Zu Beginn dieser Elbe- und Segelgeschichte kommen mir die Schulzes in den Sinn. Schulze und Schultze, der eine mit „t“ – der andere ohne. Die Detektive aus „Tim und Struppi“, Reise zum Mond: Ich denke an den Moment, wo sich beide fest aneinander klammern. Jeder hält sich am andren fest – aber eben nur Mensch an Mensch – und nicht an der Rakete, wie es nötig gewesen wäre.

Das versteht nur, wer das Heft kennt. Anders, als es mit der Saturn V wirklich war, erzählt Hergé die Geschichte vom Mondflug auf seine Art. Der Professor Bienlein erfindet die passende Atomrakete und Tim, der weiße Hund und viele Figuren der bekannten Geschichten, fliegen zum Mond. An Bord gibt es viel Platz und künstliche Schwerkraft. Der Raketenmotor selbst erzeugt Bodenhaftung. Bienlein erklärt seine Physik: Der Antrieb muss ständig in Betrieb sein, damit das funktioniert. Etwa, als würden wir auf eine Autobahn einbiegen und Gas geben, um im rasenden Verkehr mithalten zu können und dabei fest in den Sitz gedrückt.

An Bord ist es komfortabel. Kein Vergleich mit der sardinen-engen Apollo-Kapsel. Die Reisenden bewegen sich vertikal in einem mächtigen Turm, der am unteren Ende von einem Reaktor angetrieben wird. Eine große Düse zwischen den drei Standbeinen für die Landung auf dem Mond erzeugt einen breiten Feuerstrahl. Dafür wird die Rakete bei der Ankunft am Erdtrabanten umgedreht. Die Raumfahrer wenden und lassen sich, gebremst vom Düsenstrahl, auf den Mond sacken, bis die Rakete schließlich in einem Krater aufsetzt. Auf dem Flug dahin passiert einiges. Wie für eine Puppenstube, hat Hergé eine kleine Architektur erfunden und perfekt gezeichnet. Übereinander angeordnete Ebenen sind durch Leitern und runde Verschlussdeckel im jeweiligen Boden verbunden. Die Kammern dienen verschiedenen Aufgaben. Vom Maschinen- über einen Schlafraum bis zur Kommandozentrale ist alles durchdacht strukturiert, als wäre das ein Schiff. Oder wie Zimmer in einem rot-weißen Leuchtturm: Das ist die Mondrakete.

Als einige Male unerwartet der Antrieb ausfällt, fliegen alle schwerelos herum. Der Whisky von Kapitän Haddock schwebt als orange Kugel aus dem Glas! Haddock und seine schweren Schuhe mit den Magnetsohlen, Ingenieur Wolff, ein Mitarbeiter von Bienlein, der Professor selbst und die Schulzes, ein Spazierstock; alles taumelt im geräumigen Kommandoraum der Mondrakete herum. Schließlich erreicht Tim einen Steuerhebel, kann den Motor erneut starten: „Achtung, Festhalten!“, ruft noch jemand, weil die Schwerkraft wieder einsetzt. Die Reisenden erlangen ihr Körpergewicht zurück, und der Flug wird fortgesetzt. Nur die Schulzes stürzen ab: „Eigenartig, wir hielten uns doch ganz fest!“

„Ja, aber woran?“, fragt Wolff die verbeulten und verdutzten Detektive. (Sie hatten sich brüderlich umklammert).

Das hier ist keine Mondgeschichte. Vielleicht tue ich mich schwer, da ich eine Dummheit erzählen möchte. Eine eigene. Da muss ich mich erst warm schreiben. Noch ein weiterer Umweg, bitte: Joseph Conrad schrieb in seinen Romanen kunstvoll konstruierte Sätze in englischer Sprache. Er arbeitete gründlich am jeweiligen Buch. Schreibend konnte er sich elegant ausdrücken. Nicht so im Alltag: Er sprach mit stark polnischem Akzent. Die mit ihm zur See gefahrenen Kameraden und Offiziere an Bord berichteten, er sei oft kaum zu verstehen gewesen. Wenn er Zeit zum Überlegen hatte, gelangen ihm die wunderbarsten Worte. Er schrieb sehr langsam. Es dauerte, bis ein Buch von ihm fertig wurde. In „Spiegel der See“ ist ein Kapitel über Schönheit, Sinn und Zweck der Seemannssprache. Genau und zuverlässig sollten Conrads Worte sein, warum, das hatte er auf See erfahren.

In alter Tradition ist es eine Berufssprache. Sie ist aus handwerklichen Notwendigkeiten und Gefahren an Bord entstanden, dient der Sicherheit und Schnelligkeit in schwerem Wetter. Kein Gerede welches gleich „dem Tratsch gelangweilter Landratten“ mal so oder nach Belieben verwendet werden darf! Eine Berufssprache? Mein Zeitung lesender Vater, gelernter Maschinenschlosser, ärgerte sich jedesmal, wenn nach einem Autounfall der Verletzte „heraus geschweißt“ wird. Was ist falsch daran?

Joseph Conrad wendet sich gegen die Unsitte der Journalisten, den „Anker zu werfen“. Das Schiff „warf“ Anker – ein Unding für Conrad. Warum schriebe man nicht einfach: „Die Flotte ankerte vor der Küste“, oder: „Matrosen bargen die Segel – das Schiff ging vor Anker.“ Nein, immer würde mit diesem so wichtig schweren und unentbehrlichen Schiffshalter in Not- und Alltag „herumgeworfen“. Zudem bekämen Landratten den Eindruck, es mit einem fachmännischen Ausdruck zu tun zu haben. „Let go!“ oder in schönem Seemannsdeutsch: „Fallen Anker“, muss das Kommando an Bord heißen.

Mein Vater erklärte: Schweißen verbindet. „Schneiden“ macht frei; (Schneidbrenner).

Wir hatten ein kleines Boot. Eine offene Jolle aus Holz, mit der auch Regatten gesegelt wurden. Die Elb-H-Jolle bildet hier bei uns eine bekannte Klasse, wie etwa der Pirat oder das Folkeboot. Damit fuhren meine Eltern Urlaube in die Ostsee und als ich geboren war, Badeausflüge an den Sand gegenüber von Schulau. Danach segelten wir ein etwas größeres Schiff, einen eisernen Jollenkreuzer, weil meine Schwester dazu gekommen war und schließlich den Delphin (aus Kunststoff), einen Kielschwerter. Als richtige Yacht war er noch ein wenig komfortabler; alle Boote hießen „Globetrotter“. Als ich ungefähr fünfzehn Jahre alt war, begann ich bei einem Freund mitzusegeln. Nach den vielen Jahren mit unseren Eltern, glaubten wir es allein mit der Elbe aufnehmen zu können. Das Boot meines neuen Kapitäns: Ich kannte die Jolle bereits aus Kindertagen. Bernd hatte die 561 von einem Freund der Eltern gerade gekauft. Hier kennt jeder jeden. Nur durch segeln selbst lernt man gute Seemannschaft, nicht durch die Teilnahme an einem Kurs und den Abschluss einer Prüfung, so wichtig das sein mag.

Später habe ich die 331 „zurück in die Familie“ gekauft. Die Elbe ist anspruchsvoll. Nun konnte ich eigene Fehler machen! Erfahrungsbericht der anderen: „Jetzt ist John gegen die Tonne gefahren“, sagt die Mannschaft zu Steuermann Piet (der vor zehn Minuten selbst eine große, rote Fahrwassertonne abgerammt hat)! Und mit Petroleum der Bordlampe und einem Lappen (weitersegelnd) die Schiffsseite reinigt. Piet zu Kocki: „Nun hängt er mit den Reffleinen an der Tonne fest!“

„Nein!“ „Doch – Wahnsinn, jetzt klettert er auf die Tonne!“

Ja, das war schon bitter. Vor allem, als ich dann, auf der Tonne stehend, mein Boot an den Reffleinen des Großbaums festhalte, das mit prallen Segeln im kräftigen Ebbstrom gurgelt. Jetzt war der Abstand von mir (auf der Tonne) bis zum Achterdeck nicht eben klein. Reffleinen am schwingenden Großbaum sind nicht gerade die typische Art, ein Boot zu halten. Ein feiner Satz, den ich dann noch machen musste. Aber wenigstens das gelang, an diesem Frühlings-Sonnabend, an dem wir Helden der Unterelbe das Segeln erst wieder neu erfinden mussten. Auch mein lieber Peter (Piet), der gleich seinem Vater jede Welle duzt – (schreibt: Die Yacht!).

Wir fanden es attraktiv, diese Boote zu segeln, mit denen schon unsere Eltern so glücklich waren. Die H-Jolle ist in harten Wettkämpfen ein anspruchsvolles Sportgerät. Sie ist ein Zuhause und ein Abenteuerboot auf langen Reisen ohne Motor. Nicht nur, dass wir jedes Wochenende unterwegs waren, auch die Sommer während des Studiums und noch viele weitere Jahre danach, war ich in den Ferien wochenlang in Dänemark auf Tour. Im Laufe dieser Zeit lernten wir geschickt das Wetter und die speziellen Feinheiten dieser Schiffe zu nutzen und begriffen allmählich, unsere Fehler von denen zu unterscheiden, die Leute machen, die keine Ahnung haben. Wahrscheinlich haben wir während langer Jahre einfach zu viele Dummheiten gemacht. Zu wissen, worin genau ein Fehler besteht, ist der Unterschied der den Profi vom Amateur unterscheidet.

Schon damals, als Bernd und ich anfingen, machten wir Mist. (Auch: Wir krachten im Regattaeifer auf die Steine eines Stacks). Vielleicht erklären die zahlreichen Blödheiten unseren überheblichen Humor, den wir gern zum Besten geben, wenn ein ungeübter Skipper seine Frau mit Worten traktiert, die verloren am Bug eines Mega-Kreuzers Dummheiten ausbaden muss: „Er“ rauscht (mit der potenzierten Kraft seines Motor-Gashebels) in den Hafen, „sie“ steht mit einem Plastikfender hilflos am Steven, ratlos. Unmittelbar Betroffene auf den anderen längsseits im Päckchen festgemachten Schiffen beginnen hektisch zu werden …

Eine Extra-Dummheit zum Schluss, allein meine, leider. Jetzt kommt die Geschichte. Das Leben. Ich fange jetzt wirklich an: Während der Pause zwischen den Wettfahrten vor Blankenese schossen wir mit unseren Jollen im frischen Westwind herum, aßen mitgenommene Brote und versuchten, „trocken“ zu segeln. Ein böse blauschwarzes Gewitter zog auf. Mein Kapitän beschloss, angesichts des feinen Böenkragens, der nun immer besser herauskam, die kommende Regatta sausen zu lassen. Wir wollten das alles vor Anker abwettern. Eine gute Idee, finde ich bis heute. Über der Wand stand ein schnee-weißer Amboss. Und unten, über Schweinesand und den niedrigen Büschen dort, auch südlicher, über dem Este-Sperrwerk, war nichts helles – überhaupt nicht. Das dunkle Blauschwarz reichte ganz runter bis auf die Kimm. Mutmaßlich kein Entrinnen vor einer starken Bö!

Und es wehte ohnehin fest aus Nordwest. Fieberhaft, während das Boot im frischen Wind in jede Welle stob, Gischt mich eindeckte, knotete ich unsre lange Leine an den grauen Klappdraggen. Dann faltete ich den Anker klar, steckte den kleinen Splint zur Sicherung in die Bohrung und kontrollierte meinen schönen Palstek. Ein feiner Knoten. Bis in die heutigen Tage, seit beinahe vierzig Jahren nun, wird er halten, bestimmt. Wo immer auch diese beiden treuen Kameraden der „Lütt Seemann“, Anker und Leine, noch herummodern, dieser Knoten gibt nicht nach, todsicher – und ich habe ihn selbst gemacht!

Es war das andere Ende, wo es zu Versäumnissen kam.

Bäuchlings robbte ich, überkommenden Wellen trotzend, mit dem Anker in der Hand, auf unsrem kleinen dreieckigen Vorschiff zur Spitze nach ganz da vorn. Durch mich und mein Gewicht an Deck der schmalen Jolle, haute das Boot noch fester in das aufgewühlte Kabbelwasser des Mühlenberger-Lochs. Eine Ladung Wasser nach der andren klatschte mir in den Oelzeugkragen. Ehrgeizig warf ich, schmiss  – ja schleuderte! ich, Conrads Worten und dem Wetter trotzend, unseren kleinen Eisendraggen in die schaumig verwehten Wellen vor Blankenese.

Es gab kein Kommando „Let go!“ oder so. Nur den brüllenden Kapitän: „Mach auch am Mast fest, mach das Ende fest!“ Die Fock knatterte laut schlagend über mir, da Bernd gute Höhe steuerte, um Neigung nach Lee zu vermeiden. Ein umsichtiger Kapitän – ja! Sonst wär’ ich gleich bestimmt schon Backbord abgeglitten. Nein, es lässt sich nicht leugnen, trotz Knatterfock, ich hörte sein wiederholtes Mahnen: „Mach das Ende am Mast fest!“ er brüllte so heiser und so oft – das kann man nicht vergessen.

Auch nicht vergesse ich, wie mir Stück für Stück die Leine durch die Finger geht! Die Bö setzt ein, ich liege da auf meinem Bauch, nur knapp über dem Wasser. Blicke voraus in jede Welle, klatsch, klatsch – und dann gleiten mir die letzten Zentimeter durch die Hände, weit ausgestreckt, über den Bug hinaus, sind wohl meine Arme.

Text für Emily, 2012