Was macht krank, warum geht es mir heute gut? Ich kann das beantworten. Besser noch, als dass ich gesund bin, ist dieses Wissen. Was kann ein Mensch tun, der ja nicht irgendwer ist; ich konnte mich optimieren, wie andere ihren Rennwagen oder das Boot für eine Wettfahrt. Im Leben bestehen, auf der Bahn. Nicht aus den Schienen fliegen, wenn Fremde scheinbar die Macht über das Tempo haben. Es bedeutet, das Fahrzeug selbst zu lenken. Ich habe schon viele Regatten gesegelt und einige gewonnen. Es hilft, darüber nachzudenken, wie es beim Segeln ist, wenn Dinge nicht funktionieren und Ratgeber versagen.

Zu einer guten Regatta gehören die Regeln, wie diese zu segeln ist. Man vergleicht sich in einem abgesteckten Revier mit ganz bestimmten Booten. Da segeln nicht große Yachten gegen kleine Jollen, ohne dass ein Kenner wüsste, solche Vergleiche machen wenig Sinn. Gegen einen Großsegler wie die „Gorch Fock“ unter vollen Segeln, mit schönem, achterlichen Wind unterwegs, kann ein kleines Segelboot nie gewinnen. Die Bark wird über den Atlantik segeln, wir fallen zurück und müssen bereits in der Elbmündung aufgeben, schaffen es nicht einmal heil über die Nordsee auf den Atlantik raus. Dabei ist alles unzureichend, um mithalten zu können. Wir haben nicht genügend Proviant, können dem Seegang auf dem Meer nicht standhalten und das Tempo, das unsere mickrigen kleinen Segel an Vortrieb erzeugen, reicht nicht. Wir können bei diesem Kräftemessen nie gewinnen. Die Zeiten, als große Segelschiffe unterwegs waren, kenne ich aus Beschreibungen meines Großvaters. Die „Pamir“ wäre ein 13-Knoten-Schiff gewesen, sagte er etwa, oder von der „Passat“ hätte es geheißen, sie habe bei Flaute noch ein Flappen ihrer Segel (in der Dünung) nutzen können, wäre einem Konkurrenten davon gesegelt. So im Leben: Der Mensch vergleicht sich mit anderen. Für manche steht die Anerkennung und nicht das verdiente Geld an erster Stelle. Wir möchten nicht von Elefanten bewundert werden, sondern einen Platz in der menschlichen Gesellschaft erringen. Auch welche, die meinen, das sei gar nicht so wichtig, ertappt man dabei, auf den Applaus zu schielen.

Ich weiß noch, wie es Piet gelang, dauerhaft schneller zu werden. Anfangs waren mein Mitsegler Henning und ich ihm überlegen, aber auf einer Jahresauftaktregatta schaffte Peter nach etlichen Anläufen einen Durchbruch in Lee. Wir hatten vom Start weg auf ihn gesegelt, da wir nur mit zwei H-Jollen angetreten waren in einer Wettfahrt, die eine bunte Mischung verschiedener Bootstypen darstellte. Mit welchen Großen wir zusammen starteten, interessierte nicht. Wir beide mit unseren Jollen umkreisten einander schon vor dem Start wie die Gegner im America’s-Cup. Es ging elbab bis irgendwo Pagen und dann zurück. Keine anspruchsvolle Sache in der Meisterschaft, einfach nettes Regattasegeln und ganz früh in der neuen Saison. Wir lagen mit unserem Boot gleich vorn, hatten den Start am Yachthafen besser hinbekommen, aber Piet war auf Rufweite bei uns. Wir kreuzten dicht zusammen Schlag um Schlag gegen leichten westlichen Wind an der Nord. Mit meiner neuen Clownfock liefen wir gut, Henning schotete, wenn der Wind nachließ aus der Hand, und Peter griff zwar an, blieb aber ohne wirkliche Chance. Weiter elbab kamen wir sogar deutlich weg von ihm und waren übermütig, guter Laune. Das Jahr schien gut anzufangen.

Die letzte Saison war erfolgreich verlaufen. Wir erwarteten, daran anzuknüpfen. Piet ist ein wenig jünger als ich, und zunächst konnte ich ihn leicht schlagen mit meiner Erfahrung aus dem Pirat. Wir haben beide das Boot unserer Väter jeweils zum eigenen machen können. Bassi, der am heutigen Tag, wo ich diese Zeilen tippe, neunzig geworden wäre, hat sich seine Jolle 1955 bei Feltz bauen lassen und später verkauft, als meine Schwester geboren wurde. Ich holte unser Boot mit dem Kauf also wie zurück in die Familie, und Peter hat anfangs bei seinem Vater mitgesegelt, sein Schiff daraus gemacht, als er alt genug gewesen ist und Adje gern kürzer getreten ist für seinen Sohn.

Diese Auftakt-Regatta irgendwann, bedeutete für Piet, mich von diesem Tag an immer wieder schlagen zu können. Er gewann diese eine, kleine Wettfahrt schließlich. Danach kam er auch in der Meisterschaft nach ganz vorn. Mein Stern sank, im Alltag scheiterte ich auch. Das Segeln verbindet Peter und mich wie damals. Ein gutes Beispiel, finde ich, dass Siege zu erkämpfen oder eben nicht, im Sport anderes bedeuten als die Demütigung, sich selbst zu schaden (und nicht zu wissen wie) im Leben an sich. Wir fingen gemeinsam in der Klasse an, und anfangs war ich besser gewesen. Diese eigentlich unbedeutende Regatta, von der ich schreibe, wurde ein Wendepunkt in mancherlei Hinsicht. Es hat sich gezeigt, dass der Sport das eine ist, das Leben anderes; und ich habe einen Freund behalten, nachdem mein Leben insgesamt scheiterte. Regatten konnte ich nicht mehr siegreich abschließen. Es geriet zur gleichen Zeit alles daneben und zerstörte viele Träume.

Nachdem wir irgendwas bei Pagensand (oder vor Bielenberg) gerundet hatten, liefen wir wohl mit einem nördlichen Wind elbauf. Doch ungefähr am Kleinen Kohn gelang es Peter, uns im geringen Abstand in Lee zu überholen. Da war nichts mehr zu machen. Er ist einfach schneller gewesen. Es ging geradeaus, und die Kunst für ihn hatte darin bestanden, den Anschluss nicht zu verlieren, nie aufzugeben. In einem Moment, wo ich mir die Frechheit auf ihn abzufallen nicht erlauben durfte und vielleicht mürbe geworden bin, brach er einfach durch. Ich weiß noch, wie klar wurde, dass seine Fock freien Wind vor unserem Bug bekam, er leicht hochziehen konnte und die sichere Leestellung, wie Curry es nennt, zu wirken begann. Er wurde nun deutlich schneller und zog beharrlich weiter leicht, ja kaum merklich hoch. Die Jolle raste wie doof nach vorn! Ich erinnere seinen Ausruf in diesem Moment, ein triumphierendes: „Ja!“ oder ähnlich – und das war’s nicht nur für diese Wettfahrt. Er schien nun mit jedem Meter schneller zu werden. Schon unter den Hochspannungsmasten hatte die „Herz Jung“ eine beträchtliche Entfernung rausgesegelt. Wir fielen immer mehr zurück. Das hatte gar nichts mit irgendwelcher Taktik noch zu tun. Ich steuerte einfach schlecht – und hatte mich aufgegeben. Wir kamen eine gute Meile zurück liegend nach ihm an.

Das war nicht nur das Segeln, auch der Beginn dieser Jahre, in denen mein Leben insgesamt jeden Kurs verlor und ich von nun an krank gewesen bin. Auf dem Wasser konnte ich nur im Ausnahmefall noch gut Regatta segeln, jedenfalls blieben Henning und ich beinahe immer hinter Peter zurück. Unsere Freundschaft hält bis heute, muss dazu gesagt werden. Peter ist einer der Menschen, die sehr viel Geld verdienen. Er beantwortet übrigens jede E-Mail umgehend, mein Freund; das nur als Hinweis für welche, die eingebildet sind. Davon gibt es ja einige.

Viele denken, jemand habe ein schnelles Boot, wenn ein Sieger die Regatta gewonnen hat, aber ein Schiff zu trimmen, dass es läuft, ist das eine, schließlich entscheidet Taktik über das Ergebnis im Ziel. Ich fragte Piet später einmal, warum das Boot, das unter Adje nie den Ruf hatte, ungewöhnlich zu laufen, nun so rast. Sein Vater hatte die Jolle besonders auf der Alster, durch legendäre Weise, intelligent die verzwickten Winde dort zu nutzen, bekannt gemacht, damit weniger den Eindruck erzeugt, ein schnelleres Schiff zu besitzen, sondern galt als raffinierter Könner. Das soll meinen Freund nicht abwerten. Es hilft nicht, Dinge schön zu reden: Er segelt besser als ich.

Piet meinte auf die Frage: „Weißt du Jonni, ich glaube, es sind ganz viele Dinge, nicht das Eine, Einzige.“ Dann zählte er auf, was er alles am Boot änderte. Lauter Kleinigkeiten, die jedem Regattasegler bekannte Trimmtricks bedeuten, hatte er gemacht. Ich musste begreifen, dass ich vorher „einfach so“ schnell gewesen war und kaum benennen konnte, wieso. Das hatte irgendwann nicht mehr gereicht. Als ich das Boot kaufte, war die Jolle im schlechten Zustand. Natürlich erneuerte ich vieles. Ich gestaltete etliches moderner. Und dann fuhren wir schnell, die ersten Jahre jedenfalls. Wir gaben Peter den besten Sparringspartner, sein Tempo zu messen. Wir haben immer zusammen mit unseren Booten gesegelt, jedes Wochenende und den langen Sommer in Dänemark.

Piet, ich sage mal, mein Hauptfreund, konnte aus seinem Leben einen Erfolg machen wie auf dem Wasser und mir ist das nicht gelungen. Was ist ein Lebenserfolg? Ein schwieriger Begriff, das weiß ich, und beeile mich, die Sache zumindest im Ansatz deutlich zu machen. Neid ist negativ besetzt. Darum geht es hier nicht in dem Sinne, wie einige meinen. Es ist komplizierter, das Wort vom Lebenserfolg auf dem Boden der Realität anzupflanzen. Deswegen habe ich von unserem großen Segelschulschiff „Gorch Fock“ geschrieben. Das mag darüber nachdenken lassen, ob wir einen Motor benötigen in einem Spiel, wo die Regel zu segeln heißt, ob diese Vergleiche überhaupt Sinn machen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Erreichten heute.

Wir sind in den Sechzigern geboren, meine Schwester Anfang der Siebziger Jahre und so ist es mit meinen Freunden. Klaus ist älter, Piet etwas jünger, und einige sind erst Mitte der Siebziger geboren. Wenn jetzt Krieg in der Ukraine herrscht, fällt das allgemeine Entsetzen auf, dass diese Gefahr so nahe an Deutschland ihre ungewisse Entwicklung nimmt? Das meine ich mit Erfolg; Peter und andere Freunde konnten eine wirtschaftlich stabile Zeit nutzen, sich normal entwickeln. Wir Leute mussten nicht in einen Weltkrieg, während unser Dasein angebahnt, der rote Teppich für Königskinder auf der Sonnenseite des Lebens ausgerollt wurde und die Allermeisten sichere Wege in gesunder Umgebung beschreiten durften. In Deutschland sind es gute Jahre ohne Hunger und Krieg gewesen. Wir kommen aus stabilen Verhältnissen im Westen von Hamburg. Das sind die Wohnviertel von Gutsituierten. Unsere Eltern erlebten das Wirtschaftswunder und nutzten die Jahre. Sie boten ihren Kindern einiges, das andere nicht leisten konnten, als quasi Rampe in die Zukunft. Warum gelang meinen Freunden eine normale Karriere und mir nicht?

Ich kann diese Frage beantworten wie Peter die, warum seine „Herz-Jung“ schnell wurde. Was ich meine, hat nichts mit dem Segeln zu tun. Menschlich ist dieses Problem, meins eben, und überall und zu allen Zeiten passiert es weiter, dass Menschen wie in einem Irrgarten leben, mit Fenster zum Hof, und scheinbar ohne Ausgang. Wir müssen uns selbst helfen, und manche halten uns noch Knüppel in den Weg. Der Grund? Für mich wurde eine Detektivgeschichte draus. Ich habe scheinbar blöde Fragen gestellt und doofe Antworten bekommen. Mir hat es schließlich gefallen, mich anlügen zu lassen. Ich wollte mich und die anderen dabei beobachten, lernen. Mir wurde klar, dass die Doppelbödigkeit des Drumherum problematisch ist. Ich dachte mir, Schwierigkeiten zu provozieren, könne nützen, und beinahe wurde ein Spiel daraus. Die Erfahrungen des Segelns ins Dorf zu übertragen, konnte eine Bühne schaffen.

# Das ist die Kunst

Wir stellen die Umgebung dar, schaffen ein Bild. Ein Modell der Realität bietet offenbar die Möglichkeit, für Vergangenes die eigene Plattform hinzustellen, noch einmal scheitern dürfen und fast wie unser Herr Jesus nach Hause zu spazieren. Denkbar, es anderen wie gemalt anschaulich werden zu lassen, eine fröhliche Hilfe abzugeben? Da lebe ich im Bewusstsein, fertig zu sein mit einem Problem, das viele Jahre ruinierte. Die Besten meines Lebens. Das können einige nicht nachvollziehen? Ich lese Todesanzeigen, warte einfach.

🙂