Als ich klein war, wohnten wir im alten Haus. 1976 ließen meine Eltern es abreißen, bauten dort ein modernes Geschäftshaus. So groß bauten sie (und die Bank), dass sie es sich gerade noch trauten. Sie haben sich viel Geld geliehen, und mehr Geld noch haben sie zurückgezahlt, wegen der Zinsen. Unser Haus ist Teil einer belebten Straße mit Geschäften. Natürlich haben sich Straße und Städtchen seit damals verändert.

Als mein Vater klein war, war Krieg. Das alte Haus wurde von einer Brandbombe getroffen. Aber mein Papa war nicht in Gefahr. Es war ja damals das Haus von einem Opa. Er war als Kind Schafe hüten in Friedrichskoog, auf dem Bauernhof eines Onkels. Sein Wohnhaus stand in Hamburg, direkt am Michel. Es wurde total weggebommt, und weil man das schon kommen sah, war Erich rechtzeitig an die Nordsee verfrachtet worden. Unser altes Haus war also das Haus von Opa Werner. Damit ist ein Großvater von meinem Vater gemeint, und der war im Keller, als die Ölfabrik angegriffen wurde.

Eine englische Brandbombe traf nicht die Mobil-Oil, sondern die Badewanne von Opa Werner. Dort ist sie ertrunken! So kam es nicht zur Zündung. Werner kam aus dem Keller, räumte auf und flickte nach dem Krieg das Dach. Dieses reparierte Dach, wie ich es als kleiner Junge im Hintergrund unsrer Spiele im Garten noch immer in Erinnerungen vor mir sehe, war rot, fast orange. Es leuchtet wie damals in der Sonne für mich, wenn ich nur kurz die Augen schließe. Ja, es geht mit offenen Augen, dann aber weine ich.

Ein Drittel vom Dach war schwarz. Dort schlug damals die böse Bombe hin. Eingeschlagen hat 1976 auch die große Betonkugel, die an eine Kette des noch größeren Menck-Bagger-Kranauslegers angetakelt war. Die hat gleich das Ganze umgehauen: Unser Küchenfenster, den Dachüberstand darüber, mit den Nestern der vielen kleinen Schwalben, deren Wiederkommen ich im Frühjahr stets so sehnlich erwartet hatte. Die weiß gekalkten Mauern mit ihrem kleinstädtischen Charme, alles weg, ab, runter. Immer wieder ließ der unbarmherzige Baggerführer das Ding, diese riesengroße Kugel, wie ein Mörderpendel in die Wände schlagen, bis nur noch ein großer Haufen Schutt lag. Er hat sicher Geld dafür bekommen. Baggerfahrer ist ein Beruf.

Nachbar Frank, nur zwei Jahre älter, hat alles mit Kamera festgehalten, auf Super-8-Film. Ich war sechs Wochen in Berchtesgaden. Angeblich wog ich zu leicht. Sie haben dort einen Berg mit zwei Spitzen, Watzmann heißt er, und einen Königssee mit einer kleinen Kirche. In Sicht unsres Barmer-Ersatzkasse-Kinderheims war der Unterberg, er ist lang dahin gestreckt, eckig. Ich stehe wohl immer noch an der Schaukel im Garten des Kinderheims und schaue hinauf zum Berg: Weiße Wolken ziehen langsam und ganz weit oben entlang seiner grauen Kanten, Vorsprünge – und der Himmel darüber ist tief dunkelblau.

Ich sollte, um vor den anderen Kindern in einer Mutprobe zu bestehen, ein Mädchen küssen. Da ich bis zu diesem Tag noch keine Freundin gefunden hatte, an diesem Ort für verschickte Kinder (elf Jahre war ich alt), überredete ich just vor diesem Abend (eindringlich, beschwörend, wie nötig es sei, dabei zu sein) ein noch etwas jüngeres, schüchternes und sehr blondes Mädchen, der das Ganze recht suspekt war. Sie hat aber mitgemacht, und dafür bin ich ihr bis heute dankbar.

Ich überstand das Heim, aber als ich nach Haus kam, war dort kein Haus mehr. Auch kein Garten. Der Birnbaum, der große Birnenbaum, der mir immer der Baum vom Kalle Blomquist gewesen war, war weg. Ich lag nicht detektivisch kombinierend drunter, wie Kalle – aber unter seinen Zweigen stand doch immer der hellgrüne Kadett von Herrn von Holt. Seine Frau war bei uns Verkäuferin. Wo würde der nun parken?

Wo der Garten gewesen war, lag Sand aus dem Loch der Baugrube. Ein großer Berg, gelber Sand, Lehm und Schutt. Und ein zweiter Berg dahinter, schwarzer Mutterboden – zusammen unser eigener kleiner Watzmann? Drum herum glotzend wir vier: Meine Eltern freuten sich wie närrisch, so Großes taten sie doch wohl gerade!

# Als ich klein war, zweiter Teil

Als ich ungefähr drei Jahre alt war, trugen von meinen Eltern beauftragte Tischler zwei große weiß lackierte Holztüren durch unser gewundenes Treppenhaus nach oben in die Wohnung. Wie diese Männer, die Türen tragend, den Bogen der Treppe aufwärts nehmen und schnaufend damit von unten aus näher kommen, das ist meine früheste Erinnerung. So bekam ich ein Kinderzimmer. Diese Türen wurden zu einer Doppeltür montiert, damit konnte das Wohnzimmer abends gegen meins geschlossen werden, ich ungestört schlafen, die Eltern noch reden.

Dann lag ich heimlich lauschend an der Ritze unter der Tür. Dort, wo so interessant gelblich golden auf den alten lackierten Holzdielen das Licht schimmerte und ein Gemurmel von Stimmen später Besucher zu mir drang. Vorher war der Durchbruch zwischen den beiden Räumen einfach offen gewesen. Große Fenster blickten auf die Bahnhofstraße. Über den Flur, der eine eigene Tür jeweils zu meinem und dem Wohnzimmer hatte, kam man geradeaus in das kleine Bad, wo mein Vater in Eigenarbeit viel verändert hatte. Rosa war es gekachelt, schweinchenrosa – mit weißen Fugen. An die Dusche mauerte mein Vater einen kleinen Deich gegen das Zimmer hin, eine selbst gemachte Duschwanne entstand, und darin wurde ich gebadet.

Bog man am Ende des Flurs links, war dort das Elternschlafzimmer mit dem Ehebett. Es gab auch einem kleinen Balkon. Die Fenster der Balkontür trugen im Winter die schönsten Eisblumen auf ihrem Glas. Das sehe ich heute nie mehr. Ein weiteres Fenster ging zur Gartenseite. Da konnte man leicht auf das Dach des Anbaus klettern. Dieser Anbau hatte Flachdach mit Teerpappe und ging über die volle Breite vom Haus. Rechte Seite Flurende: hier war die Küche, eine Speisekammer ging noch ab.

An der Tür zur Speisekammer habe ich immer gepumpelt. Was das ist? Wenn morgens das große Müllauto kam, sprangen an jedem Haus die auf dem Tritt mitfahrenden Männer ab und hängten die Tonnen in die Vorrichtung des Fahrzeugs. Sie schwangen die Mülleimer schwungvoll mit der am Auto eingebauten Mechanik halbkreisförmig aufwärts, ließen sie dann einige Male auf und ab und gegen den Anschlag dengeln, bis sie vollständig leer waren. Das machte ich mit unsren Milchkannen an der Tür zur Speisekammer nach, und das ist pumpeln.

In der Küche wurde auch gegessen. Ich bin mir unsicher, wie das bei uns (meinen Eltern) mit dem Herd war. Nachher hatten wir eventuell schon einen Gasherd, heizten aber zu Beginn noch mit Kohlen, Koks- und Eierbrikett. Im Kachelofen im Wohnzimmer nahm man die Koks, die kleinen eiförmig gerundeten Kohlen wurden in der Küche verwendet, auch Brikett dort. Alles lagerte in Kisten im Keller, (wo es auch eine Kartoffelkiste gab) und wurde immer hoch getragen.

Aber auf jeden Fall dort ganz oben, in der Wohnung unter dem Dach, direkt über unsrer, mit schrägen Wänden, wo Oma Lina wohnte, war ein Küchenherd mit diesen Eisenringen in den Feuerlöchern. Je nach Bedarf wurde hier die Hitze angepasst. Durch Herausangeln eines Rings mit dem Eisenhaken konnte man die flammende Öffnung jeweils um den entsprechenden Radius erweitern. War es zu heiß, legte man einen oder zwei Eisenringe passgenau in die Mitte, bis es wieder stimmte.

Bei Oma auf dem Klo oben, wo alles ganz eng und dachspitzig war, gab es überall bis in die hintersten verwinkelten Schrägen hintapezierte Katalogseiten, mit Abbildungen von Dampf- und Diesellokomotiven oder den modernen elektrisch betriebenen Loks, mit ihren hochgestellten Stromabnehmern, in originaler Bemalung der damaligen Zeit. Da waren auch die grünen und blauen D-Zugwagen, wie ich sie kannte, wenn wir mit der Eisenbahn nach Büsum an die Nordsee fuhren. Tankwagen und alle möglichen Güterwagen hatte jemand zu ganzen Zügen aneinandergereiht an die Wände geklebt. Ausgeschnitten vielleicht aus Märklin-Modellbahn-Katalogen, ersetzten sie eine nicht vorhandene Tapete. Oder sollten auch Lücken gegen den Wind verteidigt werden? Manchmal schneite im Winter dünner Pulverschnee hauchfein durch die Dachritzen. Auf dem Klo war es dann buchstäblich arschkalt.

# Als ich klein war, dritter Teil

Vom Kinderzimmer aus sah man auf die Straße, oft stand ich dort, ja! Noch heute male und zeichne ich aus dem Fenster meines Ateliers schauend. Meine ersten Kinderbilder waren Straßenbilder. Mein Vater bestand darauf, stets unsren Laden mit einzumalen, ganz schön egoistisch und eingebildet, nicht wahr? Ich sah so viel: Die Bogenlampe schwang im Sturm! Bei Fenske wurde das Schaufenster dekoriert. Der Schnee vor der Bücherei, die mal das Kino war, wurde mit dem großen Schiebebagger von Körner weggeräumt. Ich hatte ihn von SIKU selbst auch in klein, als Modell. Er war grün und rot, mit gelber Hydraulik.

Die großen orangen Sauber-Autos, Kehrmaschinen, mit dem gerundeten Tank für den Dreck, die im Sommer die Straße beesten (mein Kinderwort: kommt von Besen), wurden im Winter zu Schieberautos. Auf diese Art vorn umgebaut, schoben sie mit leicht schräg gestelltem Schieber den Schnee an den Straßenrand in Richtung der Parkstreifen, die wir ganzseitig längs der Fahrbahn hatten. (Anfangs war es keine Einbahnstraße).

Vor Weihnachten bauten die Männer in geringen Abständen die hölzernen Tannenbäume auf, als Straßenschmuck. Sie stellten sie in die Löcher, die im Sommer mit Metallplatte verschlossen wurden. Ganz früher nahmen die Arbeiter einfach eine passende Gehwegplatte auf und gruben mit Spaten und Schaufel ein Loch für den Lampenbaum. Dann schraubten sie normale Glühbirnen in das Metall-Dreieck oben, machten Lichttest, tauschten eventuell schlechte Birnen mit Hilfe einer Leiter aus. Zum Schluss wurden echte Tannenzweige spiralförmig um den Mast gewickelt, Baum für Baum, die ganze Straße entlang. In das dreieckige Gitter der Spitze kam ein passender die dreieckige Form ausfüllender Tannenzweig.

„Die Kastanien blühten, die Hauptstraße lag im tiefsten Frieden, und man hörte den Pfiff der Lokomotive vom Sechsuhrzug.“ So ähnlich beginnt wohl ein Buch von Astrid Lindgren mit Kalle aus Kleinköping in Schweden. Ja, wir haben das hier probiert, anstelle eines Pakets, wo Onkel Einar (im Buch) alles durchschauend schnell seinen Fuß drauf setzt: Wir nahmen ein altes Portemonnaie vom Großvater, versahen es mit dünner Schnur zum schnellen Wegziehen, wenn ein gieriger Passant käme und versteckten uns unten an der Auffahrt. Mark, Franziska, Frank und ich – aber es klappte nicht.

Zirkus machten wir tatsächlich auch, in unsrem großen Garten, hatten jedoch nicht das Pferd, hatten nicht den Krieg der weißen Rose – aber Regina von Schlachter Heins. Sie war dünn wie Eva Lotte, damals.

# Als ich klein war, vierter Teil

Im Wohnzimmer war in der hinteren Ecke der große beinahe zimmerhohe gemauerte Kachelofen. Die quadratisch sandfarbenen Kacheln hatten fast die Abmessungen von großen Schallplattenhüllen, größer jedenfalls als Topflappen. In der anderen Ecke war die Tür zum Flur, dann kam etwas Wand, Platz der Musiktruhe, die später näher an den Ofen rückte, zum neuen Schrank.

Die Südwand, dem Durchbruch mit den beiden weißen Türen gegenüber, war fensterlos. Dort stand das graue Sofa, darüber ein selbst gemaltes Ölgemälde meines Vaters; Segelschiff, Dreimaster. Er hatte ein Johannes-Holst-Originalgemälde vom Buchtitel „Spiegel der See“ Joseph Conrads kopiert. Aber (nicht nur) die Webeleinen waren von ihm vergessen worden; schlampig gemalte Striche auch die nackten Wanten. Weitere Fehler: Die See des Ozeans war ihm zu steil und kurz geraten, wie Schwell eines Bugsier-Schleppers, der an das Ufer schlägt. Und das habe ich ihm schon damals vorgehalten.

Als meine Eltern den Laden eröffneten, bekamen wir diesen Büroschrank, der sogar einen Safe für die „Bombe“ hatte. Diese Bombe war ein kleiner abgerundeter silberner Container aus Metall. Er kam nach Einwurf seines vollen baugleichen Vorgängers, der die Kasseneinnahmen des Ladens enthielt, aus dem Apparat der Volksbank oder der Stadtsparkasse geschossen, mit einem polternden Geräusch. Vorher hatte man unauffällig, die „Bombe“ mit dem Geld im Mantel verborgen, noch einen Spaziergang zur Bankfiliale zu machen.

In der Ecke, in der unser Kachelofen nicht war oder auf der Sofaseite am Fenster, jedenfalls nicht beim Flur, stand im Winter der Tannenbaum mit den Geschenken. Ich verlangte stets einen deckenhohen Baum. Da kam meinen Eltern ein Hocker gerade recht: der hatte in die Oberseite so weiße Kacheln eingelassen und geschwungene Beine. Das war schon mehr ein kleiner Tisch, als ein Hocker; aus dunklem Holz, beinahe schwarz. Im Sommer standen Blumen darauf.

Wir gingen Heiligabend nicht in die Kirche. Der Laden wurde bis mittags geöffnet. Die Leute holten eingetütete schon bestellte Karpfen ab, die von uns in der voran gegangenen Blutnacht erschlagen wurden. Mit mir gaben Tante Käthe und Peter (vom Segeln) die Fische hinter der grünen halb geöffneten Garagentür den Leuten aus.

Bei Frau Herchenhan durfte ich mich keinesfalls mit dem Wechselgeld vertun: Meine liebe alte Klassenlehrerin. Man muss immer weiterzählen; kostet es zwölf Mark und siebzig Pfennig, denkt man gar nicht. Man beginnt automatisch Geld aus dem Fach zu nehmen. Man nimmt drei Zehn-Pfennig-Stücke, ähnlich den heutigen Zehn-Cent-Stücken, dann ist man bei dreizehn Mark. Jetzt nimmt man ein Zwei-Mark-Stück oder wahlweise zwei Eine-Mark-Stücke, erreicht so fünfzehn Mark. Wenn man jetzt noch ein Fünf-Mark-Stück aus der Kasse fischt, kann man gleich auf zwanzig rausgeben. Gibt die Kundin aber vielleicht fünfzig, kommen noch dreißig dazu.

Abends nach dem Essen (alles, aber nie Karpfen am heiligen Abend), eventuell Ente oder Gans (manchmal hatten wir Streit mit dem Schlachter, wegen falschem Gewicht oder Geruch des Vogels), kam die „Geschenke-Schlacht“ bei uns. Sie artete ab 1971 mit meiner Schwester noch aus. Wir Kinder der Kinder des Wirtschaftswunders!

Am Schlimmsten jedoch war es einmal früher, noch so ganz am Anfang. Ich hatte mir einen zweiteiligen Fernlaster-Sattelzug mit Anhänger gewünscht und bekam ihn! Er war so groß, ein Kind konnte reiten darauf. Es war so toll! Ich war super aufgeregt. Alle lachten, wir freuten uns ja so, ich weiß noch. Überall lagen Papierhaufen der ausgepackten Geschenke, und die Kerzenflammen des Tannenbaums flackerten in der aufsteigenden Wärme.

Ein gelber mit Wasser gefüllter Zehnlitereimer stand drunter. Ich schob das Auto herum, kuppelte den Anhänger ab und wieder an, rangierte rückwärts damit. Der Lastwagen war in großen braunen Pappkartons gewesen, wie so Umzugkartons etwa. Spät am Weihnachtsabend machte ich diese Kartons, die ja nur die Geschenkverpackung gewesen waren, in einem irren Hüpfen, Springen, Trampeln, Treten und Reißen und unter dem Beifall der lachenden vor Glück strotzenden Eltern restlos kaputt. Wem von uns dreien war die Idee gekommen?

Absolut unerwartet (auch für mich selbst) geschah es dann; mein Stimmungswechsel überraschte alle. Ganz plötzlich nun, schlugen mir mein Toben und Lachen, das Trampeln und Freuen um: in allerheftigstes Weinen und Schluchzen! Die Kartons hätte man ja noch zu Häusern für den Laster (auch Garagen oder so was) machen können, war es das? Ich weiß heute nicht mehr. Versuche meiner Eltern, mich tröstend wieder zu beruhigen, begannen verstört. Sie lösten den Abend schließlich so: „Lieber nun ab ins Bett mit dir, ist ja auch wirklich spät geworden.“ Es schüttelt mich noch heute, daran zu denken.

# Als ich klein war, fünfter Teil

Ich liebte Louis Armstrong, liebe diese Musik bis heute. Mein Vater bevorzugte ja vielleicht die spätere (und neuere Schallplatten Aufnahme) von zum Beispiel dem originellen Jazz Stück: „Ory’s Creole Trombone“ von Kid Ory’s eigener New Orleans Jazzband aus den Fünfzigern, ohne Louis, der inzwischen eigene Wege ging, Weltstar geworden war; das konnte ich nie begreifen. Die Hot Five- und Seven Aufnahmen von Louis liebe ich wie ein Schatz Goldstücke, bis heute. Goldene Töne, dazu blaue Töne der Klarinette von Johnny Dodds, später Ed Hall bei den All Stars, Teagarden, Trummy Young – ich konnte Stunden mit diesen Aufnahmen zubringen.

Und natürlich: Gerd Vohwinkel in „King of the Zulus“ – die Aufnahme vom Zehnjährigen der Old Merry Tale Jazzband! Meine Eltern sind wirklich Teil des applaudierenden Publikums auf der Schallplatte, waren vor Ort dabei. Die mitreißende „Bourbon Street Parade“ mit allen vier Trompetern der Merrytale, die aufeinander folgenden Soli von Sputnik und Gerd! Ein wenig wie bei Ory ist „Opel Super Fünf“; Vohwinkel hat viele Stücke geschrieben.

Es ist auf der Fünfzehn-Jahre-Doppel-LP. Das ist die, bei der die Titel vertauscht gedruckt sind. Die Band imitiert das Auto des Orchesters. Man war damit unterwegs zu verschiedenen Gigs durch das Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre. Der Motor lief fehlerhaft auf fünf Zylindern. Die Band interpretiert das: Bis zu dem Moment nun endlich, auch nach musikalischem Stottern und immer wieder noch einmal Anlauf nehmen, alle sechs Zylinder zusammen arbeiten und die schönste wohlklingende und dahingleitende Musik uns entführt: in fließende Fahrt voll Harmonie. Abrundend stottert der Motor am Schluss noch einmal, alles wie echt von den Musikern intoniert!

Wir hatten eine Musiktruhe mit Radio und Plattenspieler, Plattenhalter (wie Teller in der Spülmaschine). Meine Lieblingsaufnahme war eine Instrumental-Schnulze, kein Jazz. Sie war tatsächlich auf einer Postkarte in Rillen gepresst worden. Die Karte hatte ein kitschiges Bild: Sonnenuntergang, Passagierdampfer. Die konnte man ganz normal auflegen und abspielen: Daaa Dada Dadadie immmdadadideda, und später kommt dies: Didadadidadadidadadi – di – bitte nicht lachen! Wenn die blöden (Name geändert)-Kinder bei uns waren, deren Mutter bei uns verkaufte, sie nicht wusste wohin mit ihren Kindern, musste ich mit ihnen in unsrer Wohnung oben zusammen auskommen, spielen. Sie wollten immer nur Musik mit Gitarren und mit Gesang. Gesang musste sein, und sie lachten mich aus für meinen Geschmack.

Später hatten wir einen kleinen weißen Fernseher. Die Mondlandung haben wir noch beim Opa gesehen. Den wichtigen Boxkampf von Cassius Clay, dem Boxer, der sich später in Muhammad Ali umbenannte, sahen wir bei Onkel Berend. (Als ich in den Neunzigern, im Versuch, Uli nun doch für mich und von mir zu überzeugen, nach Chicago über den Ozean flog, war eine Mutter mit Kind im Flugzeug meine Begleitung. Fremde, aber nett: „Zeig ihm was du hast“, sagte die Mutter, und das Kind zeigte mir einen Zettel mit einem Autogramm. Ein einfacher karierter Zettel aus einem Schulheft. „Das ist die Unterschrift von Muhammad Ali im Original“, sagten sie. „Auf dem Hinflug war er mit uns im Flugzeug.“ Ich habe das geglaubt).

Dass es mit Uli klappt, glaubte ich auch lange.

Der Fernseher zog mit in die Übergangswohnung um, sie war für die Bauphase. Er zog um in das neue Haus, und er hatte nur drei Knöpfe für nur drei Programme in schwarz, weiß und nötigenfalls grau. So war das. Am Boden, im alten Wohnzimmer, lag dieser grüne Teppich. Er hatte so ein Muster aus gelb/blauen Quadraten, tat viel Gutes als Spielgrund, war Straßenboden und so. Er zog auch um, aber nicht mehr in den Neubau. Ich vermisse ihn.

# Als ich klein war, sechster Teil

Mein Vater war kreativ. Er malte die Deko- und Bühnenbilder für Feste des Segelvereins. Er hatte das Treppenhaus mit Leuchttürmen der Elbe bemalt und eben auch den Dreimaster bei uns im Wohnzimmer. Ich bekam eine Schultafel für zu Haus, malte ebenfalls Dreimaster, mit Kreide. Meine Mutter hatte technische Zeichnerin gelernt und konnte durchaus zeichnen, auch künstlerisch. Mein Vater lobte mein Talent auf vielfältige Weise, er bastelte, sägte, schraubte und spielte oft mit mir. Er war so stolz und glücklich ein Familienvater zu sein, einen Sohn zu haben.

Mein Erich baute für mich Schiffe aus Holz. Wir bauten auch zusammen an einem Hapag-Dampfer, im Hinterraum des Ladens. Wir alberten über die deutsche Sprache, sagten: „Der Mast, die Mäste“ statt korrekt „Masten“, wir „beölten“ uns vor Lachen – sagt man das heute noch? Der Hapag-Dampfer wurde, da zunächst unvollendet, von mir später allein, als ich etwas älter und geschickter war, schließlich als grüner Kümo (Küstenmotorschiff) fertig zu Ende gebaut. Das passte vom Maßstab her besser zu Schlepper und Schute.

Mein Vater baute einen blauen Metall-Tunnel für die Holzbahn, die heute Brio-Bahn heißt. „De Wihnachtsmann hätt’ wat los“ lobte Jan, der Arbeitskollege in der Schlosserei, denn Erich baute auch diesen tollen Magnus-Hebekran und sogar ein Wrack zum Bergen gleich mit! Er baute fehlende Diesellokomotiven aus Holz. Er baute mir Dampfer aus Elbsand mit dickem Schornstein, Masten aus Zweigen oder Schilf der nahen Schlickbänke, wo wir etwa die Jolle an den Strand gezogen hatten: Damit segelten wir am Wochenende. Ich war, in der Plicht stehend und vor mich hinsummend, vielleicht das Radio für alle an Bord? Ich war Aussenbordmotor, wenn ich, Beine strampelnd und Wasser verspritzend, achtern an Deck versuchte, uns Fahrt zu geben, während wir doch ankerten! Das Elbwasser hatte „Schaumiche“ – ein weiteres Kinderwort, das wir hatten. Gemeint waren diese Gruppen von Blasen (in vertraut schmutzigem Weiß), die sich im strudelnden Wasser bilden, in dem wir stets bedenkenlos badeten.

Wir waren alle rund um den Tisch im Wohnzimmer versammelt (über dem Sofa dahinter der in Öl gemalte Dreimaster), als schweren Herzens die Jolle verkauft wurde. Die Käufer zahlten mit braunen Tausend-Mark-Scheinen. Das neue Boot hatte eine Kajüte. Meine Schwester wurde geboren, wir waren nun zu viert. Alles wurde noch einmal ganz anders.

Ein einziges Mal nur zeichnete auch meine  Mutter mit mir gemeinsam, etwa eine Stunde lang. Ich hatte ein Heimatbuch geschenkt bekommen, darin ein Foto vom Riedemannschen Haus. Meine Mutter wusste von einem Baum, der auf dem Foto bereits fehlte. Er hatte vor dem Giebel gestanden. Wir zeichneten jeweils beide für uns ein eigenes Bild, und meine Mutter schlug mir vor, aus der Fantasie den Baum mit in die Abbildung zu nehmen. Es ist dann sehr schön geworden. Ob es noch irgendwo in einer Mappe ist, dieses Bild (und das andere von Greta) – wo sind sie geblieben?

Sie hatte diese kleinen Quadrate der mehrfach unterteilten Fenster als dunkle mit Bleistift geschummerte Vierecke gemacht. Es entstanden so (nun nachbleibend dazwischen) helle weiße Streben, wie im Original (zwischen dem Fensterglas), das konnte ich damals noch nicht, habe es an diesem Tag wie einen Trick von ihr gelernt und nie mehr vergessen.

Das ist ein Text aus meinem Heft für Emily: „Geschichten für Mal- und Zeichenunterricht“, 2012