man eine Blumenvase, ein Still-Leben oder Figur wie ein alter Meister malen kann.

Maler entwickeln Themen. Über meinen Professor Flurschütz schrieb jemand: Die Beschäftigung „mit dem Weiß“ sei es bei ihm. David Hockney mahnt hinzuschauen: Ist, was ein Künstler über seine Bilder sagt, wirklich Teil des Werks? Ich bin nicht gerade Maler von Grenzlinien, wie als wären da Länder auf meinem Bild kartengleich beschnitten, dennoch: Mir ist erst nach und nach klar geworden, dass mir die Definition der eigenen Grenze das wesentliche Element meiner Arbeit ist.

# Kunst zeigt mir die Grenze

Ein Virus zeigt uns allen die Grenze. Die Menschheit macht eine Pause. März 2020 – Wir bleiben zuhause. Wie weit reicht das Licht unserer Welt? Kein neues Wort: Die Korona (lat. Corona = Kranz, Krone) der Sonne. Sie ist für das menschliche Auge nur bei einer Sonnenfinsternis zu sehen, da sie sonst von der restlichen Sonne überstrahlt wird.

Wie weit reicht das Ich? Mit dem Aufbruch in das freie Malen, bin ich meinem Ursprung wieder näher gekommen. Der Anfang meiner Persönlichkeit: eine Erinnerung. Wir waren eine kleine Familie und ich das Kind. Unser Boot, die H-Jolle – ein kleines Schiff aus Mahagoni-Holz, schön glänzend lackiert. Das war damals modern. Ich erinnere mich nur, weil mein Vater es immer wieder erzählt hat, diese Geschichte.

Wie er mein Talent entdeckte.

Meine erste kreative Leistung. Das war keine Zeichnung, das war – ich kann das nacherzählen: Ich hatte etwas gesehen. Ein Duckdalben im Schulauer Hafen. Das ist so ein Gebilde aus großen, dicken Holzpfählen. Schiffe machen daran fest. Oder Schlengel werden davon gehalten, und an den Schlengeln liegen die Schiffe. Ich war noch ganz klein. Die Eltern mussten aufpassen, wenn wir über die wackligen hölzernen Bahnen zum Boot gingen, dass ich nicht unversehens in den Hafen fiel. (Einmal wollte ich über das Wasser laufen, erzählte meine Mutter, weil es so glatt und ruhig dalag, an einem windstillen Tag). Und mein Vater: „Das sieht wie ein A aus“, hätte ich gesagt, einen Dalben beschreibend.

Für meinen stolzen Papa war es die Initialzündung. Der Beginn einer besonderen Begabung. Etwas, was von Anfang an in mir gewesen sei. Das, was man nicht lernen kann. Meinte jedenfalls mein Vater. Ein Moment der bewiesen hätte, ich würde sehen, was anderen gleichgültig sei. Der besondere Blick, das Talent. Er glaubte daran. Dass ich als Grafiker Geld verdienen würde, glaubte er nicht. Dennoch wurde ich auf diesen Pfad gesetzt, denn eine eigene Meinung dazu hatte ich nicht. Ich „durfte“ eine Ausbildung zum Grafik-Designer machen, und deswegen habe ich es gemacht. Was sollte man mit einem Talent auch sonst anfangen? (Natürlich hat es nicht funktioniert).

Aber diese Anfänge, das war schon was! Es hat sich gut angefühlt. Erst ging gar nichts. Ich war ganz klein und bekam die ersten Buntstifte. Mit der ganzen Hand griff ich die, auch mehrere gleichzeitig wie Mikados, und hielt sie gebündelt fest in der Faust. Eine Batterie, eine Gatling-Gun. Diese Welt, was ist das hier? Rausgehen, den Weg frei machen! Das Leben schien etwas anzubieten; ein Instrument, eine Waffe! Das Malgeschütz für ein Feuerwerk der Farbgewalt: Und dann ging es los! Mit irrem Druck, das die Spitzen auch mal brachen und rasend kreisenden Bewegungen, bekritzelte ich das Papier.

Farbstürme.

Strudel und Ausbrüche in immer neu kombinierten Farbkaskaden. Meine Oma beschimpfte dieses Tun, so mache man es nicht! Ich wäre doof und würde es bleiben, wenn ich diese Dinger so falsch verwendete. Sie ereiferte sich: „Du greifst die wie einen Besenstiel!“, pöbelte sie. Ich lernte die Stifte auf die „richtige“ Art anzufassen. Es ist eine Erfahrung: Ein gerader Weg bis zum Ende des Studiums; ich wurde immer besser darin zu zeichnen. Und ich wurde immer dafür gelobt. Anschließend wurde es schwierig. Ich fand mich nicht zurecht. Tatsächlich: Ich war ein Info-Grafiker geworden, immerhin.

Eine Entwicklung. Sich ausprobieren, in ein neues Terrain vorzustoßen, umkehren müssen, wenn die Gegend feindselig wird, man dem fremden Boden nicht gewachsen ist? Es sind diese Gedanken, die das Malen bringt. Darum ist der Tipp, eine Zeitlang zu probieren, nicht schlecht. Es wird sich ein Stil herausbilden, wenn man einige Jahre malt. Eine Form zu finden, bedeutet zu definieren was einem selbst das Malen bedeutet. Damit schafft die Malerei kreative Identität. Schließlich, mit einer eigenen Ausdrucksform befähigt, wird daraus die Kunstfertigkeit, sich selbst auf diese Art zu verwenden. Das ist keine blinde Suche, sondern die Forschung des geübten Künstlers, wenn ein neues Motiv seine endgültige Form erhält und zum Schaffenden passt. Eine Form zieht die Grenze um individuelle Vorlieben, wie um die Fähigkeit dessen was dem Künstler möglich ist. Allgemeines, Regeln und Gesetze, bleiben draußen. Identität: Man wird sich fügen müssen, gegebenenfalls – aber selbstbewusst.

Bilder zu malen, macht selbstbewusst. Etwas schaffen, bedeutet sich ein Können anzueigenen, sich kennen zu lernen. Ein Bild ist zudem soziale Kommunikation, aber diese Form der Sprache ist mit den Fähigkeiten des Malers verknüpft, so kommt das. Begriffe wie „Netzwerk“ und die sozialen Plattformen sind Bestandteil des Lebens geworden. Es ist gut möglich, dass der moderne Mensch, der erst jetzt den Schritt in die Welt der Erwachsenen macht, nach einer Ausbildung, sich anders empfindet als wir älteren. Dass der Mensch soziale Strukturen bildet, kann darüber hinwegtäuschen auf welche Art ein einzelnes Wesen seinen Vorteil sucht. Bei der Frage ob Liebe und Empathie oder das Böse schlechthin die Welt zusammenhalten, muss man sich Angst, Hass und Aggression vor Augen halten und eingestehen, dass der Mensch versucht, sich dem Besseren zuzuwenden. Was stört mich? Dann probiert man, das loszuwerden, dagegen an zu gehen, woanders hin zu gehen. Wir können sagen, dass Angst und aggressive oder zumindest kraftvolle Strategien dagegen unser Antrieb sind. Wir möchten dorthin, wo wir uns wohlfühlen.

In der nicht lösbaren Frage, inwieweit der Mensch frei ist zu tun, was er will oder bestimmt durch die Umgebung, kapitulieren wir. Bleibt die Möglichkeit zu kommunizieren, wie sich das Leben anfühlt. Ich beschreibe, was meine Perspektive ist. Wer das nun rezipiert, wird beeinflusst sein und Zuspruch oder Ablehnung werden auch den Empfänger meiner Kunst im Weg verändern. Mit kraftvoller Bildsprache kann Leben weitergegeben werden. Wenn Bilder zu schaffen die eigene Identität begrenzt, so füllt sie diese genauso aus.

Ein Mensch endet nackt, mit der Haut als Außengrenze. Einiges Drumherum: Kleidung, Wohnsituation und weiterer Besitz, Job, Partner und intellektuelle Vorlieben, beschreiben die ganze Existenz. Das hat nicht damit zu tun, ob wir im Büro arbeiten, Handwerker, Angestellter oder Künstler sind. Identität kann in immer weiter gefassten Begrenzungen rund um den Kern der Person dargestellt werden.

Kunst lässt uns über den Sinn und Zweck der Existenz nachdenken. Malen zeigt Parallelen zum Leben an sich auf. Bei den Problemen, mit dem Bild fertig zu werden, ein Thema zu kreieren und dessen Verkäuflichkeit auszuloten, erfahren wir uns als Individuum, Inhalte und Grenzen. Wo gehöre ich hin, mit meinem Werk ist auch die Frage: Wo bin ich zuhause? Meine Burg.

Moderne Technik zeigt, dass die eigenen vier Wände nicht sicher schützen. Über Telekommunikation, zahlreiche digitale Geräte im Haushalt, können Fremde einbrechen, wie andere, die mit der Brechstange Fenster aufhebeln, wenn wir verreist sind. Der digitale Einbruch. Wenn wir einen alten Krimi schaun: Der Kommissar geht rum. Er stellt Fragen, eine Nachbarin, die gern tratscht, an der Wand lauscht: Da kommt „es“ schließlich raus! Auch zu Zeiten von Sean-Connery-Bond wurde schon mitgehört. Das ist nicht neu. Die durchlässige Grenze. Man macht mal ein Fenster auf. Wir leben nicht im Rathaus von Schilda, müssen das Licht hinein tragen. Den Müll tragen wir in Säcken raus, wie wir aufs Klo gehen, atmen und essen.

Grenzen sind mehr oder weniger flexibel. Hast du einen Persilschein? So fragte man früher, wenn eine Grenze freigegeben werden sollte. In Russland interniert oder frei auf einem deutschen Acker? Meinem Großvater gelang der schwierige Weg aus dem Osten über Schleswig-Holstein bis in die Gegend von Uelzen. Er behauptete schließlich, er sei der Erbe eines Bauernhofes. Als Seemann war er ungeschickt, die große Sense von Onkel Georg zu schwingen, aber das ist eine Beschreibung von meiner Mutter. Heinz wusste sich selbst und seine Familie in schweren Zeiten über alle Grenzen hinweg zusammenzuhalten oder wieder zu vereinen, das Überleben zu sichern.

Damals wie heute: Meinen Mac schützt die „Firewall“ wie eine Burg. Die Stadt hatte Mauer und Graben – aber eine Zugbrücke. Und normalerweise war dieser Weg offen. In Friedenszeiten passierten täglich die Händler und allerlei Volk den Eingang. Zwei Wachtposten links und rechts vom Stadttor, locker auf eine Lanze gestützt, genügten. Die offene Grenze. Wie unser Körper, der Mensch. Wir essen, trinken, wir atmen, nehmen Dinge auf. Kommt ein Grippevirus angeflogen, schleicht sich ein, durch das offene Tor unter meiner Nase, macht ja nix – mein Immunsystem verhindert das Meiste und das Schlimmste.

Zitat: „Ich denke, dass die vielfach kritisierte Gentechnik uns befähigen wird zu verstehen, was bei Krebs eigentlich schiefläuft auf der zellulären Kommunikationsebene. Dort findet eine andere Art der Kommunikation statt als zwischen Menschen, es kommunizieren Zellen miteinander. Doch es geschehen ebenfalls Fehler. So übersieht der Körper, dass Zellen entartet sind, sie haben sich getarnt gegenüber dem Immunsystem. Wenn wir aber verstehen, wie Körperzellen miteinander kommunizieren, dann ist es möglich, den Krebs zu besiegen“, sagt Gerd Ganteför, Professor für Experimentelle Physik im Interview mit Melanie Heike Schmidt im Schenefelder Tageblatt vom 6. Januar 2020, gefragt: „Den Krebs zu besiegen wäre sensationell. Wie könnte das gelingen?“ Zitat Ende.

Worte dringen ein, durch das Ohr – wie Nahrung durch den Mund. Gegen manches braucht der Mensch ein Immunsystem, muss „auf Durchzug schalten“, damit Bemerkungen nicht kränken. Bei der Anfrage um eine begehrte Sache abgewiesen zu werden, kränkt: „Tut mir leid. Hier ist kein Platz für dich.“ Ein neuer Anlauf. Was ist das: erwachsen werden?

Als ich mich um Info-Grafik in freier Mitarbeit beworben habe, bei Verlagen, hat es nicht lang gedauert, und ich konnte loslegen damit. Ich hatte einen Computer, ich hatte das gelernt und auf meine Anfrage hieß es bei einer Zeitschrift schließlich: „Das da (in Ihrer Mappe) möchten wir nicht – aber wir brauchen Karten. Können Sie für uns Karten zeichnen?“ Das habe ich viele Jahre gemacht. Kleine Info-Land- bzw. Seekarten mit einer Tourlinie und attraktiven Häfen darin oder Routen für Rennrad- und andere Touren mit dem Fahrrad. Ich habe die verschiedenen Anker gezeichnet, und wo der Skipper sie jeweils einsetzt. Ich habe unzähliges Material abgebildet, das an Bord Verwendung findet. Wie das GPS mit seinen Satelliten funktioniert oder das Wetter in den verschiedenen Schichten der Atmosphäre abläuft, habe ich auch gezeichnet. Ein Handwerk, der Kunst-Klempner – das bin ich gern gewesen.

Dann kam Schröder mit dem Gesetz gegen „Scheinselbstständigkeit“, und außerdem wurde weniger gedruckt, weil die Leute anfingen, alles online zu machen. Mit den Büchern wurde es weniger: „Herr Bassiner, Sie haben jetzt alles digitalisiert, was (Name des Verlages) im Programm hat.“ Ich wollte wissen: „Entwickeln Sie denn keine neuen Bücher, die könnte ich doch illustrieren?“ „Wir kaufen die Bücher fertig in England ein.“ Ich dachte, vielleicht hätte ich Übersetzer werden sollen. Die werden noch gebraucht? Ich schaffte es nicht, mich für eine vergleichbar zuverlässige Existenz weiter neu- und umzuorientieren, und das lag nicht an der sich ändernden Welt. Das lag an meiner Unfähigkeit, mich für etwas zu bewerben, Rückschläge hinzunehmen und meine Arbeitsstruktur neuen Bedingungen anzupassen.

Mit meiner Malerei, die ich eher als Flucht vor der Realität begann, konnte ich nach kurzer Zeit Ausstellungen gestalten und verkaufte Bilder von Leuchttürmen oder Aquarelle aus dem Dänemark-Urlaub im bezahlbaren Bereich. Mit ein wenig Klugheit wäre ich nahtlos zum Wohnzimmerbildermaler geworden, nachdem es mit den Karten nicht mehr lief. Auch als Info-Grafiker, wäre die Zukunft auf meinem damaligen Lebensweg gangbar gewesen. Es gibt sie noch, die Info-Grafik. Was brachte mich ab vom Kurs der handwerklich soliden Existenz? Meine aktuellen Bilder, wie sie zum Beispiel im Menü „Zoom“ bis in das Detail der Pinselstriche gezeigt werden, sind gutes Handwerk. Ich pfusche nicht.

„Die Galeristen halten mir die Leute vom Hals“, das hatte der Künstler im Fernsehen gesagt. Schön wär’s, wenn das bei mir so wäre, denke ich gelegentlich. Ich gebe das zu. Nach wiederholten Absagen auf meine Anfrage im Verlauf langer Jahre bei verschiedenen Kultur- und Verkaufstätten, bewerbe ich mich gar nicht mehr um Ausstellungen.

Ich dringe nicht ein, das Immunsystem der Galeristen erkennt mich als Krankheit. Mein Bild: Der getarnte „Bassiner“. Sieht zunächst toll aus, aber dann will das niemand kaufen. Es hat ein wenig gedauert, bis ich daraus ein Prinzip machen konnte: Bilder malen, die Leute sehen wollen, aber nicht kaufen. Das befriedigt mich! Ich habe meine eigene Kunstfertigkeit gefunden. Kritik an meinen Bildern oder nicht ausstellen, verkaufen können, verletzt mich kaum, weil die Exponate so sind, wie ich das möchte. Meine Bilder: Der lange und aufwendige Prozess ihrer Herstellung ermöglicht mir, den Galeristen und Betrachter als nebensächlich und außerhalb meines Selbst zu begreifen. Der Verkaufspartner ist der Händler, der Käufer ist der Sammler und ich habe das gemalt. Drei Positionen, und ihre Kompetenz gilt nur im jeweiligen Bereich.

Unterteilen, abgrenzen und unterscheiden zu können, stärkt den Menschen. Draußen wie drinnen: Auch innerhalb eines Systems, wie bei der Titanic, die aufgrund des mit Schotten unterteilten Rumpfs in Sektionen für unsinkbar gehalten wurde, sind Begrenzungen. Abgegrenzte Regionen mit ihren speziellen Aufgaben. Beim Menschen sind es Kopf und Körper, Rumpf und Glieder, die Muskeln und die inneren Organe, die auch noch weiter unterteilt sind. Im ganz Kleinen dann die Zellen, aus denen die natürliche Struktur des Körpers gebildet ist. Wie Bundesländer und darin enthaltene Landkreise, als Teil des Staatsgebietes.

Nehmen wir ein großes Gebäude mit vielen Büros: ein tagtäglicher Betrieb, mit unzähligen Menschen darin. Es geht zu wie in einem Bienenstock. Es kommt vor, dass in einem großen Haus (voll mit herumwuselnden Menschen, die alle einer Beschäftigung nachgehen und das Objekt mit Leben füllen, wir im Gebäude selbst eine Art Lebewesen sehen könnten), einzelne Räume, Wohnungen, Geschäfte oder Büros leerstehen. Im geringen Umfang ist das normal. Ein Mieter kündigt, und eine Übergangszeit vergeht, bis das Leben in Form neuer Bewohner zurück kehrt. Wandel und Veränderungen gehören dazu. Die Statik kann gefährdet sein, wenn eine zu große Anzahl der Abteilungen nicht ihrem Zweck entsprechend das System stützt. Das kann im übertragenen Sinne der Rentabilität verstanden werden. Bei zu viel Leerstand, gehen die verbleibenden Mieter ebenfalls. Das Vertrauen in das Ganze geht verloren. Oder im baulichen: Prinzip Kartenhaus. Bei zu großen Beschädigungen in ausreichend vielen Räumen stürzt das Haus ein. Die Titanic sank, weil der durch den Eisberg verursachte Riss im Schiffsrumpf zu lang war. In den langen, dramatischen Stunden der Nacht des Untergangs, waren schließlich zu viele Sektionen vollgelaufen, als dass die verbleibenden mit Luft gefüllten Kammern den Auftrieb vom Ganzen sichern konnten.

Am Anfang malt man nur so irgendwie. Du merkst, dass manches besser wirkt und anderes stört. Es dauert, bis daraus Erfahrung wird. Dann lernt man, im Bild das System zu sehen. Die Ordnung zwischen den vier Außenkanten. Einzelne Elemente im Bild sind begrenzte Formen, und alles zusammen muss dem Leben ein nachvollziehbares Abbild sein. Es gibt keinen Rest in einem guten Bild. Wie bei jeder Kunst. Auch wenn nicht alle Musiker die ganze Zeit in einem Stück spielen: Wir können unterscheiden, ob die Aufführung gelungen ist oder im soundsovielten Takt das Klavier kaputt ging und von da an gefehlt hat. Malen zu können, bedeutet dem Charakter des Lebens an sich, seinem Sinn oder Zweck (und wenn es keinen Zweck gibt, wir wissen es ja nicht), dann doch dem optischen Eindruck seiner Funktion, wie in einer persönlichen Karte auf der Spur zu sein. Das hilft auch der eigenen Funktion. Ein Mensch funktioniert? Genügend viele Bereiche im Körper und der Leitstelle des menschlichen Gehirns müssen strukturiert zusammenarbeiten, sonst ist das Leben gefährdet, ja.

Wie es dir geht, das steckt dir in den Knochen. Die Muskulatur macht aus deinem Gangbild eine persönliche Abweichung vom Ideal der optimalen Funktion. Angespannt, was bedeutet es individuell: Stress? Jeder macht ein Gesicht, sein Gesicht – wieso? Muskeln ziehen ein gequältes Lächeln, formen Tag für Tag den schnippischen Mund – bis es eine eingefleischte Sache ist. Die anderen sehen es gleich, ahnen was sie zu erwarten haben, wenn sie mit dir ein paar Tage Urlaub machen müssten. Es ist nicht einfach, sich selbst zu bemerken. Wenn wir in den Spiegel schauen, belügen wir uns gern, machen unser Spiegelgesicht.

Emotionen und Denken rechnen einige ausschließlich dem Kopf zu. Medizin wird entwickelt, um das Gehirn zu steuern, wenn ein Mensch psychisch erkrankt. Die Leitstelle unserer Orientierung. Die eigenen Steuerungsmöglichkeiten, die wir über das Verständnis unseres gesamten Selbst erlangen können, werden gern übersehen. Geistiges sehen viele noch vom Körper getrennt. Nur weil es diese Worte gibt. Unser Körper ist die Basis des System Mensch, wie der Schiffsrumpf des erwähnten Unglücksdampfers. Kein Künstler schafft aus voller Kraft, wenn er nicht über sich als ganze Person verfügen kann. Kein Sportler kann seine muskuläre Kunst ausüben, wenn er nicht Körper und Geist als synchronisiertes Ganzes versteht. Es gibt keine berührende Musik und keinen attraktiven Sport von Menschen, die nicht selbstbewusst sind. Sport und Kunst machen den Ausübenden selbstbewusst.

Warum erlaubt sich die Gesellschaft, so viele Menschen einfach mitzuschleppen und warum erlauben sich diese Menschen das selbst? Verbissen, eilig, verkrampft sind sie und überaktiv unterwegs, machen gehetzte, ruckartige Bewegungen, immer auf dem Sprung zum nächsten Termin. Alternativ unsportlich, fettleibig, eingebildet, gefrustet. Zeitgenossen, süchtig nach Anerkennung „im Netz unterwegs“ – ihrer eigentlichen Natur entfremdet und deswegen unattraktiv sind sie – obwohl sie’s nicht müssten. In einem Job, der sie nicht erfüllt. Mit einem Partner leben sie zusammen, den sie nicht wählten, sondern schließlich akzeptieren; warum suchen sie nicht? Stattdessen machen sie Online-Dating und verlieben sich alle 11 Minuten.

Menschen! Sie kennen ihre Angst nicht. Sie fürchten sich davor, peinlich zu sein, laut zu werden oder gar aggressiv. Sie tun, was man ihnen sagt, klammern sich an eine soziale Gruppe und spüren nicht im Leib, was es mit ihnen macht. Sie handeln gegen sich selbst. Grundsätzliche Ausflüchte, Risiken vermeiden, Selbstbetrug: dazu gibt es viele Möglichkeiten, und die betreffen den Körper durchaus. Menschen essen weiter, obwohl sie satt sind. Sie gehorchen dem Chef, weil sie nicht spüren, dass sie ausgenutzt werden. Sie gehen nicht auf einen guten Weg, weil sie die offene Tür nicht sehen: neigen lieber ihren Kopf, um das Display zu studieren. Sie bemerken nicht, wo sie sind. Im Netz? Gefangen sind sie. Gefangene der Kommunikation. Ein Wort ist niemals, was es bezeichnet. Wie ein Bild, ist es nicht mehr als ein Modell der Realität. Ich bin nicht überheblich! Meine eigene Erfahrung; krank bin ich geworden, habe mich selbst verleugnet, einen harten Weg akzeptiert.

Warum?

Wir können Erfahrung nur in Worte packen oder durch unsere Handlungen selbst lehren: Die Sektionen der Titanic schotteten den Rumpf ab, sollten das Schiff unsinkbar machen. Der Kapitän, weit oben auf der Kommandobrücke darüber, im „Gehirn“ des Apparates, hatte dem Maschinisten AK befohlen. Volle Fahrt in dunkler Nacht. Es galt einen Rekord zu beweisen? Das könnte ein Grund gewesen sein. Das hohe Tempo der Titanic ist belegt. Andere in der Nähe im Eis fahrende Schiffe hatten ihre Maschinen gedrosselt, krochen nur langsam durch die Nacht, warteten auf das neue Licht des Morgens.

Kapitän Smith will es wissen! Zu spät bemerkt der Ausguck den Eisberg. Zu lange dauert die Kommunikation mit der Brücke. Und dann wird noch Backbord mit Steuerbord verwechselt. Schließlich, der lange Riss unter der Wasserlinie, im stählernen Leib. Ein böses Schrammen ist zu hören und plötzliche Furcht ergreift die Überraschten unter Deck: Wasser schießt in die Kabinen! Menschen rennen durch die verschachtelten Flure, als sich der Koloss zu neigen beginnt. Fach für Fach läuft der unsinkbare Ozeanriese voll, aber das dauert. Hätte es die vielen Sektionen nicht gegeben, in wenigen Minuten hätte sich der gesamte Rumpf mit dem Eiswasser gefüllt, und der riesige Vierschornsteiner wäre sofort untergegangen.

Der mitfahrende Ingenieur Andrews erkannte, nachdem er den Schaden inspizierte, dass das Schiff nicht zu retten sei: Nacheinander würden die beschädigten vorderen Sektionen ganz gefüllt sein. Dann hätte die Titanic eine Lage, die dazu führen würde, dass Wasser ein nächstes Schott zum achteren, unverletzten Teil des Rumpfs übersteigen könne – dieses hatte der Schiffbauer Andrews niedriger gestaltet – und es würde dem Wasser schließlich nicht widerstehen. Die anschwellende Flut liefe schließlich einfach oben darüber, und dann würde sich wieder eine Sektion füllen. Dadurch läge das Schiff noch tiefer, und schließlich: „Die Titanic wird untergehen“, erkannte Thomas Andrews früh.

Wer war schuld am Untergang? Die Titanic war gut konstruiert. Obwohl, hätte Andrews nicht sämtliche Schotten hoch genug zeichnen müssen, dass das Wasser gestoppt würde, als die vorderen Sektionen beschädigt waren? Viel wird noch heute diskutiert. Der verwendete Schiffbau-Stahl wäre minderwertig gewesen, heißt es. Auch soll ein Brand den Rumpf geschwächt haben. Noch vor der Ausreise, wäre das Schiff so durch Materialermüdung zufällig in dem Bereich, wo es anschließend vom Eisberg getroffen wurde, geschwächt gewesen. Da ist die Frage wieder aktuell: Wie stark ist unsere Außengrenze?

„Der Mensch – als Konstruktion denkbar. Aber das Material ist verfehlt; Fleisch ist ein Fluch“, meint Ingenieur Homo Faber im bekannten Buch von Max Frisch. Wir arbeiten am Roboter. Deswegen? Alternativ möglich wäre, die Titanic (oder den Menschen), so zu nehmen, wie er eben ist? Sich bewusst sein, was damit getan werden kann und was nicht. Ein Tempo durch die Umgebung zu wählen und einen Kurs (in der Nacht), der gut ist.

Die vielen diagnostizierten Varianten psychischer Labilität beinhalten alle dasselbe Problem: Wie fest ist der Mensch im intellektuellen Terrain drumherum eingebunden und gegen soziale Anfeindungen geschützt oder eben nicht? Der wesentliche Ansatz zu Hilfe und Selbsthilfe muss darin bestehen, das Selbst exakt zu definieren. Das bedeutet eine individuelle Grenzziehung. Ein Medikament oder der zentralverriegelte SUV können genauso wie Fahrradhelm und Warnweste zum falschen Schluss führen, Angst generell abgeschafft zu haben. Künstliche Sicherungen um den natürlichen Leib verkleiden unsere Nacktheit draußen. Im Badezimmer, im Bett und vor dem Spiegel wirkt es nicht. Ob Udo Lindenberg den Hut auch nachts im Bett aufbehält? Das wurde er mal gefragt.

Das starke Selbst. Unsinkbar im Alltag? Im speziellen Fall der einzelnen Person, müssen wir uns im Ganzen verstehen, um Abwehr einerseits und Integration andererseits auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten hinzubekommen.

Natürliche Hilfe: Der Mensch kann sich über die Muskulatur und seine Bewegung, wie er handelt, erkennen. Wir können unser Fühlen und das tägliche Bewegen nutzen, unser Tun analysieren und auf Gefühle und Verstand Einfluss nehmen, wenn wir uns als ganzen Menschen begreifen. Wenn wir hingegen damit fortfahren, unsere Emotionen abgetrennt vom Bewegungsapparat zu betrachten, zementieren wir unser Denken und Fühlen als eine rein „geistige“ Angelegenheit. Werden damit fortfahren, Ratgeber zu schreiben und Therapien erdenken, in denen ein Mensch einem anderen sagt, was zu tun sei. Wir sollten uns fragen und besser prüfen, wie viel davon (oder wenig) den Behandelten auch erreicht.

Die Menschen gehen alle verschieden, warum? Wer latscht, ist ein Schlaffi. Genauso: Ein Angeber tritt auf, mit nichts dahinter; das sieht man. Älter zu werden hat diesen einen Vorteil: Es ist leichter zufrieden zu sein, leichter sich von einem Schock zu erholen. Mehr merken ist möglich. Man kennt sich irgendwann.

Das Bild, das bin ich. Wenn ich nicht will, mache ich alle Schotten dicht. Malen bedeutet, Abgrenzung gelernt zu haben: Meine Kunst zieht die Grenze. Ich konnte Kränkung, Abweisung, wenn ich von jemand etwas möchte, als persönliche Macke begreifen. Na und? Ich lernte meine Existenz zu sichern, ohne Bilder zu verkaufen.

„Was du machst, ist ein Hobby“, sagt dazu mein Freund Piet. Er verkauft U-Boote, die großen, mit denen wir und andere Länder eine Menge Mist machen können, aber auch die Grenze schützen; je nachdem. Wenn Peter nicht arbeitet, baut er U-Boote. Kleine, so bis zu einem Meter lang und noch ein wenig größer; das ist sein Hobby. „Du hast unrecht“, sage ich. Du baust deine Modelle exakt nach Plan, ich denke mir meine Bilder ganz und gar selbst aus, das ist was anderes. „Wenn man nicht verkauft, ist es ein Hobby“, meint Piet hart, und er verdient entsprechend seiner Arbeit sehr viel Geld. (Er muss es wissen, deswegen). Mein Freund.

Wie erkennt ein Fremder die Grenze? Astro-Alex und andere: „Aus dem Weltraum siehst du keine Grenzen.“ Wo ist die rote Linie denn, und wer zieht diese Grenze? Ich habe gemalt, bis es knallte: Strafanzeige. Nun kenne ich die Stelle, wo die anderen sie definieren. Warum habe ich so gemalt? Ich konnte endlich wieder bestimmen und aktiv handeln, konnte deutlich machen, wo meine eigene rote Linie schon längst überfahren war.

Niemand malt wochenlang exakt und mit gutem Handwerk, ohne zu wissen, was dann passiert. Wie stellt man ein Fernrohr scharf ein? Jeder hat seine eigenen Augen, und wenn man einen Feldstecher bekommt, mit dem gerade beobachtet wurde, muss man neu justieren. Du drehst am Okular. Schraubst vom unscharfen Bild weiter, bis es besser wird – darüber hinaus und wieder zurück – und dann erst weißt du, wo du exakt scharf sehen kannst. Man überfährt die rote Linie bewusst, unbedingt. Wer ahnungslos trottet, wird totgeschossen.

Grenzüberschreitung: In dauerhafter Harmonie zu leben, ist unmöglich. Nie die Beherrschung verlieren, warum? Nach meiner Auffassung ist es nicht falsch, provoziert im Affekt mit aller Macht vorhandener Mittel anzugreifen. Ich bereite mich nicht vor, wie Dominik Brunner, von dem es hieß, er habe Kampfsport geübt, für den Fall man das einmal benötige, vor seinem couragierten Einschreiten auf dem Bahnhof. Er ist tot. Ich bin untrainiert. Ich mache keinerlei Sport, trotzdem: Die Faust kann ich ballen; ein Messer nehme ich nie mit.

In einem Video habe ich gesehen, wie ein Polizist, provoziert in einer unübersichtlichen Situation mit vermummten Gegnern eines Camps das die Ordnungskräfte zu räumen hatten, zugeschlagen hat. Mit einem harten, gerade gestreckten Faustschlag direkt gezielt in das Gesicht des schwarz bekleideten jungen Mannes, schlug der Polizist zu. Natürlich wird es ein Verfahren gegeben haben, Uniformierte sind leichter zu identifizieren als Chaoten, obwohl: unter Kollegen wird man Verständnis geäußert haben. Schließlich macht der Beamte einen Anti-Aggressionskurs (das wird nichts ändern) und eventuell wird er suspendiert. Auf der anderen Seite, egal ob links- oder rechtsextrem – solche Bilder werden lustvoll gepostet, und die Emotionen gehen hoch. Das ist der Mensch.

Ich habe mich mit paranoider Angst auseinandergesetzt. Das ist, wenn man denkt, die Leute reden über einen, aber die reden über was ganz anderes. Paranoia ist Einbildung. Man denkt dran, Feinde zu haben, aber in Wahrheit interessiert sich gerade gar niemand für einen. Das Problem ist umgekehrt. Man möchte gemocht werden, und das scheint zu misslingen. Zwei Lösungen gibt es – man wird so toll mit was, und alle rennen dir die Bude ein. Der andere Weg: Du beginnst auszuleben, was in dir steckt.

Man beginnt auszusprechen was man denkt, schreibt es auf, entwickelt eine eigene Meinung. Malt was man meint – und dann trifft man ja nicht den Nerv der Welt. Ein Beginner ist kein Könner darin. Man geht nur den Nachbarn auf die Nerven. Dann reden die Nachbarn aber wirklich! Hast du keine, mal dir Feinde. Das ist das Ende der Paranoia. Ich habe gelernt, mit offenen Grenzen zu leben. Ich kann das.

Beim Aktzeichnen lernten wir, genau hinzuschauen. Der Professor erklärte: „Die Kontur ist eine zufällige Grenze.“ Die Schwierigkeit besteht darin, sich entweder sicher dem Talent, es zu können, hinzugeben oder mühsam zu lernen. Wenn man zeichnen kann, muss man nicht bewusst denken. Dann fährt die Hand mit dem Stift entsprechend dem was du siehst zielsicher über das Blatt. Dann sollte man nicht viel nachdenken und gutes Tempo vorhalten.

Während ich gelernt habe, konnte und durfte ich so nicht arbeiten. Bevor ich studierte, zeichnete ich einfach so, und ich war recht gut. Im Studium kam es dann aber nicht darauf an, schöne Bilder zu machen. Wir lernten die Räumlichkeit der Körper zu begreifen, wie etwa ein talentiertes Kind die Harmonien in der Musik studiert, statt nur zur Freude der Eltern Stücke aufzuführen.

Wir lernten, im Akt eine Binnenzeichnung zu machen. Das bedeutet, die Kontur, was jeder zunächst denkt zeichnen zu müssen, wegzulassen. In erster Linie schauten wir, wo die unveränderlichen Meridiane der Figur sind. Wir stellten uns eine Mitte vor. Eine Linie, über den Nasenrücken hinunter, das Kinn in zwei Hälften mittig geteilt, zwischen den Brüsten durch, den Buckel des Bauchs in der Mitte beim Bauchnabel passierend bis in die Scham. Wir sollten lernen, diese Mitte zu zeichnen, den Körper im Raum verstehen. So entstand ein inneres drei dimensionales Modell.

Ein Scan, den ich in vielen Stunden zeichnend, dem Professor zuhörend, eingebrannt bekam. Das hilft, die Kontur außen, dort wo die Figur sich vom Hintergrund abhebt, exakt zu sehen. Die Idee ist Verlässlichkeit. Eine Mittellinie verläuft immer in der Mitte des Körpers. Aber nicht immer in der Mitte meiner Zeichnung. In dem Moment, wo ich die Abweichungen von dem was ich sehe nachvollziehen kann, wird das Sehen leicht. Wenn das Modell schräg zu mir steht, ist von der vorderen Brust mehr zu sehen, sie sieht breiter aus, wird deswegen größer gezeichnet. Und aus meiner Perspektive ist der Bauchnabel in Richtung des Hintergrundes verschoben, nicht in der Mitte des Körpers zu sehen, wo er sich doch befindet.

Die andere Methode ist, sich blind auf Intuition, Erfahrung zu verlassen. Manchmal ist das wirklich besser! Das kann man nicht gut unterrichten. Das hieße zum Schüler zu sagen: „Geh los und zeichne!“ Theoretisch kommt dabei auch das Beste heraus. Das Bild korrigiert sich selbst. Wenn man irgendwo anfängt zu zeichnen, müssen die Formen dessen, was man zeichnet und die von dem was dazwischen nachbleibt, insgesamt stimmen.

Wenn also vorn ein Mensch steht und dahinter ein Auto, geht das Ganze nur auf, wenn das, was links der Figur als „Mercedes“ angefangen wurde rechts entsprechend fertig wird. Der innere Anspruch, eine ästhetische Idee auf der Fläche umzusetzen, wird immer dazu führen, die Grenzen der Form genau zu definieren. Das gilt auch für gegenstandslose Kunst. Nach einer gewissen Zeit der Beschäftigung damit, wird man bemerken, dass willkürliches Pinseln einem selbst nicht gefällt. Was als spannend oder kraftvoll, kühl oder hitzig, strukturiert oder flächig gefällt, wird den banalen Geschmack der Laien vergessen lassen. Es entsteht künstlerische Identität: „So genau möchte ich das haben!“

Die Auseinandersetzung mit der Fläche führt zur Bestimmung persönlicher Grenzen. Damit entsteht über die Malerei hinaus eine Standortbestimmung. Nicht jede Situation kann stereotyp nach Regeln gemeistert werden: Wir fahren auf der rechten Straßenseite, und alle sollen sich daran halten. Das klappt prima, bis das Müllauto seinen Zwischenstopp macht. Wir warten den Gegenverkehr ab, bis dort eine Lücke kommt. Dann entscheiden wir selbst, ausnahmsweise kurz die linke Seite der Fahrbahn zu nutzen, überholen das Hindernis.

Das ist ganz einfach. Wir kennen unser Fahrzeug, haben gelernt, beherzt Gas zu geben und einen passenden Gang dafür einzulegen, und wir fahren dem Müllmann nicht ans Bein. Wenn jemand unsicher ist, bildet sich eine Schlange hinter dem Müllauto, und die Leute hupen: „Mensch, fahr doch!“ Selbstbewusstsein heißt, die eigenen Grenzen zu kennen und was möglich ist, kraftvoll zu tun.

Neue Sicherungen sollen die Welt besser machen. Man stelle sich vor, die Müllwerker müssten in Zukunft zusätzlich ihrer normalen Arbeit noch jeweils zwei kleine Ampeln bei jedem Kurzhalt aufstellen, die den Verkehr regeln. Vielleicht kommt eine Zeit, in der Fußgänger auf dem Gehweg Helmpflicht haben, weil Drohnenverkehr zugenommen hat. Der Helm muss zwingend in der Wohnung aufgesetzt werden: weil die meisten Unfälle schließlich im Haushalt passieren. Kameras werden es überwachen.

Die Hamburger Morgenpost war die Zeitung, die vor vielen Jahren einen Namensfindungswettbewerb ausgerufen hat. Seit geraumer Zeit gab es diese Trennstäbe an der Supermarktkasse. Die waren schon einige Jahre im Einsatz, und nur wenige ganz alte Menschen (wie ich zum Beispiel) werden sich daran erinnern, dass wir früher zur Kassiererin sagten: „Stopp. Jetzt kommen meine Sachen.“

Der Name heute: Corona?

🙂