„Mach’ dich nützlich“, gibt Ziehvater Wilbur Larch seinem Sprössling Homer mit auf den Weg, warum? „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, ein bekanntes Buch von John Irving. Der einzelne nutzt dem System. Beziehungen werden belastet, wenn ein Partner sich nicht wie gewünscht für den gemeinsamen Zweck engagiert. Teamfähigkeit: Ein Mitglied mit mangelnder Bereitschaft zur Zusammenarbeit behindert die Gruppe. Die Familie, Kollegen, Freunde – eine Hand wäscht die andere, heißt es. Ein Mitarbeiter erfüllt seine Aufgabe. Nur vom Arzt bestätigte Krankheit oder geregelter Urlaub erlauben längere Unterbrechung zweckgebundener Tätigkeit. Kurze Pausen werden von Chef und Kollegen aufmerksam registriert. Die gegenseitig geforderte Leistung kann dazu führen, die Aufgabe über die Gesundheit zu stellen. Es stellt sich die Frage, wie frei und unabhängig wir uns dabei selbst nutzen können und ob das Wort so noch Sinn macht. Wie viel bleibt von mir, wenn ich mich dem Projekt unterordne?

Wer in der Gastronomie arbeitet, geht nie „leer“ durch die Gaststube. Auf dem Weg zur Küche nimmt die Servierkraft benutzte Gläser und Teller von den Tischen mit, nachdem bei den hungrigen Gästen das Essen serviert wurde. In jeder Branche: Zeit ist Geld. Aus einer Arbeit wird durch ihren Bezug zur benötigten Zeit eine Leistung. Der Wettbewerb schafft das nötige Wirtschaftswachstum. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, bricht unser System zusammen. Kreativität ist gefragt, weil die Geschäftsstrukturen zwingend immer weiter optimiert werden müssen. Das Modewort „Entschleunigung“ skizziert nur scheinbar ein neues Problem. Wir müssen schneller werden, damit wir wirtschaftlich wachsen. So wurde das Rad erfunden. Der Kutscher gammelt auf seinem Bock herum, doch die angespannten Pferde beschleunigen ihn mehr, als den konkurrierenden Nachbarn, der noch auf Schusters Rappen unterwegs ist. Die Schwierigkeit, eine Produktion weiter steigern zu können, wird durch die menschliche Arbeitskraft begrenzt: Die unteilbare und nicht erweiterbare kleinste Einheit im System. Deswegen erfinden wir neue Maschinen, neue Firmenstrukturen. Wir schulen Mitarbeiter, versuchen sie zu optimieren oder wir vereinfachen Abläufe, um austauschbare, wenig qualifizierte Angestellte, bei niedrigem Lohn einsetzen zu können.

Als ich zu illustrieren lernte, zeichnete ich ein großes Segelschiff, das hoch auf einem Werftgelände an Land gezogen stand. Ich erfand einige Arbeiter im Vordergrund. Aus der entfernten Ansicht meiner Zeichnung hatte das ganze Schiff Platz. Die Menschen stellten nur kleine Elemente dar, die das Bild mit Leben füllen sollten. „Die müssen alle etwas machen“, meinte Uwe Jarchow zu mir. Ich war im Praktikum bei ihm, etwa zu der Zeit, als ich mein Studium begonnen habe. Die Arbeiter auf der Werft sollten arbeiten, und ich musste lernen, es glaubwürdig hinzubekommen. Es gab keine Vorlage dafür. Arbeiter? Einer sägt ein Brett durch, das auf zwei Böcken liegt. Jemand trägt eine Leiter. Niemand steht „nutzlos“ rum.

Rentner leiden darunter, „nicht gebraucht“ zu werden. Sie waren es gewohnt, etwas zu leisten und die Anerkennung dafür selbstverständlich anzunehmen. Den Sinn ihres Lebens hinterfragten sie nicht, solange sie im Beruf waren, Ernährer der Familie. Für einige steht der Nutzen ihrer Tätigkeit über der natürlichen Selbstverständlichkeit ihres Seins. „Ist das Leben eigentlich ein Zweck?“ (oder jemandes Fehler) – fragt Verhaltenstrainer Moshe Feldenkrais einmal und bringt dieses Beispiel: Eine Uhr bleibt eine Uhr, auch wenn sie nicht mehr geht. Eine stehen gebliebene Uhr verfehlt ihren Zweck. Sie zeigt nicht mehr an, wie spät es ist. Aber sie ist immer noch eine Uhr. Nachdenklich: Das Leben wird wohl nur durch etwas erklärt werden können, das nicht auf Kausalität beruht, meinte er.

Moshe war ausgebildeter Physiker und hervorragender Mathematiker. Er beherrschte das Judo so gut, dass er als erster Europäer einen „Schwarzen Gürtel“ tragen durfte, heißt es – bevor er Menschen darin unterrichtet hat, sich gesünder zu bewegen. Eine Uhr lebt ja nicht. Eine stehen gebliebene Uhr ist nicht tot, sie ist einfach nur kaputt. Keine große Sache. Feldenkrais schrieb seine Überlegungen auf, lange bevor das „Burnout“ als Krankheit benannt wurde. Als dieser Begriff neu war, mahnten einige, man solle doch die Kirche im Dorf lassen: Ein anderer Name für „Depression“ sei Augenwischerei.

Über den Nutzen nachzudenken, führt unweigerlich dazu, über Beziehungen nachzudenken, über Werte. Wenn ich auf dem Wochenmarkt unterwegs bin (ich möchte Äpfel einkaufen), werde ich zunächst den von mir bevorzugten Obsthändler aufsuchen. Meistens gibt es mehrere Stände, die mit Obst und Gemüse handeln, auf einem Markt. Nun treffe ich noch die Entscheidung, eine bestimmte Sorte auszuwählen, und schließlich die benötigte Menge. Dann ziehe ich das Portemonnaie hervor und tausche mein Geld gegen die Äpfel ein. Wir haben eine Kurzeitbeziehung zum Verkäufer, ein Vertragsverhältnis. Wenn auch der Kauf unspektakulär abgewickelt wird – schließlich geht es um den Wert, den diese Ware darstellt und den Nutzen, den sie für mich hat. Für ein gutes Ergebnis werde ich mir meiner Auswahlfähigkeit bewusst. Der Kauf kommt erst zustande, nachdem ich eine persönliche Entscheidung getroffen habe.

Dazu fällt mir noch eine Anekdote ein. Als ich zusammen mit einem (vermögenden) Freund auf seiner Yacht mehrere Monate in der Karibik segelte, gab der mir diesen Tipp mit auf den Weg: „Wenn du in Blankenese etwas kochen willst, kannst du dir eine Liste machen. Dann gehst du in den Laden und kaufst die Sachen nach Rezept ein. Wieder zu Hause, kochst du das Essen genau nach deinem Plan – oder wie es das Kochbuch empfiehlt. Wenn du in Road Town (Tortola, Virgin Islands) in den Supermarkt gehst, musst du es anders machen. Du nimmst, was ansprechend aussieht. Du entwirfst die Idee, was du daraus zubereiten könntest am Besten gleich im Laden; damit du eine spontane Kreation entsprechend weiterer Bestände (an Bord oder im Geschäft) noch ergänzen kannst.“

Nicht alle Menschen können wählen, und das nicht nur bezogen auf die Politik. Da sind wohl einige, die müssen es nehmen, wie’s kommt. Unsere moderne Welt ermöglicht untypischen (durch fatale Gene oder Autounfall oder sonst was demolierten) Wesen ein weitgehend selbstständiges Existieren. Wir sehen sie im Einkaufszentrum. Sie steuern einen hochkomplizierten Apparat, der mit dem Wort Rollstuhl nur unvollkommen bezeichnet ist. Wir begegnen auch Tag für Tag Gestalten, die psychisch auffällig sind, aber sie stören nicht. Wie Geister, sind sie Teil des Alltags im Straßenbild, und wir gehen ihnen aus dem Weg. Auf jeden Topf passe ein Deckel?

Für manche klingt dieser Spruch wie Hohn, angesichts der tollen (unerreichbaren) Deckel links und rechts.

Ich habe einer Bekannten gestanden, dass ich mir den Playboy mit Laura Müller noch am Erscheinungstag gekauft habe. Das ist die Freundin vom Michael Wendler, und einige kennen den gar nicht. Dann habe ich Laura mit Greta Thunberg in einem Satz genannt und behauptet, die beiden jungen Frauen nutzten sich selbst direkt, als wären sie eine Ware im Laden. Meine Freundin ist Pastorin. Ich war frech genug, unseren Herrn Jesus zu zitieren: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch.“ Ich habe zur Diskussion gestellt, die modernen Plattformen YouTube, Instagram oder Twitter könnten es möglich machen, direkt, wie an „Speakers Corner“ (in London), das Interesse einer breiten Öffentlichkeit zu gewinnen und über den Bekanntheitsgrad schließlich Einnahmen durch Werbung oder neuen, sich ergebenden Beziehungen, zu erzielen. Eine Fähigkeit Fußball „wie Ronaldo“ spielen zu können, sei dazu nicht nötig. Das hat bei meiner Freundin Kritik hervorgerufen (möglicherweise weil ich dreist genug gewesen bin, Greta und Laura in einem Satz zu nennen), ein Mensch wäre doch hoffentlich mehr als nur eine Ware!

„Aber genützt hat’s ihm nix“, kommentieren die drei Bier trinkenden Nordlichter in der Werbung trocken, nachdem sie den sprachgewandten Stadtmensch auf der Suche nach guter Küste für sich und das Mädchen haben abblitzen lassen. Sie verteidigen ihre einfältige, dröge Tradition. Wir lachen gern darüber. Wenn wir „Generation Praktikum“ sind, Menschen, die nach jahrelanger Ausbildung befristet jobben müssen? Selbstbewusstsein und gutes Performen schlägt das trockene Wissen um die Fakten und gibt die Richtung vor. Nicht jeder und jede von uns kann Menschen in den Bann ziehen, das stimmt. „Wir sollen in Panik geraten!“, mahnt Greta Thunberg, und ich höre mir das an. Ich schaue ihr in das von Wut oder Angst verzerrte Gesicht – glaube ihr mehr als Luisa Neubauer, der „deutschen“ Greta; das ist Persönlichkeit. Greta ist die Wahrheit selbst: Ihre Angst ist real; für sie zunächst allein. Und dann sitzt sie am Zaun ihrer Schule. Das kann ihr niemand nachmachen, mit dieser Wirkung – wie geht das?

Da wir nun schon so viele Jahrhunderte lang auf das Geld als Mittler zwischen uns Menschen angewiesen sind, müssen wir realistisch sein! Niemand geht in den Wald und versorgt sich mit Fellen zur Kleidung und Nahrung selbst. Bei der Frage, ob ein Mensch sich dem Konsum prostituiert, sollten wir ehrlicherweise schauen, bei wem der Nutzen ist? Vielleicht fehlt uns auch nur das richtige Wort, wir vergleichen Äpfel mit Birnen; Menschen – auch Sex gegen Geld ist menschlich. Ein Leben auf der Plattform ist selbstbestimmter, als kommentierend mitzulaufen. Da sind junge Moralistinnen nicht besser dran. Zur Weltrettung taugt es nicht, wenn ein Umweltpreis an die bravste Klassensprecherin geht. Mit der Erkenntnis der Wissenschaft zu polarisieren, einfach weil Thunberg sich direkt betroffen fühlt, ruft Hass hervor – das ist unglaublich. Gerade deswegen ist jeder Euro, der in die „Marke“ Greta fließt, ein persönlicher Gewinn. Und wenn Menschen nicht einfallsreicher sind, als ihre Zeit damit zu verbringen, über Klatsch zu schimpfen, ist auch jede Einnahme daraus ein vitaler Erfolg.

Die romantische Liebe, das ist auch so ein Ding. Vor nicht all zu langer Zeit wurde behauptet, wie einige es seit je vermuten, sie sei nur eine Erfindung der Literaten. Ernüchternd, wenn es, nun wissenschaftlich belegt, wahr wäre! Die Forscher sind auf die Suche gegangen. Zur Zeit von Julius Cäsar wurde schon schriftlich das eine oder andere festgehalten, aber zum Thema romantischer Liebe recht wenig. Die Verbindung aus Mann und Frau hätte, würden diese alten Dokumente als Quelle damaliger Befindlichkeiten herangezogen, in erster Linie praktische Aspekte. Liebesheirat? Fehlanzeige. Das Ganze mit dem unglücklichen Schmachten habe erst später, mit der sich entwickelnden Romankultur, an Fahrt aufgenommen. Und wir heute seien mit unseren Hoffnungen das Ergebnis dieser sich selbst prophezeienden Fake News: das da etwas sein müsse, wo eigentlich nie etwas war. „L-i-e-b-e“ – im Deutschen sind das fünf Buchstaben, was heißt das schon?

Bleibt der Nutzen der Beziehung, der Wert, den meine Partnerin für mich hat?

Bitter. Vielleicht sind wir auch einfach das Opfer von Schrift und Wort. Als letzte Hoffnung auf das Glück, bleibt schließlich die Erkenntnis, dass auch Glück und Hoffnung zunächst nur Worte sind. Und was diese bedeuten, muss ein jeder- (und jede) ja doch für sich selbst ganz allein herausfinden …

🙂