Es fühlt sich gut an

Symmetrie sei die Kunst der Primitiven, sagt man das noch? Vielleicht hat sich schon eine Organisation gebildet, die das Wort als herabwürdigend brandmarkt. In vielen Kursen bei Ruths habe ich seine Ästhetik verinnerlicht. Otto war Maler, die Komposition sein liebstes Thema. Auch beim Zeichnen. „Wenn ich das hier zu halte“, meinte er, wenn er anschaulich machen wollte, wieviel besser unser Bild sein könnte. Die Armgartstraße, Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Unser alter Professor deckte den Bereich mit der Hand oder Papier ab, sagte: „So nimmt das Gehirn des Betrachters an, dass es hier wie dort ist. Wir können uns vorstellen, wie die Zeichnung ohne diese Stelle wäre.“ (mehr …)

Ankern oder auf der Tonne

Zu Beginn dieser Elbe- und Segelgeschichte kommen mir die Schulzes in den Sinn. Schulze und Schultze, der eine mit „t“ – der andere ohne. Die Detektive aus „Tim und Struppi“, Reise zum Mond: Ich denke an den Moment, wo sich beide fest aneinander klammern. Jeder hält sich am andren fest – aber eben nur Mensch an Mensch – und nicht an der Rakete, wie es nötig gewesen wäre.

Das versteht nur, wer das Heft kennt. Anders, als es mit der Saturn V wirklich war, erzählt Hergé die Geschichte vom Mondflug auf seine Art. Der Professor Bienlein erfindet die passende Atomrakete und Tim, der weiße Hund und viele Figuren der bekannten Geschichten, fliegen zum Mond. An Bord gibt es viel Platz und künstliche Schwerkraft. Der Raketenmotor selbst erzeugt Bodenhaftung. Bienlein erklärt seine Physik: Der Antrieb muss ständig in Betrieb sein, damit das funktioniert. Etwa, als würden wir auf eine Autobahn einbiegen und Gas geben, um im rasenden Verkehr mithalten zu können und dabei fest in den Sitz gedrückt.

An Bord ist es komfortabel. Kein Vergleich mit der sardinen-engen Apollo-Kapsel. Die Reisenden bewegen sich vertikal in einem mächtigen Turm, der am unteren Ende von einem Reaktor angetrieben wird. Eine große Düse zwischen den drei Standbeinen für die Landung auf dem Mond erzeugt einen breiten Feuerstrahl. Dafür wird die Rakete bei der Ankunft am Erdtrabanten umgedreht. Die Raumfahrer wenden und lassen sich, gebremst vom Düsenstrahl, auf den Mond sacken, bis die Rakete schließlich in einem Krater aufsetzt. Auf dem Flug dahin passiert einiges. Wie für eine Puppenstube, hat Hergé eine kleine Architektur erfunden und perfekt gezeichnet. Übereinander angeordnete Ebenen sind durch Leitern und runde Verschlussdeckel im jeweiligen Boden verbunden. Die Kammern dienen verschiedenen Aufgaben. Vom Maschinen- über einen Schlafraum bis zur Kommandozentrale ist alles durchdacht strukturiert, als wäre das ein Schiff. Oder wie Zimmer in einem rot-weißen Leuchtturm: Das ist die Mondrakete. (mehr …)

Motivation, von Oelke bis Teufel

Er könne nur infizieren – seit sich das Wort „Motivation“ als wichtige Komponente im Unterricht etabliert habe, sei die Vorstellung präsent, es ließe sich auch Lust lehren – meinte Siegfried Oelke in einem kleinen Aufsatz. Oelke war damals Professor für Illustration an der Armgartstraße, der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Er selbst hatte seinerzeit bei Alfred Mahlau studiert. Einige, die später bekannt wurden, Horst Janssen oder Loriot (Vicco von Bülow), waren bei Mahlau gewesen. (mehr …)

Mein Bild: Reform Your Life

Das ist wohl in „Der Schatz Rackhams des Roten“, als Haddock an Deck, den Sextanten in der Hand, bedeutungsschwer beginnt: „Hier stehen wir …“, sagt der Kapitän. Er schaut gerade hinaus, auf das weite blaugrüne Meer, begreift. Der Kapitän vollendet den Satz nicht, wirkt gedankenverloren – und Bienlein, Tim und die Schulzes blicken ihn einigermaßen verständnislos an. Er macht diese Pause, um anschließend um so heftiger loszubrechen, schnauzt einen der Umstehenden an! So ungefähr … es ist lang her, dass ich das gelesen habe. Was meint Haddock, wo ist diese Insel? Genau weiß ich’s nicht mehr. (Das Heft ist im Keller verschollen). Der Kapitän steht an Deck, aber der Sextant in seiner Hand weist schon darauf hin: Es geht um die genaue Position des Schiffes.

Kapitän Haddock, eine glaubwürdige Figur meiner Jugend. Die Comics waren bunt. Zu farbig für einige, sie ernst zu nehmen – John Wayne verkörperte noch regelmäßig einen alten Haudegen, wenn wir Fernsehen schauten. Die Eltern meiner Eltern haben in einer Welt gelebt, die schwarz-weiß gewesen ist. Fragen sind erlaubt. Wer hat anschließend die Bäume grün übergestrichen, nun rote Dächer auf die Gebäude gepinselt, was ist: „Technicolor?“ Meine Familie, beide Großväter hatten Patent. Einer war im Hafen Kapitän gewesen, der andere auf großer Fahrt. Hugo Schnars-Alquist malte als erster das Meer so blau, wie es in den Passatregionen der Ozeane wirklich ist. Er ging selbst an Bord. Die alten Holländer malten, ohne je die heimatlichen schlickig-braunen Brackwasser zu verlassen, einer beim anderen ab.

Die See ist nicht dein Freund: „Alle Mann an Deck, Klar zur Wende!“ Eine Hand für dich, eine für das Schiff. Festhalten! Schlechtwetter, es gibt Augenblicke (nicht nur an Bord, wo Navigation wesentlich ist), auch sonst Wendepunkte des Lebens, die eine klare Ansage benötigen, was gerade nun zu tun ist! Das große Schiff. Jeder kennt Situationen in denen es darauf ankommt auch im übertragenen Sinn, fest an Deck zu stehen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir“ – so ähnlich soll Martin Luther gesprochen haben, und dann hat er den Kurs einer ganzen Kirche geändert. Heute ist Reformationstag. (mehr …)

Als ich klein war

Als ich klein war, wohnten wir im alten Haus. 1976 ließen meine Eltern es abreißen, bauten dort ein modernes Geschäftshaus. So groß bauten sie (und die Bank), dass sie es sich gerade noch trauten. Sie haben sich viel Geld geliehen, und mehr Geld noch haben sie zurückgezahlt, wegen der Zinsen. Unser Haus ist Teil einer belebten Straße mit Geschäften. Natürlich haben sich Straße und Städtchen seit damals verändert.

Als mein Vater klein war, war Krieg. Das alte Haus wurde von einer Brandbombe getroffen. Aber mein Papa war nicht in Gefahr. Es war ja damals das Haus von einem Opa. Er war als Kind Schafe hüten in Friedrichskoog, auf dem Bauernhof eines Onkels. Sein Wohnhaus stand in Hamburg, direkt am Michel. Es wurde total weggebommt, und weil man das schon kommen sah, war Erich rechtzeitig an die Nordsee verfrachtet worden. Unser altes Haus war also das Haus von Opa Werner. Damit ist ein Großvater von meinem Vater gemeint, und der war im Keller, als die Ölfabrik angegriffen wurde. (mehr …)

Nachgeschenkt

Das Leben ist ein Geschenk. Was kann ich damit machen? Die Sparkasse hatte diese Headline für verschiedene Spots: „Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.“ Stimmt das? Können wir über uns verfügen, wissen wir, was Wirklichkeit bedeutet oder ist alles Leben mehr oder weniger Blindflug? Was macht Menschen im einzelnen aktiv, die ganze Erde, Heimat und Basis des Lebens, sich drehen – und wie heftig wäre ein Crash, wenn eine Wand in der Umlaufbahn errichtet würde – ein anderer Klotz im All wird falsch geparkt? (mehr …)

„Wir schaffen das!“

Nicht zittern: „Alles Leben ist Problemlösen“, Karl Popper. In großer Klammer vereint der Philosoph das menschliche mit jeder anderen Form des Lebens. Wir müssen nur einen Tierfilm ansehen, um zu verstehen. Irgend ein strubbeliges Wesen steckt die Nase aus dem Loch, baut am Nest rum, wuselt geschäftig um die Höhle, man kennt das. Vielleicht wird Nachwuchs versorgt. Eventuell kommt eine böse andere Gattung daher und schafft echte Probleme, Kampf und Tod.

Lösen wir Probleme oder schaffen wir Probleme, die wir lösen müssen?

Das Tier löst natürliche Probleme, die ihm eigene Bedürfnisse und eine vorgegebene Umgebung auftragen. Da der Mensch Natur durch soziale Struktur ersetzt, entsteht eine neue Situation. Das ist in vielen Bereichen Realität. Anstelle den Schwierigkeiten durch Wetter, Jagd und anderen äußeren Problemen großer Natur, die ein Urmensch in geringer Stammesgröße lebend, vordringlich meistern musste, haben wir die Umgebung selbst geformt. Je nachdem, zivilisiert im Bereich integrierter Gesellschaft oder verdreckt im Drogensumpf eines Slums, von allgegenwärtiger aber machtloser Polizei wie im Krieg gefangen. Ein sozialisiertes Dasein, eine Sozialnatur, eine künstliche Umgebung. Wir leben nicht vereinzelt hier und da einer im Wald. Unsere Natur ist enges aufeinander hocken mit anderen, die Natur ist vielen nur ein Park. Landmarken, Berührungspunkte, natürliche Widerstände? Die Bäume links und rechts, das sind wir nun selbst. Dennoch scheint es ja gerade die altmodisch echte Natur zu sein, die uns im Klimawandel entgleitet. Wir beginnen, das zu bemerken.

Die Natur kommt zurück.

Im heftigen Wetter und in der Person des afrikanischen Flüchtlings gleichermaßen. „Wir schaffen das?“, dieser Satz der Kanzlerin hat polarisiert – warum? Es sind die, die unsere Realität verdrängen, sie regen sich auf. Aber: Wir ziehen die Grenzen wieder deutlicher. Haben wir eine Wahl – wir vermehren unsere Spezies jeden Tag, läuft deswegen unsere Zeit ab? Der Urmensch hatte keine Uhr. (mehr …)

Wir sind noch selbst die Natur

Nordkirche: Erstmals weniger als zwei Millionen Mitglieder, Schenefelder Tageblatt vom Sonnabend, 20. Juli 2019 – „Wofür der christliche Glaube steht, ist für viele Menschen nicht mehr verständlich“, sagte gestern die Landesbischöfin (…), Kristina Kühnbaum-Schmidt, heißt es dort.

Das liegt wohl daran, dass die Kirche sich als eine soziale Institution unter vielen anderen zeigt. Ist Religion grundsätzlich sozial, also an erster Stelle gemeinschaftlich zu begreifen, wir sind die Weltbessermacher? Oder sollte die Kirche nicht idealerweise auf den einzelnen Gläubigen (innerhalb der anderen) schauen, dem Menschen Orientierung sein, einen guten Weg als Möglichkeit aufzeigen? Wenn suggeriert wird, es sei bereits durch die Mitgliedschaft belegt, der Gemeinschaft der guten oder sogar besseren Menschen anzugehören, kann dieser hohe Anspruch leicht verfehlt werden. Wenn sich die Kirche mit sozialen Hilfsorganisationen gleichstellt, gerät sie in die bekannten Probleme solcher Institutionen. Besinnt sie sich stattdessen auf ihre eigenen Werte, nämlich Menschen in eine verbesserte Welt erst hinführen zu wollen, muss diese Gemeinschaft nicht fertig oder perfekt sein. Das hieße Schwäche innerhalb der Kirche zuzulassen. Eine quasi offene Gemeinschaft innerhalb der Gesellschaft. Wenn Pastoren und Priester annehmen, als Hirte nur den weißen Schafen vorzustehen, bilden die anderen außerhalb eben eine größer werdende eigene Herde aus, und die ist möglicherweise nicht einmal schwarz, sondern bunter und vielfältiger. (mehr …)

Du musst es wirklich wollen?

Es ist nicht verkehrt, sich nach einem Grund auf die Suche zu machen, wenn man etwas nicht versteht. Nach „dem“ Grund, sollte hier eventuell stehen, um genau zu sein. Ein Leben voller Ausflüchte, ein Leben auf der zwanghaften Suche nach Lob und Anerkennung ist die normale Alternative. Die Suche nach dem, was uns bedrückt, irritiert oder verstört, kann von einer Flut von Eindrücken verdrängt werden. Sie verstellen wie dichtes Urwaldblattwerk den Blick auf ein hartnäckiges, kleines Problem: Ein schwarzes Loch im All, ein weißer Fleck auf unserer Karte, die eigene Macke! Schwer erkennbar, weil sie so vertraut und gewohnt ist. (mehr …)

Kalte Küche, was soll das bedeuten?

Eine Geschichte in zwölf Bildern, warum? Daraus kann man einen Kalender machen, das ist ein Grund. Und: Ich wollte ein Konzept entwickeln, eine lange Geschichte umsetzen, mehr erzählen als auf einem einzigen Bild. Wie in einem Film. Plötzlich ging das, da ich einen neuen Eingang in meine Fantasie fand. Es wurde möglich, Erinnerungen mit quasi Schauspielern in fiktiven Situationen neu zu gestalten. Es ist nicht nötig, Inhalte eins zu eins wie im illustrierten Krimi nachzubilden. Du kannst verschrobene Facetten einer Traumsequenz formen. Lücken in der Logik werden im Kopf des Betrachters mit eigenen Bildern gefüllt. Jack London entwickelte sein Thema, nachdem er selbst das abenteuerlichste Leben riskiert hatte. Joseph Conrad fuhr zur See, bevor er schrieb. Der Maler Caravaggio floh in eine andere Stadt, um Beschuldigungen auszuweichen und weiter malen zu können. Wenn man absurde Realität malt, können Elemente kombiniert werden, die in Wirklichkeit ganz andere Bedeutung haben. Ein banaler Hauseingang kann zum Eingangstor in ein Gruselkabinett geeignet sein, wenn das eigentlich nur ein nettes Lokal in irgendeiner Stadt ist. Als Maler stelle ich andere Architektur an seine Seite, erfinde noch ein Boot oder so dazu. (mehr …)