Den Kommunismus hätten wir besiegt, hieß es Anfang der Neunzigerjahre. Ich war Student, als die Mauer fiel. Die Bundeswehr verlor an gesellschaftlicher Bedeutung, die Aufregung um die Wiederbewaffnung: Geschichte. Wir wären in Europa „von Freunden umzingelt“, meinte mein Professor Waldschuß* (zum Schutz der Persönlichkeit habe ich alle Namen in diesem Text geändert).

Despotin, hiermit ist ein aktueller Präsident einer großen Nation in Asien gemeint, dessen Namen ich konsequenterweise auch mit dem Schleier dieser Kunstfertigkeit bedecke, um ihn vor meiner Leserschaft zu schützen – er macht eine schwere Zeit durch und hat an Beliebtheit im Westen eingebüßt – ist nicht unser Freund. Insofern hat sich seit dem Mauerfall erneut etwas geändert.

Deutschrussische Freundschaften sind gerade schwierig.

Manches ändert sich, eine Ewigkeit nicht. Gleichbleibend sind meine Begegnungen mit dieser traurigen Person hier vor Ort, das muss man sagen. Ich bin auch traurig, das ist es wohl. Bockmist wie den unseren kann niemand verkraften, geschweige denn verstehen, denke ich ein ums andere Mal. Wir gehen so wortlos wie möglich aneinander vorbei. Ein unscheinbarer Mann. Er wirkt ganz anders als der böse Präsident. Wir treffen uns regelmäßig „achter de Schnellstrot“ oder beim Bus. Er schlurft vorbei. Ein Gangbild, so persönlich, das könnte ich kopieren. Der Russe zieht ein Bein nach und macht eine Hüftbewegung, um es hinzubekommen. Er ist klein, geht unsagbar gebeugt. Einen Hackenporsche verwendet der Alte, das Fahrrad mag kaputt sein, keine Ahnung. Er trägt eine Mütze im Winter und einen Mantel wie Columbo. Das Gesicht entspricht dem von Harald Lesch. Der Erkläronkel aus dem Fernsehen. Die Größe stimmt auch. Der Physiker müsste aber reichlich zusammensacken in der oberen Wirbelsäule, um als lebhafter Erklärbär stattdessen einen russischen Papa abzugeben. Hier im Dorf wird nichts erklärt. Wir schweigen, verhalten uns freundlich. Ein kurzer Blick. Wir reden nicht, weil unfassbar ist was geschah. Das bleibt gleich.

Es gibt Kriege, und sie sind furchtbar. Wir sehen in Farbe, wie die Ukraine zerbombt wird. Mit Farbe kämpft auch die Kunst um Anerkennung. Die kleinen Auseinandersetzungen unter Nachbarn schmerzen wie große. Unsere Geschichte: Wer Schuld ist, bleibt Ansichtssache. Meine Perspektive ist, der Russe war diesmal ich und habe alles kaputt gemacht. Vertauschte Rollen vielleicht. Wir reden nicht, und insofern bleibt Ansichtssache was wirklich geschah.

# Dorfgeschichten

Das Tageblatt hat sich verändert.

Es berichtet nur noch sparsam über dieses Städtchen, dessen Namen es im Titel trägt. Es besteht weitestgehend aus dem allgemeinen der Kreisstadt, dem man eine Seite zugeschlagen hat, wo sich wenige Spalten mit Bezug zu Dorf und Siedlung finden. Die Wochenendausgabe bringt Neuigkeiten. Cord Hanschrei, der ehrenamtlichste von allen, bekommt das Wort: Fünfzig Jahre Stadtrechte! Ein Urgestein der bekannten Partei, die auch in der Bundespolitik mitmischt, um nicht zu sagen einiges anrührt, Teil der Pampelkoalition ist. Diesen Begriff ändere ich vorsichtshalber ebenfalls. Man muss aufpassen, was man sagt in Sch …*. Das weiß auch der Wichtigste. Hanschrei hält schon mal die Klappe. Eigentlich ist er ein Grüßonkel. Alle kennen diese Stimme: „Schönen guten Tag!“, wenn man ihm begegnet. Zwei Herzen schlagen in seiner Brust. Das eine ganz weit links und das andere für seinen Verein. Wenn der Gewichtigste auf dem Tiefeinsteiger anrollt, denkt man kaum an Sport? Dabei ist nicht das Fahrrad sein Steckenpferd, sondern der Fußball im Verein.

Cord ist täglich im Wald unterwegs, die Pfunde niederzukämpfen.

Gerade großes Thema, der Sportverein bekommt seine Halle nicht. Knapp wurde unsere Bürgermeisterin zitiert, die sich schlussendlich auf die Seite der Anwohner geschlagen hat. Davon gibt es reichlich, denen das Sportzentrum zu wuchtig ist, der Verkehr dorthin zu laut, das Flutlicht drumherum zu hell und überhaupt. Sport findet inzwischen zuhause vor der Konsole statt. Bei einer Mehrheitsentscheidung, wie viele Wählerstimmen es womöglich kostete, hat Christa Kesselhoch, unsere Verwaltungschefin, die Reißleine gezogen und die Halle vom Reißbrett gerissen. Der örtliche Sportverein ist zerknirscht, aber was Cord Hanschrei, der ehemaligste Obersportler (und früherer Maurergeselle der Arbeiterklasse) dazu meint, stand nicht im Käseblatt. Oder habe ich es überlesen? Dabei wäre der volksnahe prädestiniert zum Stuhlgang dazwischen (wie der große Altkanzler derselben, größten Arbeiterpartei bei Despotin) für eine Vermittlung in Sachen Sport und Politik. Darüber spricht der Dorferklärer möglicherweise nur auf der Straße mit jedermann (und Frau)?

In der Politik wird heute durchgegendert. Sonst ist man weg vom Fenster. Desgleichen in der Kunstmalerei. Aufpassen, was du schreibst oder hinmalst! Christa, die Politchefin, war unvorsichtig, hat gelernt; nun sind bessere Märchen willkommen. Cord genießt Bestandschutz. Der große alte Mann der Espede oder so, jedenfalls hier bei uns. Ansonsten zurückgezogen auf Döntjes, vermutlich in Konkurrenz mit Geschichtenonkel Fritz Blauberg „und seinen alten Hütten“. Da zieht man als Grafiker den Hut, zollt dem Fotografen Respekt in Anbetracht der Schönheit, die Blauberg mancher Immobilie entlockt. Bewegend mobil wie die Geschichten dahinter, sauber. (Mari-Anne macht die Drecksarbeit).

Cord Hanschrei kommt groß raus!

Fünfzig Jahre Stadt, toll. Die ganze halbe Seite im Tageblatt vorn, und sein Foto füllt allein zwei Drittel davon, breit wie Obelix. (Um den es still geworden ist). Der französische ist nicht gemeint. Wir haben einen eigenen, den ich allerdings lieber friedlich im neuen Friedwald sähe, den Christa erwägt zu pflanzen. Das kam vor Kurzem. Der Boden unserer schönen Felder ist nur für Beete gut und nicht für Tote. Ein Wald müsste helfen, findet die Bürgermeisterin im bereits erwähnten Blatt. Da fällt mir was ein: Ich könnte nach dem kleinen weißen Hund von Frau Lappenmesser fragen. Schmerzlich vermisst. Sie ist jetzt im Heim. Dazu musste sie ihren Liebling abgeben. Ich würde ihn in Idefix umtaufen, und wir könnten Obelix an den Baum pinkeln, gemeinsam, versteht sich, wenn er drunter vergraben liegt und hoffentlich bald. Das sind so Fantasien. Meine Texte sind unmöglich, ich weiß. Das hier zum Beispiel ist nicht gerade, was Hanschrei erwartet? Cord möchte schöne Jubiläumsgeschichten sammeln von den Sch*… und -rinnen.

Das Tageblatt bringt seinen Aufruf mitzumachen.

Das wären vermutlich Geschichten in der Art wie Ernst Meisengeschnatter, Name geändert, welche wüsste: „In diesem Haus fünf wohnt (…), die ist über hundert! Stell dir vor. Sie war die erste, die einen Ausländer geheiratet hat.“ Dann macht der ehemalige Vorsitzende des Seniorenbeirates eine bedeutungsschwere Pause.

„Der kam aus Bayern.“

Ha ha, und so werden die Texte sein, die Fritz Blauberg, Cord Hanschrei und andere mögen, für die Christa Kesselhoch einen Preis vergibt. Sch*- Geschichten! Ich bin Quiddje, zugezogen und nicht beliebt. Ein Kuckucksei mit unerwartet bösem Ruf für einige. Ich war „unser Künstler“, das ist vorbei. Diese Geschichten, meine Worte passen nicht dazu, bin ich mir sicher. Hässliche Menschen treffen wir überall. Darüber spricht man nur hinter vorgehaltener Hand. Das schreib ich doch nicht.

Klappe.

🙁