Man bekommt, was der Laden hat. Es gibt noch diese Menschen, sie sagen beim Bäcker: Ich „bekomme“ (drei Roggen und ein Croissant). Das hat ihnen Mama so beigebracht? Ein Leben lang sind diese Leute so ins Geschäft spaziert: „Ich bekomme.“ Sie fordern es auf eine Weise, die das Ergebnis vorwegnimmt. Anstelle offen gegenüber einer Reflexion zu sagen: „Ich möchte drei Schrippen“, stellen sie es fest. Der Kunde, ein König.

„Ich bekomme.“

Die überraschende Antwort: „Schrippen sind heute aus“, irritiert den Käufer? Man meint schon vorher bestimmen zu können, was es gibt. Nach einer Formel zu leben, lehrt ein Selbstbewusstsein, das nur in einer planbaren Welt funktioniert. Wenn der Bürgersteig einen Radweg enthält, einander begegnende Fußgänger mit Hund oder Kinderwagen Trauben bilden, klingelt der rasende Senior: „Ich komme!“ Ich bekomme den Weg frei, für mich.

Meine Spur, mein roter Teppich. Die Gesunden lieben ihren Nächsten erst an zweiter Stelle, kümmern sich zu erhalten, was sie wollen. Dazu gehört verbale Verteidigung: „Moment. Zunächst komme ich.“ Es ist das Selbstbewusstsein derer, die in zivilen Verhältnissen groß werden. Eine solche Erwartungshaltung kann sich nur erfüllen, wenn man weiß, was der Bäcker im Regal hat. Dann kann der Kunde noch meckern: „Die sind aber klein heute.“ Beschränktheit ist das Normale. Würden wir differenziert lehren, in der Schule etwa, könnten wir Einfluss auf die zukünftigen Generationen nehmen, dass sie flexibler wären. Wir benötigen aber Beschränkte: Der spezialisierte Mensch ist das Ergebnis des Fortschritts. Wir werden darauf ausgerichtet, im systemischen Ablauf das Element eines Teams zu sein. Da ist Beschränktheit erwünscht, und folgerichtig plappert eine Mutter über ihre Tochter: „Sie hat Aspergerautismus und kann anderes nicht ausblenden.“

Das Mädchen rastet aus in einer idiotischen Umgebung. Sie ist die einzige, die etwas merkt. Oha, das kann ich nur sagen, weil sich niemand dafür interessiert und etwa was davon hat, mich zu belehren. Alle nutzen das Netz, um sich in dem was sie tun, von anderen Bestätigung zu holen. Die sozialen Systeme sind den römischen Spielen nachempfunden. Daumen hoch beziehungsweise runter heißt folgerichtig: „weitermachen oder den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen.“ So werden diejenigen, die bereits einige Dislikes haben, ab einer magischen Grenze inflationär und exponentiell mehr davon bekommen. Dabeisein bei den Bösen lohnt, wenn genügend mitmachen.

Als hochintelligent bezeichnet, hat ein Mädchen es schwer. Dazu wurde Asperger diagnostiziert? Was denn nun, krank oder was ganz tolles; wir gefallen uns darin, etwas zu beschreiben, dass wir nur wegerklären mit unseren Begriffen. Wir können nicht ändern, dass Eltern sich ein ganz besonderes Kind wünschen. Eine dumme Idee, die klug bemäntelt daherkommt. Natürlich werden Kinder in der Schule angefeindet, die anders und besonders sind. Die Erwachsenen greifen ja auch alle anderen an, neiden Berühmten den Erfolg. Sie grenzen die Ausländer aus. Männer verhindern Frauenbeteiligung in der Wirtschaft. Die moderne Frau wiederum wird beknackt daran, nichts zu verpassen. Abgehetzte Mütter, die das großartigste Kind, dazu die steile Karriere auch noch und den vorzeigbaren Mann wollen, mit Charisma und in einer guten Firma, ganz oben, der aber zuhause macht, was „Frau“ will. Die gibt es.

Steht der Intellekt in einer Familie oben an, Kultur und die Werte oder die Leistung, der Kommerz – anstelle trivialer Herzlichkeit – gut möglich, dass ein Supermonster rangezüchtet wird, das unser System sprengt. Ein Gen wird gefunden. Das ist daran Schuld – Schicksal. Die beunruhigende Frage steht im Raum, was die Hochintelligenz schließlich bringt? Ein Netz würde gespannt, schreibt das Tageblatt. Ein Fisch wurde darin gefangen und zubereitet, jeder darf mal schnuppern, einen Happen abbeißen; das steht dort nicht. Zunächst werden Klassen übersprungen. Ein Sozialpsychiater oder drei begleiten die Superpflanze, die wie eine Diva vor Stress beschützt werden muss und für die keine vegane Extrawurst genügt. Und nach Schule und Studium, was kommt dann? Überall das beste Ergebnis und die größten Werte noch dazu und mit einer psychosozialen Sonderkrankheit ausgestattet, wird es schwer werden, diese Ansprüche zu einer selbständigen Existenz zu formen. Das ist mehr denn je eine aus dem Baukasten. Das Wunderkind hat allemal die Chance, diese Kisten zu sprengen. Aber man muss sich dann auch eine individuelle tischlern können.

# Das eigene Boot

Wir wissen, was richtig ist und sich gehört? Die anderen auch! Jede Gruppe erklärt sich zum funktionalen wie rechtmäßigen Block. Die Querdenker, der Flügel der AfD, Nordkorea und andere von uns als Unrechtsstaat definierte genauso wie das System Bundesrepublik Deutschland. Auch unsere föderalen Bundesländer begehren auf gegen die Gesamtheit. Wenn wir probieren, eine grundsätzliche Rechtmäßigkeit zu postulieren, scheitern wir schnell. Da ist keine profilierte Ansicht, die irgendwer öffentlich macht, die nicht Widerspruch hervorruft.

Arten sterben aus, der Klimawandel beschert uns Gewitter, die wir so nicht kannten. Neue Gruppen ersetzen alte. Der Busfahrer erzählt: „Wir haben früher auch demonstriert. Aber nach der Schule. Die Kiddies von ,Fridays for Future‘ sind schon morgens im Bus und machen für die Demo blau. Anschließend der Versammlung liegen ihre Pappschilder weggeworfen auf dem Rathausmarkt, und die Stadtreinigung säubert die zu rettende Umwelt.“ Die Zeiten ändern sich. Und Frau Baerbock hat einen Kobold, der sie berät? Da gibt es sehenswerte Videos mit Peinlichkeiten aller Art, und das ist nicht das Schlechteste der Moderne. Wir werden unsere Fehler nicht mehr los und sterben schließlich aus, weil wir im eigenen Dreck verrecken.

Die Gesellschaft ist eine unreflektierte Herde, die nur deswegen in einem komfortablen Jetzt lebt, weil vorangegangene Generationen einen Rahmen schufen. Viele bilden sich was drauf ein, etwas zu leisten, aber diese können das nur tun, weil sie einen Staat erbten, der ihnen den Boden bereitet, auf dem sie sich entfalten können. So stimmt tatsächlich, dass die Gesellschaft ein Team ist und den Fortschritt, die Stabilität des Ganzen sichert. Die Gesundheit des Gesamten hängt also davon ab, dass im Kollektiv zielgerichtet funktioniert wird und das schränkt individuelle Freiheiten ein. Die Pandemie ist ein gutes Beispiel dafür. Auf der anderen Seite schürt der Druck auf Einzelne Aggression. Diese können, formt sich daraus ein eigenes System, eine alles gefährdende Untergruppe bilden.

Gerade ist ein Journalist vor Gericht gescheitert. Er hatte ein Video zu bieten, auf dem er von einer Gruppe Polizisten angegangen wird. Offensichtlich trägt der Reporter eine Kamera am Leib, die alles aufzeichnet. Ein Polizist stößt den Filmenden zu Boden, ist sichtlich aufgebracht, er ließe sich nicht beleidigen. Das Verfahren gegen den Beamten wurde jetzt zur Überraschung einiger eingestellt. Auch die anderen Beteiligten werden nicht bestraft. Natürlich, eine Revision steht noch aus. Der Journalist und etliche, die das Video gesehen haben, folgern, hier decke der Staat sich selbst. Allerdings, dem Film fehlt die möglicherweise vorangegangene Sequenz, denn es wird nicht deutlich, was den übergriffigen Uniformträger so in Rage gebracht hat. Unser System spricht im Zweifel für den Beschuldigten. Sonst würde gelyncht wie damals. Bleibt die Lage ungeklärt, soll der Richter Mäßigung üben. Kein Wunder, dass dieses Verfahren eingestellt wird. Niemand rastet mal so aus, weil es ihm gerade gefällt. Da ist sogar der Polizist nur und tatsächlich auch ein Mensch wie wir anderen.

Die Polizei macht die Drecksarbeit für den Bürger. Dafür ist sie da. Der Normale mag sich nicht selbst wehren, wenn es zu schmutzig wird. Darum gibt es auch hier die Spezialbereiche der Ordnungshüter. Die Unordnung zu bekämpfen, bedeutet sauber zu machen und aufzuräumen. Am Rande einer Demo kommt es zu Reibereien, das ist wohl klar. Wir können froh sein, dass überbordende Polizeigewalt durch aufmerksame Beobachter erkannt und festgehalten wird. Diese Journalisten erledigen für uns eine Grenzziehung. Sie selbst werden im Weiteren in ihrer Berichterstattung beschnitten durch den Staat, der sich gegen Berufsspanner wehrt, logisch. Kein Staat der Welt lässt sich bieten vorgeführt zu werden.

Nie zuvor ist dem Einzelnen klar geworden, wie differenziert jede Betätigung heute eine Spezialaufgabe ist. Die Beschränktheit der jeweiligen Berufe: Sogar der Arzt arbeitet in einem Geschäft! Sein Krankenhaus ist eine Firma. Nur die Ewiggestrigen möchten die staatlichen Gesundheitssysteme zurück, die gute alte Zeit, wo die Medizin noch zum Wohle der Menschen schuf.

Der Arzt ist ein Laden wie der Bäcker. Er hilft dem Patienten nicht, er arbeitet nach System. Kein Mediziner sieht den ganzen Menschen. Er probiert es nicht einmal. Der Orthopäde spricht eventuell von Stress, immerhin, aber was genau dieser Begriff individuell meint, skizziert der Spezialist höchstens. Ein Wort für alle. Einlagen für Schuhe werden bei verschiedenen Beschwerden verschrieben, weil es möglich ist, so etwas anzufertigen. Es gibt sie aus Korkleder oder Kunststoff. Eine Firma verdient Geld damit. Es gibt unglaubliche Apparate in der Medizin und Menschen, die davon leben, sie zu entwickeln. Eine Magenspiegelung kann entscheidende Hinweise auf eine Erkrankung geben. Sie wird gemacht, weil es technisch durchführbar ist. Deswegen bedeutet die Untersuchung nicht, dass der Hilfesuchende durch die Inanspruchnahme des Fachmannes anschließend beschwerdefrei ist. Ein Urologe hat der Sparte nach zugehörige Geräte und Techniken, der Orthopäde hat seine, und der Handchirurg „kann“ ausschließlich Hände. Wie in der Landwirtschaft und anderswo: Es ist naheliegend, dass einer, der täglich Schweine schlachtet, es kann. Wer es gewohnt ist, Spargel zu stechen, tut das besser als irgendeiner.

Bezogen auf die Medizin, können wir feststellen, dass es Ärzte gibt, die in ihrem Spezialgebiet geradezu Wunder vollbringen. Es gibt Chirurgen, die sich einen Namen machen wie Operntenöre. Weil spezialisierte Menschen Bestleistungen erbringen können, heißt das noch nicht, dass der Intellekt automatisch unsere Welt verbessert, indem Erscheinungen unserer Natur Namen gegeben und Fachgebiete kreiert werden. Im Fall einer operierten Hand ist der Erfolg exakt messbar. Diagnosen, die eine psychische Abnormität definieren, kommen über Kaffeesatzlesen kaum hinaus. Das hört der Fachmann ungern, aber es ist schlimmer: Unendliches Leid wird durch Fehleinschätzungen verursacht. Das ist bei verpfuschten Operationen an der auf komplizierte Weise beweglichen Hand schmerzlich – und wenn der entlassene Sexualstraftäter wider die Vorhersage erneut vergewaltigt.

Am Beispiel der falsch operierten Hand ist die Schuldzuweisung präzise möglich. Bei der Beurteilung psychischer Krankheiten steht schon von Beginn an die Frage im Raum, inwieweit ein Außenstehender kompetent ist, verantwortlich für andere zu entscheiden. Dazu kommt, dass psychisch Kranke sich nicht effektiv gegen fachlich deklarierte Bevormundung wehren können. Ihre Krankheit besteht unisono darin, dass sie entweder aggressiv (auch gegen sich selbst) oder depressiv handeln. Sie schlagen zu, ritzen sich die Arme, zwingen Angehörige durch unzählige Blödheiten, sich nur mit ihnen zu beschäftigen oder lassen alles mit sich geschehen. Sie verprügeln den Arzt, töten die Mutter, anstelle sich einen Anwalt zu nehmen. Gewalt dosiert angewendet ist normalgesundes Handeln.

Wir erfinden Krankheiten. Darum gibt es heute nicht den gelegentlichen Zappelphilipp, sondern das ADHS-Kind und den Asperger in der Klasse; Störer. Daraus werden anschließend Gestörte. Wir haben sie solange fertig gemacht und in ihrer Entwicklung gestört, der Name verrät es. Der moderne Mensch ist das Opfer seines Intellekts. Alles bekommt einen Namen, eine Schublade, und das sind ja auch Berufe, die wir schaffen: „Entstörer“ benötigen wir. Was uns bislang noch fehlt, sind Menschen, die diese Berufe so gestalten, dass ihnen die Erfolge, falls es zu einer Besserung kommt, auch erkennbar zugeschrieben werden können.

Im Falle der Sexualstraftäter wird unsere Hilflosigkeit deutlich. Während die Justiz bei denjenigen, die zur finanziellen Oberschicht gehören, Strafbarkeit feststellt, falls es gelingt, ihre gutorganisierten Sexpartys, bei denen Minderjährige die Lustobjekte sind, auffliegen zu lassen, werden weniger betuchte mit der Zuweisung einer Krankheit bestraft. Dann kommt es bei Resozialisierung zu Rückfällen? Auf die Idee, dass unser System grundsätzlich von falschen Voraussetzungen ausgeht, scheint niemand zu kommen. Das ist die Beschränktheit, die uns so gut funktionieren lässt, und sie schafft Arbeitsplätze.

🙁