Malerei darf heute …

… so vielseitig sein wie Musik, Schreiben, jede andere Kunst. Seit dem Kindergarten, der Schule, dem Grafik-Studium ist Zeit vergangen: 1964 bin ich geboren, als Illustrator mit Diplom wurde ich 1990 der Wirklichkeit übergeben, dem staatlichen Lernapparat entlassen. Note: „Sehr gut“. Seitdem habe ich illustriert, Segelbücher, die Zeitschrift Yacht, Gelegenheitsjobs, nicht nur Grafik. Es ist mir nicht recht gelungen, aus meinem Leben eine geradlinig und finanziell erfolgreiche Karriere zu machen. Zu Beginn unseres neuen, schon selbstverständlich gewordenen Jahrhunderts, begann ich mit Acrylfarbe zu malen. Erst auf Holz, dann auf immer größeren Leinwänden. Ich wollte mir selbst beweisen, was ich kann. Ausgleich zu einem gefühlten Mangel an sozialer Anpassung, fehlender Ellenbogen. Gegenpol für normale Integration, ein emotionaler Wutboxball für zuhause. Ich wollte wissen, was ich leisten kann, wenn man mich in Ruhe lässt, es meinem Sozialneid entgegen halten. Für mich ist Malen Erfüllung, mein Sinn des Lebens; nicht Glück, ist Begegnung mit allen spürbaren, leibhaftigen Gefühlen.

Brotlos sei die Kunst? Ich verkaufe Bilder. Das kommt durchaus vor. Meine Malerei und ich selbst als Person dahinter verstellen den geraden und willkommen einfachen Weg in die Ausstellungen. Ich passe nicht in bekannte Muster. Ich arbeite an großen Acrylbildern recht lang: mehrere Wochen, Monate. Ich muss ja auch Pflichten erfüllen, anders Geld erwirtschaften und darf meine kleine Familie nicht überstrapazieren. Ich begann die freie Malerei nicht wie eine Ich-AG als Geschäftsmodell. Ich fing einfach an zu tun, was ich vom Talent her konnte, obwohl ich ungeübt war. Ich wollte mich fortentwickeln: Auf mich selbst zu. Ich in war in Illustration und Auftragsarbeit unterfordert und kämpfte nicht wirklich dafür, ein guter Grafiker zu werden. Es gefällt mir inzwischen sehr, mich auf meine ganz eigene Art ausdrücken zu können.

Aktionismus mit dem man leicht in die Presse kommt? Das ist nichts für mich. Ich wollte ja gegenständlich malen, weil es mir liegt. Schiffe, Bauernhöfe oder Brandung und nette Dünen malen, weil das in die Wohnzimmer passt? Schöne Akte, die man auch als Druck anbieten kann? Ich brauche diesen Moment im Alltag, wo ich plötzlich etwas erlebe, begreife: Das wird mein Bild. Nur ich bin grad hier, sehe das aus meiner Perspektive und habe eine eigene Bildsprache, um es nun in wochenlanger Arbeit zuhause zu rekonstruieren und mich damit auszudrücken und auszuleben.

In der Erwartung, als farbenfreudiger Erzähler unterhalten und überraschen zu können –

Herzlich
John Bassiner

Fertig.

Vier Jahre, vier Bilder. „Kalte Küche“ und „Eingänge“, dann „Gurken und Rosen“, schließlich ist „Das grünere Gras“ gerade fertig geworden. Von 2019 bis nun im Frühsommer 2021, schaffte ich pro Jahr nur jeweils ein einziges großes Bild fertigzustellen. In 2018 wurden „Malen hilft“, „Vorsicht Startbahn“ und „Mal kurz für immer“ fertig, und das hat viel Ärger gegeben. Ich habe die Webseite gelöscht und neu angefangen, Schenefeld (und die Welt) zu erklären. Dann gelang mir tatsächlich noch „Kalte Küche“. Meine neue Kunst.

Das sind absurde Gemälde, realistisch umgesetzte Szenen, die es so nicht gibt. Um mir selbst meine Ideen anschaulich vor Augen zu führen, besser als eine hingeworfene Skizze (die mir zu ungefähr wäre), ein Modell von dem Bild zu haben, das mir vorschwebt, greife ich auf die zahlreichen Abbildungen zurück, die ich im Internet finde. Mein Anspruch ist, eine ganz eigene Welt zu schaffen, und so findet sich auch keine Vorlage im Ganzen dafür. Das Haus in „Eingänge“ und „Kalte Küche“ gibt es so nicht, wohl aber den schönen Aufgang in das Restaurant, das wirklich nicht Kombüse heißt. Weitere Gebäude sind aus anderen Abbildungen dazu gekommen, sollen einer Bühne die Kulisse sein für das Bild. Das gleiche Prinzip wende ich bei den Figuren an. Einzelne Gliedmaßen, eine passende Hand oder die Füße, muss ich mir für die exakte Umsetzung zusammensuchen. Nachdem anstelle einer Skizze ein digitaler Entwurf vorliegt, übertrage ich die Idee mittels Pauspapier auf die Leinwand. Ich erzähle hier (bislang) viermal die Geschichte vom Erwachsenwerden, und auf jedem Bild ist eine junge Frau. Hier geht es um Beziehungen, Erwartungen und Manipulation. (mehr …)

Meine kleine Freiheit

Nach dem Wehrdienst, der für mich eine Dauer von 15 Monaten bedeutete, begann mein Studium an der „Armgartstraße“, der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Es war Anfang 1985, und nach zwölf Semestern bin ich vergleichsweise zügig damit fertig gewesen, habe ein Diplom bekommen. Als Regelstudienzeit waren acht Semester vorgesehen. Ich kenne niemanden, der es in so kurzer Zeit schaffte. Nicht, weil die Anforderungen so hart gewesen wären, dass man länger brauchte, sondern aufgrund erheblicher kreativer Freiheiten, was es hier eigentlich genau zu leisten galt oder eben auch nicht. Es sei „ein Sanatorium“, spottete Otto Ruths. Im Ausland würde konzentriert und hart ausgebildet, bei uns könne man machen, was man wolle. Dementsprechend mau wäre die Qualität dieses Studiums, fand mein alter Professor bekümmert. Nichtsdestotrotz: Ich bin also anerkannt ausgebildeter Grafik-Designer und habe informative Illustration als Schwerpunkt studiert, und zwar bei Professor Gero Flurschütz. Das inzwischen selbstverständliche Bachelor/Master-Studium wurde erst später etabliert: Heute heißt dort alles anders. Unser Grad war dem Wunsch nach einheitlichen Bezeichnungen geschuldet. Die FH für Gestaltung sollte als Teil der anderen Fachbereiche integriert ausbilden. Grafiker sind keine Künstler. Sie gestalten den Alltag künstlerisch, sind aber nicht frei, arbeiten im Auftrag. Man nannte es Gebrauchsgrafik. Für Kunst gingen die mit dem Abitur ans Lerchenfeld. Dazu reichte es bei mir nicht. Nach der Realschule schaffte ich noch ein Fachabitur. (mehr …)

Girlande der Schande

Öffentlichkeit ist ein Teil der Kunst, das andere ist die Beschäftigung mit den Mitteln, sich auszudrücken. Nicht nur Künstler, viele Menschen leben öffentlich sichtbar. Das ist eine Erfahrung, die diejenigen, die kaum jemand kennt, eher nicht nachfühlen können. Für die Masse bleibt das auf der Plattform stehen nur eine vage Idee. Aber beinahe jeder teilt seine Ansichten in einer Gruppe. Heute haben wir im Alltag Möglichkeiten, uns selbst darzustellen, die Menschen in den Siebzigern als ich selbst Jugendlicher war nicht kannten. Warum gibt es das? Vermutlich ist die Selbstdarstellung und der Wunsch nach Reflexion menschlich. (mehr …)

Sprung in der Schüssel, Schatten im Blick

# Gebrauchsanweisung für heute

Eine Liste brauchen wir, einen verbalen Verhaltenskodex für die Gegenwart. Sag’ nur gute Sachen. Aktuelle Wörter*innen; sonst! Mach’ den Abflug. Wir sind die Mikroplastik und übernehmen. Die Endzeit macht sich breit. Definieren schafft Sicherheit: Biodiversität ist kein grünes Gesät, es ist der Rest, der lebt. Abgenabelt? Die Welt von gestern und die korrekte von heute, wir haben uns einvernehmlich getrennt. Klarnamen und verpixelte Visagen, Onlinevernissagen, kannst du diese Wörter sagen?

Dann bist du engagiert.

Sei ganz du selbst, und sag nicht was du denkst, dann bist du authentisch. Sag das, was wir sagen. Wir wissen, was gut für uns ist und für dich. Wir schützen dich im öffentlichen Medium, verwischen dein Nummernschild, deine Firma an der Fassade, deine Visage, machen dich weg. Es lebe der Fleck. Malerisch künstlerisch, wir sind: Künstliche Intelligenz, Inzidenz, Vakzin und Impfmedizin. Jede Woche bewegt uns was neu. Mäh, wir folgen der Herde. Du willst nicht? Dann bilde eine Gruppe quer. (Du bist nicht allein). Black Lives Matter, Fridays for Future, Metoo u.v.m. – wer das nicht kann, der hat’s schwer. Leugne nicht, was wir dir sagen! In unsrem Land hat sich’s so böse zugetragen. Schäm’ dich lieber, sei selbstbewusst spontan. Grüße nicht, auch nicht zum Spaß, mit dem ausgestreckten Arm. Die Diktatoren der Kunst müssen wir kulturell entkanzeln. Respektiere die Migranten und deine Tante. Rede nicht die klare Kante; sonst!

Wir distanzieren uns.

Vorsicht, bei Strafe verboten: Sei nicht homophob. Du weißt nicht, was das heißen soll? Wo lebst du denn, das weiß heut’ jedes. Sprichst du über mich was öffentlich, oder im Kommerz, so gendre mich m/w/d. Bist du nicht konform, folgst nicht unsrer neuen Norm, oh weh, da bespitzelt dich der BND, das M.o.n.d (die du bist am Himmel). Weiß ist mein Schimmel. Der Trojaner kommt! Sensible Daten werden transparent maskiert. Sei nett zu den Frauen, sei kein Sexist. Du weißt nicht, was das ist: Mann! Du bist von gestern. Bestell dir keine Zigeunersoße, das sagt man nicht. Gib deiner Straße einen neuen Namen. Küchenhofgasse oder Anne Schmidt Straße; entscheidend ist, du weißt schon. Nicht? Wo kommst du her, weißt du nicht, wie’s sich gehört? Setz auf den Helm, bevor du radelst, mach eine Mammographie, rauche nie. Bio ist ein Muss. Hörtest du nicht den Schuss? Leb vegan, vergiss die Kuh, das Schwein, das Lamm. Sonst!

Mäh zwei, kleiner Prinz. Von gestern ist Saint Exitus: Mal mal selbst dein Schaf. Lebe deinen Traum! Glück besteht darin, den Menschen zu finden, der an dir schätzt, was für andere wertlos ist; da kannst du lange suchen. Keine Langeweile und nie angekommen sein. Die andern werden’s dir schon kaputtmachen, dein Glück. Selbstbeschiss ist möglich, geh’ in die Politik. Da werden Frauen gebraucht, die in der Küche stören. Grill den Bruzzler, selbst ist der Mann. Hast du keinen negativen Test? (Mal dir einen). Geht doch.

Gute Menschen halten zusammen und tun gemeinsam das Richtige, was wir jetzt brauchen. Wir stehen zusammen. Denkt an den Abstand! Tritt aus, ist grad Mode. Geh deinen Weg. Aber geh ihn wie wir. Sonst? Geh. (Hau ab: Putz den Herd, verpiss’ dich in den Hinterhof). Lauf weg. Ich zünde eine eine Kerze an und bete für dich …

🙂

Weil Hoffnung ändert

Weltbester von irgendetwas zu sein, ist nicht nötig. Weiter zu lernen, herauszufinden, was wichtig ist und vor allem dort zu suchen, wo es lohnt, schon. Im Jahr 2016 schien meine kleine Welt doch ganz in Ordnung zu sein. Das würde nicht so bleiben, so viel war uns schon klar. Nach seinem Schlaganfall war mein alter Vater Erich auf Hilfe angewiesen und wurde zu Hause von meiner Mutter gepflegt. Depressiv hoffte er auf gar nichts, sah keinerlei Zukunft für sich und lebte wie zur Strafe, nicht gehen zu können. Dass er dem traurigen Ende näher kam, konnten wir nicht ausblenden. Im Frühjahr wurde zudem eine ärztliche Untersuchung meiner Mutter notwendig; und scheinbar aus heiterem Himmel endete jede vertraute Vorstellung gemeinsamer Zukunft. Mit der feststehenden Diagnose ihres baldigen Todes konfrontiert, strukturierten wir die verbleibende Zeit, in der noch so viel geregelt werden musste. Es blieben wenige Monate dafür. (mehr …)